Mit dem letzten Teil „Die Todesmale des Engels“ beendet Yukio Mishima nicht nur seine Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“ (nach „Schnee im Frühling“, „Unter dem Sturmgott“ und „Der Tempel der Morgendämmerung“). Das Werk war zugleich sein letztes, bevor er wie Isao einen absurden Aufstand anzettelte und dann Seppuku beging.
Der Titel die „Todesmale des Engels“ rekurriert auf den buddhistischen Glauben: Auch hier gibt es Engel, die zum Sterben verurteilt sind, wenn gewisse Male an ihnen auftreten.
Honda ist inzwischen über 70 und fragt sich, wann auch seine Lebenszeit abgelaufen sein mag. Seine Ehefrau Rie ist zwischenzeitlich gestorben und er verbringt freundschaftliche Zeit mit seiner ehemaligen Nachbarin Keiko. Bei einem gemeinsamen Ausflug mit Keiko lernen die beiden den sechzehnjährigen Toru kennen, der auf einer Signalstation am Meer arbeitet. Der junge Mann, der den interessierten Alten eine kleine Aussicht aus der Station gewährt, trägt dabei nur ein Unterhemd. Dadurch kann Honda einen Blick auf Torus Oberkörper werfen – und entdeckt die Leberflecke, die bereits Kiyoaki, Isao und Ying Chan trugen. Honda stellt daraufhin Nachforschungen an und beschließt, den Waisen Toru zu adoptieren, insbesondere da er selbst kinderlos geblieben ist. Doch insgeheim erkennt Honda auch einen bösen Charakterzug in Toru, in dem der Teenager ihm selbst gleicht.
Für den mittellosen Toru ist die Adoption eine große Chance für den gesellschaftlichen Aufstieg. Honda nimmt Toru nach Tokio und lässt ihm eine gute Ausbildung angedeihen. Doch Honda liegt auf der Lauer – weder Kioyaki, Isao noch Ying Chan wurden 21 Jahre alt. Wenn Toru deren Wiedergeburt ist, dann hat er nicht mehr lange zu leben. Daher erträgt Honda auch die Gemeinheiten des boshaften Toru. Als es mit Hondas Gesundheit langsam bergab geht, macht er sich auf den Weg, um ein Wiedersehen mit Satoko, Kiyoakis einstiger großer Liebe und nun Priesterin, zu arrangieren.
Nach dem unsäglichen „Der Tempel der Morgendämmerung“ ist „Die Todesmale des Engels“ Gott sei Dank wieder interessanter, ja gar spannend. Die Geschehnisse werden auch aus Torus Sichtweise geschildert, was einen Einblick in seine verwirrte Seele erlaubt. Das Ende ist ungewöhnlich und passt dennoch hervorragend zu Hondas spirituellem Interesse, das sich durch die Tetralogie zieht.
Ein bisschen übertrieben fand ich dagegen den Einsatz der Marke Coca Cola, die Mishima immer wieder als Symbol für das modernisierte Japan verwendet und überstrapaziert. Mit der Zeit liegt man als Leser fast schon auf der Lauer und grinst in sich hinein, wenn wieder von Coca Cola-Reklame und Coca Cola-Dosen die Rede ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Die Todesmale des Engels“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1988, ISBN 3-446-14615-6
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Samstag, 22. Juni 2013
Donnerstag, 30. Mai 2013
„Der Tempel der Morgendämmerung“ von Yukio Mishima
„Der Tempel der Morgendämmerung“, der dritte Teil von Yukio Mishimas Tetralogie „Meer der Fruchtbarkeit“ nach „Schnee im Frühling“ und „Unter dem Sturmgott“ hat mich bisher am wenigsten mitgerissen, vielleicht sogar richtiggehend enttäuscht. Die Story wirkt entsetzlich konstruiert, teilweise nur irgendwie zusammen geschustert. Die Entwicklung des Protagonisten Honda im zweiten Teil des Buches ist kaum nachzuvollziehen, genauso wenig wie seine Motivationen im ersten Teil.
