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Sonntag, 2. März 2014

„Meine Tochter und ich I & II“ von Bunroku Shishi

„Die Helden dieses Buches sind keine am Schreibtisch ausgedachten Persönlichkeiten, sondern Menschen, die Japan gelebt haben oder noch leben. Ihr tägliches Einerlei, ihre Freuden und Sorgen, ihr Lachen und Weinen – dem Leser ist es, als ob es sich vor seinen eigenen Augen abspielte.“ (Teil I, S. 293)

So erläutert Wilhelm Schiffer den Grund, warum die Japanisch-Deutsche Gesellschaft in Tokio in den 60er Jahren Bunroku Shishis autobiographisches Werk „Meine Tochter und ich“ in deutscher Übersetzung veröffentlichte. In den 50er Jahren erschien Bunroku Shishis Rückblick auf sein Familienleben erstmalig als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Shufo no Tomo“. Die Vornamen seiner Frauen und seiner Tochter weichen zwar von der Wirklichkeit ab, aber man darf annehmen, dass die Handlung sehr nah an den realen Begebenheiten angesiedelt ist.

In selbstironischem Ton beginnt Bunroku Shishi seinen Roman mit der Schilderung der Geburt seiner Tochter, die er hier Mari nennt. Seine erste Ehefrau ist die Französin Helene, die er in Frankreich kennengelernt hatte und – wegen der Schwangerschaft – ehelichte. Hochschwanger kehrt Helene mit dem Ich-Erzähler nach Japan zurück. Helene ist recht anspruchslos, freundet sich mit dem japanischen Essen an und lebt mit ihrem Ehemann beengt in einer kleinen Wohnung. Doch um ihre Gesundheit ist es bald nicht mehr allzu gut bestellt: Bunroku Shishi beschließt, sie zur Pflege zurück nach Frankreich zu bringen. Seine kleine Tochter Mari bleibt zwischenzeitlich bei seiner Schwester in Korea. Mari ist derweil recht unbeeindruckt davon, dass sie vom Vater zeitweilig und von der Mutter längerfristig getrennt  wird. Ohnehin benimmt die Kleine sich manchmal eher wie ein raubeiniger kleiner Junge als ein zartes Mädchen.

Für Bunroku Sishi ist die Erziehung von Mari kein Leichtes. Wenn er sie um sich hat, kann er nicht Schreiben und nimmt daher kein Geld ein. Hat er kein Geld, kann er Mari niemandem in die Obhut geben. So erlebt der alleinerziehende Autor einen Teufelskreis, aus dem er zunächst keinen Ausweg findet. Nach dem Tod von Helene beschließt er erneut zu heiraten. Freilich strebt er keine Liebesheirat an – er ist auf der Suche nach einer Mutter für Mari. In der geschiedenen Lehrerin Chizuko glaubt er die geeignete Kandidatin zu finden. Doch aller Anfang ist schwer: Einstweilen empfindet Bunroku Shishi gar eine große Abneigung gegenüber seiner zweiten Frau und Mari tanzt ihr auf der Nase herum. Der Ich-Erzähler kommt nicht umhin, seine neue Ehefrau Chizuko permanent mit seiner ersten Ehefrau Helene zu vergleichen. Doch als Chizuko ihren Wunsch nach einem eigenen Kind aufgeben muss, entspannt sich die Situation.

Das Familienleben pendelt sich zwar nun ein, aber die Zeiten werden stürmischer: Der zweite Weltkrieg beginnt und der Autor schreibt mit „Die Marine“ einen Roman, den die US-amerikanischen Besatzer ihm später ankreiden werden. Die Familie erlebt die letzten Kriegsmonate auf dem Land, um dem Bombenhagel in Tokio zu entgehen. Aufgrund der Wohnungsnot zieht die kleine Familie nach Kriegsende in Chizukos Heimat, nach Shikoku. Dort erlebt Bunroku Shishi eine überraschend angenehme Zeit: Die Lebensmittellage ist weit weniger prekär und in der Gemeinschaft ist er gern gesehen. Doch Mari wird es bald zu fade auf dem Land; sie will zurück nach Tokio. Doch noch ist das Leben in der japanischen Hauptstadt schwierig: Die Lebensmittel sind genauso wie die Wohnungen knapp. Zudem gehen Gerüchte um: Wird Bunroku Shishi wegen seinem Werk „Die Marine“ der Prozess gemacht? Droht im gar die Todesstrafe?

