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Samstag, 15. April 2017

„Geständnisse“ von Kanae Minato

Wer die Schuld am Tod von Manami, der vierjährigen Tochter der Lehrerin Yuko Moriguchi, trägt, wird schon im ersten Kapitel von Kanae Minatos „Geständnisse“ aufgedeckt. Aus der Ich-Perspektive erzählt die trauernde Lehrerin am letzten Schultag vor ihrer versammelten Klasse, wie sie den beiden Schülern, die für den Mord, der ursprünglich für einen Unfall gehalten wurde, auf die Schliche kam. Sie hat sich eine Rache abseits einer Anzeige bei der Polizei ausgedacht und zählt zudem auf die Mitschüler, die beschließen, nichts nach außen dringen zu lassen und die Bestrafung der Täter selbst in die Hand zu nehmen. Yuko Moriguchi wird nach den Ferien nicht zurückkehren – sie hat ihre Kündigung eingereicht.

Die beiden Täter reagieren am ersten Schultag nach den Ferien ganz unterschiedlich: Shuya kommt in seine Klasse, als sei nichts gewesen. Naoki bleibt zu Hause und meldet sich immer wieder krank. Der neue Klassenlehrer Terada wird in eine Situation hineingeworfen, von der er sich keine Vorstellung machen kann. Denn die beiden Mörder werden jeweils auf ihre Weise von den Mitschülern abgestraft. Und Terada verhält sich dabei wie der Elefant im Porzellanladen.

Jedes der Kapitel ist aus einer anderen Perspektive geschildert. Nach dem ersten Kapitel, das der trauernden Mutter und Lehrerin gewidmet ist, folgen die Klassensprecherin, Naokis Schwester bzw. dessen Mutter, Naoki selbst, Shuya und einer weiteren Person. Auch wenn die Täter bereits im ersten Kapitel feststehen, erhält „Geständnisse“ seinen Reiz durch die vielen Perspektiven, die die wahren Motivationen der Charaktere aufdecken. Denn manches ist hintergründiger als auf den ersten Blick ersichtlich. Kanae Minato spricht in ihrem Roman zudem diverse gesellschaftliche Schieflagen an: vom Phänomen des Hikikomori, vom Mobbing an Schulen, von fehlgeleiteter Mutterliebe, von der Diskriminierung von HIV-Infizierten und natürlich Gewaltakten von Schülern.

Trotz alledem war mir „Geständnisse“ ein bisschen zu konstruiert und an manchen Stellen waren mir die Motivationen und Handlungen der Charaktere nicht wirklich plausibel bzw. zu überzeichnet. Aber sicherlich ist der Roman vom Aufbau und der moralischen Komponente durchaus mal eine interessante Abwechslung zu anderen Krimis.

Bibliographische Angaben:
Minato, Kanae: „Geständnisse“ (Übersetzung aus dem Englischen: Lohmann, Sabine), C.Bertelsmann, München 2017, ISBN 978-3-570-10290-9

Sonntag, 20. März 2016

„Kirschblüten und rote Bohnen“ von Durian Sukegawa

Sentaro führt den Imbiss Doraharu, wo er lustlos Dorayaki-Pfannkuchen, die mit süßer roter Bohnenpaste gefüllt sind, verkauft. Das Rezept für die Pfannkuchen hat er von dem verstorbenen Eigentümer des Imbisses übernommen; die Paste kommt fertig aus dem Kanister.

Eines Tages steht eine alte Dame sehnsüchtig vor dem Kiosk und bewirbt sich als Aushilfe. Doch Sentaro weist sie ab – sie würde mit ihren verkrüppelten Händen die Kunden abstoßen und mit ihrer Konstitution ist es sowieso nicht weit her. Bald darauf überreicht ihm die alte Dame namens Tokue selbstgemachte Bohnenpaste. Zunächst möchte Sentaro die Paste noch nicht mal probieren und wirft sie in den Mülleimer. Doch schließlich siegt die Neugier: Die Paste zergeht sogar Sentaro auf der Zunge, obwohl er Süßigkeiten eigentlich gar nicht mag.

Und so stellt er Tokue doch ein; sie soll ihm aber nur frühmorgens dabei helfen, die Paste zu kochen und gehen, bevor die ersten Kunden eintreffen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Tokue bleibt doch hin und wieder länger. Insbesondere die Gespräche mit den Schulmädchen, die sich gerne ein Dorayaki holen, genießt die alte Dame.

Sentaro hat nicht die leiseste Ahnung, warum Tokues Hände so verkrüppelt sind. Doch Passanten und Kunden vermuten richtig: Tokue hatte einst die Lepra. Und obwohl sich niemand mehr an ihr anstecken kann, bleiben bald die Kunden aus.

