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Donnerstag, 21. Februar 2019

„Das Haus der roten Töchter“ von Kazuki Sakuraba

Kazuki Sakurabas Roman „Das Haus der roten Töchter“ stellt drei Frauengenerationen der Familie Akakuchiba in den Mittelpunkt. Die erste dieser Frauen ist Manjo, die die Zeit des Wirtschaftswunders und die langsame Auflösung der alten Traditionen erlebt. Manjo ist ein Findelkind, das einem urtümlichen Bergvolk entstammt und von einer Arbeiterfamilie aufgenommen wird. Tatsu, die Herrin aus der reichen Stahlunternehmerfamilie Akakuchiba, bestimmt Tatsu überraschenderweise als künftige Ehefrau ihres Sohnes. Dass Tatsus Entscheidung zwar im ersten Moment seltsam erscheint, sich aber dann doch als sehr weise erweist, liegt an Manjos Hellsichtigkeit, die der Familie in schwierigen Zeiten noch helfen wird.

Die zweite Frau, die während der rebellischen 70er Jahren aufwächst, ist Kemari und Manjos zweitgeborenes Kind. Sie ist nicht nur im Jahr des Pferdes geboren, sie ist mit ihrem Geburtsjahrgang 1966 gar ein Feuerpferd, was laut des chinesischen Horoskops als besonders wild und unzähmbar gilt. Daher überrascht es niemanden, dass Kemari bald die Anführerin einer weiblichen Bosozoku-Motorradgang wird.

Kemaris Tochter Toko ist ganz Töchterchen aus reichem Hause und muss im Gegensatz zu Gleichaltrigen der Freeter-Generation nicht unbedingt eigenes Geld verdienen. Toko hadert dennoch mit ihrem Leben, fehlt ihr doch die Fähigkeit, sich mit ganzem Herzen für etwas zu begeistern. Erst als Manjo stirbt und ihr mit dem fast letzten Atemzug ein Geheimnis offenbart, scheint sie etwas wie eine Aufgabe gefunden zu haben.

Einerseits sind die drei porträtierten Damen an sich sehr spannende Charaktere: Manjo, die Visionen hat, Kemari das Feuerpferd und die verloren wirkende Toko. Doch in der Umsetzung hätte ich mir bei Manjo mehr Atmosphäre gewünscht. Kemaris Leben ist dagegen fast schon hanebüchen übertrieben geschildert und Toko wirkt irgendwie langweilig und taugt als reiches Mädchen wenig als Identifikationsfigur für die Leserschaft.

Hinzu kommt, dass der Roman sprachlich so einfach gestrickt ist, dass er an einen Teenie-Roman erinnert. Und das liegt sicherlich nicht an der Übersetzung aus dem Englischen.

An sich finde ich persönlich Übersetzungen aus dem Englischen nicht zwangsläufig schlechter als aus dem Japanischen, wenn das Original eher durch Handlung als durch sprachliche Kunstfertigkeit bestechen soll. „Das Haus der roten Töchter“ zählt sicherlich zu ersterem. Allerdings ist die Umsetzung nicht immer besonders geglückt. Das gibt es z.B. Sätze, die für mich nicht wirklich Sinn machen:

"An jenem Abend verließ Manjo ihren Platz und bewegte all die Dinge in ihrem Herzen, die Tatsu ihr mitgeteilt hatte." (S. 85)

Und dann wird der Bedeutung von Schriftzeichen auch nicht Rechnung getragen. Natürlich ergibt sich aus dem Zusammenhang, für was die Schriftzeichen des Hauses Akakuchiba stehen und später wird die gleichnamige Firma gar umfirmiert in die englische Übersetzung und spätestens dann wird klar, warum die Farbe rot immer wieder vorkommt. Aber so ein bisschen mehr Liebe zum Detail und das eine oder andere Fußnötchen hätten dem Roman sicher nicht geschadet. Daher ergeben sich solche Passagen, die einfach schlecht übersetzt sind:

