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Montag, 18. Januar 2016

„Lob der Meisterschaft“ von Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizakis „Lob der Meisterschaft“ setzt sich mit der Differenz von Meisterschaft versus Kunst auseinander. So versteht Tanizaki die Meisterschaft („gei“) als etwas, was durch lange Übung erworben ist und traditionellen Charakter hat. Dabei vergleicht der Autor das Erwerben von Meisterschaft mit unermüdlichem Polieren – bis eine unvergleichliche Patina entsteht. Die Motivation eines Meisters der traditionellen japanischen Künste beschreibt Tanizaki wie folgt:

„Es gibt kein Streben nach materiellen Dingen für ihn, meist nicht einmal ein Streben nach Ruhm; er hat nichts außer seiner Meisterschaft.“ (S. 50)

Kontrastiert wird dieses Ideal mit dem moderneren Begriff der Kunst („geijutsu“), die dem Wert des Individualismus und durchaus finanziellen Interessen folgt.

Vor dem Hintergrund des zunehmenden Einflusses des Westens macht sich Tanizaki in dem Essay Gedanken, die – wie er selbst angibt – „ein buntes, widersprüchliches und ausschweifendes Geplauder“ (S. 104) sind. Daher sollte man von „Lob der Meisterschaft“ nicht zuviel erwarten – an manchen Stellen wirkt der Essay tatsächlich etwas widersprüchlich. Da ist Tanizaki einerseits tatsächlich voll des Lobes diesen Meistern ihres Fachs gegenüber, anderseits stellt er deren Intellekt eher ein Armutszeugnis aus; scheint gar auf sie herunterzuschauen.

Dafür kann man dem schmalen Büchlein aber das Selbstverständnis der vormodernen, japanischen Schriftsteller entnehmen, was insbesondere für diesen Blog natürlich ein tolles Zitat darstellt:

„Nach allgemeinem Verständnis der heutigen Literaturkreise ist eine Literatur, die sich von der Wirklichkeit absetzt, feige. Aber diese Denkweise ist dem westlichen Einfluss zuzuschreiben. Unser ursprüngliches Verständnis von Literatur bestand darin, dass sie uns die Nöte der profanen Welt vergessen lassen soll.“ (S. 77)

Alles in allem würde ich den Klappentext von „Lob der Meisterschaft“, der da lautet, dass der Essay „ein Schlüsselwerk zum Verständnis der japanischen Kultur“ sei, nicht unterschreiben. Zwar beinhaltet das Werk sicherlich einige interessante Gedankengänge, andererseits aber auch Aussagen, über die man heutzutage eher ein bisschen den Kopf schütteln muss. Der Essay im japanischen Zuihitsu-Stil ist nun mal auch keine knallharte Analyse, die Fakten darlegt, sondern ist von den persönlichen Erfahrungen des Autors geprägt.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro:
„Lob der Meisterschaft“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Klopfenstein, Eduard), Manesse, Zürich 2010, ISBN 978-3-7175-4079-3

Donnerstag, 31. Dezember 2015

„Das Grab der wilden Chrysantheme“ von Sachio Ito

„Das Grab der wilden Chrysantheme“ ist erstmalig im Jahr 2010 in der Übersetzung durch Koji Yamada erschienen. Die Übersetzerin Nobue Shimada, die in Freiburg lebt, hat dieses Jahr eine Neuübersetzung der Novelle vorgelegt: Der Ich-Erzähler Masao und seine zwei Jahre ältere Cousine Tamiko wachsen fast wie Geschwister auf. Doch je älter sie werden, desto verdächtiger wirkt die innige Verbindung der Heranwachsenden auf die Erwachsenengesellschaft. Erst durch die Unterstellung, die beiden seien ineinander verliebt, werden Masao und Tamiko sich ihrer Gefühle füreinander bewusst. War der Umgang bisher unschuldig und geschwisterlich, so wird nun jede Regung auf die Goldwaage gelegt. Sachte versuchen sie sich gegenseitig, ihre erste Liebe zu gestehen.

Doch allein des Altersunterschieds wegen entschließt sich Masaos Mutter, die beiden Jugendlichen zu trennen, bevor die unschickliche Affäre Wellen schlägt. Das Ende der Novelle ist tragisch…

Die Übersetzung von Koji Yamada wirkt wie eine grobe Rohübersetzung – Nobue Shimadas Version fehlt leider noch der letzte Schliff. Der Leser stolpert immer wieder über Fehlerchen oder ungelenke Ausdrücke.

Etwas eloquenter wirkt die Übersetzung des zweiten Textes, der im selben Buch abgedruckt ist: Nobue Shimada wagt sich hier an die Übersetzung von Junichiro Tanizakis „Geschichte von Shunkin“ (bereits erschienen im Volk & Welt Verlag als „Biographie der Frühlingsharfe“ im Band „Die Traumbrücke“ bzw. in „Die fünfstöckige Pagode“ vom Diederichs Verlag). Tanizaki zeichnet hier wieder einmal das Bild einer Femme Fatale und des Mannes, der dieser völlig ergeben ist. Es handelt sich um die blinde Musikerin Shunkin, die exzentrisch und sadistisch mit Sasuke, ihrem Diener, umspringt. Sasuke ist bald mehr als nur der Untergebene seiner Herrin, jedoch wird dies nur unter der Hand bekannt.