Durian Sukegawa thematisiert in „Kirschblüten und rote Bohnen“ ein grausames Stück japanischer Medizingeschichte. 1931 wurde per Gesetz beschlossen, Lepra-Kranke per Zwang legenslang zu internieren und die Männer zu sterilisieren. Die Kranken wurden aus den offiziellen Familienregistern gestrichen als ob sie nie existiert hätten. Im Lager erhielten sie dann einen neuen Phantasienamen. Erst im Jahr 1996 wurde das Gesetz aufgehoben – zu einer Zeit, als die Medizin schon längst adäquate Behandlungsmethoden kannte. Doch wie soll sich ein alter Mensch, der jahrzehntelang hinter verschlossenen Mauern gelebt hat, in der modernen Welt plötzlich zu Recht finden?

Auch wenn das Thema dazu neigen könnte, in sentimentalen Kitsch auszuarten, so hätte ich mir im Gegenteil sogar noch ein bisschen mehr Gefühl von „Kirschblüten und rote Bohnen“ gewünscht. Denn die Figuren hätten es verdient gehabt, noch ein bisschen eingehender beleuchtet zu werden. Dann wären sie dem Leser auch ein bisschen mehr ans Herz gewachsen.

Die Botschaft von Tokues Schicksal an den Leser (und natürlich an Sentaro) ist, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen; sich an allen Facetten des Lebens zu freuen und vom Schwarz-Weiß-Denken Abstand zu halten. Insofern kommt gegen Ende des Buches doch noch ein bisschen Kitsch auf, der aber durchaus Balsam für die Seele ist.

Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Kirschblüten und rote Bohnen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2016, ISBN 978-3-8321-9812-1

Dienstag, 31. Dezember 2013

„Ausgestoßen“ von Toson Shimazaki

Ushimatsu ist ein Eta, ein Burakumin, ein Ausgestoßener, ein „Unreiner“, ein „Neubürger“, ein „Vierfüßler“ – doch das darf in dem Städtchen Iiyama keiner wissen. Denn sonst ist es aus mit Ushimatsus Leben als Lehrer. Ushimatsu beherzigt das Versprechen, das er einst seinem Vater gab: Er wird seine Abstammung tunlichst verschweigen, denn sonst wird er wie die anderen Burakumin aus der Gesellschaft ausgestoßen.

Doch da ist auch noch eine andere Vaterfigur: Der Burakumin Inoko kämpft gegen die Diskriminierung der Eta an; er schreibt Bücher, hält flammende Reden und versteckt sich kein bisschen. Ushimatsu beginnt mit sich zu hadern, denn er leidet unter dem ständigen Versteckspiel und der Angst vor Entdeckung. Soll er sich zu seiner Abstammung bekennen oder dem Rat seines Vaters folgen?

Doch in der Kleinstadt Iiyama beginnen ohnehin bald Gerüchte zu kreisen, dass sich unter den Lehrern ein Unreiner eingeschlichen hat. Dem intriganten Schuldirektor kommt diese Entwicklung gerade gelegen… Gut, dass Ushimatsu sein bester Freund stets zur Seite steht…

„Ausgestoßen“ von Toson Shimazaki gilt als erster naturalistischer Roman Japans und hat eher dadurch besonders viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen als durch das sozialkritische Thema der Ausgrenzung der Burakumin. Jürgen Berndt beschreibt in seinem Nachwort auch ausführlich die Entstehungsgeschichte des Romans. So schrieb Toson Shimazaki bereits vorher zu Übungszwecken Umgebungsbeschreibungen, die später in „Ausgestoßen“ eingeflochten wurden. Überhaupt lehnt sich die ganze Struktur des Romans an Dostojewskis „Schuld und Sühne“ an. Die „Bekenntnisse“ des Inoko wiederum mögen auf Rousseaus „Bekenntnisse“ verweisen, die von besonderer Bedeutung für Toson Shimazaki waren. Vor diesem Hintergrund wirkt „Ausgestoßen“ noch etwas spannender, denn obwohl die Geschichte durchaus mitreißt, ist mir das Ende zu abrupt und zu lapidar.

Bibliographische Angaben:
Shimazaki, Toson: „Ausgestoßen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1989, ISBN 3-351-01496-1

Samstag, 1. Juni 2013

„Drei Geishas“ von Kikou Yamata

Drei Biographien berühmter Geishas versammelt Kikou Yamata in ihrer Veröffentlichung aus dem Jahr 1953, die 1957 ins Deutsche übertragen wurde.

Da wäre einmal Okichi, die als Haushälterin und Gespielin zu Townsend Harris geschickt wurde, der 1856 in Shimoda die erste US-amerikanische Botschaft in Japan eröffnete und einen Handelsvertrag mit dem Shogun aushandeln sollte. Zwar weigerte sich die junge Schönheit zunächst, sich zu dem Fremden zu begeben, war sie doch in ihre Jugendliebe verschossen und wollte nicht als „Schaf“, das sich an Ausländer verkauft, verhöhnt werden. Doch ihr Geliebter wurde nach Edo geschickt, sie gefügig gemacht. Zwar scheint sie sich mit ihrem Leben im Haus des US-Amerikaners langsam arrangiert zu haben, dennoch litt sie unter der Diskriminierung als „Schaf“ – insbesondere als Townsend Harris das Land verließ. Wie könnte es anders sein: Okichi war im Anschluss kein angenehmes Schicksal beschieden.

