Jedem Yukio Mishima-Einsteiger sei der Band „Gesammelte Erzählungen“ (auch erschienen als „Tod im Hochsommer“) sehr ans Herz gelegt. Er bietet ein sensationelles Preis-Leistungs-Verhältnis, da unter anderem die auch als Einzelpublikationen erschienen Erzählungen bzw. Kurzromane „Patriotismus“ und „Die Brandung“ enthalten sind.
Der Band startet mit der tragischen Erzählung „Tod im Hochsommer“: Die dreifache Mutter Tomoko verliert bei einem Badeunfall sowohl zwei ihrer Kinder als auch die Schwägerin, die den Nachwuchs eigentlich hätte beaufsichtigen sollen. Zum Schock gesellen sich Schuldgefühle; die Beziehung zu ihrem Mann leidet. Sie versucht sich an verschiedenen Strategien, um auf den Weg in die Normalität zurück zu finden.
„Drei Millionen Yen“ sind er Betrag, von dem Kenzo und seine Frau Kiyoko träumen. Noch leisten sich die beiden nur drei Kekse, die wie je ein eine Million Yen-Schein gestaltet sind. Vielleicht versprechen die Kekse den beiden Glück für den kommenden Abend, denn es scheint ein Auftrag zu winken, der sowohl etwas dubios, dafür aber auch lukrativ ist.
„Thermosflaschen“ spielen eine verräterische Rolle in Yukio Mishimas gleichnamiger Erzählung. Wieso hat der kleine Sohn von Kawase nur so eine Angst vor Thermoskannen?
In einer Zeit, in der die Erfindung von Thermoskannen noch lange nicht ansteht, spielt „Der Priester des Tempels in Shiga und seine Liebe“: Der tugendhafte Priester von Shiga hat dem Diesseits schon lange abgeschworen. Doch als er eine besonders liebreizende Hofdame des Kaisers erblickt, ist es um seinen kontemplativen Zustand geschehen. Alle Versuche, die Konkubine des Herrschers aus seinen Gedanken zu verdrängen, scheitern. Die Hofdame wiederum ist von ihrem diesseitigen Leben schon längst völlig übersättigt und glaubt wie der Priester an den Lotos-Buddhismus. Steht die verrückte Liebe dem Eingang ins buddhistische Paradies entgegen oder mag sie beiden den Weg dorthin ebnen?
Die zwei Geishas Koyumi und Kanako und die Gastwirtstochter Masako wollen in einer Vollmondnacht eine stille Prozession abhalten. In „Die sieben Brücken“ folgen die drei einem Aberglauben: Wer schweigend und betend sieben Brücken im nächtlichen Tokio überquert, dem geht ein Wunsch in Erfüllung. Masako wird von ihrer Mutter der Bauerntrampel Mina mit auf den Weg gegeben. Es stellt sich heraus, dass die sieben Brücken gar nicht so einfach zu passieren sind.
Yukio Mishimas „Patriotismus“ wirkt hinsichtlich des späteren Seppukus des Autors doppelt abstoßend: Im Jahr 1936 hat Leutnant Takeyama keine Teilhabe an einem missglückten Putschversuch seiner Kameraden. Seine Freunde hatten den seit kurzem vermählten Takeyama aus Rücksicht auf die frische Ehe nicht in den Plan eingeweiht. Doch nun soll Takeyama gegen die Kameraden vorgehen – eine ausweglose Situation für sein Ehrgefühl. Da bleibt ihm nur eines, um sowohl seinen Kameraden als auch seiner Pflicht treu ergeben zu bleiben: Takeyama beschließt, sich den Bauch aufzuschlitzen. Seine Ehefrau Reiko ist ihm derart ergeben, dass sie ihm in den Tod folgen wird. Bei der Lektüre drängt sich der Eindruck auf, dass Yukio Mishima mit „Patriotismus“ sein Idealbild des eigenen Todes skizziert hat. Da verwundert auch nicht, dass er selbst die Rolle des Takeyama in der Verfilmung (anzusehen z.B. hier auf Youtube) angenommen hat. Der Schwarz-Weiß-Film wird den bildhaften Schilderungen der Erzählung jedoch kaum gerecht. Mishima erzeugt im Kopf des Lesers weit drastischere Bilder, die man lieber wieder vergessen mag. Hier zeigt sich einerseits die Erzählkunst des Autors; andererseits offenbart sich seine Besessenheit von einer Todesästhetik, die man ganz weit von sich weisen mag.