Ein namenloser Ich-Erzähler berichtet vom Lebensweg der Shunkin im Osaka des 19. Jahrhunderts, die als junges Mädchen erblindet. Er zieht dazu eine Biographie zu Rate und bezieht sich auf Zeitzeugen. Shunkin gleicht einer klassisch-japanischen Schönheit mit extremem Hang zu Reinlichkeit und Pedanterie. Sasuke lernt Shunkin bereits als junges Mädchen kennen und weicht ihr fortan nicht mehr von der Seite. Shunkin zeichnet sich durch ihr Talent als Shamisen-Spielerin aus und auch Sasuke beginnt bald mit dem Musizieren. Obwohl Shunkin gar schwanger von Sasuke wird, lehnt die hochmütige Frau eine Hochzeit ab – sie sieht Sasuke nicht als ebenbürtig an. Dennoch leben die beiden bald in einer eheähnlichen Beziehung zusammen und geben Musikunterricht. Als Shunkin ein Unglück widerfährt, sieht sich Sasuke zu einem extremen Schritt gezwungen.

Aber auch in der Übersetzung von „Geschichte von Shunkin“ offenbaren sich einige Holprigkeiten. So stolpert man beim Lesen zum Beispiel über diese Unplausibilität:

„Sie schwitzte leicht und war gleichzeitig verfroren. Selbst im Sommer schwitzte sie kaum auf ihrer Haut […].“ (S. 112)

In der Version des Volk & Welt Verlags liest sich dieselbe Passage sinniger:

„Obwohl ihr leicht das Blut zu Kopfe stieg, war sie gegen Kälte sehr empfindlich. Selbst im Hochsommer kam sie nie in Schweiß […].“ (S. 162)

Nobue Shimada macht mit ihrer Übersetzung zwei Klassiker der japanischen Literatur (wieder) zugänglich. Jedoch ist es etwas schade, dass nicht ordentlich lektoriert wurde. Etwas irritierend wirkt zudem, dass die Übersetzerin den eigentlichen Autor Sachio Ito nicht auf dem Cover nennt. So wirkt es, als sei Nobue Shimada die Autorin von „Das Grab der wilden Chrysantheme“. Das Werk von Tanizaki findet weder auf dem Buchtitel noch im Klappentext Erwähnung. Auch findet sich derzeit im Internet kein Aufschluss über die zweite Novelle, die auf dem Cover angekündigt wird. Für Buchbesteller kommt Shunkin so wie Kai aus der Kiste.

Bibliographische Angaben:
Ito, Sachio: „Das Grab der wilden Chrysantheme“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Shimada, Nobue), Pro Business, Berlin 2015, ISBN 978-3-86460-284-9

Montag, 6. April 2015

„Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ von Junichiro Tanizaki

Sexuelle Obsessionen sind ein typisches Junichiro Tanizaki-Thema – so auch in „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“: Der 12-jährige Hoshimaru, der später als Daimyo Terukatsu bekannt werden soll, erhält während der Belagerung der Burg von Ojikayama eine besonders pikante sexuelle Prägung. Hoshimaru weilt als Geisel auf der Burg des Tsukuma-Clans, als der Feldherr Danjo die Festung angreift. Die Feinde setzen den Tsukumas arg zu; es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Burg fällt. Hoshimarus Aufpasser muss in den Kriegswirren seine erzieherischen Aufgaben schleifen lassen. Und so entfleucht Hoshimaru des Nächtens ins Zeughaus, wo einige adlige Damen einer sonderbaren Tätigkeit nachgehen: Sie säubern und frisieren die abgeschlagenen Köpfe von feindlichen Soldaten, die am nächsten Tag inspiziert werden sollen.

Für Hoshimaru wird dies zu einem sexuellen Erweckungserlebnis: Er beobachtet ein junges Mädchen dabei, wie sie mit sadistischem Lächeln die Schädel frisiert. Insbesondere als sie einen Kopf ohne Nase herrichtet, ist Hoshimaru dem Blick des Mädchens und dem Kopf-Fetisch verfallen. Als Krönung seiner sexuellen Wünsche imaginiert er, wie sein eigener abgeschlagener Kopf von ihr bearbeitet wird.

Mehrere Nächte beobachtet er die Damen beim Umgang mit den Köpfen. Doch ein Kopf ohne Nase soll nicht mehr dabei sein. Hoshimaru verfällt daher auf einen tollkühnen Plan: Er will selbst dafür Sorge tragen, dass ein nasenloser Kopf als Kriegstrophäe den Frauen vorgelegt wird.

So schleicht er sich eines Nachts aus der Burg von Ojikayama direkt ins lax bewachte Feindeslager, wo man dem Sieg schon sicher ist. Wie es der Teufel will, liegt ausgerechnet der Oberbefehlshaber Danjo friedlich schlummernd als ein perfektes Opfer in seinem Zelt. Zudem hat der Adelige, der auf Hoshimaru eher wie ein Schwächling als ein wagemutiger Feldherr wirkt, eine besonders elegante Nase im Gesicht stehen. Hoshimaru wird ihm nicht nur das Leben, sondern auch die Nase nehmen.

Im Zuge der Verwirrungen, die der plötzliche Tod des Oberbefehlshabers auslöst, werden die Angriffe auf die Burg von Ojikayama abgebrochen. Nur Hoshimaru kann auf Seiten der Belagerten erahnen, weswegen die Truppen abziehen. Doch soll Jahre später die Verheiratung des neuen Burgherren von Ojikayama mit Danjos Tochter Kikyo Ereignisse heraufbeschwören, die wiederum mit verlorenen Nasen und Kawachinosukes (wie Hoshimaru nach der Mannbarkeits-Zeremonie heißt) Kopffetisch zu tun haben.