O-Koi ist die zweite Geisha, die in „Drei Geishas“ porträtiert wird. Aus wirtschaftlicher Not, wurde die Sechsjährige, die damals noch Teruko hieß, 1886 zu einem Teehausbesitzer geschickt, der sie adoptierte. Doch als dessen Geschäft ruiniert war, musste sich Teruko um eine Einnahmequelle sorgen und wurde Geisha – einen Beruf, der in ihrem Milieu im Gegensatz zur restlichen Gesellschaft nicht negativ besetzt war. Als Geisha nahm sie den Namen O-Koi an und konnte alsbald ihr eigenes Teehaus eröffnen. Mit den Männern hatte sie allerdings kaum Glück. Ihre Ehe mit dem Schauspieler Ozaemon scheiterte und darüber hinaus verlor sie ihr Teehaus. Mit 24 Jahren war sie bereits wieder geschieden und versuchte sich erneut mit der Eröffnung eines Teehauses, erlag aber mehr und mehr dem Alkohol. Schließlich wurde O-Koi die Geliebte des Prinzen und Premierministers Katsura, dem sie zur Stütze während des Russisch-Japanischen-Kriegs wurde. Der Friedensvertrag von Portsmouth, der die japanische Bevölkerung aufbrachte, und Krawalle auslöste, brachte auch O-Koi in Gefahr. Eine Trennung von Katsura war unsausweichlich. 1938 ging O-Koi schließlich in ein buddhistisches Kloster.

Auch Tsumakichi, die dritte Geisha, wurde im Alter buddhistische Nonne. Doch zunächst musste die begabte Tänzerin und Geisha einen großen Schicksalsschlag hinnehmen: Von Liebeskummer geplagt verfiel ihr Adoptivvater dem Wahnsinn, köpfte die Geishas in seinem Haushalt und schlug Tsumakichi beide Arme ab. Die junge Frau überlebte und trat bald darauf als „armlose Schöne“ im Theater auf. Sie begann, mit dem Mund zu malen und konnte sich ein Einkommen abseits des Amüsiergewerbes sichern. Doch auch mit den Männern sollte sie kein Glück haben: Die Ehe mit einem Maler scheiterte und sie musste sich und ihre Kinder künftig allein durchbringen.

Kikou Yamata erzählt in einfachen Worten die Geschichten der drei Frauen, die die Schattenseiten des Geisha-Lebens aufzeigen: Oft aus ärmlichen Verhältnissen, haben sie keine andere Chance, als sich in ihr Schicksal als Maiko und Geisha zu fügen. In der Gesellschaft werden sie nicht anerkannt. Und dennoch sind es starke Frauen, die immer wieder Schicksalsschläge ertragen und ihr Leben alleine stemmen müssen. Als zusätzliche Dreingabe gelingt es Kikou Yamata, auch die geschichtlichen Hintergründe mit in die Biographien der Frauen einzubinden.

Bibliographische Angaben:
Yamata, Kikou: „Drei Geishas“ (Übersetzung: von Koskull, M.L.), Alfred Scherz Verlag, Bern 1957

Montag, 13. Mai 2013

„Japanische Dreigroschenoper“ von Takeshi Kaiko

Auf 1,2 Millionen Quadratmetern erstreckt sich das Bergwerk Sugiyama – nur durch einen Abwasserkanal von Osakas Elendsviertel getrennt. Der ehemalige Sitz einer Waffenfabrik wird in den 50er Jahren zum Revier der Apachen, von organisierten und unorganisierten Kleinkriminellen, die im Elendsviertel hausen, Altmetalle aus dem Bergwerk ausbuddeln und sich bei Händlern versilbern lassen. Ständig verfolgt von der Polizei haben sie den Spitznamen Apachen bekommen: In kleinen Gruppen fallen sie im Bergwerk ein, sind besonders leichtfüßig und verständigen sich in einer unverständlichen Sprache (unter anderem auf Koreanisch) und gleichen so dem legendären Indianerstamm.

Der Landstreicher Fukusuke wird vom Bandenchef Kim rekrutiert. Im goldenen Zeitalter der Apachen ist jeder Helfer recht, denn es gibt genügend Altmetalle für alle, die „angelacht“, sprich: stibitzt, werden können. Eine anarchische Stimmung herrscht im Elendsviertel und dennoch kommt keiner zu kurz; für jeden wird eine bezahlte Aufgabe beim Metallklau gefunden. Fukusuke wird von Kim angelernt. Für seine Lehrstunden muss er jedoch in Tasche greifen. Bald ist Fukusuke ein festes Mitglied von Kims Bande und kommt hinter einige Tricks, wie der Bestechung der Wächter und dem besten Umgang mit der Polizei.