„Meine Tochter und ich“ beginnt in den 20er Jahren und endet in den 50ern. Über weite Passagen illustriert der Autor primär seinen Alltag; die Handlung ist daher nur mäßig spannend. Der Wert des Werks liegt sicherlich mehr in der Schilderung der generellen Lebensumstände und öffnet die Türen in eine andere Kultur und in eine andere Zeit: Der Leser erlebt die Eheanbahnung auf Japanisch, die Sommerfrische am Strand, die lustigen Witwen vor dem Weltkrieg, die immer schwieriger werdende Lage während des Kriegs, die Besatzung durch die USA und die langsame Rückkehr zur Normalität. Die Schreibeweise von Bunroku Shishi wirkt süffisant, doch zwischendurch nerven die ständigen Betonungen, wie faul und bequem er doch sei. Auch nimmt man dem Autor seine Armut nicht ganz ab – so kann er eine Bedienstete bezahlen und im Sommer ans Meer fahren. Hier werden die Lebensumstände sicherlich überzeichnet dargestellt. Nichtsdestotrotz bietet das zweibändige Werk einen interessanten und dennoch kurzweiligen Einblick in das Japan der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Bibliographische Angaben:
Shishi, Bunroku: „Meine Tochter und ich I“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Konami, Hirao und Schiffer, Wilhelm), Die Japanisch-Deutsche Gesellschaft e.V., Tokio 1967
Shishi, Bunroku: „Meine Tochter und ich II“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Konami, Hirao und Schiffer, Wilhelm), Die Japanisch-Deutsche Gesellschaft e.V., Tokio 1968

Donnerstag, 14. März 2013

„Die Sieben Rosen von Tokyo“ von Hisashi Inoue

Auf über 650 Seiten verfolgt der Leser in Hisashi Inoues „Die Sieben Rosen von Tokyo“ die fiktiven Tagebucheinträge des Fächermachers Shinsuke. Am 25. April 1945 beginnt das Tagebuch, als Shinsukes Familie noch vollzählig in Nezu versammelt ist. Die Entbehrungen während des Kriegs sind groß, was sich auch auf die bevorstehende Hochzeit seiner ältesten Tochter Kinuko auswirkt. Sie kann sich einen Hochzeitskimono ausleihen, auf eine Hochzeitsperücke muss sie allerdings verzichten – die Leihperücken wurden allesamt für Truppentheater requiriert. Doch immerhin sorgt die Familie des Bräutigams dank diverser Schwarzmarktaktivitäten für ein Festmahl, das für die schwierigen Kriegszeiten außerordentlich reichhaltig ausfällt. Ohnehin kann Kinuko froh sein, überhaupt einen Ehemann zu finden, wenn alle jungen Männer als Soldaten an die Front geschickt werden.

Doch der nächste ernste Luftangriff auf Tokio lässt leider nicht lange auf sich warten und fordert viele Opfer in Shinsukes Familie. Der etwas trottelige Shinsuke ist auch weiterhin nicht gerade von Glück gesegnet. Sein frecher Sohn brockt Shinsuke den Abtransport der Fäkalien der Gemeinde ein. Und schließlich wird er gar als Volksverräter denunziert, da es jemand auf sein rares Motordreirad abgesehen hat. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Japan bereits bedingungslos kapituliert und die einstmals verhassten Amerikaner werden nun von seinen Mitbürgern fasst schon vergöttert. Insbesondere Shinsukes Töchter scheinen auf sehr vertrautem Fuße mit einigen einflussreichen US-amerikanischen Militärs zu stehen und versorgen die Familie mit wertvollen Nahrungsmitteln aus den Beständen der ehemaligen Feinde, während in Tokio täglich viele andere Menschen verhungern.

Dass die Töchter sich mit den Amis abgeben, ist Shinsuke ein riesiger Dorn im Auge. Eine treibt sich dann ausgerechnet noch mit dem Sprachwissenschaftler Hall herum, der die japanische Schrift durch das Alphabet ersetzen will. Wenn das nicht einmal die größte Unverfrorenheit der Besatzer ist! Dem muss Shinsuke unbedingt entgegen wirken.

Zwar sorgt die Vereitelung von Halls Alphabetisierungsplänen gegen Ende von „Die Sieben Rosen von Tokyo“ für Spannung, doch über weite Passagen des Romans wird der Alltag während der letzten Kriegsmonate und der ersten Nachkriegsmonate mit den flankierenden Umwälzungen dargestellt: Was tun, wenn die Toilette nicht mehr regelmäßig entleert wird? Wie erfolgt die tägliche Hygiene? Welche Art von Genussmittel steht überhaupt noch zur Verfügung? Wie kommt man an Schwarzmarktware?

Und wie schnell ändern die Menschen ihre politischen Überzeugungen? Wie begehrt die Jugend auf? Und wieso wollen sich die Frauen nach der Kapitulation nicht weiterhin bevormunden lassen?