Junichiro Tanizaki gibt seinem Kurzroman „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ durch fiktive Quellenangaben einen pseudo-realen Anstrich. Durch den ironischen Ton wird den durchaus blutigen Handlungen der Ernst genommen. Trotzdem ist das Werk nichts für allzu schwache Nerven. Denn „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ ist der Tanizaki-Roman mit der Schilderung der sicherlich abnormsten sexuellen Neigung. Durch die Ansiedlung im Samurai-Milieu enthält er aber auch Spannungselemente, die anderen Tanizaki-Werken fehlen.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bohaczek, Josef), Insel, Frankfurt/Leipzig 1994, ISBN 3-458-16646-7

Sonntag, 13. April 2014

„Japanische Kriminalgeschichten“ herausgegeben von Ingrid Schuster

Sieben Erzählungen versammelt Ingrid Schuster in dem Reclam-Heftchen „Japanische Kriminalgeschichten“. Ihre Textauswahl datiert zurück bis ins 17. Jahrhundert und beginnt Saikaku Iharas „Sie wussten nicht, was  in der Trommel war“: Hier lässt sich ein Richter eine besonders listige Methode einfallen, wie er unter denen Verdächtigen, von denen einer den gemeinsamen Kumpan bestohlen hat, überführen wird.

„Die Daumenfessel“ eines unbekannten Autors ist ebenfalls eine trickreiche Prozedur eines Richters, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Tragisch wird es dagegen in „Die Straßensängerin und der Samurai“ (Autor ebenfalls unbekannt): Der Edelmann Genzaburo verliebt sich Hals über Kopf in Okoyo, eine Eta, eine Ausgestoßene. Genzaburo setzt seinen Ruf und seine Ehre aufs Spiel, als er sich mit ihr einlässt. Allerlei Intrigen werden bald um das ungleiche Liebespaar gesponnen.

Junichiro Tanizaki kreiert mit seiner Erzählung „Ich“ ebenso ein Verwirrspiel: In einem Internat scheint ein Schüler zum Langfinger zu mutieren. Vielfache Verdächtigungen werden ausgestoßen. Wer mag wohl der Täter und wer wohl das Opfer ungerechtfertigter Anschuldigungen sein?

In Edogawa Rampos „Das Rote Zimmer“ gibt es Opfer zu Hauf: Ein Neuzugang in einem Zirkel gelangweilter Herren erzählt über seine mannigfaltigen Mordopfer und die Wege, wie er eines um das andere auf elegante Weise zur Strecke brachte. Mag dies der kaltschnäuzigste Mörder aller Zeiten sein?

Seicho Matsumotos Protagonist Ishino in „Die Zeugenaussage“ wird durch seine außereheliche Affäre in Bedrängnis gebracht: Als Ishino mit seiner Geliebten Chieko unterwegs ist, begegnet ihm sein Bekannter Sugiyama. Da ausgerechnet Sugiyama des Mordes beschuldigt wird und als Alibi die Begegnung mit Ishino angibt, sieht dieser seinen Ruf und seine Stellung in Gefahr. Er entschließt sich zur Falschaussage, die für Sugiyama das Todesurteil bedeuten kann.

Masako Togawas „Der Blutsauger“ ist vielleicht die Erzählung in „Japanische Kriminalgeschichten“, die am eindrücklichsten ist. Aus der Sicht von Shojiro, der offensichtlich nicht der Hellste ist, wird geschildert, dass die Insassen einer Anstalt regelmäßig von einem „Vampir“ heimgesucht und zur Blutspende gezwungen werden. Können investigative Journalisten den eigentümlichen Vorgängen auf die Spur kommen? Oder sind Shojiro und seine Leidensgenossen in ernsthafter Gefahr?

Ingrid Schusters Reclam-Bändchen „Japanische Kriminalgeschichten“ bietet insgesamt ein nettes Sammelsurium an teilweise aber nur mäßig spannenden Erzählungen. Eine schönere Zusammenstellung findet sich beispielsweise in „Totenkopf und Kimono“, auch wenn man sich hier wie dort sicherlich über die Definition von „Kriminalgeschichten“ streiten lässt.

Bibliographischen Angaben:
Schuster, Ingrid (Hrsg.): „Japanische Kriminalgeschichten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ota, Yuzo/Sato, Reiko & Schuster, Ingrid), Reclam, Stuttgart 1985, ISBN 3-15-008086-X)

Montag, 2. September 2013

„Die Schwestern Makioka“ von Junichiro Tanizaki

592 Seiten umfasst Junichiro Tanizakis Roman „Die Schwestern Makioka“, der in drei Teile aufgeteilt ist. Er setzt im Jahr 1936 ein und begleitet die vier Schwestern der Familie Makioka, die die beste Zeit schon hinter sich hat. Nach dem Tod des Vaters blieben nur Schulden – doch dank der adoptierten Ehemänner der beiden ältesten Töchter Tsuruko und Sachiko müssen die Schwestern keine Not leiden. Während Tsuruko und ihr Ehemann Tatsuo die Stammfamilie in Osaka bilden, lebt Sachiko mit ihrem Gatten Teinosuke in Ashiya als Zweigfamilie. Die beiden noch unverheirateten Schwestern Yukiko und Taeko bevorzugen entgegen der Tradition den Aufenthalt in Ashiya, wo sie der strengen Behandlung durch die Stammfamilie entgehen können.

Das große Thema, das der Roman behandelt, ist die Verheiratung der zweitjüngsten Schwester Yukiko. Sie ist ruhig, fast schon melancholisch und sehr traditionell eingestellt. Dagegen ist die jüngste Schwester Taeko ein „modern girl“: Sie trägt westliche Kleidung, verdient mit ihrem Hobby, der Herstellung von Puppen, sogar eigenes Geld. Aber auch ganz von ihrem unangepassten Lebensstil abgesehen ist sie das schwarze Schaf der Familie, seitdem sie mit einem verzogenen Juwelierssohn kurzzeitig durchgebrannt war. Zwar waren beide reumütig zu ihren Familien zurückgekehrt, doch der kleine Skandal schlägt sich doch negativ auf Yukikos Heiratschancen nieder.