Doch je dreister die Apachen werden, desto größer ihr Ruhm, desto mehr Gesindel lässt sich bei ihnen nieder und desto größer fällt die Gegenwehr der Polizei aus. Ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel startet und beginnt, die Apachen aufzureiben.

Als von einem Silberfund berichtet wird, versuchen die Apachen sich ein letztes Mal aufzubäumen und diesen Schatz in die Finger zu bekommen.

Takeshi Kaikos „Japanische Dreigroschenoper“ ist freilich an Bert Brechts „Dreigroschenoper“ angelehnt. So kritisiert auch Takeshi Kaiko die Bourgeoisie, die den Apachen keinen Spielraum zum Überleben lässt, sich hinter Bürokratie verschanzt und auf Rechtslagen pocht. Die Diskriminierung von Koreanern tut ihr übriges. Trotzdem ist die Lektüre des Buches eine Heidengaudi, wenn die verschrobenen Charaktere ausziehen, um die Polizei zum Narren zu halten, Pech und Schwefel nach einem Tauchgang im Abwasserkanal zu spucken und sich wie die Glücksritter jede Nacht aufs Neue Waren „anzulachen“. Die Dialoge im Gangsterjargon zeichnen ein lebendiges Bild vom Dasein im Elendsviertel.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Japanische Dreigroschenoper“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Volk & Welt, Berlin 1967

Donnerstag, 4. April 2013

„Fly, Daddy, Fly“ von Kazuki Kaneshiro

Ein Element aus Kazuki Kaneshiros „Fly, Daddy, Fly“ erinnert stark an seinen Roman „GO!“: Da gibt es einen jugendlichen Zainichi-Koreaner, der verdammt gut in Kampfsport ist und dem die Aura des einsamen Wolfs anhängt. Doch diesmal ist das Kampfsport-Ass nicht der Protagonist des Romans. Das ist der unspektakuläre Ich-Erzähler; der 47-jährige Angestellte Hajme Suzuki. Dessen Leben verläuft in geregelten Bahnen bis er eines Tages nach der Arbeit ins Krankenhaus fahren muss: Seine Tochter ist in einer Karaoke-Bar von dem jugendlichen Boxer Ishihara verprügelt worden und musste ärztlich behandelt werden.

Im Hospital wird Hajme gleich von Ishiharas Lehrern abgefangen: Hajme soll möglichst keinen Wind um die Affäre machen – schließlich könnte er die sportliche Laufbahn des Jungens gefährden. Zunächst scheint es so, als würde der brave Angestellte das Ansinnen schlucken. Doch als seine Tochter das Vertrauen in den Vater zu verlieren beginnt, sieht Hajme rot. Er schnappt sich ein Küchenmesser und macht sich in die Schule des Boxers auf. Dummerweise geht der verzweifelte Hajme auf die falschen Schüler los – doch der dilettantische Attentäter wird elegant von dem Kampfsportler Sun-shin Pak entwaffnet. Zu Hajmes Überraschung sind die Schüler gar nicht sauer auf ihn, sondern bieten ihm ihre Hilfe an: Sie wollen ihn einige Wochen trainieren, damit Hajme Mann gegen Mann gegen Ishihara antreten kann.

So wird Hajme aus seinem Alltag gerissen. Mit Sun-shin Pak trainiert der schwabbelige Angestellte täglich, um sich Schritt für Schritt für den Kampf fit zu machen. Sein Ehrgeiz ist geweckt, seine Wut brodelt – aber ob er es mit einem jugendlichen Boxer, der Jahr für Jahr Titel gewinnt, aufnehmen kann? Als Randthema wird aber auch Sun-shin Paks Diskriminierung als Zainichi-Koreaner gestreift, was dem Roman eine ernste Note verleiht.

„Fly, Daddy, Fly“ schildert humorvoll die Wandlung des Hajme, der es sich noch mal beweisen will. Auch wenn ich bei „GO!“ mehr Spaß hatte, war auch die Lektüre von „Fly, Daddy, Fly“ amüsantes Entertainment. Der Schluss war mir zwar ein bisschen zu dick aufgetragen, was den Lesegenuss aber nicht getrübt hat.

Bibliographischen Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „Fly, Daddy, Fly“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass Verlag, Löhne 2012, ISBN 978-3-9809022-7-4

Sonntag, 31. März 2013

„Reißt die Knospen ab…“ von Kenzaburo Oe

„Es war eine Zeit des Mordens. Gleich einem lange andauernden Hochwasser überflutete der Krieg mit seinem kollektiven Wahnsinn die feinsten Verästelungen menschlicher Gefühle, die verstecktesten Winkel ihrer Körper, die Wälder, die Straßen und den Himmel. […]
Es ist der Aufzeichnung wert, dass man in jener Zeit, als wahnsinnige Erwachsene verzweifelt durch die Straßen irrten, mit seltsamer Leidenschaft fortgesetzt Menschen hinter Gitter brachte, die am ganzen Körper eine glatte Haut aufwiesen oder nur einen kastanienbraunen Flaum, Menschen, die sich unerheblicher Vergehen schuldig gemacht hatten, darunter auch welche, denen man lediglich Neigungen zu jugendlicher Kriminalität zuschrieb.“
(S. 14f.)