„Die Sieben Rosen von Tokyo“ gilt als Hisashi Inoues Hauptwerk. 17 Jahre schrieb er an dem Roman, der ursprünglich auf nur einige wenige Folgen, die in der Bungei Shunju erscheinen sollten, ausgelegt war. „Die Sieben Rosen von Tokyo“ schildert auf charmante Weise den kargen (Nach-)Kriegsalltag, während der gebeutelte Shinsuke auf Slapstick-Art durch Tokio stolpert. Dieser Erzählstil, so erfährt man aus einem Hisashi Inoue-Zitat im Nachwort, ist typisch für den Autor:

„Ich möchte Kompliziertes einfach, Einfaches tief, Tiefes lustig und Lustiges ernsthaft beschreiben.“ (S. 653)

Bibliographische Angaben:
Inoue, Hisashi: „Die Sieben Rosen von Tokyo“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-917-7

Samstag, 20. August 2011

„Der Sommer an jenem Tag“ von Kazuko Saegusa

Kazuko Saegusas Roman „Der Sommer an jenem Tag“ setzt am 15. August 1945 ein: Die 15- bis 16-jährigen Schülerinnen verrichten ihren Kriegsdienst mit der Nähmaschine, um Uniformen herzustellen, als ihnen befohlen wird, sich um zwölf Uhr in der Aula einzufinden: Das erste Mal in ihrem Leben werden sie die Stimme des japanischen Kaisers hören, der die Kapitulation Japans verkünden wird. Von der „Stunde Null“ der japanischen Geschichte erzählt die 16-jährige Schülerin Takako, die der Leser bis zum 24. August begleitet.

Von Tag zu Tag fällt von Takako und ihren Mitschülerinnen die „Besessenheit“ ab. Bis zum Schluss waren sie der Überzeugung, der Krieg sei zu gewinnen, wenn das ganze Volk nur zusammenhielte. Sie erfahren nach und nach von den verheerenden Atombombenwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Und sie machen die Erfahrung, dass alle Not und Entbehrung, die während des Krieges noch von edlem Charakter waren, nun nur noch ein Zeichen des blanken Überlebens sind.

Takako reflektiert dabei aber auch über die Rolle der Frau im Krieg. Wie sie sich als nutzlos und zeitrangig fühlte, da sie nicht wie ein Soldat ins Feld ziehen konnte. Und wie groß ihre Freude war, zum Arbeitsdienst herangezogen zu werden, um auch einen Beitrag leisten zu können. Doch auch nach dem Krieg soll sie nun den heimkehrenden Soldaten die Ehre beweisen – dem Engagement der Frauen wird wiederum keinerlei Beachtung zu teil. Mehr noch: Am eigenen Leib erfährt sie die Verrohung der Soldaten durch den Krieg, die die hochgehaltenen, edlen Ideale als Farce erscheinen lassen.

Kazuko Taegusa schildert in einer schmucklosen, einfachen Sprache, wie die Kapitulation ganz langsam ins Bewusstsein der Menschen dringt, wie der Alltag ins Wanken gerät und sich die Protagonisten neu verorten müssen. Ausschnitte von "Der Sommer an jenem Tag" wurden aufgrund der Eindrücklichkeit des Werkes sogar in Oberschullesebücher aufgenommen.

Mittwoch, 29. Juni 2011

„Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe

Das Setting von „Und plötzlich stumm“ von Kenzaburo Oe, dem „Autor aus der Peripherie", ist ein typisches: Ein abgelegenes japanisches Bergdorf. Die ländliche Idylle wird gestört, als US-Soldaten inklusive eines Übersetzers im Jahr 1945 kurz nach Kriegsende das Dorf durchqueren. Dies ist das erste Zusammentreffen mit der Besatzungsmacht, die Stimmung ist angespannt, die Frauen sind auf einem Bergkamm vor Übergriffen in Sicherheit gebracht worden. Die Begegnung scheint gut zu verlaufen, bis eine Kleinigkeit eine fatale Entwicklung heraufbeschwört.

Die Handlung von „Und plötzlich stumm“ geht unter die Haut: Einem Außenseiter gelingt es, die Situation eskalieren zu lassen. Und dennoch scheint das Schweigen mehr Macht zu besitzen als die Gewehre von Soldaten.

Kenzaburo Oes Erzählung „Und plötzlich stumm“ aus dem Jahr 1958 umfasst nur 31 Seiten und lohnt sich als Anschaffung daher eher für Oe-Fans und Liebhaber toller Druckwaren: Das wunderschön gestaltete Büchlein wird von einem Bambusmotiv auf dem Umschlag und einem Transparentpapier im Innenteil geziert.