In „Die Schwestern Makioka“ geschieht viel Alltägliches und auch einiges Tragisches. Primär plätschert der Roman allerdings so dahin und die nicht geringe Seitenanzahl beginnt sich irgendwann ziemlich hinzuziehen. Sicherlich bringt die widerspenstige Taeko ein bisschen Schwung in die Handlung, doch da ein größeres Gewicht auf die vielen erfolglosen Miais von Yukiko liegt, kommt keine Spannung auf. Man ist als Leser bald genauso resigniert wie die Figur der Yukiko.

Interessant an „Die Schwestern Makioka“ ist allerdings, dass der erste Teil, der während des zweiten Weltkriegs erschien, verboten wurde. Selbstbewusste Frauen schienen wohl nicht mit der Kriegspropaganda vereinbar, die den Heldentod in den Mittelpunkt stellte. (Mehr dazu findet sich hier auf der Homepage von Ruth Linhart.)

Wer sich für die im Wandel begriffene Frauenrolle in den 30er/40er Jahren interessiert, der kann sicherlich einiges aus „Die Schwestern Makioka“ herausholen. Mir war der Roman jedoch viel zu langatmig. Dennoch bin ich nach der Lektüre wahrlich froh, nicht als Japanerin in dieser Zeit gelebt zu haben: Ständige Bevormundung durch die Stammfamilie; kein Recht auf eigene Lebensentscheidungen; höchstes Ziel eine Einheirat in eine angesehene Familie; dafür Miais, die an einen Handel mit Tieren erinnern… Das und noch viel mehr zeigt der Roman auf, ohne jedoch Sozialkritik zu üben. Es wird lediglich der Kontrast zwischen der traditionellen Yukiko und der modernen Taeko dargestellt.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die Schwestern Makioka“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yatsushiro, Sachiko), Rowohlt, Reinbek 1964

Sonntag, 12. Mai 2013

„Lob des Schattens“ von Junichiro Tanizaki

In seinem Essay „Lob des Schattens“ aus den 30er Jahren philosophiert Junichiro Tanizaki über die Schönheit des Schattens, die in dem japanischen Ästhetikempfinden verankert ist – ganz im Gegensatz zum Westen, wo am liebsten jede noch so unbedeutende Ecke grell ausgeleuchtet würde. Ein bisschen verquer steigt der Autor für den westlichen Leser ins Thema ein – ist ihm doch besonders ein hell gefliestes Klo extrem zu wider. Helligkeit bedeutet für ihn Indiskretion an einem sehr intimen Ort. Und da guter Geschmack mit Kälte einhergeht, soll es auch auf dem stillen Örtchen kalt sein.

Ganz generell harmonieren für Junichiro Tanizaki die westlichen Annehmlichkeiten wie Öfen und elektrisches Licht nicht mit japanischen Häusern. Zwar mag der Autor zwar selbst nicht auf diese technischen Errungenschaften verzichten, quält sich jedoch arg, einen Weg zu finden, diese in sein Haus zu integrieren und gleichzeitig sein Budget nicht überzustrapazieren.

Auch beim Essen spielt die Dunkelheit eine Rolle:

„gewiss ist jedenfalls, dass der Appetit um die Hälfte abnimmt, wenn man japanische Speisen an einem hellen Ort aus weißlichem Geschirr isst.“ (S. 30)

So soll es für ihn bestenfalls im Zimmer schummrig sein und die Gerichte sollen in dunklem Lackgeschirr serviert werden. Der Essende wird die Speisen gleich viel ehrfürchtiger zu sich nehmen.

Junichiro Tanizaki führt noch weitere Beispiele für die Relevanz des Schattens in der japanischen Ästhetik auf: die Schummrigkeit auf der No-Bühne, die schwarz gefärbten Zähne der Frauen, die im Schatten liegende Tokonoma-Nische. Denn schließlich gilt für die japanische, traditionelle Ästhetik:

„Wir sind der Meinung, Schönheit sei nicht in den Objekten selber zu suchen, sondern im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen den Objekten entfaltet.“ (S. 53)

Schlecht ernst nehmen kann man den Autor jedoch, wenn er behauptet, weiße US-Amerikaner hätten ein untrügliches Gespür für Mischlinge, die auch nur ein klitzekleines bisschen schwarzes Blut in sich trügen. Da unterstellt er den Westlern sicherlich zuviel Drang nach Helligkeit.

Heutzutage mutet „Lob des Schattens“ ein bisschen kurios an – denkt man insbesondere an das nächtliche, hell erleuchtete Tokio und an beheizbare, japanische Klobrillen.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Lob des Schattens“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Klopfenstein, Eduard), Manesse, Zürich 2009, ISBN 978-3-7175-4039-7

Dienstag, 5. Februar 2013

„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider

„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.

Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.

Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.

Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.

Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.

Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.

Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.

Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.

Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.

„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?

Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.

Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.

„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.

In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978

Sonntag, 2. Dezember 2012

„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.

„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.

Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.

„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.

In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.

„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.

In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.

Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.

Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.

„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4

Samstag, 10. November 2012

„Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki

„Der Schlüssel“ für das Schränkchen, in dem der Professor sein Tagebuch verwahrt, liegt eines Tages wie als eine Aufforderung an des Professors Ehefrau auf dem Schreibtisch. Die Ehefrau Ikuko soll im Tagebuch lesen, denn hier zeichnet der Professor Pikantes auf: Das sexuelle Eheleben der beiden ist alles andere als erfüllt und so schreibt der Professor in seinem Tagebuch von seinen Wünschen, Fantasien und seinen Mitteln, mit denen er seine Begierde stillen kann.