Yukio Mishimas Roman beginnt im Jahr 1940, als Honda in Bangkok weilt. Hier erfährt er von der siebenjährigen Prinzessin Ying Chan, die steif und fest behauptet, in ihrem früheren Leben ein Japaner gewesen zu sein, weswegen man sie für verrückt hält. Hondas Interesse ist jedoch geweckt und er erhält dank seiner ehemaligen Beziehungen zum thailändischen Hof eine Audienz bei der Prinzessin. Sie scheint Honda direkt wieder zu erkennen, kann auf Hondas Fragen zum Leben von Kiyoaki und Isao korrekt antworten. Nur leider scheint Ying Chan nicht über dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao zu verfügen.
Bis zu diesem Teil der Geschichte kann man den Motivationen Hondas noch folgen, aber der Herr scheint noch nicht einmal überrascht von dieser Entdeckung zu sein, noch wird seine Neugier entfacht. Er nimmt diese Entwicklungen einfach so hin wie die Wettervorhersage. Kurz darauf bricht er auf eine Reise nach Indien auf, auf die in geradezu lästiger Weise später rekurriert wird. Zurück in Japan beginnt Honda mit seinen theoretischen Studien zur Wiedergeburt, die in „Der Tempel der Morgendämmerung“ ziemlich ausgewalzt werden und streckenweise langweilen.
Im Jahr 1952 setzt die Handlung des zweiten Teils ein: Honda ist zu großem Vermögen gekommen und Ying Chan kommt zum Studium nach Tokio. Der Vernunftsmensch Honda hat sich aus irgendwelchen Gründen zum Spanner entwickelt. Deswegen hat er auf seinem Landsitz auch ein Guckloch von seinem Arbeitszimmer ins nebenan liegende Gästezimmer installieren lassen. Er verkehrt mit Dichterinnen und Intellektuellen, hat sich von seiner Ehefrau Rie aber entfremdet. Er beginnt eine Intrige um Ying Chan zu spinnen: Er möchte herausfinden, ob sie dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao hat. Er beginnt zudem, sich in die schöne Exotin zu verlieben. Und obwohl sowohl die Liebe als auch die Neugier um die Leberflecke ein leidenschaftliches Unterfangen sein sollten, erscheint Honda dabei kalt. Dadurch wirkt die Handlung des zweiten Buches unzugänglich und die Lektüre macht gelinde gesagt so überhaupt keinen Spaß. Das fade Ende krönt die ohnehin nicht gerade spannende Handlung. Wäre Ying Chan wie Kiyoaki in „Schnee im Frühling“ und Isao in „Unter dem Sturmgott“ in den Fokus gerückt worden, wäre dies dem Roman sicherlich zu Gute gekommen. Statt dessen avanciert Honda zum langweiligen Protagonisten.
Bleibt nur zu hoffen, dass der vierte und letzte Teil „Die Todesmale des Engels“ nicht genauso ermüdend ist wie „Der Tempel der Morgendämmerung“.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempel der Morgendämmerung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1987, ISBN 3-446-14614-8
Yukio Mishimas Roman beginnt im Jahr 1940, als Honda in Bangkok weilt. Hier erfährt er von der siebenjährigen Prinzessin Ying Chan, die steif und fest behauptet, in ihrem früheren Leben ein Japaner gewesen zu sein, weswegen man sie für verrückt hält. Hondas Interesse ist jedoch geweckt und er erhält dank seiner ehemaligen Beziehungen zum thailändischen Hof eine Audienz bei der Prinzessin. Sie scheint Honda direkt wieder zu erkennen, kann auf Hondas Fragen zum Leben von Kiyoaki und Isao korrekt antworten. Nur leider scheint Ying Chan nicht über dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao zu verfügen.
