Labels

Posts mit dem Label Sprachspiele werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sprachspiele werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 29. Dezember 2018

„Sendbo-o-te“ von Yoko Tawada

Was passiert nach einer ultimativen Katastrophe, die den Alltag und die bisherige Lebensweise komplett auf den Kopf stellt? Yoko Tawada entwirft in „Sendbo-o-te“ ein Szenario, das unter die Haut geht: In dieser, vielleicht nicht allzu fernen Zukunft, schottet sich Japan ein zweites Mal von der Welt ab. Die Alten sind zu annähernd ewigem Leben verdammt, dagegen sterben die Kinder wie die Fliegen. Abgesehen von Miet-Hunden sind Tiere so gut wie alle verschwunden. Die Wiesen gelten als vergiftet. Und auch im einstmalig so dicht besiedelten Tokio lebt kaum ein Mensch mehr – ein längerer Aufenthalt dort gilt als gesundheitsschädigend. Das Klima hat sich geändert und der Ackerbau muss vielerorts eingestellt werden.

Mumey und Yoshiro sind ein Urenkel-Urgroßvater-Gespann, die gemeinsam in einer Notunterkunft hausen. Mumey ist wie alle Kinder seiner Generation sehr schwach und kränklich. Er verfügt aber auch über eine eigenartige Weisheit und Yoshiro glaubt nicht, ihm auch nur eine Sache beibringen zu können. Ohnehin sind viele frühere Verlässlichkeiten dahin. So wechseln Menschen urplötzlich ihr Geschlecht. Die Polizei hat seit der Abschaffung von Lebensversicherungen keine Morde mehr aufzuklären, sondern fungiert in erster Linie als lustige Blaskapelle.

Soweit Yoshiro kann, umsorgt er seinen Enkel fürsorglich, denn der Kleine kann mit seinen brüchigen Zähnen nicht gut kauen, plagt sich arg beim Schlucken und muss von Yoshiro mit dem Fahrrad zur Schule gefahren werden. Beim Kinderarzt wird untersucht, wie weit die Zellzerstörung schon fortgeschritten ist. Mumey klagt jedoch nicht, sondern begibt sich ohne Klagen in sein Schicksal. Er ist ein Todgeweihter.

Yoshiro ist Schriftsteller und erlebt die Restriktionen der Abschottungspolitik als besonders hart. Einen historischen Roman über Sendboten nach China begräbt er auf dem Dingfriedhof; das Werk hätte wegen seiner vielen Bezüge zu Orten im Ausland nicht veröffentlicht werden dürfen. Auch seinem Essay „Japan war nicht isoliert“ über die Handelsbeziehungen während der ersten Isolationsphase während der Edo-Zeit wird die Publikation verweigert. Und dann sind da noch die vielen Worte, die Yoshiro aus seinem Wortschatz streichen soll, da sie nicht mehr verwendet werden dürfen.

Doch nicht alle Japaner halten sich an die Isolationspolitik. Die geheime Sendboten-Vereinigung schickt immer wieder Kinder ins Ausland, damit sie dort untersucht werden. Denn die Katastrophe, die Japan heimgesucht hat, kann auch woanders auftreten und dieselben Krankheitsbilder verursachen. Mumey scheint für die Aufgabe eines Sendboten ideal…

Yoko Tawadas „Sendbo-o-te“ wurde 2018 in der englischen Übersetzung mit dem US-amerikanischen National Book Award für übersetzte Literatur ausgezeichnet, der insgesamt an zehn Werke vergeben wurde. Yoko Tawada schrieb „Sendbo-o-te“ auf Japanisch. Die deutsche Version wurde von Peter Pörtner übersetzt. Daher fallen die Sprachspiele, die Yoko Tawadas auf deutsch verfasste Werke kennzeichnen, diesmal etwas subtiler aus. Das Thema Fremdheit, das ja sonst oft von der Autorin aufgenommen wird, findet man in der aktuellen Veröffentlichung nicht. Der grandiose Wortwitz von Yoko Tawada bleibt dem Leser aber gleichwohl erhalten:

„’Was sind die Wechseljahre?’
‚Das ist, wie wenn der Körper die Tonart wechselt. Von Dur in Moll. Oder so.’“
(S. 155)