„Kaum hatte seine Mutter das Kind im Arm, gab sie ihm in einem Anflug von Humor den Namen Kaban. Dies bedeutete ‚Tasche’ und war kein besonders angemessener Name für einen Menschen, zumal es ein normales Wort war und keinen Buchstaben für einen Namen enthielt.“ (S. 166f)

Und selbst der deutsche Titel des Romans ist irgendwie abwegig. Die Töchter des Hauses Akakuchiba sind sicherlich nicht rot. Der Familienname beinhaltet das Schriftzeichen für die Farbe rot. Daher ist das Haus (in der Bedeutung des Geschlechts/der Familie der Akakuchibas) doch das, was von roter Farbe ist. Warum den Roman dann nicht korrekterweise „Die Töchter des roten Hauses“ nennen?

Insgesamt verpasst man also nicht wirklich viel, wenn man „Das Haus der roten Töchter“ nicht auf seine Leseliste setzt. Wer aber einfach Lust auf harmloses Entertainment hat, macht mit dem Roman natürlich nichts falsch.

Bibliographische Angaben:
Sakuraba, Kazuki: „Das Haus der roten Töchter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Allen, Jocelyne/übertragen von Rahn, Marie), Heyne, München 2019, ISBN 978-3-453-42297-1

Samstag, 30. September 2017

„Die Insel der Freundschaft“ von Durian Sukegawa

Auf „Die Insel der Freundschaft“ verschlägt es drei Hilfsarbeiter. Da ist zunächst der Protagonist Ryosuke, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch sein Leben wieder ordnen muss. Der Rumtreiber Tachikawa hält keinen Job lange durch und hat seinen Aufenthalt auf der Insel einer fixen Idee zu verdanken. Und dann ist da noch die tätowierte und gepiercte Kaoru, die durch ihr krasses Aussehen ihre seelischen Verletzungen übertünchen will.

Die Inselbewohner begegnen den drei Neuankömmlingen jedoch so gar nicht in Freundschaft. Sie werden als Sonderlinge erachtet, die so gar nicht zu dem Inselmilieu passen. So geht der Plan des Dorfvorsitzenden leider nicht auf: Er hatte sich erhofft, die drei würden frischen Wind auf die Insel bringen und einen Ausgleich zur Abwanderung darstellen. Die Gemeinschaft leidet an Überalterung und die Männer finden keine Ehefrauen. Doch Ryosuke, Tachikawa und Kaoru sind nicht die erhofften Heilsbringer. Ryosuke wirkt wie ein Depressiver, der langhaarige Tachikawa wie ein Nichtsnutz und Kaoru taugt nicht zur braven Ehefrau. Nach den Bauarbeiten, bei denen die drei eingesetzt werden, sollen sie möglichst gleich wieder verschwinden.

Doch auch Ryosuke verfolgt mit seiner Tätigkeit auf der Insel noch ein anderes Ziel: Er möchte den Freund und Geschäftspartner seines verstorbenen Vaters ausfindig machen und ihm etwas übergeben, was er ganz tief in seinem Rucksack versteckt hat. Als Ryosuke den unerfüllten Lebenstraum seines Vaters auf der Insel gar umsetzen mag, gerät er mit den Traditionen der Bevölkerung in Konflikt. Ryosuke kämpft bald gegen Windmühlen, will er doch unter keinen Umständen wie sein Vater versagen.

Durian Sukegawas „Insel der Freundschaft" reißt gleich viele Themen an: Da ist z.B. der Themenkomplex der Landflucht. Dann der Widerstreit von archaischen Traditionen mit Werten der Moderne. Das Dilemma, dem tierliebe Fleischesser ausgesetzt sind. Selbstmordgedanken, Versagensängste, unbedingtes Erfolgsstreben, Depression. Zudem kommt noch die verzwickte Familiensituation von Ryosuke dazu. Alles in allem waren mir im Roman dadurch zu viele Themenkomplexe angerissen, die nicht weiter oder nicht konsequent genug verfolgt wurden. So wird dem Leser z.B. die komplizierte Gefühlslage des Protagonisten nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt. Am Ende bleiben jedenfalls sehr viele Fragen offen, was den Roman leider irgendwie unausgegoren wirken lässt.

Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Insel der Freundschaft“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Dumont, Köln 2017, ISBN 978-3-8321-9861-9

Samstag, 27. September 2014

„Eine Braut zieht flussabwärts“ von Sawako Ariyoshi

Eine Braut darf niemals zu einem Ehemann flussaufwärts ziehen, sonst ist Unheil im Verzug. Sie muss dem natürlichen Flusslauf folgen, um Glück in der Ehe zu finden, so sagt Großmutter Toyono, die ihre Enkelin Hana Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in die Familie Matani mit dem ältesten Sohn Keisaku verheiratet.

Für die Ausbildung von Hana hat Toyono keine Kosten und Mühen gescheut. Hana hat sowohl die höhere Mädchenschule absolviert als auch eine klassische Ausbildung erfahren. Neben perfekten Fertigkeiten in Kotospiel, Kalligraphie und Teezeremonie bringt Hana mit ihrer Schönheit alles mit, was man von einer idealen Ehefrau erwarten kann. Die Heiratsangebote sind daher vielfältig. Umso schwerer fällt die Auswahl, denn nicht nur Stand, Reichtum und Charakter des potenziellen Ehemanns müssen berücksichtigt werden, sondern auch der Aberglaube, der Toyono einige Kandidaten ablehnen lässt.

Die Wahl fällt schließlich auf Keisaku, der eine große politische Karriere vor sich hat. Der Abschied von Toyono fällt Hana zwar schwer, aber als perfekte Ehefrau will sie sich ganz ihrer neuen Rolle in der Familie der Matanis einfinden.

Das erste der drei Kapitel in Sawako Ariyoshis „Eine Braut zieht flussabwärts“ widmet sich Hanas ersten Ehejahren. Im zweiten Kapitel sorgt ein Wirbelwind in Form von Hanas Tochter Fumio für Aufregung. Fumio lebt nach dem Vorbild emanzipierter Frauen und will von einer traditionellen Mädchenausbildung nichts wissen. Sie setzt sich sogar durch, in Tokio zu studieren und eine Liebesheirat einzugehen. Damit opponiert sie in jeder Hinsicht gegen ihre Mutter Hana.

Das dritte Kapitel schlägt versöhnlichere Töne an: Hanako, Tochter von Fumio und Enkelin von Hana, ist im Ausland aufgewachsen, kehrt aber während des zweiten Weltkriegs zusammen mit ihrer Familie nach Japan zurück. Zu ihrer Großmutter entwickelt sie besonders viel Zuneigung.

Sawako Ariyoshis Roman „Eine Braut zieht flussabwärts“ zeigt das japanische Rollenverständnis der Frau im Wandel. Das gelingt ihr sehr anschaulich, wenn auch enorm überspitzt. Dadurch beginnt einen die Protagonistin Hana langsam zu nerven. In jeder Situation ist sie einfach perfekt, jeder verehrt sie, jeder liebt sie (insbesondere ihr Schwager, der sie zwar recht schroff behandelt – aber eben nur, weil er in sie verliebt ist). Und auch Fumio wird einem so gar nicht sympathisch. Sie wirkt eher wie eine inkonsequente, verzogene Kratzbürste. Hanako bleibt dagegen recht blass. Trotzdem liest sich der Roman sehr flüssig und er zieht den Leser in vergangene Tage in Japan hinein.