In „Der Schlüssel“ versammeln sich allerhand Fetische: Der Professor liebt es, die Füße seiner Ehefrau zu liebkosen, ihren nackten Körper bis ins letzte Detail zu betrachten, sie in diverse Positionen zu bringen und dann zu fotografieren. Da Ikuko konservativ eingestellt ist und seinen sexuellen Wünschen nicht freiwillig nachkommen will, muss sich der Professor eine List ausdenken, um auf seine Kosten zu kommen: Regelmäßig hält er seine Ehefrau zu ausgiebigem Alkoholkonsum an. Betrunken und wehrlos kann er mit ihr tun und lassen, was er will.

Doch der Professor will mehr als er kann: Er muss sich bereits Hormonspritzen setzen lassen, um sexuell aktiv sein zu können. Und er bedient sich noch eines anderen Aphrodisiakums – der Eifersucht. Der junge Kimura war eigentlich als Bräutigam für die gemeinsame Tochter ausersehen. Doch Kimura und Ikuko fühlen sich weit mehr angezogen. Der Professor missbilligt dies nicht, er berauscht sich sogar an dem Gefühl der Eifersucht.

In Tagebuchaufzeichnungen hält der Professor die Geschehnisse fest. Doch auch Ikuko beginnt, ein Tagebuch zu führen. Ob die beiden heimlich die Tagebücher des anderen lesen und so ihre Handlungen und Niederschriften taktisch ausrichten?

Die wahre Abgründigkeit von Junichiro Tanizakis Roman tritt erst gegen Ende vollkommen zu Tage. Wie in anderen Tanizaki-Werken ist der Protagonist seiner Angebeteten bis zur masochistischen Selbstaufgabe vollkommen verfallen. Die dunkle Seite der Sexualität zieht den Leser auch Jahre nach der Veröffentlichung in den Bann, auch wenn der eigentliche Akt nur andeutungsweise geschildert wird.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Der Schlüssel“, Rowohlt, Reinbek 1961

Mittwoch, 29. August 2012

„Tagebuch eines alten Narren“ von Junichiro Tanizaki

„Was würde meine Mutter sagen, wenn sie wüsste, dass ich, ihr Sohn Tokusuke, der im 16. Jahr Meiji geboren wurde, noch immer am Leben bin und mich in die niedrigen Reize Satsukos, also der Ehefrau ihres Enkels, verliebt habe, dass ich darüber glücklich bin, von ihr gequält zu werden, und sogar Frau und Kind opfern würde, um ihre Liebe zu gewinnen!“ (S. 86)

Was würde wohl die Mutter des Tokusuke Utsugi sagen, der im „Tagebuch eines alten Narren“ einige seiner letzten Eskapaden auf Erden niederschreibt? Denn obwohl Tokusuke ein pflegebedürftiger Greis ist, hat er es faustdick hinter den Ohren. Schöne und insbesondere grausame Frauen haben es ihm angetan. Satusko, seine Schwiegertochter, ist eine solche Femme Fatale, die ihre Reize ausspielt, Tokusuke hinhält und sich kleine sexuelle Gefälligkeiten teuer bezahlen lässt. Nüchtern schildert Tokusuke in seinem Tagebuch, wie er Satsukos Treiben zwar durchschaut, sich aber umso mehr zu ihr hingezogen fühlt. Denn statt eines ersehnten Kusses lässt sie ihm nur Spucke in den Mund tropfen. Statt zu ihm zärtlich zu sein, verhätschelt sie demonstrativ lieber ein Haustier. Und den zahnlosen Alten, der sein Gebiss gerade nicht trägt, veräppelt sie als hässlich. Der Wunsch nach Dominierung soll sich auch in der Gestaltung seines Grabes widerspiegeln, hat Tokusuke beschlossen.

Die für Tokuske so körperlich anstrengenden Tagebuchaufzeichnungen umfassen neben den amourösen Anwandlungen auch den Alltag des Greises: Akupunktur, Arztbesuche, Schmerzmitteleinnahme und Diskussionen über Geld. In diesen Dingen erweist sich Tokusuke als relativ dickköpfig – nur Satsuko wickelt ihn um den kleinen Finger.

Junichiro Tanizakis Spätwerk aus dem Jahr 1962 zeichnet das Bild eines verschrobenen Freigeistes – weder Religion noch Familie sind ihm heilig. Dennoch hängt er auch an Vergangenem: Das moderne Tokio kommt ihm vor wie eine Müllhalde. Da ist ihm das ruhige, traditionellere Kioto schon sehr viel lieber. Den modernen Frauentyp à la Satsuko vergleicht er mit den völlig anderen Frauen der Generation seiner Mutter, die sich im Watschelgang fortbewegten. So nimmt Tanizaki auch in „Tagebuch eines alten Narren“ das Thema Modernisierung auf.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Tagebuch eines alten Narren“, Volk und Welt, Berlin 1991, ISBN 3-353-00813-6

Dienstag, 17. Juli 2012

„Drachen und tote Gesichter“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

Neben einer kurzen Erzählung des Herausgebers Janwillem van de Wetering enthält „Drachen und tote Gesichter“ Werke der Autoren Junichiro Tanizaki, Masako Togawa, Ryunosuke Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue, Yukio Mishima, Kyotaro Nishimura, Tohru Myoshi und Tadao Sohno.

Junichiro Tanizaki widmet sich in „Der Dieb“ dem Psychogramm eines Langfingers.

