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Sonntag, 5. Mai 2024

„Das Mondscheincafé“ von Mai Mochizuki

Irgendwie habe ich den Eindruck, die Neuveröffentlichungen waren vielfältiger, als das Japanese Literature Publishing Project noch aktiv war. Momentan kommen so viele Romane auf den Markt, die diesem Schema folgen: Person 1 kommt in ein Café/Restaurant bzw. eine Buchhandlung und bekommt dort auf mystische Weise Tipps für den künftigen Lebenswandel. Person 2, die (optional) irgendwie mit Person 1 bekannt ist, wird ebenfalls mit lohnenswerten Lebenstipps versorgt. Dann taucht Person 3 auf… und so weiter… und so fort. Der Erfolg scheint diesen Büchern (momentan noch) recht zu geben.

Mai Mochizukis Variante dieses derzeitigen Erfolgsrezepts: In Kioto erscheint zu Vollmondnächten das Mondscheincafé, das von Katzen betrieben wird. Serviert wird nicht nach Wunsch, auf den Tisch kommt eine Spezialität, die eigens für jeden Gast kredenzt wird. 

Zudem werden die Gäste in das westliche Horoskop eingeweiht. Aus ihrem persönlichen Horoskop können sie im Anschluss ablesen, auf welche Stolpersteine sie künftig achten müssen, um ihr Leben glücklicher zu gestalten. So geschieht es z.B. der einstmals erfolgreichen Drehbuchautorin, deren Werke plötzlich so gar nicht mehr gefragt sind. Oder auch der jungen Schauspielerin, deren Karriere nach einer Affäre mit einem verheirateten Mann ins Straucheln geraten ist.

Alles in allem harmlose, nette Unterhaltung, die sich schnell wegkonsumieren lässt. Manchmal hat man ja den Bedarf nach simplem Entertainment. Allerdings hätte man die Stimmung im Mondscheincafé sicher atmosphärischer gestalten können und den Katzen untereinander noch mehr Wortgefechte zustehen können. Die Details zu den Horoskopen waren auch nicht meins – aber da tickt natürlich jeder anders.

Bibliographische Angaben:
Mochizuki, Mai: „Das Mondscheincafé“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine & Luginbühl, Yukiko), DTV, München 2024, ISBN 978-3-423-35227-7

Mittwoch, 16. Februar 2022

„Das Geschenk eines Regentags" von Makoto Shinkai & Naruki Nakagawa

In Makoto Shinkai und Naruki Nakagawas „Das Geschenk eines Regentags" werden vier Katzen und ihre Besitzer porträtiert. Die Katzen verändern die Schicksale der Menschen nachhaltig, auch wenn der feline Handlungsspielraum gering ist. Dabei werden die Lebenswege der einzelnen Charaktere verstrickt und der Leser begegnet ihnen in den unterschiedlichen Kapiteln wieder.

Da ist zum Beispiel die vereinsamte und sehr zurückhaltende Miyu, die fast schon autistische Züge an sich hat. Sie nimmt eines Regentages den kleinen, ausgesetzten Kater Chobi auf und rettet ihn so vor dem sicheren Tod. Chobi ist vernarrt in seine Besitzerin, die jedoch eine Bezugsperson nach der anderen verliert. Ob Chobi seine Miyu wieder zurück in menschliche Gesellschaft bringen kann?

Ein bisschen gewollt kommt „Das Geschenk eines Regentags" aber leider doch daher. Die primär weiblichen Charaktere sollen wohl sicherlich gezielt ein weibliches Publikum ansprechen. Die Themen sind typische, japanische Problemlagen wie das Hikikomori (den kompletten Rückzug aus dem Leben) und die absolute Überarbeitung (für den Tod durch Überarbeitung gibt es mit Karoshi sogar einen eigenen Begriff im Japanischen). Aber statt einer gesellschaftskritischen Auseinandersetzung werden diese Themen in "Das Geschenk eines Regentages" eher effekthascherisch aneinandergereiht.

Man möge mir verzeihen, dass ich so hart mit dem Episodenroman ins Gericht gehe. Er ist sicherlich solide, manchmal auch rührselige Unterhaltungsliteratur, die gut gemacht ist. Die Charaktere und das Setting wirken so anschaulich, dass man sich die Handlung wie einen Film vor Augen führen kann. Allerdings verpasst man auch nicht wirklich viel, wenn man den Roman nicht gelesen hat. Belanglos wäre zu gemein ausgedrückt. Jedoch hätte dem Roman mehr Tiefe gut getan.