Mitten in dieser Zeit des Mordens soll ein gutes Dutzend minderjähriger Straftäter aus einer Besserungsanstalt aufs Land evakuiert werden. Doch dem Erzieher fällt es schwer, einen geeigneten Platz für die Kinder und Jugendlichen zu finden – keines der Dörfer, das sie zu Fuß aufsuchen, will sie aufnehmen. Die kleinen Fluchtversuche der Jungs sind für die Katz: Sie werden, verprügelt von Bauern und Polizisten, immer wieder zur Gruppe zurückgebracht. Auch der Ich-Erzähler ist mit seinem jüngeren Bruder auf dem Weg in die Evakuierung. Sein Vater hatte auf die Bitte des Erziehungsheims, man möge die Kinder doch nach Hause nehmen, überraschend reagiert: Statt dem Ich-Erzähler die Entlassung aus der Anstalt zu ermöglichen, hatte er auch noch den jüngeren Bruder dort abgeladen, da er diesen andernfalls nicht hätte selbst evakuieren können.

Schließlich gelingt es dem Erzieher, die Jungs in einem abgeschiedenen Bergdorf unterzubringen. Er selbst verlässt das Dorf im Anschluss, um eine zweite Gruppe jugendlicher Delinquenten dorthin zu begleiten. Die Jungs stoßen währenddessen auf große Ablehnung: Sie werden in ihrer Unterkunft des nächtens eingesperrt und bekommen kein besseres Essen als die Schweine der Bauern. Mit vorgehaltenem Gewehr werden sie zum Arbeiten angehalten: Sie sollen an einer Seuche verstorbene Tiere verscharren. Die Dorfbewohner selbst scheuen die Berührung mit den Kadavern wegen der Ansteckungsgefahr – da kommen die auswärtigen Kleinkriminellen gerade recht, um für sie die Drecksarbeit zu verrichten.

Als auch Menschen an der Seuche sterben, brechen die Dorfbewohner heimlich auf, um in einer anderen Ortschaft Unterschlupf zu finden. Den einzigen Weg aus dem Dorf verrammeln sie, damit die Jungen im Dorf eingesperrt bleiben. Diese sind nun auf sich allein gestellt und müssen ihr Leben selbst organisieren.

In einer Welt, in der die Erwachsenen ohne Mitgefühl agieren, sind es ausgerechnet diese jugendlichen Straftäter, die menschlich bleiben. Sie kümmern sich nicht nur um ein Mädchen, das die Dorfbewohner zurückgelassen haben, sondern scheren sich auch nichts um Vorteile Koreanern gegenüber. Einen gejagten Deserteur nehmen sie ebenfalls in ihren Reihen auf. Wen mal bloß nicht die brutalen Erwachsenen zurückkehren…

Bis auf zwei Personen, nämlich den Kumpan Minami und den Koreaner Li, und einen Hund erhalten die Charaktere in Kenzaburo Oes „Reißt die Knospen ab…“ keine Eigennamen. Da ist die Rede vom Bruder, vom Schmied, vom Dorfschulzen, vom Arzt und vom Deserteur. Damit gelingt es dem Autor, idealtypische Figuren zu schaffen. Insbesondere beim jüngeren Bruder glückt es ihm besonders gut: Wer wie ich selbst einen jüngeren Bruder hat, glaubt in der Figur den eigenen Verwandten wieder zu erkennen und ihn beschützen zu wollen. 

„Reißt die Knospen ab…“ ist (bisher) mein Kenzaburo Oe-Lieblingsroman. Der Roman des Literaturnobelpreisträgers ist ein frühes Werk aus dem Jahr 1958. Zwar wird gerne gesagt, dass Oe erst nach der Geburt seines behinderten Sohns Hikari zu vollster literarischer Größe herangereift ist. Doch mir sind die späteren Romane teilweise zu verkopft. „Reißt die Knospen ab…“ lässt den Leser mühelos in eine Welt eintauchen, die ihm eigentlich sowohl zeitlich als auch räumlich fremd anmuten sollte. Zwar zeichnet der Roman ein recht widerwärtiges Bild der Erwachsenen, doch bleibt die Hoffnung, dass die Knospen der Gesellschaft – die Jugend – nicht vollständig gerupft werden und spätestens nach Kriegsende blühen, um anders zu agieren, als die Generation vor ihnen.

Und noch ein kleiner Tipp für die Lektüre: Bitte möglichst das Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Kapitelüberschriften ignorieren – Spoilergefahr!