Masako Togawas „Der Vampir“ zeichnet eine verstörende Situation: Jiro mit der Blutgruppe AB-Rhesus-negativ hat eine besondere Stellung im Schlafsaal inne, denn sein Blut ist besonders selten. Im Gegensatz zu den anderen wird er nur selten zum Vampir zur Blutspende geschickt. Dem folgt meist die Abnahme von „weißem Blut“ durch die Krankenschwester. Als einer von Jiros Kollegen aus dem Schlafsaal flieht, wird die Situation nicht nur für die Krankenhausangestellten immer brenzliger.

Ryunosuke Akutagawas „Der Höllenschirm“ führt in ein höfisches Milieu zu einem Maler, der besonders realgetreu malen kann, wenn er das entsprechende Modell vor sich hat. Als er einen Wandschirm mit einem Höllenmotiv bemalen soll, wird sein Vorgehen immer entsetzlicher.

Edogawa Rampos tragischer Held in „Die verspiegelte Hölle“ hängt einer Besessenheit nach: Er ist fasziniert von Spiegeleffekten und Linsen. Was zunächst als harmlose Spielerei in Form von Zaubertricks beginnt, endet im Wahn.

Der „Vollmond“ begleitet Yasushi Inoues Protagonisten bei Aufstieg und Fall.

„Tod im Hochsommer“ bei Yukio Mishima: Eine Mutter verliert bei einem Badeurlaub sowohl zwei Kinder als auch die Schwägerin. Selbstvorwürfe und ein Ehemann, der mit der Situation nicht so recht umgehen kann, begleiten Tomoko lange Zeit, bis sie sich von dem Schock und dem Verlust langsam erholen kann.

„Der freundliche Erpresser“ taucht in Shinkichis Friseurladen auf. In Kyotaro Nishimuras Erzählung muss der unglückliche Friseur ordentlich Geld bluten für eine blutige Angelegenheit der Vergangenheit.

„Der Brief aus der Vergangenheit“ lässt Tohru Myoshis Protagonisten nicht mehr los: Der Zeitungsredakteur wittert seine Chance, einen als Selbstmord deklarierten Mord aufzuklären. Um seine Karriere anzuschieben, fängt er auf eigene Faust an, zu ermitteln.

Als ein menschlicher Schädel im Müll gefunden wird, soll eine „Rekonstruktion eines Gesichts“ erfolgen. Tadao Sohnos Held Koike wird damit beauftragt, dem Schädel sein menschliches Aussehen zurück zu geben. Aus einer unerwarteten Richtung kommt ihm dabei Unterstützung zu Gute.

In „Drachen und tote Gesichter“ findet sich ein kurzweiliges Potpourri von Erzählungen japanischer Autoren. Jedoch irritiert die Auswahl des mit „Japanische Kriminalstories 1“ untertitelten Bandes etwas. Wenn man unter Kriminalstories Geschichten versteht, die sich um die Aufklärung eines Verbrechens drehen, dann gehören die Erzählungen von Ryunoskue Akutagawa, Edogawa Rampo, Yasushi Inoue und Yukio Mishima hier nicht dazu. Mein persönliches Highlight: „Der Vampir" von Masako Togawa.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Drachen und tote Gesichter“, Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-43036-3

Dienstag, 29. Mai 2012

„… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ herausgegeben von Josef Bohaczek & Barbara Yoshida-Krafft

„... weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ enthält einige humorvolle Prosa-Skizzen der zumeist ganz großen japanischen Autoren. Da mokiert sich Ryunosuke Akutagawa über die Krawatte von Junichiro Tanizaki. Osamu Dazais betrunkener Ich-Erzähler gerät in ärztlicher Behandlung an einen noch besoffeneren Doktor. Kafu Nagai treibt sich mit Pariser Kokotten herum. Yasunari Kawabata lässt einen hässlichen Mann hochmütig werden. Masuji Ibuses Protagonist erlebt Desillusionierung durch einen Röntgen-Apparat. Und Chiyo Unos Debüterzählung „Zu grell geschminkt“ illustriert den Wettstreit zweier japanischer Frauen um einen europäischen Gönner.

Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.

Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.

Samstag, 26. Mai 2012

„Die Traumbrücke“ von Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizaki beweist mit den beiden Erzählungen „Die Traumbrücke“ und „Biographie der Frühlingsharfe“ sein Faible für das sexuell und psychologisch Abgründige, während die dritte in dem Band enthaltene Erzählung „Die Erzählung eines Blinden“ eine Historiengeschichte aus dem Mittelalter umfasst.

In „Die Traumbrücke“ wird der gut gemeinte Plan des Vaters des Protagonisten Tadasu offenbart: Nach dem Tod der leiblichen Mutter Chinu nimmt sich der Vater eine neue Ehefrau. Diese war mit dem Ziel ausgewählt, Tadasu möglichst kaum einen Unterschied zwischen den beiden Frauen ausmachen zu lassen und in seinem kindlichen Vorstellungsvermögen zu einer Person zu verwischen. So beginnt eine obskure Stiefmutter-Sohn-Beziehung, in der Tadasu nachts bis fast ins Teenager-Alter an der Brust der Stiefmutter saugt, ohne dass sich freilich ein Tropfen Milch gewinnen lässt. Gut gemeint ist eben nicht immer gleichzusetzen mit gut...