Bibliographische Angaben:

Shinkai, Makoto & Nakagawa, Naruki: „Das Geschenk eines Regentags" (Übersetzung aus dem Japanischen: Patzschke, Heike), S.Fischer, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-10-397067-8

Samstag, 29. Januar 2022

"Die einsame Bodybuilderin" von Yukiko Motoya

Was für ein Ritt... Für Yukiko Motoyas "Die einsame Bodybuilderin" findet man fast keine oder viel zu viele Worte: bizarr, kurios, verrückt, verschroben, psychedelisch und auch ein bisschen gruselig. Vielleicht lehne ich mich da jetzt auch etwas zu weit aus dem Fenster - Yukiko Motoya wirkt wie ein weiblicher Kobo Abe auf mich.

Der Großteil der in "Die einsame Bodybuilderin" vereinten Geschichten dreht sich um Partnerschaft und Eheleben. Die Perspektive der weiblichen Protagonistinnen ist teilweise so hübsch überspitzt auf den Punkt gebracht, dass ich mir bei der Lektüre in der U-Bahn durch mein Gelächter irritierte Blicke anderer Fahrgäste eingefangen habe.

Die längste Erzählung "Ehe mit einer fremden Spezies" hätte für mich gern auch in Romanlänge ausgebreitet werden können: Während man ja gemeinhin gerne sagt, Hundehalter und Hund gleichen sich mit der Zeit an, so sind dies in der Erzählung der Ehemann und die Ehefrau. Mehr noch: Der schrullige Gatte scheint die Gattin und Protagonistin langsam geradezu zu assimilieren. Dazwischen geht's um alles vollurinierende Katzen, sinnloseste Computerspiele und frittiertes Essen.

Auch die Handlung von "Die Hunde" hätte Romanpotenzial. Hier zieht sich der männliche Protagonist in eine einsame Berghütte zurück, um eine zeitintensive Auftragsarbeit fertig zu stellen. Er bekommt Besuch von einer Hundeschar, die ihn fasziniert. Doch die Einwohner des nächsten Dorfs sind gar nicht gut auf die Hunde zu sprechen. Stecken sie hinter dem mysteriösen Verschwinden von einzelnen Bewohnern? Der Plot der Erzählung könnte auch von einem Steven King stammen.

„Die einsame Bodybuilderin“ hat Appetit auf mehr Lesestoff von Yukiko Motoya gemacht. Ich warte jetzt schon auf weitere Veröffentlichungen.

Bibliographische Angaben:
Motoya, Yukiko: "Die einsame Bodybuilderin" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Blumenbar Verlag, München 2021, ISBN 978-3-351-05075-7

Samstag, 15. Januar 2022

„Die Katzen von Shinjuku“ von Durian Sukegawa

Man nehme einen männlichen Versager, eine Frau mit Geheimnissen, eine Bar in Tokio und ganz viele Katzen. Das klingt zwar mehr nach einem Rezept à la Haruki Murakami, aber „Die Katzen von Shinjuku“ ist von Durian Sukegawa. Und da der Autor selbst im Radio- und Fernsehbusiness tätig ist, so ist es auch sein Protagonist Yama: Dieser merkt erst zum Ende seines Studiums hin, dass seine Rot-Grün-Sehschwäche ein Knock-Out-Kriterium für eine Karriere in den Medien ist. Er kommt über Umwege doch in eine Position, aus der er sich hocharbeiten muss, ist aber nicht von ungefähr dauerfrustriert.

Genau zur richtigen Zeit findet er die Bar Karinka, in der die Stammgäste nach Lust und Laune „Miau-Jong“ spielen: Sie wetten darauf, welche Straßenkatze sich als nächstes im Fenster zeigen wird. Doch neben dem lustigen Katzenspiel fasziniert Yama auch die Kellnerin Yume. Das Karinka, Yume und die Katzen werden zum Rettungsanker für den strauchelnden Yama.

Eine ganz ausführliche Rezension zu Durian Sukegawas „Die Katzen von Shinjuku“ findet man hier (Achtung: Spoiler-Alert!). Dank Lisette Gebhardt weiß ich nun, dass Literatur über Katzen in Japan sogar einen eigenen Begriff hat, nämlich „neko bungaku“. Ein bisschen gestört hat mich, dass der Erzählstil sich zwischendurch geändert hat: Dieser reicht von überspitzt-bizarr, nüchtern-berichtend bis hin zu poetisch. Ich hätte mich besser abgeholt gefühlt, wenn der Autor hier nicht geswitcht hätte. Wem aber Geschichten aus dem Nachtleben Tokios, insbesondere der sicherlich oftmals illustren Stammkundschaft der Bars gefallen, für den wird „Die Katzen von Shinjuku“ bestimmt auch ein Leckerbissen sein.