Bis zu diesem Teil der Geschichte kann man den Motivationen Hondas noch folgen, aber der Herr scheint noch nicht einmal überrascht von dieser Entdeckung zu sein, noch wird seine Neugier entfacht. Er nimmt diese Entwicklungen einfach so hin wie die Wettervorhersage. Kurz darauf bricht er auf eine Reise nach Indien auf, auf die in geradezu lästiger Weise später rekurriert wird. Zurück in Japan beginnt Honda mit seinen theoretischen Studien zur Wiedergeburt, die in „Der Tempel der Morgendämmerung“ ziemlich ausgewalzt werden und streckenweise langweilen.
Im Jahr 1952 setzt die Handlung des zweiten Teils ein: Honda ist zu großem Vermögen gekommen und Ying Chan kommt zum Studium nach Tokio. Der Vernunftsmensch Honda hat sich aus irgendwelchen Gründen zum Spanner entwickelt. Deswegen hat er auf seinem Landsitz auch ein Guckloch von seinem Arbeitszimmer ins nebenan liegende Gästezimmer installieren lassen. Er verkehrt mit Dichterinnen und Intellektuellen, hat sich von seiner Ehefrau Rie aber entfremdet. Er beginnt eine Intrige um Ying Chan zu spinnen: Er möchte herausfinden, ob sie dieselben Leberflecke wie Kiyoaki und Isao hat. Er beginnt zudem, sich in die schöne Exotin zu verlieben. Und obwohl sowohl die Liebe als auch die Neugier um die Leberflecke ein leidenschaftliches Unterfangen sein sollten, erscheint Honda dabei kalt. Dadurch wirkt die Handlung des zweiten Buches unzugänglich und die Lektüre macht gelinde gesagt so überhaupt keinen Spaß. Das fade Ende krönt die ohnehin nicht gerade spannende Handlung. Wäre Ying Chan wie Kiyoaki in „Schnee im Frühling“ und Isao in „Unter dem Sturmgott“ in den Fokus gerückt worden, wäre dies dem Roman sicherlich zu Gute gekommen. Statt dessen avanciert Honda zum langweiligen Protagonisten.
Bleibt nur zu hoffen, dass der vierte und letzte Teil „Die Todesmale des Engels“ nicht genauso ermüdend ist wie „Der Tempel der Morgendämmerung“.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Der Tempel der Morgendämmerung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1987, ISBN 3-446-14614-8
Dienstag, 16. April 2013
„Unter dem Sturmgott“ von Yukio Mishima
Susanoo ist der shintoistische Sturmgott, der Gott der Zerstörung. Yukio Mishimas Protagonist Isao ist ganz vom Geiste Susanoos beseelt: Nur Zerstörung, Attentate können Japans Weg in den Abgrund stoppen. Der junge Mann verortet sich im rechten Milieu und hat Feuer für den Göttersturm-Bund gefangen, der in der Meiji-Ära gegen das Militär vorgegangen war und den wenig aussichtsreichen Kampf mit Seppuku beendete. Isao begeistert sich für die „Lauterkeit“ der Aufständischen – und hebt einen eigenen Geheimbund aus. Als Ziele ihrer Attentate werden raffgierige, unpatriotische Industrielle ausgemacht, die das gemeine Volk ausbluten lassen.
Isao ist der Sohn von Inuma, der zeitweilig als Erzieher von Kiyoaki tätig war, der dem Leser im ersten Teil von Mishimas Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, in „Schnee im Frühling“ begegnet ist. Kiyoakis bester Freund Honda ist zwischenzeitlich Richter in Osaka und trifft auf Isao, als er einen Vorgesetzten als Ehrengast bei einem Kendo-Turnier vertritt: Auf einem heiligen Berg will sich Honda unter einem Wasserfall reinigen, wo sich bereits der junge Kendo-Kämpfer Isao wäscht. So entdeckt Honda an Isao dieselben Leberflecke, die er auch an Kiyoaki gesehen hat. Mehr noch – hatte Kiyoaki nicht vor seinem Tod gesagt, Honda würde ihn ganz bestimmt unter einem Wasserfall wieder sehen? Der rationale Honda kommt sich wie vor den Kopf geschlagen vor. Ist Isao womöglich die Wiedergeburt Kiyoakis? Dass ausgerechnet ein entschlossener, patriotischer Kendo-Kämpfer die Wiedergeburt des frevlerisch veranlagten Müßiggängers Kiyoakis sein soll, mutet besonders gewagt an. Insbesondere da Kiyoaki Kendo-Kämpfer verachtet hatte.