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Reißt die Knospen ab…“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14419-1

Freitag, 8. März 2013

„GO!“ von Kazuki Kaneshiro

„No soy coreano, ni soy japones, yo soy desarraigado“ steht auf dem Buchcover von „GO!“, dem Roman des koreanisch-stämmigen Japaners Kazuki Kaneshiro: „Ich bin weder Koreaner, noch Japaner, ich bin entwurzelt“.

Den spanischen Satz sagt Sugiharas Vater, als Sugihara am liebsten nach Norwegen auswandern will. Denn Sugiharas Vater war vor Jahren in derselben psychischen Verfassung wie Sugihara, der eigentlich Lee mit Nachnamen heißt: Möglichst schnell Japan verlassen, möglichst weit wegfahren – Sugiharas Vater wollte damals nach Spanien. Denn als in Japan geborener Koreaner ist Sugihara zwar in Japan zu Hause, wird hier jedoch als „Ausländer“ nur geduldet und oftmals diskriminiert.

Kazuki Kaneshiros semi-autobiographischer Roman schildert nicht nur die Familiengeschichte und den Werdegang von Sugihara, sondern ist auch eine Liebesgeschichte: Sugihara lernt auf einer Party Sakurai kennen. Da sie auf eine andere Schule wie Sugihara geht, weiß sie nicht, dass er ein Zainichi-Koreaner ist – und er verschweigt ihr dies wohlweislich. Denn was sagt denn eine Staatsangehörigkeit schon aus… Ob die frische Liebe diese Heimlichkeit verkraften wird?

Die Zutaten von „GO!“ klingen erst einmal recht ernst, wenn nicht gar tragisch. Doch die Coming-of-Age-Story sprüht regelrecht vor Witz. Und auch Sugihara, der an seiner Schule als unangenehmer Schläger und Einzelgänger auffällt, wird einem mords sympathisch. Insbesondere der Anfang des Romans erinnert vom Schreibstil etwas an Ryu Murakamis „69“. Die Darstellung von Sugiharas Eltern tut mit schwarzem Humor ein Übriges, um das Amüsement zu erhöhen: So erklärt die Mutter dem Vater augenzwinkernd, sie würde ihm deswegen mehr zu essen geben, damit er endlich an Diabetes erkrankt und hält ihm daraufhin die Headline eines Zeitungsartikels unter die Nase „Teufelsweib mischt gewalttätigem Ehemann wiederholt Arsen ins Abendessen!“, während auf dem Gesicht der „Mutter hinter der Zeitschrift [.] ein Lächeln wie bei Jack Nicholson“ (S. 30) klebt.

Nichtsdestotrotz ist „GO!“ auch eine Kampfansage gegen die Diskriminierung von koreanisch-stämmigen Japanern/in Japan lebenden koreanischen Staatsbürgern. An nationalen Feiertagen gehen die Rechten auf „Koreaner-Jagd“; wer nicht die japanische Staatsbürgerschaft hat, muss sich als Ausländer permanent ausweisen können, sonst drohen empfindliche Strafen; wer auf Auslandsreise gehen will, der muss sich vorab eine „Wiedereinreiseerlaubnis“ holen; Koreaner werden von vielen Japanern ob ihres „unreinen“ Bluts verachtet…

Die Lektüre hat Spaß gemacht! Gut, dass Kazuki Kaneshiro nicht Anwalt, sondern Autor geworden ist!

Bibliographische Angaben:
Kaneshiro, Kazuki: „GO!“, Cass, Löhne 2011, ISBN 978-3-9809022-5-0

Montag, 18. Februar 2013

„Karpfentanz“ von Hisako Matsubara

Der Karpfen – ein Symbol für Zielstrebigkeit. Wenn es nach Ryos Mutter geht, dann soll der 26-Jährige ein richtig dicker Fisch im Bankenwesen werden. Dummerweise stagniert seine Karriere aber gerade. Als Absolvent einer Elite-Universität muss er sich im Außendienst hochbuckeln. Er soll Privatpersonen davon überzeugen, ihr Geld bei der Gowa-Bank anzulegen. Doch Ryo fehlt es an Selbstbewusstsein, Souveränität und Leutseligkeit, um sein hohes Soll zu erfüllen. Sein Kollege Kenzo hilft ihm gegen entsprechende Entlohnung oft genug aus der Patsche. Die Zielvorgaben der Gowa-Bank sind unerbittlich, werden immer höher angesetzt und treiben die Angestellten gar zum Selbstmordversuch.

Wäre es nach Ryos Vater gegangen, dem Guji, dem höchsten Shinto-Priester von Kioto, so hätte er Ryo von Kindheit an eine andere Erziehung angedeihen lassen, die seinem zurückhaltenden Charakter Rechnung getragen hätte. Doch Ryos ehrgeizige Mutter, die einer Samurai-Familie entstammt, wollte  Ryo partout zu einem Angehörigen der Elite trimmen: Elite-Kindergarten, Elite-Schule, Elite-Universität. Und Elite-Job?

