Seiichi Funabashis „Das Mädchen Tsunako“ hat mich ehrlich gesagt etwas ratlos zurückgelassen. Was wollte der Autor mit seinem Werk denn aussagen? Die Handlung ist relativ schnell umrissen: Die neunjährige Tsunako ist vernarrt in ihre hübsche Tante Iseko. Und diese wiederum ist unglücklich verliebt in den Geschäftsmann Izuminaka. Obwohl er Iseko die Heirat versprochen hat, ehelicht er eine ehemalige Geisha, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Trotzdem führt Iseko die unglückliche Liaison fort, bis sie in einem Badeort Selbstmord begeht.
Jahre später ist Tsunako, die ihrer Tante sehr ähnlich sieht, zur jungen Frau gereift und wird nun selbst zum Objekt der Begierde für Izuminaka. Zunächst scheint es so, als ob Tsunako ihm den Tod der Lieblingstante übel nimmt, doch schließlich ist sie Wachs in seinen Händen. Sehr zum Ärgernis ihrer Eltern und Izuminakas Ehefrau.
Wenn man so möchte, zeigt Seiichi Funabashi hier den Zusammenprall von Moral und sexuellen Begierden. Doch als Hauptbotschaft des Romans aus den 60er Jahren erscheint mir dies zu implizit eingeflochten in die Handlung. Ohnehin werden einem die Motivationen von Tsunako nicht wirklich klar: Erst will sie sich an Izuminaka für Isekos Tod rächen, dann ist sie so von seiner „Würde“ angetan, freut sich, der „Wolllust“ mit Izuminaka zu frönen, verspricht den Eltern Gehorsam, nur um dem Versprechen im nächsten Moment zuwider zu handeln… Ohnehin mag man dem Autor, der die Handlung primär aus Tsunakos Sicht voran treibt, unterstellen, sich einer sehr platten Sicht der weiblichen Perspektive zu bedienen. Für ihn scheint auf der Hand zu liegen, dass die Frau die passive und der Mann die aktive Rolle in einer Beziehung inne haben und dass Frauen ganz grundsätzlich dazu neigen, permanent ihre Meinung zu ändern. Letzteres spiegelt sich tatsächlich in dem Verhalten von Tsunako wieder. Andererseits ist dies freilich ein top Argument für den Autor, Tsunakos Gedankengänge nicht nachvollziehbar darstellen zu müssen. Letzteres ist sicherlich eine gemeine Unterstellung meinerseits, aber aus heutiger Sicht wirken solche geschlechterspezifischen Allgemeinplätze nun mal antiquiert.
Der Originaltitel von „Das Mädchen Tsunako“ lautet „Eine Frau aus der Ferne“. Dies mag implizieren, dass Iseko als Bezugsperson immer weiter in die Ferne rückt und nicht weiter das Schicksal von Tsunako und Izuminaka beeinflusst. Dass Iseko kurz vor ihrem Tod das Tagebuch der unangepasst lebenden Hofdame Murasaki Shikibu gelesen hat, kann auch darauf hinweisen, dass aus der Ferne der Zeit Moral weniger wichtig erscheint als die wahre Liebe. Doch trotzdem werde ich nicht schlau aus dem Roman: Ist Seiichi Funabashi ein Verfechter der freien Liebe? Pfeift er auf Moralvorstellungen und die konfuzianische Pietät? Will er zeigen, dass eine jüngere Frauengeneration weniger verletzlich ist als ältere Generationen? Oder dass kein Kraut gegen die Liebe gewachsen ist?
Bibliographische Angaben:
Funabashi, Seiichi: „Das Mädchen Tsunako“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Horst Erdmann, Tübingen/Basel 1967
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Dienstag, 13. August 2013
Montag, 12. August 2013
Seiichi Funabashi
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| Seiichi Funabashi (Creative Commons Lizenz) |
Schon als Oberschüler schrieb er erste Theaterstücke und später beteiligte er sich an der Shingeki-Bewegung. 1934 erschien Seiichi Funabashis erster Roman „Tauchen“ in der liberalen Zeitschrift Kodo. 1940 trat er der staatlich geförderten „Literaturfront“ bei, der mehr als 40 populäre Autoren angehörten, um die Kriegsmoral literarisch zu unterstützen. Er hielt zudem Vorlesungen an der Takushoku- und der Meiji-Universität.
1949 wurde er Teil des Auswahlkomitees des Akutagawa-Preises. 1964 erhielt er den Mainichi-Preis; 1966 wurde er Mitglied der japanischen Künstlerakademie. Ein Jahr später gewann er den Noma-Preis.
Da sein Augenlicht immer schlechter wurde, musste Seiichi Funabashi ab 1966 seine Werke diktieren. Zehn Jahre später starb er an einem Herzinfarkt.
Interessante Links:
- In diesem Fall leider nur: Wikipedia
Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Romane und hier rezensiert:
Dienstag, 5. Februar 2013
„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider
„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.
Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.
Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.
Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.
Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.
Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.
Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.
Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.
Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.
„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?
Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.
Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.
„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.
In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.
Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.
Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978
Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.
Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.
Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.
Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.
Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.
Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.
Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.
Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.
„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?
Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.
Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.
„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.
In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.
Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.
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Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978
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