Was ich bei „Die Katzen von Shinjuku“ sehr vermisst habe, war ein Nachwort. Mich hätte sehr interessiert, welche Teile von Yamas Karriere autobiographisch sind, oder ob sich der Autor nur von seinem Arbeitsumfeld hat inspirieren lassen. Oder auch eine historische Einordnung, warum ein Ausschluss von Rot-Grün-Fehlsehenden in Japan legitim war und dies nicht als Diskriminierung gegolten hat. Wann und warum hat sich das geändert? Oder auch eine Erklärung zu dem abgebildeten Katzen-Plakat am Ende des Buches: Hat es das „Miau-Jong“ tatsächlich in einer Bar gegeben; ist es gar keine Erfindung des Autors?

Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Die Katzen von Shinjuku“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Dumont, Köln 2021, ISBN 978-3-8321-8147-5

Montag, 1. Oktober 2018

"Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" von Genki Kawamura

Der namenlose Ich-Erzähler in Genki Kawamuras "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ihm wird ein Gehirntumor im Endstadium attestiert. Ihm bleibt ihm günstigsten Fall ein halbes Jahr zu leben. Im ungünstigsten Fall nur noch wenige Tage.

Viel Zeit hat er allerdings auch nicht, diese Schocknachricht zu verarbeiten, da ihm urplötzlich der Teufel erscheint. Der schlägt ihm einen ungewöhnlichen Pakt vor: Jeden Tag soll etwas von der Erde verschwinden, was der Teufel auswählt. Und mit jedem verschwundenen Gegenstand wir dem Todgeweihten ein weiterer Tag zu leben gewährt - andernfalls wird er am nächsten Tag das Zeitliche segnen.

Der Deal klingt zunächst ausgezeichnet. Die Welt steckt doch schließlich voll nutzlosem Plunder. Zuerst sollen auf Geheiß des Teufels die Telefone von der Welt verschwinden. Was zuerst gar nicht so dramatisch klingt, versetzt den Ich-Erzähler dann doch in eine kleine Panik - ein letztes Mal will er dann doch noch seine Ex-Freundin kontaktieren und sich für den nächsten Tag verabreden. Was sich der Teufel für den nächsten Tag wohl ausdenkt?

"Wenn alles Katzen von der Welt verschwänden" ist ein kleines Buch voll kleiner Weisheiten. Der Teufel lacht den Ich-Erzähler aus, als er eine Liste mit den Dingen schreibt, die er gerne mal machen würde und darauf einen Fallschirmsprung setzt. Erst durch den Pakt mit dem Teufel kommt die Erkenntnis, was wirklich wichtig ist und welches Projekt der Ich-Erzähler wirklich noch beenden muss.

Dank der überzeichneten Figur des Teufels rutscht der Roman auch nicht ins Kitschig-Triefende ab. So erscheint der Teufel als Gegenteil des Ich-Erzählers: Während letzterer sich ausschließlich in Schwarz-Weiß kleidet, erscheint der Teufel in grellbunten Hawaii-Hemden und bekommt den Spitznamen Aloha. Allzu menschlich wirkt er, wenn er Schokolade als viel zu köstlich empfindet, um sie verschwinden zu lassen.

Nichtsdestotrotz wird man gegen Ende des Romans nicht umhin kommen, doch noch das eine oder andere Tränchen zu vergießen. Es wird zwar nicht alles gut, aber zumindest die eine Sache, die der verstorbenen Mutter des Ich-Erzählers besonders am Herzen lag...

Bibliographische Angaben:
Kawamura, Genki: "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), C. Bertelsmann, München 2018, ISBN 978-3-570-10335-7

Samstag, 28. Oktober 2017

"Satoru und das Geheimnis des Glücks" von Hiro Arikawa

Hiro Arikawas Roman "Satoru und das Geheimnis des Glücks" hat in der englischen Übersetzung mit "The travelling cat chronicles" meiner Meinung den etwas passenderen Titel gefunden. Denn obwohl der Roman den Lebensweg von Satoru nachzeichnet, so ist es doch die Katze und viel weniger ein Glücksgeheimnis, was im Fokus steht.