Yukio Mishima, der zwar verheiratet war, dem aber auch homosexuelle Neigungen nachgesagt werden, schreibt mit „Der Onnagata“ über ein Thema, was in Japan Tradition hat: über die gleichgeschlechtliche Liebe zu einem Kabuki-Schauspieler. Der Onnagata Mangiku schlüpft als Kabuki-Darsteller in weibliche Rollen und benimmt sich auch in seiner Freizeit mehr wie eine Frau als ein Mann. Masuyama bewundert den Schauspieler schon seit langem und schließlich beginnt er sogar für das Theater zu arbeiten, in dem Mangiku engagiert ist. Als der junge Kawasaki als Regisseur für ein neues Stück eingestellt wird, bringt er nicht nur neuen Wind, sondern auch viel Missstimmung ins Theater. Masuyama obliegt es, zwischen dem modernen Regisseur und den traditionellen Kabuki-Schauspielern zu vermitteln. Keine leichte Aufgabe, insbesondere da überraschende Gefühle am Werke sind.
„Die Perle“ ist eine humorvolle Betrachtung der Beziehungen zwischen einigen reichen Damen und deren Intrigen. Auf der Geburtstagsfeier von Frau Sasaki kommt eine Perle abhanden. Eine der eingeladenen Damen hat sich da wohl einen bösen Scherz erlaubt, der alle Gäste gleichsam in die Bredouille bringen und das Beziehungsgeflecht der Damen untereinander beeinflussen wird.
Die Kurzgeschichte „Windeln“ umfasst nur sechs Seiten, fesselt aber vielleicht sogar mehr als einige längere Erzählung in dem Band: Toshiko wird Zeuge der überraschenden Niederkunft ihres neuen Hausmädchens. Das uneheliche Kind wird Toshikos Schicksal bestimmen.
„Die Brandung“ ist eher Roman als Erzählung. Yukio Mishima adaptiert hier die klassisch-griechische Liebesgeschichte von Daphnis und Chloe: In den 50er Jahren lebt der 18-jährige Halbwaise Shinji zusammen mit Mutter und Bruder auf der Fischerinsel Uta-jima. Als die schöne Hatsue auf die Insel zu ihrem Vater zurückkehrt, verliebt sich Shinji zum ersten Mal. Für die Inselbewohner ist klar, dass Hatsue bald verheiratet werden soll. Wer würde da besser passen, als Yasuo, der sich immer exzellent in Szene zu setzen weiß, aber eigentlich ein recht fauler Hund ist. Der stille, arme Shinji erscheint überhaupt nicht auf dem Radar der Erwachsenen als potenzieller Partner von Hatsue. Doch Hatsue findet dafür umso mehr Gefallen an Shinji. Jedoch bleiben die amourösen Gefühle der beiden nicht unentdeckt. Hatsues Vater, eine graue Eminenz der Insel, bestraft seine Tochter mit Stubenarrest. Trotz aller Repressalien bleiben sich die beiden Liebenden treu. Ob ihnen ein Happy End vergönnt sein wird?