Dummerweise scheint sich der junge Mann auch noch ernsthaft zu verlieben – ausgerechnet in die völlig unstandesgemäße Tochter eines Busfahrers. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tochter Saya sich in Europa mit einem Gaijin, einem Nicht-Japaner, verheiratet hat. In der feinen Gesellschaft von Kioto ist das ein Skandal. Ryos Marktwert in der arrangierten Ehevermittlung sinkt daher auf einen sensationellen Tiefststand. Und dabei hatte Ryos Mutter doch so sehr auf eine Schwiegertochter aus gutem Hause gehofft, die Ryo zu guten Beziehungen verhelfen könnte.

Hisako Matsubara setzt ihre Familiengeschichte, die sie mit „Abendkranich“ begonnen hat, mit „Karpfentanz“ fort. Zwischenzeitlich sind 20 Jahre vergangen und Saya, der Protagonistin aus „Abendkranich“, ist ins Ausland gegangen. Im Zentrum von „Karpfentanz“ steht nun ihr Bruder Ryo. Hisako Matsubara hält mit ihrer Kritik an der japanischen Gesellschaft der 60er Jahre nicht zurück: Es gilt zwar als chic, einen Gaijin aus Europa oder den USA zu kennen – aber ehelichen soll man solch einen Barbaren bitte bloß nicht. Durch solch eine Untat gerät eine ganze Familie in Verruf. Die Angestellten der Banken werden völlig unter Druck gesetzt und regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen. Wer braucht denn Freizeit, wenn es darum geht, sich für den Arbeitgeber aufzureiben? Schließlich zählt in der japanischen Gesellschaft nur die Karriere. Und wer will schon als Versager gelten?

Zwar fehlt „Karpfentanz“ aufgrund der Thematik die Leichtigkeit von „Abendkranich“. Trotzdem hat die Lektüre Spaß gemacht – insbesondere da sie ein Wiedersehen mit dem großartigen Guji ermöglicht. Ein weiser Mann, der Sätze wie

„Wenn man der Natur zuviel Gewalt antut, führt es zu Verwerfungen der Seele.“ (S. 113)

von sich gibt – sich aber leider nicht gegen seine überambitionierte Frau durchsetzen kann. Er ahnt, dass Ryo unter den gegebenen Umständen sich bald zu etwas ganz Unglaublichem hinreißen lassen wird. Er wird Recht behalten…

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Karpfentanz“, Albrecht Knaus, München 1994, ISBN 3-8135-6084-8

Montag, 24. Dezember 2012

„Brückenbogen“ von Hisako Matsubara

Yumi ist eine Hibakusha, eine Überlebende der Atombombenexplosion über Hiroshima. Doch das soll bloß keiner wissen – denn im Nachkriegsjapan werden Hibakusha diskriminiert. Yumis Vater hatte rechtzeitig reagiert und Yumis Aufenthalt in Hiroshima geheim gehalten. Und so erscheint sie zumindest nach außen wie eine ganz normale Studentin, die jedoch in ständiger Angst vor dem Ausbruch von Leukämie lebt.

Yumi setzt alles daran, in den USA ein Stipendium zu erhalten. Ihr Engagement wird belohnt und sie darf für ein bis zwei Jahre an eine Universität in Pennsylvania. Als sie über San Francisco in die USA einreist, lernt sie den Theaterregisseur Julian kennen, der sich in die exotische und direkte Yumi verliebt. Obwohl Julian versucht, sie davon zu überzeugen, mit ihm in San Francisco zu bleiben, geht sie nach Pennsylvania, um Theaterwissenschaften zu studieren und selbst Kurse über japanisches Theater zu geben. An ihrer Universität ist sie sowohl bei ihren Kommilitonen als auch bei den Professoren in kürzester Zeit sehr beliebt. Doch leider trüben ihre japanischen Landsleute die Stimmung: In den japanischen Akademikerkreisen gelten starre Regeln und Hierarchien. Yumi soll sich in diese Strukturen fügen oder soll die Strafe für ihren Ungehorsam spüren lernen.

In „Brückenbogen“ lässt Hisako Matsubara viele gesellschaftskritische Themen anklingen: Die Diskriminierung der Hibakusha; die rigide Informationspolitik der Amerikaner, die in Japan keine Berichterstattung über die Folgen des Atombombenwurfs erlauben und somit den wildesten Gerüchten Vorschub leisten; die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des zweiten Weltkriegs in den USA; die Falschheit der weißen Christen, die Nächstenliebe predigen, aber ihre afroamerikanischen Mitbürger diskriminieren; die so genannten Elitejapaner, die duckmäuserisch agieren, sobald sie ihre Karrierechancen in Gefahr sehen…