Satoru ist ein ausgemachter Katzenfreund und nimmt eines Tages einen streunenden Kater bei sich auf, dem er den Namen Nana gibt. Wie sich herausstellt, gleicht Nana Satorus verstorbener Katze Hachi sehr, was Satorus starke Affintät zu Nana erklärt.

Aus zunächst noch unklaren Gründen muss Satoru Nana jedoch eines Tages abgeben. Um ein neues Zuhause für den Kater zu finden, besucht Satoru nacheinander seine besten Freunde aus Schulzeiten. Vielleicht nimmt einer von diesen den ehemaligen Streuner bei sich auf. Mit jeder dieser Begegnungen wird ein Teil von Satorus Vergangenheit offenbar und insbesondere, warum die Katze Hachi von so großer Bedeutung für ihn war.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt. Einerseits werden die Begegnungen und Rückblenden in der dritten Person illustriert. Und andererseits gibt es da noch die feline Ich-Perspektive von Nana, die für eine gewisse kätzische Bissigkeit sorgt. "Satoru und das Geheimnis des Glücks" würde ohne die überheblichen Kommentare und die manchmal auch etwas heimtückischen Aktionen von Nana sonst zu schwer und schwülstig daher kommen. Da sorgt der Kater als Ich-Erzähler für die nötige Leichtigkeit, denn leider war Satorus Leben nicht immer einfach. Trotz allen Rückschlägen verzweifelt er nicht, bleibt fröhlich und seinen Mitmenschen freundlich zugewandt. Was Satorus Glücksgeheimnis ist, wird nicht so recht klar. Aber vielleicht gleicht er in einer Hinsicht den Katzen: Er landet auch nach den diversen Kapriolen, die das Leben für ihn bereit hält, immer wieder auf den Füßen.

"Satoru und das Geheimnis des Glücks" ist sicherlich ein Roman, der ans Herz geht und einem auch das eine oder andere Tränchen ins Auge jagen mag. Stellenweise war's aber vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen und rührselig.

Sehr, sehr schade fand ich, dass der Verlag mit seinem Klappentext bzgl. des Grundes für Satorus Reise spoilert. Und wenn wir schon dabei sind: Nana ist in der Blüte seiner Jahre, als die beiden aufbrechen, und kein alter Kater wie es im Klappentext steht. Manchmal würde ich mir wirklich wünschen, die Verlage würden ein bisschen mehr Sorgfalt auf die Formulierung von Klappentexten legen.

Bibliographische Angaben:
Arikawa, Hiro: "Satoru und das Geheimnis des Glücks" (Übersetzung aus dem Japanischen: Klepper, Alexandra), München 2017, ISBN 978-3-453-42168-4

Mittwoch, 5. August 2015

„Ich der Kater“ von Soseki Natsume

„Für den Menschen ist nur eine einzige Definition denkbar: Menschen sind Wesen, die wahre Meister im Erfinden überflüssiger Dinge sind, unter denen sie dann leiden.“ (S. 472)

So lautet die Einsicht des namenlosen Katers in Soseki Natsumes „Ich der Kater“. In elf Kapiteln lässt der Autor den Kater über das Leben in dem Haushalt des Professor Schneutz, dem Alter-Egos Sosekis, berichten. Da bekommt Schneutz ebenso sein Fett weg wie seine Kinder, seine Ehefrau als auch seine kauzigen Kumpane und die geldigen Nachbarn.

Das Werk wirkt wie ein Experiment mit verschiedenen Stilen: Da bricht der Kater z.B. auf, um Beobachtungen im Badehaus anzustellen oder die verfeindeten Nachbarn auszuspähen. Dann wieder werden Dialoge, die auch schnell mal in ausschweifende Monologe übergehen, präsentiert. Dann wiederum gibt es Gedichte, Briefe, Zitate…

Doch immer bleibt der Kater den Menschen um mindestens eine Nasenlänge voraus. Denn er kennt durch sein umtriebiges Wesen weit mehr Hintergründe zu den Geschehnissen und reflektiert vom felinen Standpunkt aus die menschlichen Eigenschaften, die so manches Problem verursachen. So zieht der Kater beispielsweise Professor Schneutzens Gelehrsamkeit ins Lächerliche:

„Nun geben sich Menschen aber nicht damit zufrieden, etwas nicht zu verstehen, und deshalb exekutieren sie unverständliche Texte mittels einer Exegese, was ihnen erlaubt zumindest eine wissende Miene aufzusetzen. Schon immer bereitete es große Freude, unverständliche Dinge zu verehren und zu denken, man hätte sie verstanden.“ (S. 424 f.)