Yukio Mishima zeigt sich in „Gesammelte Erzählungen“ als ein Autor, der der Atmosphäre eine Dichte geben kann, die fast schon – wie in „Patriotismus“ – unerträglich werden kann. Teilweise wirken seine Darstellungen extrem überästhetisiert, teilweise kann man sich in die Beschreibungen bestens einfühlen. Eine gewisse Ambivalenz empfindet man ob Mishimas Biographie und Lebenseinstellung an vielen Stellen des Bandes – was die Lektüre aber sicherlich bereichert und für die Auswahl der Werke spricht.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Gesammelte Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Hengst, Ulla bzw. Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar & Uslar, Gerda v.), Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-498-09280-4
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Sonntag, 22. Februar 2015
Montag, 28. Juli 2014
„Patriotismus“ von Yukio Mishima
In Anbetracht von Yukio Mishimas Tod durch Seppuku nach einem misslungenen (Pseudo-)Putschversuch stellen sich einem bei der Lektüre von „Patriotismus“ umso mehr die Nackenhaare auf. Denn auf gewisse Weise nimmt die Erzählung Yukio Mishimas eigenes Schicksal vorweg und sie zeichnet ein Bild vor, wie der Autor sich einen erhabenen Selbstmord aus Lauterkeit und Soldatenehre vorstellt:
Wir schreiben das Jahr 1936, mit dem „2-26-Zwischenfall“ ist ein Putschversuch von konservativen Militärs im Gange. Der Leutnant Shinji Takeyama ist nicht von der Partie – seine Kameraden hatten den verheirateten Soldaten vom Umsturz ausgeschlossen und so trifft es ihn besonders hart, dass der Befehl ergeht, gegen die Freunde militärisch vorzugehen. Shinji Takeyama ist nun zum Äußersten entschlossen – seine Treue gilt den Kameraden und der Aufrichtigkeit und daher bleibt ihm nur der Selbstmord. Seine ihm treu ergebene Ehefrau Reiko geht mit ihm in den Tod, weil sie sich dazu als Soldatenfrau verpflichtet fühlt.
Yukio Mishima zeichnet die letzten Stunden des zum Selbstmord entschlossenen Ehepaars nach. Während draußen tödliche Gefechte toben, ergeben sich Shinji und Reiko ein letztes, rauschendes Mal in den „petite mort“, um sich schließlich selbst zu richten. Insbesondere Shinjis bluttriefendes Ende wird sehr detailliert beschrieben, worauf ich dann doch lieber verzichtet hätte.
Auch die Schilderungen rund um die Shinjis „Erziehungsmaßnahmen“, Reiko den Geist einer gehorsamen Soldatenfrau einzubläuen, die ohne Weiteres ihr Leben drangibt, wirken heutzutage befremdlich bis abstoßend.
Yukio Mishima schildert in „Patriotismus“ den überästhetisierten Heldentod seines Protagonisten, der in einer Blut- und Kotzorgie mündet. Die Epauletten blinken, die Körper der makellosen Liebenden strahlen und die geistige Tadellosigkeit wird hochstilisiert. Von Yukio Mishimas Standpunkt mag das Schicksal des Paares Vorbildcharakter haben – doch wirkt seine Erzählung heutzutage eher wie eine Groteske. Gott sei Dank wie eine Groteske...
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Patriotismus“ (Übersetzung: Hengst, Ulla & Teichmann, Wulf), Alexander Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-923854-35-8
Wir schreiben das Jahr 1936, mit dem „2-26-Zwischenfall“ ist ein Putschversuch von konservativen Militärs im Gange. Der Leutnant Shinji Takeyama ist nicht von der Partie – seine Kameraden hatten den verheirateten Soldaten vom Umsturz ausgeschlossen und so trifft es ihn besonders hart, dass der Befehl ergeht, gegen die Freunde militärisch vorzugehen. Shinji Takeyama ist nun zum Äußersten entschlossen – seine Treue gilt den Kameraden und der Aufrichtigkeit und daher bleibt ihm nur der Selbstmord. Seine ihm treu ergebene Ehefrau Reiko geht mit ihm in den Tod, weil sie sich dazu als Soldatenfrau verpflichtet fühlt.
Yukio Mishima zeichnet die letzten Stunden des zum Selbstmord entschlossenen Ehepaars nach. Während draußen tödliche Gefechte toben, ergeben sich Shinji und Reiko ein letztes, rauschendes Mal in den „petite mort“, um sich schließlich selbst zu richten. Insbesondere Shinjis bluttriefendes Ende wird sehr detailliert beschrieben, worauf ich dann doch lieber verzichtet hätte.