„Die Erzählung eines Blinden“ spielt im Mittelalter und beruht auf historischen Ereignissen. Als Masseur und Gaukler gelangt der Blinde in den Dienst der Fürstin Oichi, die mit Fürst Nagamasa verheiratet und eine Schwester von Fürst Nobunaga ist. Als Krieg zwischen den beiden Häusern ausbricht, ist dies der Auftakt für ihr wechselhaftes Schicksal: Nicht nur einmal steht sie vor der Entscheidung, mit ihrem jeweiligen Ehemann während der vielfältigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Clans in den Tod zu gehen. Der Blinde bleibt bis zum Schluss an ihrer Seite und tut sein Bestes, sie und ihre Töchter zu retten.

„Die Biografie der Frühlingsharfe“ ist die Lebensgeschichte der blinden Musikerin Shunkin, einer Meisterin des Shamisen-Spiels – und Femme Fatale im Leben des Dieners Sasuke. In völliger Hingabe, die mehr masochistischer Aufopferung gleicht, dient er seit seiner Jugend der nur wenige Jahre jüngeren Shunkin. Als Shunkin ein Verbrechen angetan wird, zögert Sasuke nicht, und bringt aus Liebe ein gewaltiges Opfer.

Wer sich für historische Geschichten rund um Samurai-Ehre und -Krieg interessiert, dem wird „Die Erzählung eines Blinden“ bestimmt sehr gefallen. Weit aus mehr unter die Haut gehen jedoch die Erzählungen  „Die Traumbrücke“ und „Die Biografie der Frühlingsharfe“, die mit Grenzen zur Perversion spielen.

Sonntag, 15. Januar 2012

„Naomi oder eine unersättliche Liebe“ von Junichiro Tanizaki

Joji, ein Mann Ende 20, lebt und arbeitet in Tokio. Da er vom Land stammt, hat er Minderwertigkeitsgefühle, was seine Umgangsformen auf dem gesellschaftlichen Parkett betrifft. Daher meidet er es, mit Gleichaltrigen durch die Kneipen zu ziehen und sucht stattdessen öfters das Café Diamond auf. Dort trifft er auf die 14-jährige Serviererin Naomi, die ihn mit ihrem melancholischen, eurasischen Aussehen in den Bann zieht.

Joji beschließt, aus Naomi eine Frau zu machen, die seinem westlich-orientierten Ideal entspricht und sie schließlich zu heiraten. Doch Joji zieht sich mit Naomi nicht die beste aller Ehefrauen heran, sondern eine Femme Fatale, der er nicht gewachsen ist. Naomi wickelt Joji um den kleinen Finger, wenn es darum geht, dass sie Geld für Kleider, Accessoires und edles Essen aus dem Restaurant benötigt. Er lässt sich vor ihren jüngeren männlichen Freunden vorführen und kann sich trotz aller Demütigungen nicht aus Naomis Fängen befreien.

Selbst als Joji treffend feststellen muss, dass Naomi die „geborene Hure“ ist, ist seine verhängnisvolle Liebe zu ihr sehr viel stärker als sein Stolz und sein Gefühl für Ehre und Anstand.

Neben dem typischen und hier vorherrschenden Junichiro Tanizaki-Motiv der Femme Fatale zeigt „Naomi oder eine unersättliche Liebe“ auch eine Phase in der japanischen Geschichte auf, die von der Begeisterung und der Nachahmung von westlichen Lebensstilen und Umgangsformen geprägt war: Gesellschaftstanz, Modern Girls, englische Konversation, westliche Kleidung und amerikanische Filme begeistern die Protagonisten.

Mittwoch, 31. August 2011

„Insel der Puppen“ von Junichiro Tanizaki

Zwei Männer, eine Frau – eine typische Junichiro Tanizaki-Geschichte? Nicht ganz… Denn im Fall des Ehepaars Kaname und Misako handelt es sich nicht um leidenschaftliche Geliebte. Sie haben sich auseinander gelebt und könnten Freunde sein, wären sie nicht verheiratet. Mit Kanames Zustimmung hat Misako eine Beziehung zu Aso begonnen. Wenn sie „nach Suma fahren“ will, steht dies als Code für „Aso besuchen“. Doch einer Trennung stehen die gesellschaftlichen Konventionen der 20er Jahre gegenüber. Auch möchte das Ehepaar auf den gemeinsamen Sohn Rücksicht nehmen, der nicht nur dem Status eines Scheidungskindes leiden soll.

Wie eine Metapher zieht sich das Bunraku-Puppentheater durch „Insel der Puppen“: Kaname lässt sich durch seinen Schwiegervater nach anfänglicher Ablehnung für das Theater begeistern. Der Schwiegervater hält sich eine puppengleiche Freundin Anfang 20, deren Kleidung er auswählt, die er im Kochen und im Gesang ausbilden lässt, deren ganzes Verhalten und Gebaren von ihm bestimmt wird, damit sie eine traditionell besonders kompatible Ehefrau abgeben kann. Kaname steht zwischen diesem traditionellen Frauentyp und der modernen Frau, in deren Richtung sich Misako mehr und mehr entwickelt. Mehr noch: Sein geheimer Wunsch an die ideale Partnerin ist die klassische Verkörperung der heiligen Hure.

„Insel der Puppen“ ist ein Buch für den zweiten Blick. Denn die Stücke des Bunraku-Theaters und das Bunraku-Theater selbst sind dem westlichen Leser höchstwahrscheinlich mehr als unbekannt und so findet man sich nicht sofort ins Buch ein; die Handlung stockt vielmehr, wenn erneut Puppen und Theaterspiel thematisiert werden. Doch für die gesellschaftliche Umwälzung die vor allem die Rolle der Frau betrifft, bildet das Bunraku-Theater den geeigneten Rahmen, um die traditionelle Erwartungshaltung an die Frau metaphorisch zu umschreiben.

Das Ende von "Insel der Puppen" bleibt schließlich offen - genauso wie die gesellschaftliche Entwicklung nicht abzusehen ist.