Auch wenn die Untergrundorganisation der Sendboten titelgebend ist, so nimmt sie doch keinen allzu großen Raum in Yoko Tawadas Roman ein. Im Zentrum steht Yoshiro, der aus der Zeit vor der Katastrophe und aus der Zeit danach berichtet. Auch aus Mumeys Perspektive, aus der von Mumeys Urgroßmutter und Mumeys Lehrer wird das Leben nach dem Desaster dargestellt. Daher sollte der Leser trotz der subversiven Sendbotengesellschaft keine großmächtige Spannung erwarten, sondern vielmehr eine Bestandsaufnahme nach der Katastrophe. Freilich kommt die dank Yoko Tawadas Erzählweise leicht und originell daher, ohne in depressiven Charakter zu verfallen. Nichtsdestotrotz klingt auch die Reue Yoshiros durch, dass die Lebensweise seiner Generation den Urenkeln die Chance auf ein gesundes, langes Leben genommen hat.

Bei einer zweiten Auflage sollte der Konkursbuchverlag jedoch nochmal gründlich Korrektur lesen. Es tummeln sich so einige Fehlerchen insbesondere bezüglich der Interpunktion. Selbst ein Charakter bekommt auf derselben Seite zwei Namen (Suiren vs. Surien, S. 151).

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Sendbo-o-te“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Pörtner, Peter), Konkursbuch Verlag, Tübingen 2018, ISBN 978-3-88769-688-7

Sonntag, 15. Januar 2017

„akzentfrei“ von Yoko Tawada

In „akzentfrei“ versammelt Yoko Tawada 14 Essays, die den drei Kapiteln „In einem neuen Land“, „Nicht vergangen“ und „Französischer Nachtisch“ zugeordnet sind. Natürlich geht es in den Essays auch wieder um Kulturen – und Yoko Tawada taktet demnach auch mit einer besonderen Kultur auf; nämlich der Joghurtkultur. Und schon ist sie bei Europa und dem beliebten Thema Laktoseintoleranz:

„Europa trinkt Milch und erbricht nicht: Das war meine Definiton von Europa bis vor Kurzem.“ (S. 12)

In einem Band mit dem Namen „akzentfrei“ muss es freilich auch um den Akzent gehen. Jedoch wird Freiheit vom Akzent im Essay „Akzent“ eher nicht thematisiert. Vielmehr erhält der Akzent eine poetische und vor allem lebendige Definition:

„Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache. Seine Augen glänzen wie der Baikalsee oder wie das Schwarze Meer oder wie ein anderes Wasser, je nachdem, wer gerade spricht.“ (S. 22)

So singt Yoko Tawada ein Loblied auf den Akzent – die Freiheit davon ist da doch lieber gar nicht anzustreben.

In „Ein ungeladener Gast“ wirft die Autorin die für Muttersprachler irritierende Frage auf, warum der Singular einen eigenen Artikel verdient hat, aber jede zweite, dritte, vierte Sache sich mit demselben Artikel im Plural begnügen soll. Aber wo sie recht hat...

„Die unsichtbare Mauer“ schneidet in Zeiten eines Donald Trumps ein besonders aktuelles Thema an:

„Auf unserem wasserblauen Planeten werden immer wieder neue Mauern gebaut. Wo eine Mauer steht, ist das Leben auf beiden Seiten bedroht. Wo keine Mauer mehr steht, müssen wir gegen die eigene Wahnvorstellung kämpfen, dass die anderen, die keinen Kaugummi besitzen, rüberkommen könnten, um uns diese Luxusware wegzunehmen.“ (S. 72)

Wortakrobatik, Fremdsein, Fremdsprachen, Fukushima, Weinen, Knut, Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss sind einige der vielfältigen Themen, die Yoko Tawada in „akzentfrei“ beleuchtet. Wie immer hat der konkursbuch Verlag auch das schmale Bändchen mit liebevollen Gestaltungselementen versehen. Und wie immer ist auch diese Yoko Tawada-Veröffentlichung ein Lesegenuss. Manchmal muss man schmunzeln, manches fällt dem Muttersprachler wie Schuppen von den Augen, aber immer wieder ist Überraschung angesagt, welche Entdeckungen Yoko Tawada im (vermeintlich) Alltäglichen tätigt.