Auch die Schilderungen rund um die Shinjis „Erziehungsmaßnahmen“, Reiko den Geist einer gehorsamen Soldatenfrau einzubläuen, die ohne Weiteres ihr Leben drangibt, wirken heutzutage befremdlich bis abstoßend.
Yukio Mishima schildert in „Patriotismus“ den überästhetisierten Heldentod seines Protagonisten, der in einer Blut- und Kotzorgie mündet. Die Epauletten blinken, die Körper der makellosen Liebenden strahlen und die geistige Tadellosigkeit wird hochstilisiert. Von Yukio Mishimas Standpunkt mag das Schicksal des Paares Vorbildcharakter haben – doch wirkt seine Erzählung heutzutage eher wie eine Groteske. Gott sei Dank wie eine Groteske...
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Patriotismus“ (Übersetzung: Hengst, Ulla & Teichmann, Wulf), Alexander Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-923854-35-8
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30er,
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Yukio Mishima
Donnerstag, 23. Januar 2014
„Blüten im Wind“ herausgegeben von Barbara Yoshida-Krafft
17 Essays von 16 Autoren versammelt Barbara Yoshida-Krafft in dem Band „Blüten im Wind“. In ihrem Vorwort beschreibt die Herausgeberin die Funktion des japanischen Essays:
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
„Wenn der Essay Erinnerung wachruft – und er tut es häufig – gerinnt die Erinnerung des einen Autors zur Erinnerung aller. Der Essay [ist] also auch das Gedächtnis der Nation.“ (S. 19)
Die Essays erinnern an tagebuchartige Einträge oder beschreiben längst vergangene Situationen. Die Texte wirken wie frei erzählt, sollen sie doch einem echten, spontanen Gefühl entsprechen und nicht streng durchkomponiert erscheinen. So sind die japanischen Essays ein Tor zum Leben der Autoren, da sie sehr viele autobiographische Informationen enthalten.
So erzählt der 94-jährige Maler Seifu Tsuda in der „Plauderei eines Langlebigen“ über seinen Alltag: Wie er frühstückt, wie er die Zeitung, zu allererst die Todesanzeigen, liest und dabei stolz auf sein hohes Alter ist. Dass er Ringkämpfe liebt, komplizierte Bücher dagegen gar nicht. Auch auf das Malen kommt er zu sprechen: Die Natur bildlich abzubilden ist seine Leidenschaft. Der Methusalem beendet seinen Essay mit:
„Im Fallen noch bleibt die weiße Päonie schön.“ (S. 31)
Im hohen Alter von 98 Jahren sollte Seifu Tsuda schließlich selbst sterben.
Ebenfalls auf Blumen bezieht sich der Universitätsprofessor und Essayist Takaki Okubo in „Kosmeen im Parc de Bagatelle“. Mitten in Europa, im Pariser Parc de Bagatelle, findet sich Takaki Okubo ganz überraschend im japanischen Herbst wieder. Nachdem er die verschwenderische Blumenanpflanzung bewundert, steht er plötzlich vor Kosmeen, die für ihn Wehmut und Stille repräsentieren. Von den Blumen kommt der Autor auf das ausgeprägte Jahreszeitverständnis der Japaner zu sprechen.
Der Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata ist mit „Im Schein der Öllampe“ in „Blüten im Wind“ vertreten. Der Essay gewährt einen intimen Einblick in das Familienleben des Autors, als er zusammen mit seinem kranken Großvater lebte; dasselbe Thema, dem sich Yasunari Kawabata auch in der Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ gewidmet hat.
Über die „Leiden der Literatur“ schreibt Kazumi Takahashi. Wie der Titel impliziert, ist der Essay von einer sehr negativen Stimmung geprägt. So schreibt der Autor:
„Die Luft der Realität ist zu befleckt, mit allzuviel Lärm erfüllt, mit zu vielen Bedingungen erschwert, als dass auch nur ein schwacher Ausdruck der dunklen Seite des Herzens zustandekommen könnte.“ (S. 48)
Hier bezieht sich Kazumi Takahashi auf die Vorwürfe, die sich Kan Kikuchi nach dem Selbstmord seines Freundes Ryunosuke Akutagawa machte. Doch auch Kazumi Takahashi liebäugelt des nächtens hin und wieder mit dem Gedanken an den Freitod, während er sich tagsüber seinen Studenten als würdevollen Dozenten präsentiert. Kazumi Takahashi offenbart in dem sehr persönlichen Essay seine dunkle Seite und spricht davon, dass er innerlich verdorrt ist und er sein bisheriges Leben so nicht weiterleben kann. Er hadert mit der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, die seinen Geist verderben.