„Unter dem Sturmgott“ ist eine etwas beschwerliche Lektüre. Da ist zum einen der Bericht über den Göttersturm-Bund: Mehr als 50 Seiten werden dem sinnlosen Gemetzel gewidmet, das mit mannigfaltigem eigenhändigem Bauch-Aufschlitzen beendet wird. Hinzu kommen Isaos ausführlichste Überlegungen zur „Lauterkeit“, die irgendwann ziemlich ermüdend werden. Diese Detailliertheit der Gefühlslage steht in krassem Gegensatz zu den letzten Seiten des Romans, auf denen die Beweggründe des Protagonisten kaum mehr thematisiert werden. Zwar mag Isao dem Prinzip, dass Denken und Handeln eines sind, folgen – doch kann man als Leser die Motive dieses Handelns nur erahnen.
Ich gebe auch gerne zu, dass mir der Kult um Seppuku, die Todessehnsucht Isaos hinsichtlich Yukio Mishimas eigenem Aufstand mit anschließendem Seppuku umso suspekter ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Unter dem Sturmgott“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1986, ISBN 3-446-14628-8
Isao ist der Sohn von Inuma, der zeitweilig als Erzieher von Kiyoaki tätig war, der dem Leser im ersten Teil von Mishimas Tetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, in „Schnee im Frühling“ begegnet ist. Kiyoakis bester Freund Honda ist zwischenzeitlich Richter in Osaka und trifft auf Isao, als er einen Vorgesetzten als Ehrengast bei einem Kendo-Turnier vertritt: Auf einem heiligen Berg will sich Honda unter einem Wasserfall reinigen, wo sich bereits der junge Kendo-Kämpfer Isao wäscht. So entdeckt Honda an Isao dieselben Leberflecke, die er auch an Kiyoaki gesehen hat. Mehr noch – hatte Kiyoaki nicht vor seinem Tod gesagt, Honda würde ihn ganz bestimmt unter einem Wasserfall wieder sehen? Der rationale Honda kommt sich wie vor den Kopf geschlagen vor. Ist Isao womöglich die Wiedergeburt Kiyoakis? Dass ausgerechnet ein entschlossener, patriotischer Kendo-Kämpfer die Wiedergeburt des frevlerisch veranlagten Müßiggängers Kiyoakis sein soll, mutet besonders gewagt an. Insbesondere da Kiyoaki Kendo-Kämpfer verachtet hatte.
„Unter dem Sturmgott“ ist eine etwas beschwerliche Lektüre. Da ist zum einen der Bericht über den Göttersturm-Bund: Mehr als 50 Seiten werden dem sinnlosen Gemetzel gewidmet, das mit mannigfaltigem eigenhändigem Bauch-Aufschlitzen beendet wird. Hinzu kommen Isaos ausführlichste Überlegungen zur „Lauterkeit“, die irgendwann ziemlich ermüdend werden. Diese Detailliertheit der Gefühlslage steht in krassem Gegensatz zu den letzten Seiten des Romans, auf denen die Beweggründe des Protagonisten kaum mehr thematisiert werden. Zwar mag Isao dem Prinzip, dass Denken und Handeln eines sind, folgen – doch kann man als Leser die Motive dieses Handelns nur erahnen.
Ich gebe auch gerne zu, dass mir der Kult um Seppuku, die Todessehnsucht Isaos hinsichtlich Yukio Mishimas eigenem Aufstand mit anschließendem Seppuku umso suspekter ist.
Bibliographische Angaben:
Mishima, Yukio: „Unter dem Sturmgott“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Hanser, München/Wien 1986, ISBN 3-446-14628-8
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