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „akzentfrei“, konkursbuch, Tübingen 2016, ISBN 978-3-88769-557-6

Montag, 8. September 2014

„Überseezungen“ von Yoko Tawada

„Überseezungen“ – bereits der Titel von Yoko Tawadas Werk ist bedeutungsschwanger: „Übersetzungen“, „Über Setzungen“, „Über Seezungen“, „Übersee Zungen“… Das Versprechen des vieldeutigen Titels wird auch eingehalten: Die Wortakrobatin Yoko Tawada präsentiert ihre Lieblingsdisziplin der Jonglage in manchmal verspielter und manchmal surrealistischer Art und Weise. Sie spielt mit Worten, dem Alphabet, Schriftzeichen, Redewendungen, Sprachen, (nationalen) Identitäten und Geschlechterrollen.

So definiert sie in „Ein chinesisches Wörterbuch“ den Begriff des Kinos als „Institut für elektrische Schatten“ oder das Adjektiv schwindelerregend als „in den Augen blühen unzählige Blumen in voller Pracht“ (S. 31).

In „Bioskoop in der Nacht“ wird die Ich-Erzählerin, die als Japanerin in Deutschland ständig gefragt wird, in welcher Sprache sie denn träume, endlich erfahren, was das denn für eine urige Sprache ist, in der sie tatsächlich träumt. Obwohl sie noch nie in Südafrika war, ist ihre Traumsprache Afrikaans. Dafür hat sie auch eine plausible Begründung. Denn wenn man in der Sprache des Landes träumt, in dem die Seele wohnt, dann antwortet die Ich-Erzählerin:

„Ich habe viele Seelen und viele Zungen.“ (S. 70)

Mit „Die Ohrenzeugin“ webt Yoko Tawada einen Klangteppich, den sie in einem Universitätsgebäude in Cambridge auslegt. Hier werden allerhand (Fremd-)Sprachen geplappert, Tastaturen klappern vor den Computern, Schuhe dagegen auf dem Gang und natürlich analysiert die Ich-Erzählerin in der Fremde ihr Verhältnis zur Muttersprache im Vergleich zum Deutschen, der später angeeigneten Sprache:

„Ich war also ins Japanische hineingeboren worden, wie man in einen Sack hineingeworfen wird. Deshalb wurde diese Sprache für mich meine äußere Haut. Die deutsche Sprache jedoch wurde von mir hinuntergeschluckt, seitdem sitzt sie in meinem Bauch.“ (S. 103)

Yoko Tawada zeichnet auch ein „Porträt einer Zunge“: In den USA freundet sie sich mit P an; einer Deutschen, die schon lange Zeit im Ausland lebt. P vermischt englische Begriffe mit deutschen; benutzt deutsche Begriffe, die in Deutschland kaum mehr Verwendung finden und weiht die Ich-Erzählerin in englischsprachige Begriffe ein. Dennoch spricht P mit Akzent, was auch sicherlich gut ist, denn:

„Der Akzent bewahrt die Erinnerungen an die Muttersprache auf. Ohne den Akzent könnte man von den Gegenwart der Fremdsprache verschluckt werden.“ (S. 135)

14 längere und kürzere Erzählungen, Kurzgeschichten und Notizen umfasst „Überseezungen“. Bei der Lektüre sollte man sich Zeit lassen und sich die Texte wahrlich auf der (Übersee-)Zunge zergehen lassen. Yoko Tawadas Werke sind einfach immer wieder ein Lesegenuss!

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Überseezungen“, Konkursbuch, Tübingen 2002, ISBN 3-88769-186-5

Freitag, 26. Oktober 2012

„Ein Gast“ von Yoko Tawada

Wer ist denn „Ein Gast“ in Yoko Tawadas Kurzroman? Ist es die Ich-Erzählerin selbst, eine Japanerin, die wie die Autorin in Deutschland lebt? Oder ist es die Frauenstimme, die sich von Zeit zu Zeit im Kopf der Erzählerin eingenistet hat?

So langsam habe ich mich ja schon als Yoko Tawada-Fan geoutet und nun ist es wohl vorhersehbar, wenn ich erneut ein Loblied auf die Autorin anstimme. Auch in „Ein Gast“ darf der Leser den leicht verqueren und doch so treffenden Gedankengängen einer Ethnologin, die keine sein mag, folgen, wenn es um europäische Eigenarten geht. Am Beispiel der Geburtstagsfeiern fragt sie sich, was man denn da überhaupt feiert. Dass man wieder ein Jahr überstanden hat, ohne zu sterben? Und warum werden erwachsene Frauen an ihrem Geburtstag von ihren Müttern so stürmisch umarmt, als seien sie gerade erst auf die Welt gekommen?