In „Mit 18 und mit 34 Jahren – zwei Porträts“ schreibt Yukio Mishima über zwei seiner Lebensphasen. Mit 18 schwebt der Tod wie ein Schreckensgespenst über Yukio Mishima und seinen Mitschülern – der zweite Weltkrieg tobt und die jungen Männer rechnen fest damit, ihr leben lassen zu müssen. So fügt sich Yukio Mishima auch dem Wunsch seines Vaters, Jura zu studieren. Er glaubt ohnehin, dass sein Leben nicht von allzu langer Dauer sein wird. Mit Leib und Seele ist Yukio Mishima bereits Literat: Er gibt zusammen mit anderen eine Literaturzeitschrift heraus, verschlingt Romane anderer Autoren, an denen er vor allem die Metaphern bewundert und liebt es, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben. Mit 34 wirkt die Selbstbeschreibung weniger schmeichelhaft, wenn auch selbstironisch: Der Autor ist recht selbstverliebt und hat die intellektuellen Vorlieben gegen Unterhaltungsfilme und Beef Steaks eingetauscht. Auch das Thema des Todes behandelt er in seinem Essay: Bevor ihn eine Krankheit dahinrafft, möchte er lieber von einem Gewehrschuss getötet werden. Bereit ist er nicht für den Tod, er räumt jedoch ein:
„Und doch ist der Todesgedanke die süßeste Mutter meiner Arbeit.“ (S. 58)
Shohei Ooka illustriert in „Erinnerung an Schnee“ nicht irgendwelche Gedanken an die weiße Pracht. Er geht auf seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Putschversuch vom 26. Februar 1936 ein, als Teile des Militärs die Macht an sich reißen wollten. Die Ruhe eines Schneetages wirkte an jenem verschneiten Februar doppelt dicht. Straßensperren legten den Verkehr still, die Menschen mussten teilweise ihre Wohnungen räumen. Kurz nach dem Coup d’Etat verließ Shohei Ooka Tokio Richtung Kamakura – die Hauptstadt war ihm verleidet…
Shohei Ooka begegnet dem Leser in Tsuneari Fukudas Essay „Teufel“ gleich nochmals. Dem schlafmittelabhängigen Fukuda entlockte Ooka so manches Geheimnis, nachdem Erster seine Medikamente eingenommen hatte. Ohne sich an die eigenen Enthüllungen erinnern zu können, harrt Fukuda den Veröffentlichungen von Ooka und hofft, nicht darin entblößt zu werden.
Über Musik handeln die Essays „Ein Ton“ von Toru Takemitsu und „Gesang der Rheintöchter – an einem Regentag“ von Hidekazu Yoshida. Der Komponist Toru Takemitsu philosophiert über den Ton und die Pause in der japanischen Musik und ihren Gegensatz zur westlichen. Auch der Musikkritiker Hidekazu Yoshida plaudert amüsant über westliche Musik. Da kommt insbesondere die deutsche Klassik nicht besonders gut weg: So beschwört Hidekazu Yoshida gern das Bild des Nebels in deutschen Wäldern und die Sehnsucht nach der Sonne des Südens, die er aus Brahms und Wagner heraushören will. Von Hidekazu Yoshida ist mit „Nakahara Chuya – ein Dichterporträt“ ein zweiter Essay in „Blüten im Wind“ enthalten. Als Student mietet sich Hidekazu Yoshida bei einem Professor ein, über den er den Dichter Chuya Nakahara kennenlernt. Er zieht zusammen mit dem Lyriker um die Häuser, übernachtet bei ihm und lässt sich von ihm Französisch beibringen. Anhand von eingeflochtenen Gedichten von Chuya Nakahara beschreibt er den Charakter des Dichters und weist insbesondere auch die Tragik um den Tod von Chuya Nakaharas Kind hin, der bereits seinen Schatten auf den baldigen Tod des Dichters selbst warf.