Doch leider klingen viele der Themen eben nur an. Zum großen Teil wirkt „Brückenbogen“ eher wie ein leicht lesbarer Teenie-Roman über eine Austauschschülerin. Ständig lernt sie neue Leute kennen und ist schwupsdiwups überall total beliebt. Aus der Fülle des sich ständig erweiternden Personenkreises resultiert, dass die Charaktere (außer Yumi selbst) kaum Tiefe gewinnen. Auch bleibt relativ offen, warum sich Yumi in Julian verliebt.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Brückenbogen“, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989, ISBN 3-404-11376-4

Sonntag, 4. November 2012

„Gyokusai“ von Makoto Oda

„Ein trefflicher Mann sollte besser ein zerspringender Edelstein werden, als sich einem gewöhnlichen Dachziegel gleichzumachen, nur weil dieser unversehrt bleibt.“
(Nachwort von Michaela Manke, S. 134 in Bezug auf die „Geschichte des Nördlichen Qi“ von Li Baiyao, 7. Jahrhundert)

Der Begriff „Gyokusai“ steht im Japanischen für den zerspringenden Edelstein – und während den letzten Zügen des Pazifikkriegs für den sicherlich fraglichen Heldentod von japanischen Soldaten, die gegen die übermächtigen US-amerikanischen Gegner anrannten. In Kriegsgefangenschaft zu geraten stand nicht zu Debatte – eher sollten sich die Soldaten mit einer Handgranate selbst töten, bevor sie sich dem Gegner schmachvoll ergeben. Neben der unbedingten Gehorsam laut der Konfuzianischen Ethik, dem Verbot des Sich-Ergebens laut dem Militärhandbuch tat der Staatshintoismus sein Übriges: In einem Totenkult wurden gefallenen Soldaten seit 1879 im Yaskukuni-Schrein verehrt.

Makoto Oda versetzt den Leser mit „Gyokusai“ direkt in die grausame Zeit des Pazifikkriegs. Gruppenführer Nakamura wird mit den ihm unterstellten Soldaten auf eine kleine Pazifikinsel, die Leyte vorgelagert ist, versetzt. Die Weisung lautet: „Mit dem eigenen Leib ein Wellenbrecher im Pazifik!“ Die Aussichtslosigkeit der Lage geht aus der Losung bereits hervor – der US-amerikanischen Übermacht kann man nur noch den bloßen Körper entgegen werfen.

Nakamura und seine Gruppe rüsten sich für den Angriff der Amerikaner und bauen Inselhöhlen aus, um sie als Rückzugsmöglichkeiten zu nutzen. Doch eigentlich wollen sie nicht bauen, sondern kämpfen. Als die ersten feindlichen Truppen landen, zeigt sich bereits deren Übermacht – den Japanern bleibt nur ein Partisanenkrieg zur Verteidigung der Insel. Doch gegen die gut ausgerüstete amerikanische Armee können die Japaner nur veraltete Gewehre einsetzen. Und die Kugeln werden mit der Zeit knapp. Von Angriff zu Angriff dezimiert sich die Gruppe, die Nakamura um sich schart. Die Amerikaner gehen zum Gegenangriff über und räuchern die Japaner in den Höhlen aus, lassen sie dort bei lebendigem Leib verbrennen.

Der Gedanke an einen japanischen Sieg ist den Soldaten bereits längst abhanden gekommen. Doch ergeben können sie sich nicht – sie wollen im Kampf ehrenvoll sterben. Selbst Flugblätter der Amerikaner können kein Umdenken bewirken.

Trotz aller Grausamkeit beschreibt Makoto Oda die Geschehnisse distanziert. Die Soldaten erscheinen nicht verzweifelt, sondern haben auf ihre Art bereits mit dem Leben abgeschlossen, resigniert. Damit geht die Tonalität kongruent.

Interessant an „Gyokusai“ ist zudem die Thematisierung der Diskriminierung von Koreanern: Nakamura wird der koreanische Unterfeldwebel Kon zur Seite gestellt. Im Heimatland Korea ist ihm seine Muttersprache verwehrt, er muss japanisch sprechen, soll sich als Japaner fühlen. Doch die Japaner sehen ihn nicht als Japaner, obwohl er Seite an Seite mit ihnen kämpft. Und auch eine japanische Prostituierte weiß von Koreanerinnen zu berichten, die als Trostfrauen zwangsrekrutiert wurden.

Im Nachwort geht Michaela Manke darauf ein, ob das Phänomen des Gyokusai denn ein ausschließlich japanisches sei. Denn schließlich gab es auch während des zweiten Weltkriegs in Deutschland den Begriff des Heldentods. Ist es nicht vielmehr so, dass der Wahnsinn des Kriegs Menschen ganz unabhängig von der Nationalität in den Tod treibt? Auch Nakamura und Kon sind im Grunde ganz normale Menschen – in einer ganz anormalen Situation…

Bibliographische Angaben:
Oda, Makoto: „Gyokusai“, Schiler, Berlin/Tübingen 2010, ISBN 978-3-89930-324-7