Ohnehin gelingt es Soseki, allerlei humorvolle Kommentare einzuflechten, sogar über den Autor selbst:

„Unlängst hat ein Freund von mir, ein gewisser Soseki, eine Kurzgeschichte mit dem Titel Ichiya geschrieben, der Text ist aber derart nebulös, dass niemand in ihm einen Zusammenhang erkennen kann, und als ich ihn jüngst traf, fragte ich ihn ausführlich nach dem eigentlichen Sinn der Kurzgeschichte, er wies mich jedoch kalt mit der Bemerkung ab, er selbst hätte auch nicht die leiseste Ahnung.“ (S. 290)

Doch damit nicht genug: Auch gesellschaftlich besonders gravierende Veränderungen wie die Modernisierung werden thematisiert:

„Die Zivilisation des Abendlandes mag von Tatendrang und Fortschrittlichkeit durchdrungen sein, letztlich aber bringt sie nur Menschen hervor, die ihrer Lebtag unzufrieden sind.“ (S. 399)

Insbesondere die schrulligen, überzeichneten Charaktere des „Clubs der Müßiggänger“, wie der Kater Schneutzens Kumpane, die in dessen Haus ein und aus gehen, bezeichnet, sorgen beim Lesen für einiges Amüsement. Gerade Wirrhaus, der für seine hanebüchenen Lügengeschichten bekannt ist, sorgt für Trubel.

Dank des Nachworts von Otto Putz werden einige Wortspiele, die in der deutschen Übersetzung nicht wiedergegeben werden können, illustriert. So werden die beiden ersten Sätze des Werks „Wagahei wa neko de aru. Namae wa mada nai.“ mit „Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang.“ übersetzt. Doch für das pompöse Personalpronomen wagahei, das bei Adeligen in Gebrauch war, findet im Deutschen kein Äquivalent – und es passt auch so gar nicht zu einem tapsigen Kater, der es noch nicht einmal zu einem Namen gebracht hat.

Über 600 Seiten zählt Soseki Natsumes „Ich der Kater“. Ich kann nur empfehlen, die Kapitel nicht allzu sehr zu verschlingen. In Einzeldosen lässt sich der Humor sicherlich besser genießen, insbesondere da keine stringent komponierte Handlung vorhanden ist und die Einzelkapitel gut für sich alleine stehen können.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soeseki: „Ich der Kater“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Insel, Frankfurt am Main & Leipzig 2001, ISBN 3-458-34467-5

Freitag, 13. März 2015

„Der Gast im Garten“ von Takashi Hiraide

Ende der 80er bezieht der Ich-Erzähler, hinter dem niemand anderes als der Autor Takashi Hiraide selbst steht, zusammen mit seiner Ehefrau ein Gartenhaus in der Blitzgasse. Die Blitzgasse, die sicherlich einen anderen offiziellen Namen trägt, wird so wegen ihrer Form, die an einen Blitz erinnert, genannt. Für das Ehepaar ist es ein Neuanfang: Ausgelaugt fliehen sie aus Tokio in das ruhige Gartenhaus in einem Vorort. Hier kommt der Ich-Erzähler zu einem wegweisenden Entschluss: Seinen eintönigen, unbefriedigenden Job als Lektor möchte er an den Nagel hängen und sich künftig ganz dem Schreiben eigener Werke widmen.

Bald gehört zu dem kleinen Haushalt auch die Katze Chibi aka Glöckchen wie natürlich dazu. Eigentlich hatte der Nachbarsjunge die Streunerin als seine Katze aufgenommen. Doch Chibi ist ganz Katze und sucht sich ihre Besitzer lieber selbst aus. Mit der exzentrischen Chibi wirken das Gartenhaus und damit die kinderlose Familie endlich komplett.

Doch nichts bleibt ewig wie es ist: Das Schicksal kann niemand beeinflussen; man muss es nehmen, wie es kommt. Da der nebenan wohnende Besitzer des Gartenhauses immer kränker wird, zieht er zusammen mit seiner Ehefrau in ein Altersheim. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Anwesen verkauft wird und die schöne Zeit im Gartenhaus zusammen mit Chibi endet.