Aber freilich hat auch das Thema der (Fremd-)Sprachlichkeit seinen Platz: Im Ohr, mit dem die Erzählerin einem mäßig interessanten Hörbuchs lauscht, hat sich vielleicht ein Floh eingenistet – oder ist es eine Mittelohrentzündung, die ihr Beschwerden bereitet? Die Worte der Vorleserin nehmen ein Eigenleben an und strömen permanent durch den Kopf der Erzählerin. Einerseits mag diese die Stimme endlich loswerden, andererseits fehlt sie, wenn sie verstummt ist. Auch auf das Lese- und Schreibvermögen wirkt sich die Stimme der Vorleserin aus. Wie hängen Schreiben, Lesen und Hören nur zusammen?

Bedrohlicher als die Stimme wirkt der Nachbar Z: Der ehemaligen Psychologiestudent mag Frauen therapieren, die nach der geführten Meditation jedoch aussehen, als hätte man ihnen einen Knochen gebrochen.

Wie immer beim Konkursbuchverlag hat man auch bei „Ein Gast“ auf die optische Gestaltung wert gelegt. Daher werden die Seiten immer wieder mit Motiven des Organs der passiven Spracherfahrung geziert – dem Ohr.

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Ein Gast“, Konkursbuchverlag, Tübingen 1993, ISBN 3-88769-069-9

Montag, 20. August 2012

„Wo Europa anfängt“ von Yoko Tawada

Wo fängt denn Europa an? Das fragt sich die Ich-Erzählerin in der Erzählung „Wo Europa anfängt“, als sie auf dem Weg von Japan nach Europa ist. Schon in Russland oder ist Russland, wie einer ihrer europäischen Mitreisenden abfällig meint, noch nicht Europa?

Gewarnt wird die Ich-Erzählerin von ihrer Großmutter:

„Reisen hieß für meine Großmutter, fremdes Wasser zu trinken. Andere Orte anderes Wasser. Vor einer fremden Landschaft müsse man sich nicht fürchten, aber fremdes Wasser könne gefährlich sein.“ (S. 66)

Doch eigentlich weiß die Ich-Erzählerin nichts mehr von ihrer Reise – ihr Gedächtnis funktioniert nicht mehr. Ein (fiktives) Tagebuch schließt das schwarze Loch der Erinnerung.

Das Motiv des fremden Wassers stand wohl auch Pate für Yoko Tawadas Vorlesungen, die sich in „Fremde Wasser“ nachlesen lassen. Hier sei auch auf „Talisman“ verwiesen, in dem Yoko Tawada geheimnisvoll flüstert „Eigentlich darf man es niemandem sagen, aber Europa gibt es nicht".

Neben 14 Gedichten enthält „Wo Europa anfängt“ auch noch eine zweite Erzählung namens „Das Leipzig des Lichts und der Gelatine“. Auf dem Weg von West- nach Ostdeutschland heftet sich ein Spion an die Fersen der Ich-Erzählerin. Ein Geheimnis will er ihr entlocken; mit welcher Ware will sie denn in Leipzig handeln?

Das Büchlein umfasst ca. 90 Seiten und ist liebevoll mit transparenten Trennblättern versehen. Zudem lassen sich die Gedichte von Japanisch-Kundigen im Original nachlesen.

Die Erzählungen wie auch die Gedichte zeugen wie alle Tawada-Werke von dem Sprachgenie der Autorin. Yoko Tawadas Texte sind wie immer ein Hochgenuss.

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Wo Europa anfängt“, Konkursbuch, Tübingen 1991, ISBN 3-88769-054

Sonntag, 5. August 2012

„Fremde Wasser“ von Yoko Tawada, herausgegeben von Ortrud Gutjahr

„Wenn Sie hier sind, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass es ein ‚hier’ gibt. Damit meine ich, dass Sie zum Beispiel in der Moderne leben, die alles andere hinter sich gelassen zu haben sollte, und dass Sie in der ersten Welt leben, in der Sie vor bodenloser Armut und einer tödlichen Diktatur geschützt sein sollten. Aber wenn ich verschiedene Länder und Zeiten durcheinanderbringe und in diesen Raum importiere, zeigt dieser Raum seinen eigentlichen Charakter als Wasser, das keine Grenzen kennt. Und wer wirklich bereit ist, in einer Hafen-City zu wohnen, muss damit rechnen, dass in jedem Moment ein unbekanntes Schiff erscheint.“ (S. 73)

So startet Yoko Tawada in ihre zweite Poetikvorlesung. Insgesamt drei an der Zahl enthält der Band „Fremde Wasser“. Darüber hinaus tummeln sich 17 wissenschaftliche Beiträge, die sich mit dem Sprachphänomen Yoko Tawada befassen. Ein Interview mit ebendieser komplettiert den Band.

