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Montag, 6. April 2015

„Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ von Junichiro Tanizaki

Sexuelle Obsessionen sind ein typisches Junichiro Tanizaki-Thema – so auch in „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“: Der 12-jährige Hoshimaru, der später als Daimyo Terukatsu bekannt werden soll, erhält während der Belagerung der Burg von Ojikayama eine besonders pikante sexuelle Prägung. Hoshimaru weilt als Geisel auf der Burg des Tsukuma-Clans, als der Feldherr Danjo die Festung angreift. Die Feinde setzen den Tsukumas arg zu; es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Burg fällt. Hoshimarus Aufpasser muss in den Kriegswirren seine erzieherischen Aufgaben schleifen lassen. Und so entfleucht Hoshimaru des Nächtens ins Zeughaus, wo einige adlige Damen einer sonderbaren Tätigkeit nachgehen: Sie säubern und frisieren die abgeschlagenen Köpfe von feindlichen Soldaten, die am nächsten Tag inspiziert werden sollen.

Für Hoshimaru wird dies zu einem sexuellen Erweckungserlebnis: Er beobachtet ein junges Mädchen dabei, wie sie mit sadistischem Lächeln die Schädel frisiert. Insbesondere als sie einen Kopf ohne Nase herrichtet, ist Hoshimaru dem Blick des Mädchens und dem Kopf-Fetisch verfallen. Als Krönung seiner sexuellen Wünsche imaginiert er, wie sein eigener abgeschlagener Kopf von ihr bearbeitet wird.

Mehrere Nächte beobachtet er die Damen beim Umgang mit den Köpfen. Doch ein Kopf ohne Nase soll nicht mehr dabei sein. Hoshimaru verfällt daher auf einen tollkühnen Plan: Er will selbst dafür Sorge tragen, dass ein nasenloser Kopf als Kriegstrophäe den Frauen vorgelegt wird.

So schleicht er sich eines Nachts aus der Burg von Ojikayama direkt ins lax bewachte Feindeslager, wo man dem Sieg schon sicher ist. Wie es der Teufel will, liegt ausgerechnet der Oberbefehlshaber Danjo friedlich schlummernd als ein perfektes Opfer in seinem Zelt. Zudem hat der Adelige, der auf Hoshimaru eher wie ein Schwächling als ein wagemutiger Feldherr wirkt, eine besonders elegante Nase im Gesicht stehen. Hoshimaru wird ihm nicht nur das Leben, sondern auch die Nase nehmen.

Im Zuge der Verwirrungen, die der plötzliche Tod des Oberbefehlshabers auslöst, werden die Angriffe auf die Burg von Ojikayama abgebrochen. Nur Hoshimaru kann auf Seiten der Belagerten erahnen, weswegen die Truppen abziehen. Doch soll Jahre später die Verheiratung des neuen Burgherren von Ojikayama mit Danjos Tochter Kikyo Ereignisse heraufbeschwören, die wiederum mit verlorenen Nasen und Kawachinosukes (wie Hoshimaru nach der Mannbarkeits-Zeremonie heißt) Kopffetisch zu tun haben.

Junichiro Tanizaki gibt seinem Kurzroman „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ durch fiktive Quellenangaben einen pseudo-realen Anstrich. Durch den ironischen Ton wird den durchaus blutigen Handlungen der Ernst genommen. Trotzdem ist das Werk nichts für allzu schwache Nerven. Denn „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ ist der Tanizaki-Roman mit der Schilderung der sicherlich abnormsten sexuellen Neigung. Durch die Ansiedlung im Samurai-Milieu enthält er aber auch Spannungselemente, die anderen Tanizaki-Werken fehlen.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bohaczek, Josef), Insel, Frankfurt/Leipzig 1994, ISBN 3-458-16646-7

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