Chiyo Uno gesteht in „Der richtige Moment“, dass ihr im Alter von 40 Jahren die Erkenntnis kam, dass sie kein Talent hatte, bei den Lesern wahres Interesse für die Handlungen ihrer Werke zu wecken. Darüber hinaus gewährt die Autorin dem Leser einen Einblick in ihre ganz persönliche Schreibpraxis.
Minako Oba erzählt von ihren „Erinnerungen an die ‚Geschichte vom Prinzen Genji’“: So war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs fast nur klassische Literatur zu bekommen und Minako Oba begann also als Teenager die „Geschichte vom Prinzen Genji“ zu lesen und zu lieben. Obwohl sich die Autorin mehr und mehr der europäischen Literatur zuwandte, blieb der höfische Roman doch stets ein Wegbegleiter, sogar bis in die USA.
Auch Takako Takahashi, die Ehefrau von Kazumi Takahashi, berichtet über den Schreibprozess, in dem sie besonderes Augenmerk auf „Das Haus als Schauplatz der Erzählung“ legt. Bereits in der Entwurfphase stellt sich die Schriftstellerin genau vor, in welchen Räumlichkeiten die Handlung ablaufen wird. Ob dies wohl daran liegt, dass sie selbst in einem großen Haus aufgewachsen ist?
Der Druckgraphiker und Künstler Masuo Ikeda spricht in „Das Morgen gestalten“ von seinen anfänglichen Minderwertigkeitskomplexen, „nur“ ein Druckgraphiker zu sein, und präsentiert sein derzeitiges Selbstverständnis.
Mit Shuichi Katos „William Turner und England“ wird ein kunstgeschichtlicher Essay präsentiert. Der Autor hüpft von Constable zu Shakespeare, um dann bei Monet zu landen und mit Turner zu vergleichen.
Um Kunst und Antiquitäten geht es auch in Hideo Kobayashis „Echtes und Gefälschtes“. Mit amüsiertem und amüsierenden Blick werden die Sammelleidenschaft porträtiert und psychologische Effekte dargestellt, wenn sich eine Antiquität als Fälschung herausstellen sollte.
Ryoichi Ikushima schreibt in „Über No als empirisches Erlebnis“, dass sich für ihn im No der japanische Schönheitssinn am vollkommensten offenbart. Als Metapher für das Raffinement gelten ihm die weißen Tabi der No-Meister. Zudem geht Ryoichi Ikushima auf die Macht ein, die in den No-Masken inne zu wohnen scheint.
Ich gebe zu, dass Essays nicht gerade meine Lieblingslektüre sind. Jedoch gelingt es Barbara Yoshida-Krafft, den Leser für das Genre zu begeistern. Die Auswahl der Essays ist sehr gelungen, das Vorwort aufschlussreich und insbesondere die Anmerkungen zu den Autoren stellen die Werke nochmals in einen Sinnzusammenhang. Auf diesem Wege werden nicht nur einzelne Essays präsentiert, sondern die intimen Werke mit dem Werdegang der Autoren verknüpft. So kann sogar ich mich für Essays begeistern!
Bibliographische Angaben:
Yoshida-Krafft, Barbara (Hrsg.): „Blüten im Wind“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Edition Erdmann, Tübingen 1981, ISBN 3-88639-506-5
Montag, 31. Dezember 2012
„Die Hand des Riesen“ von Otohiko Kaga
In „Die Hand des Riesen“ verflechtet Otohiko Kaga Japans Kapitulation, den Kyujo-Vorfall und den Putschversuch vom 26. Februar 1936 (2-26-Vorfall) mit der Beschreibung des Alltags in einer Militärakademie während der letzten Kriegsjahre und des Bombenhagels auf Tokio.
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.
Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.
Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.
Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.
Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?
„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar.
Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.
Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8
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