Doch zunächst zurück zu den drei Vorlesungen, die im Rahmen einer Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik im Sommersemester 2011 nur wenige Monate nach der verheerenden Natur- und Nuklearkatastrophe in Japan gehalten wurde. Daher startet Yoko Tawada auch so in die erste Vorlesung:

„Hiroshima endet genau wie Fukushima auf ‚Shima’, und das Wort ‚Shima’ bedeutet Insel.“ (S. 49)

Doch im Zentrum dieser ersten Vorlesung soll ein anderes „Shima“ – Tanegashima – stehen, auf der die ersten Europäer im 16. Jahrhundert landeten. Yoko Tawada illustriert hier jedoch auch ihre eigene „Landung“ im Westen, nämlich ihre Erfahrungen als Japanerin in Hamburg und den Besuch erster sprachwissenschaftlicher Vorlesungen, unter anderem über Roland Barthes.

Die zweite Vorlesung widmet Yoko Tawada der Insel Dejima, auf der die holländischen Handelspartner isoliert lebten. Sie begibt sich jedoch auch nach Südafrika, spürt Afrikaans als „belastete Sprache“ nach und stellt offene Fragen:

„Wie stark ist eine Sprache belastbar? Gibt es die Unschuld der Sprache? Bin ich vielleicht eine perverse Autorin, die sich nur für belastete Sprachen interessiert?“ (S. 77)

Die dritte und letzte Vorlesung steht unter dem Thema Uraga, dem Hafen, in den 1853 die schwarzen Schiffe der US-Amerikaner einliefen, um Japan zu Handelsbeziehungen mit den USA zu zwingen. Yoko Tawada widmet sich hier unter anderem dem Brecht-Stück „Die Judith von Shimoda“, das auf einem Werk von Yuzo Yamamoto basiert, und Puccinis „Madame Butterfly“.

Damit endet der von Yoko Tawada verfasste Teil von „Fremde Wasser“. Die Vorlesungen sind hier nur kurz angerissen, da man der Fülle von Yoko Tawadas Gedankengängen in einer Zusammenfassung ohnehin nicht gerecht werden könnte und man getrost auf das Buch selbst verweisen kann. Yoko Tawadas Beiträge lesen sich wie immer höchst interessant und ohne die Schwere von wissenschaftlichen Abhandlungen, die man bei dem Begriff „Vorlesung“ unterstellen könnte.

Die folgenden 17 wissenschaftlichen Aufsätze nehmen den größten Teil von „Fremde Wasser“ ein. Hier begibt sich Sigrid Weigel beispielsweise auf „Suche nach dem E-mail für Japanische Geister“, Christine Ivanovic und Franziska Schößler betrachten Yoko Tawadas Bühnenstücke, Andrea Bandhauer widmet sich dem Wasser, der Weiblichkeit und den Metamorphosen in „Schwager in Bordeaux“, Yasemin Dayioglu-Yücel fragt sich, ob sich Yoko Tawadas Werke als magischer Realismus verorten lassen und Vibha Surana fragt „Was hört auf, wo Europa anfängt?“.

Sicherlich muss sich der Leser hier auf etwas schwerere, analytische Kost einlassen, die die Lektüre jedoch allemal wert ist, wenn man sich mit Yoko Tawadas Werken näher befassen möchte. Ein kleines bisschen Grundwissen zu Barthes, Benjamin und Derrida sei jedoch empfohlen. Auch die Lektüre von Yoko Tawadas Werken sollte bereits vor dem Lesen der Aufsätze erfolgt sein, um den Gedankengängen der einzelnen Autoren gut folgen zu können.

„Fremde Wasser“ zeigt eindrücklich das (Sprach-)Genie der Autorin und Ethnologin Yoko Tawada auf und lässt den Leser tiefer in die Bedeutungszusammenhänge hinabtauchen. Eine Pflichtlektüre für jeden Yoko Tawada-Fan!