Bibliographische Angaben:
Ariyoshi, Sawako: „Eine Braut zieht flussabwärts“ (Übersetzung: Dill, Marion), Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 3-499-15833-7

Montag, 1. September 2014

„Kyoto“ von Yasunari Kawabata

Im Garten der Familie Sata steht ein Ahornbaum, an dessen Stamm zwei Veilchenbüschel wachsen. Die junge Chieko steht jedes Jahr im Frühling erneut vor den Blumen und fragt sich, ob die Veilchen jemals zueinander finden mögen. Es zeigt sich, dass diese Sehnsucht nach dem Zusammenfinden zweier getrennter Seelen für Chieko eine besondere Bedeutung hat. Denn obwohl Chiekos Mutter darauf besteht, sie hätte Chieko als Baby entführt, weiß es Chieko besser: Sie wurde als Findelkind vor dem Geschäft der Satas aufgefunden und von dem kinderlosen Ehepaar Sata liebevollst aufgezogen. An einem Festtag in Kioto schließlich trifft Chieko auf die junge Arbeiterin Naeko, die ihr wie ein Ei dem anderen gleicht. Die hübsche Chieko wird von mehreren jungen Männern umgarnt, was zu kleinen Verwirrungen führt, als Naeko für Chieko gehalten wird.

Yasunari Kawabata bettet diese Geschichte in die Feste und Festivitäten von Kioto und dessen Umkreises ein. So geht Chieko mit ihrem Jugendfreund Shinichi, der als Kind einen Pagen auf dem Hellebardenwagen des Gion-Festes verkörpert hat, zur Blütenschau in den Heian-Schrein. Chiekos Vater Takichiro liebt das Fest des Bambusschneidens im Kurama-Tempel. Zum Gion-Fest sollen sich Chieko und Naeko treffen, als Naeko einen Bittgang für die Götter des Yasaka-Schreins ausführt. Das Daimonji-Fest im August mit dem heiligen Bon-Feuer wird Chieko dagegen leider verpassen – sie ist traurig, da sie durch Naeko erfahren hat, dass ihre leiblichen Eltern bereits verstorben sind und bleibt lieber zu Hause. Zum Epochenfest trifft sich Naeko mit einem von Chiekos Verehrern. Zum Abschluss des Kitano-Tanzfestes verschlägt es Chiekos Vater Takichiro seit längerer Zeit wieder einmal in ein Teehaus.

Das Nachwort von Jürgen Berndt verortet Yasunari Kawabatas „Kyoto“ in einer Zeiterscheinung der 60er Jahre: Japan befindet sich in einer Suche nach nationaler Identität. Man besinnt sich auf alte kulturelle Werte, was im Extrem zu neuen nationalistischen Tendenzen führen wird. Kioto als alte Hauptstadt, die nicht unter Kriegsbombardement zu leiden hatte, ist das Symbol für die Besinnung auf die alte japanische Tradition. So scheint Yasunari Kawabata mehr der alten Hauptstadt ein Denkmal setzen zu wollen, als eine Liebes- oder Familiengeschichte erzählen zu wollen.

Trotz der vielen Feste findet sich aber leider kein Zauber in der Beschreibung Kiotos im Wechsel der Jahreszeiten. Auch wirkt das Zusammentreffen von Chieko und Naeko nicht so herzlich, wie man es sich hätte vorstellen können. Dazu trägt sicherlich auch die Übersetzung bei, die Naeko Chieko in der dritten Person anreden lässt – und dies obwohl der Kurzroman in den 60er Jahren angesiedelt ist. Auch geht freilich der Kioto-Dialekt verloren, der die direkte Rede im japanischen Original prägt. Vielleicht evoziert das Werk im Japanischen und bei Japanern mit entsprechendem Hintergrundwissen wirklich die Anziehungskraft und den Liebreiz der alten Hauptstadt – im Deutschen liest sich „Kyoto“ jedoch eher etwas sperrig.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Kyoto“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Donat, Walter/Yuzuru, Kawai), Reclam, 1974 Leipzig