Donnerstag, 14. Juli 2011

„Gold und Silber“ von Junichiro Tanizaki

Das Talent des Malers Aono steht für Gold, nur in der Liga von Silber spielt sein Konkurrent Okawa: Aono gilt als der Genialere der beiden, während Okawa eifersüchtig auf die Werke Aonos ist. Doch auch hinsichtlich ihrer Wesenszüge und Solvenz könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Aono ist verarmt und aufgrund seiner gemeinen Wesenszüge gesellschaftlich geächtet. Okawa dagegen rühmt sich seines Edelmutes und kann aufgrund des Vermögens seiner Eltern auf ein finanzielles Polster zurückgreifen. Dumm nur, dass beide dieselben Sujets für ihre Kunstwerke wählen – inklusive des Modells Eiko, das für beide posiert. Eiko ist eine Femme Fatale: Aono ist ihr verfallen, lässt sich von ihr demütigen und bezeichnet sich selbst als Masochist. Auch bei Okawa versucht Eiko ihr Glück. Doch dieser ist sich der Gefahr bewusst, die von Eiko ausgeht: Sie ist hintertrieben und nur auf Geld aus.

Für eine Ausstellung sind beide Maler fleißig am Werk, je ein Gemälde zu schaffen. Okawas Neugier treibt ihn zu Aono, um dort schon vorab einen Blick auf dessen Bild zu werfen. Entsetzt muss Okawa feststellen, dass er mit dem malerischen Genie Aonos nicht mithalten kann. Um sich seines überlegenen Kontrahenten zu entledigen, heckt Okawa einen Plan aus…

„Gold und Silber“ nimmt einige typische Junichiro Tanizaki-Motive auf: Masochismus, eine Femme Fatale und eine Dreiecksgeschichte, wie sie der Autor selbst einmal pflegte. Ebenso biographisch ist das Thema des künstlerischen Genies.

Trotz der spannenden Zutaten bleibt „Gold und Silber“ leider irgendwie blutleer. Die Charaktere erlauben keinerlei Identifikation oder Sympathie und die seitenweisen Selbstreflektionen wirken eher ermüdend, als dass sie Zugang zu den Protagonisten schaffen würden.

Dienstag, 14. Juni 2011

„Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen“ von Junichiro Tanizaki

Da ist die Situation „Ein Mann und zwei Frauen“ schon kompliziert genug – aber was, wenn die wahre Liebe des Mannes keiner der beiden Frauen gilt, sondern seiner Katze Lily? In Junichiro Tanizakis Kurzroman geht es turbulent zu: Shinako, Shozos Ex-Frau, wurde gerade aus dem Haus gejagt, damit sich Shozo mit seiner reichen Cousine Fukuko verheiraten kann. Doch Shinako gibt nicht so einfach auf: Shozo vergöttert seine Katze Lily, die ihn bereits zehn Jahre seines Lebens begleitet. Was, wenn sie in Fukuko genug Eifersucht auf die Katze weckt, dass sie ihre Zustimmung gibt, Lily zu Shinako zu geben? Wäre dann nicht Shozo ganz schnell wieder zur Stelle, um seine geliebte Katze wiederzusehen?

Die Handlung in „Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen“ gewinnt eine enorme Anschaulichkeit. Der Leser begleitet den dreist-trotteligen Shozo, wie er durchs Leben taumelt; Shinako beim Ränke-Schmieden in ihrem ärmlichen neuen Zuhause und Fukuko in Rage, wie sie Szenen zwischen Shozo und Lily beobachtet, die über Tierliebe hinausgehen. Da kann man sich ein Grinsen weiß Gott nicht verkneifen.

Und obwohl das Buch bereits 1936 zum ersten Mal erschien, ist die Geschichte so aktuell, als könnte sich Ähnliches auch heute abspielen. Natürlich mit den kleinen Abstrichen, dass sich keiner mehr einen Lampion mopsen würde, um ein Fahrradlicht zu ersetzen.

Montag, 13. Juni 2011

Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizaki wurde 1886 geboren und wuchs in der Meiji-Zeit auf, die von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt waren: Die Shogun-, Samurai- und Feudalsysteme erlebten einen tief greifenden Wandel; westliche Vorstellungen von Wirtschaft, Ausbildung und Kunst drangen ins Land. 1908 begann der hochbegabte Junichiro Tanizaki an der Kaiserlichen Universität Tokio englische und japanische Literatur zu studieren; verließ die Universität aber 1910 ohne Abschluss.

In seinen früheren Werken lehnte sich Junichiro Tanizaki an westliche Literaturpraxen an. Als seine Vorbilder gelten Edgar Allen Poe und Oscar Wilde. 1923 zog Junichiro Tanizaki aufs Land und widmete sich in einer konservativeren Umgebung klassischen japanischen Themen.

Im Mittelpunkt seiner Werke steht meist die Obsession eines Mannes, der sich zu einer unerreichbaren Frau hingezogen fühlt. Die Suche nach Schönheit ist damit immer mit Schmerz und der Groteske verbunden. Die dargestellte Erotik und Sinnlichkeit überschreitet manchmal die Grenze zur Perversion.

1965 starb Junichiro Tanizaki an Herz- und Nierenversagen. Zu seinen Ehren wird seitdem der Junichiro-Tanizaki-Literaturpreis vergeben.

Interessante Links:

  • Projekt Gutenberg: Wer japanische Tanizaki-Originale lesen will, wird hier fündig

Hier rezensiert: 


        Weitere ins Deutsche übersetzte Werke:

        • Das Geständnis
        • Liebe und Sinnlichkeit