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko & Gutjahr Ortrud (Hrsg.): „Fremde Wasser“, Konkursbuch, Tübingen 2012, ISBN 978-3-88769-777-8

Donnerstag, 7. Juni 2012

„Talisman“ von Yoko Tawada

In Yoko Tawadas „Talisman“ versammeln sich 17 Texte, von denen sich „Das Fremde aus der Dose“ und „Talisman“ auch in dem Büchlein „Das Fremde aus der Dose“ finden lassen. Der Leser darf die Autorin bei einem Ausflug nach Rothenburg ob der Tauber begleiten, wo sie auf rätsel- und bretzelhafte Brote trifft. Dort liefert Yoko Tawada auch eine Erklärung für das Phänomen der alles fotografierenden, japanischen Touristen: Der japanischen Sage nach sollen Wanderer im Gebirge, die in der Einsamkeit und Weite der Landschaft das Gefühl bekommen haben, sich selbst zu verlieren, durch einen mit den Händen gebildeten Ring geblickt haben, um sich ihrer selbst zu versichern. Völlig überfordert mit europäischen Altstädten hätte diese Funktion nun der Fotoapparat übernommen.

Yoko Tawada bereist auch den Bauch des Gotthards, doch weder Como noch Locarno können sie begeistern; es zieht sie ausgerechnet nach Göschenen, denn der Klang des Namens erinnert so schön an Stein. Auf den Lofoten lässt sie ihre Gedanken von der norwegischen Kirche (= Kirke) zur Kirke der griechischen Mythologie wandern.

Doch in „Lektüre in einer S-Bahn“ erfährt der Leser auch mehr über Yoko Tawadas Heimatland Japan: Die S-Bahn ist der bevorzugte Platz für die Buch-Lektüre und wer neben einem Lesenden einschläft, soll im Traum der Hauptfigur aus dessen Buch begegnen. In „Das Tor des Übersetzers oder Celan liest Japanisch“ wird auf amüsante Weise illustriert, wie Celan in Ideogramme übersetzt werden kann.

Mit „Das Wörterbuchdorf“ entführt Yoko Tawada gar in eine völlig fantastische Welt, die einem Wörterbuch entsprungen ist. Dieses „Buch im Buch“ ist sowohl im japanischen Original als auch in der deutschen Übersetzung abgedruckt und wie vom Konkursbuchverlag gewohnt besonders liebevoll gestaltet.

Damit illustriert „Talisman“ eine schönen, abwechslungsreichen Strauß der verschiedenen Ansätze der Autorin: Fremdheit im Ausland, eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe des für Einheimische „Normalen“, Lautmalereien, Sprachspiele, Fantastik und sogar ein bisschen Übersetzungstheorie.

Montag, 14. Mai 2012

„Das Fremde aus der Dose“ von Yoko Tawada

„Das Fremde aus der Dose“ bietet einen herrlichen, wenn auch sehr kurzen Einblick in das Sprach- und Assoziationsphänomen Yoko Tawada. Aus dem Blickwinkel der Fremden in Deutschland fallen ihr Ungewöhnlichkeiten auf, über die der Einheimische niemals reflektieren würde. Die Charaktere, auf die die japanische Protagonistin trifft, sind eigenwillig und verschroben, wie man dies von Yoko Tawada kennt. Daher gibt es auch einiges zu erzählen über Talismane (oder Ohrringe?), Analphabeten, die nicht zwangsläufig dem Lesen und Schreiben nicht mächtig sein müssen, und dem seltsamen Phänomen von abwegig gestalteten Produktverpackungen.

Mehr darf man aber schon glatt nicht mehr aus „Das Fremde aus der Dose“ vorweg nehmen, ohne zuviel aus dem nur 18 Seiten dünnen Heft zu verraten. Sicherlich ist das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht gerade das Beste, wenn man den Neupreis von 4,50 Euro betrachtet. Für Liebhaber ist „Das Fremde aus der Dose“ aber ein delikates Kondensat der sprachverspielten Gabe der genialen Beobachterin Yoko Tawada.

Samstag, 1. Oktober 2011

„Opium für Ovid“ von Yoko Tawada

Yoko Tawada entnimmt Ovids „Metamorphosen“ 22 Frauengestalten und widmet ihnen eine einige Seiten Gegenwart in „Opium für Ovid“. So wird Thisbe zur Friseurin von Iphis. Limnaea sieht im Theater ein Tanzstück von Thetis. Yoko Tawada beschreibt zwar keine Metamorphosen im Sinne Ovids, jedoch den recht wunderlichen Alltag, die verschrobenen Gedankengänge und hin und wieder doch eine kleine Entwicklung in diese oder jene Richtung.