In 29 Kapitelchen erzählt Takashi Hiraide mit „Der Gast im Garten“ einen Ich-Roman, der auf wahren Tatsachen beruht. Und auch wenn Chibi einen großen Anteil am Geschehen hat, ist das Werk nicht nur ein Roman für Katzenliebhaber. Denn allerlei Momentaufnahmen sorgen für schöne Eindrücke ganz Abseits von Chibis Existenz: Da ist zum Beispiel die Begegnung mit der Silberlibelle, der der Ich-Erzähler beim Wässern des Gartens zu trinken gibt. Oder die Entdeckung eines Astlochs im Zaun, das als Camera obscura die Geschehnisse hinterhalb des Zauns aufs Küchenfenster projiziert.

Takashi Hiraide, dessen literarische Anfänge im Dichten liegen, gelingt es mit wenigen Worten, zauberhafte Stimmungen heraufzubeschwören. Illustrationen von Quint Buchholz verstärken den luftigen Charakter von „Der Gast im Garten“ zudem.

Sicherlich ist das Thema der Flüchtigkeit des Daseins speziell in der japanischen Literatur kein Untypisches, aber in „Der Gast im Garten“ wird das Sujet so sachte und geradezu spielerisch aufgenommen, dass der knapp 130 Seiten umfassende Roman ein wunderschönes, zart-bitteres Gefühl hinterlässt.

Bibliographische Angaben:
Hiraide, Takashi: „Der Gast im Garten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Insel, Berlin 2015, ISBN: 978-3-458-17626-8

Sonntag, 11. August 2013

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami

Das Schöne an diesem Blog ist, dass ich einen Grund habe, meine Haruki Murakami-Bücher nochmals zu lesen, um sie zu rezensieren. „Kafka am Strand“ war mein erster Haruki Murakami und auch mein Einstieg in die japanische Literatur überhaupt. Ich war bei der zweiten Lektüre gespannt, ob sich dieselbe Faszination wie beim ersten Mal erneut auslösen würde. Und ja, für „Kafka am Strand“ kann ich immer noch nur die lobendsten Worte finden. Der Roman ist und bleibt einfach mein liebster Haruki Murakami. Die Protagonisten gehen einem zu Herzen, die Handlung ist phantastisch ohne ins Fantasy-Genre abzudriften und bietet Platz für eigenen Interpretationsspielraum. Eine glasklare Lösung darf der Leser freilich nicht erwarten. Denn „Kafka am Strand“ steckt voller Grenzgänge, die sich nicht einfach auflösen lassen: Grenzgänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart, Leben und Tod, Innen und Außen, zwischen Realitätsebenen, Geschlechtergrenzen, verschiedenen Seiten des Ichs, Zeiten…

Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.

In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.

Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.

„Je dringender man etwas sucht, desto weniger findet man es. Aber wenn man einer Sache entkommen will, stößt man wie von selbst auf sie.“ (S. 215)

So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?

„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:

„Es klingt platt, aber was geschehen wird, weiß man erst, wenn es wirklich geschehen ist. Mitunter sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.“ (S. 475)

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1

Dienstag, 14. Juni 2011

„Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen“ von Junichiro Tanizaki

Da ist die Situation „Ein Mann und zwei Frauen“ schon kompliziert genug – aber was, wenn die wahre Liebe des Mannes keiner der beiden Frauen gilt, sondern seiner Katze Lily? In Junichiro Tanizakis Kurzroman geht es turbulent zu: Shinako, Shozos Ex-Frau, wurde gerade aus dem Haus gejagt, damit sich Shozo mit seiner reichen Cousine Fukuko verheiraten kann. Doch Shinako gibt nicht so einfach auf: Shozo vergöttert seine Katze Lily, die ihn bereits zehn Jahre seines Lebens begleitet. Was, wenn sie in Fukuko genug Eifersucht auf die Katze weckt, dass sie ihre Zustimmung gibt, Lily zu Shinako zu geben? Wäre dann nicht Shozo ganz schnell wieder zur Stelle, um seine geliebte Katze wiederzusehen?

Die Handlung in „Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen“ gewinnt eine enorme Anschaulichkeit. Der Leser begleitet den dreist-trotteligen Shozo, wie er durchs Leben taumelt; Shinako beim Ränke-Schmieden in ihrem ärmlichen neuen Zuhause und Fukuko in Rage, wie sie Szenen zwischen Shozo und Lily beobachtet, die über Tierliebe hinausgehen. Da kann man sich ein Grinsen weiß Gott nicht verkneifen.

Und obwohl das Buch bereits 1936 zum ersten Mal erschien, ist die Geschichte so aktuell, als könnte sich Ähnliches auch heute abspielen. Natürlich mit den kleinen Abstrichen, dass sich keiner mehr einen Lampion mopsen würde, um ein Fahrradlicht zu ersetzen.