Yoko Tawada spielt mit Worten, mit den Bildern, die im Kopf des Lesers entstehen, mit Klischees. Damit ist „Opium für Ovid“ ein Buch, das man langsam genießen muss. Und hin und wieder empfiehlt es sich, Wikipedia über die Schicksale der antiken Damen zu konsultieren. Sonst entgeht bei fehlendem Hintergrundwissen die eine oder andere Pointe.

„Opium für Ovid“ ist…

… kurios:
„Ich entdeckte ein Muttermal an ihrem Nacken und entschloss mich, darin zu wohnen.“ (S. 112)

… mythologisch-abgewandelt:

Io hat Träume, in denen sie sich in eine Kuh verwandelt. Und Semeles Ex-Mann Zeus, Zahnarzt von Beruf, macht verdächtig viele Röntgenaufnahmen.

… analytisch:
„Eine Zahl steht vor oder hinter einer anderen. Das ist die Ordnung der Reihenfolge. Wie kann man sagen, dass eine Zahl weniger ist als eine andere?“ (S. 98)

… verquer:
Die Linguistin Clymene sagt aus purer Lust die eigene Wortneuschöpfung „Zaub“ – und schwups gründen ihre Kollegen eine Forschungsgruppe um die „Zaub“, an der auch Clymene zwangsweise teilnehmen soll.

… prädestiniert:

Latona bekommt sich natürlich mit Niobe in die Haare.

… anschaulich:
„die hochstehende Sonne nahm den Menschen beinah den Schatten weg, nur ein Tintenfleck klebte neben den Füßen auf dem Boden.“ (S. 118)

… kritisch:
„Scylla sagte zu Pomona, die Kunst sei heutzutage nicht mehr ernst zu nehmen, denn sie sei durch und durch kommerzialisiert. Da dachte Pomona erleichtert, dass sie nun auch Kunst machen könne.“ (S. 168)

… herzlich:
„Man kann nicht die Menschen, die man liebt, auseinanderschneiden. Sie gehören alle zusammen und müssen deshalb gleichzeitig in einem Herzen versammelt sein.“ (S. 169)

Und was es mit dem Opium auf sich hat? Opiumkrieg, Religion für das Volk oder einfach nur der Rausch, in den die Ich-Erzählerin fällt, sobald sie einen Fahrradunfall hat.

Dienstag, 26. April 2011

„Nur da, wo du bist, da ist nichts“ von Yoko Tawada

Yoko Tawadas „Nur da, wo du bist, da ist nichts“ enthält eine Erzählung und mehrere Gedichte, sowohl auf Deutsch als auch auf Japanisch. Zugegebenermaßen: Mit den Gedichten kann ich weniger anfangen. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nach „Schwager in Bordeaux“ eine etwas fröhlichere Stimmung erwartet hatte – und die Gedichte eher morbid wirken.

Umso bezaubernder ist die Erzählung „Bilderrätsel ohne Bilder“ in „Nur da, wo du bist, ist nichts“. Die Protagonistin, eine Japanerin in Deutschland, ist per Bahn unterwegs in ein Städtchen, um sich eine Kinderbuchausstellung dort anzusehen. Dabei schweifen ihre Gedanken oftmals an ihren Ex-Freund K ab.

Bezeichnend ist Yoko Tawadas bildhafte Sprache: Ein junger Mann im Zugabteil beginnt ein einem Taschenbuch zu lesen und „mit seinem Blick die Buchstaben entlang zu lecken“ (S. 21). Oder auch die Beobachtungsgabe: Deutsche versuchen, beim Niesen den Klang des „Hatschi“ nachzuahmen, während es bei den Japanern ein „Hakschon“ ist. Und die Missverständnisse, die sich interkulturell auftun können: Der einstmalige Freund K fragt nach dem Geheimnis der Protagonistin und will wissen, ob zwischen beiden ein Problem besteht. Die Protagonistin dagegen versteht die Frage anders und offenbart ein bisher niemandem mitgeteiltes Geschehnis - und zieht sich damit den Unmut des Freundes zu.

Mittwoch, 23. Februar 2011

„Schwager in Bordeaux“ von Yoko Tawada

Die Japanerin Yuna studiert in Hamburg und schreibt keine Romane, Erzählungen oder Gedichte. Yuna schreibt Ideogramme in ein kleines Notizbuch, die sie im Nachhinein wieder in eine Geschichte auflösen könnte, wenn sie denn wollte. Yuna erzählt über Hamburg, über Bordeaux, über ihre Freundinnen, Kolleginnen, Bekannte während sie einen Sprachurlaub in Bordeaux plant und schließlich auch antritt. Damit hat es sich eigentlich auch schon an relevanter Handlung. Viel wichtiger als das Was ist das Wie in dem traumwandlerischen Roman von Yoko Tawada. Denn die Erzählstruktur entspricht Yunas Eigenart, Geschehnisse in einem einzigen Ideogramm festzuhalten. Jedem Abschnitt von „Schwager in Bordeaux“ wird tatsächlich ein Ideogramm vorangestellt, das sich in den folgenden Zeilen in eine kleine Geschichte auflöst. Yuna hüpft von einem Gedanken zum nächsten, greift ein Stichwort auf und setzt in einem ganz neuen Setting wieder neu damit an.

„Schwager in Bordeaux“ von Yoko Tawada ist meines Wissens mit guten 200 Seiten das längste Werk der Autorin – und eine literarische Perle. Wunderbarer Wortwitz und Wortmalereien treffen auf kleine Absurditäten und eine Beobachtungsgabe, die wohl nur ein Fremder in einem neuen Kulturraum haben kann.

Da man die Sprache der Autorin Yoko Tawada nicht annähernd in umschreibende Worte fassen kann, nun einige kleine Kostproben aus „Schwager in Bordeaux“.

Das Wort Klempner:
„Yuna hatte eine Vorliebe für dieses Wort. Die Kraft einer Hand, die eine Metallstange biegt, war im Klang dieses Wortes enthalten. Auch der Widerstand der Metallstange, die nicht gebogen werden wollte, war aus dem Wort herauszuhören.“ (S. 20)
 Über Nebenwirkungen:
„Hierzulande redet man zuviel über Nebenwirkungen, als wäre es etwas Kriminelles. Dabei hat jede Sache eine Nebenwirkung: Trinkwasser hat auch eine Nebenwirkung. Die Ehe sowieso, aber vielleicht auch eine Freundschaft.“ (S. 43 f.)
Gestern dort, heute hier:
„Bedeutet das, dass gestern, also etwas, was man als gestern bezeichnet, dort ist? Ist dort wirklich ein Ort? Ist heute immer hier? Und was gibt es zwischen gestern und heute? Manche würden behaupten, zwischen hier und dort liege eine Nacht. Also jenseits der Nacht müsse noch eine andere Yuna weiterleben, die dort zurückgeblieben war. So vermehrte sie sich selbst bei jeder Nachtfahrt, und in jedem Zeitraum blieb ein Exemplar derselben Person zurück.“ (S. 64)
Beispiele für die Bildhaftigkeit der Sprache:
„Die Sonne schien senkrecht in die schmale Gasse hinein und leckte jede Ecke der beiden Häuserreihen mit ihrer rauen Zunge ab.“ (S. 144)
„Das Kind lief auf ihn zu, klammerte sich an sein rechtes Bein wie ein Koala an einen Eukalyptus.“ (S. 148)
Liebesbeziehung:
„Die Liebenden müssen dauerhaft einen Machtkampf führen, um das Ich-Ufer vor dem Angriff des Du-Sturms zu verteidigen.“ (S. 188)
Tod:
„Der Tod eines Körpers schein kein einmaliges Geschehen zu sein. Vielmehr bedeutet er für die Lebenden den Beginn einer Hellhörigkeit. Sie zwingt einen, in viele Gesichtsausdrücken, harmlosen Anekdoten und selbst in der Wortwahl einer Person eine Kette des Sterbens zu erkennen.“ (S. 199)
Ob es wohl Absicht war, auf dem Buchcover das Meer abzubilden, obwohl Yuna immer wieder insistiert, dass Bordeaux nicht am Meer liegt? Die einzelnen Episoden von „Schwager in Bordeaux“ schwappen jedenfalls wie kleine Wellen ans Ufer – und machen Sehnsucht nach einem literarischen Ausflug an dieses Meer des Geschichtenerzählens, in dem sich Worte wie kleine, wendige Fische tummeln.