Märchen sind normalerweise alles andere als meine Lieblingslektüre. Die 18 Märchen von Kenji Miyazawa, die in dem Band „Die Früchte des Ginkgo“ versammelt sind, haben mich aber eines Besseren belehrt: Die dort präsentierten Erzählungen sind sowohl bezaubernd als auch sozialkritisch. Darüber hinaus ist auch die Aufmachung des Buches geradezu liebevoll gestaltet. Illustrationen von Usamu Tsukasa zieren die einzelnen Texte und vermitteln die naive Märchenhaftigkeit noch zusätzlich. Die Herausgeberin Johanna Fischer hat auch nicht die Mühe gescheut, jedes Märchen zu kommentieren und in einen historischen und gesellschaftlichen Sinnzusammenhang zu stellen.
So erfährt der Leser beispielsweise, dass sich Kenji Miyazawa zwar von agrarwirtschaftlichen Großbetrieben beeindruckt zeigte, er aber mit dem Märchen „Der Wolfswald, der Korbwald und der Diebswald“ einen Text kreierte, der an eine Zeit mahnt, als die Menschen mit der Natur und mystischen Gestalten noch in Einklang lebten und ihnen Respekt zollten.
Oder aber es werden buddhistische Ansätze formuliert: „Die Vulkanbombe mit dem guten Herzen“ ist ein Vulkanstein, der von den anderen Waldbewohnern permanent gegängelt wird. Der Brocken wird jedoch nie böse, sondern bewahrt sich trotz aller Beleidigungen und Schwierigkeiten seine Gutmütigkeit. Für die Herausgeberin ist dies ein Text, der auf Kenji Miyazawas Verständnis der idealen buddhistischen Lebenseinstellung verweist.
„Das Gasthaus mit den vielen Aufträgen“ gilt als eine der bekanntesten Erzählungen von Kenji Miyazawa. Zwei verwöhnte Jünglinge aus Tokio sind in Nordjapan auf der Jagd und wollen in einem unversehens auftauchenden Gasthaus Einkehr machen. Doch in der harmlos anmutenden Umgebung werden die Rollen von Jäger und Gejagtem, von Essensgast und Speise unversehens ins Gegenteil verkehrt.
Kenji Miyazawas Märchen in „Die Früchte des Ginkgo“ wirken manchmal sozialkritisch, manchmal mythologisch und dann wieder buddhistisch geprägt. Sie werden aus dem Erfahrungsschatz des Autors gespeist und verweisen teilweise direkt auf dessen Biographie. Das macht diesen Kenji Miyazawa-Band so wertvoll und abwechslungsreich, dass selbst ich mich für seine Märchen begeistern kann.
Bibliographische Angaben:
Miyazawa, Kenji: „Die Früchte des Ginkgo“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Fischer, Johanna), Verlag Günther Neske, Pfullingen 1980, ISBN 3-7885-0223-1
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Samstag, 12. April 2014
Montag, 24. September 2012
„Die Teufel des Tsurugi-Bergs“ von Osamu Dazai
In Osamu Dazais Vorwort von „Die Teufel des Tsurugi-Bergs“ zeichnet der Autor zweifellos ein Bild seiner selbst: Er kauert zusammen mit seiner Familie während eines Bombenangriffs im Luftschutzgraben und versucht, seine Tochter mit dem Vorlesen aus einem Märchen-Bilderbuch ruhig zu stellen. Doch in ihm gärt es, die Geschichten würde er gerne auf seine eigene Art erzählen. Und das tut Osamu Dazai dann auch in „Die Teufel des Tsurugi-Bergs“.
Er beginnt mit „Der Mann mit der Beule“: Ein alter Mann, dem Sake ziemlich zugetan, lebt mit seiner grantigen Ehefrau und seinem besonders tugendhaften Sohn recht spaßbefreit dahin. Seit einigen Jahren hat er eine Beule im Gesicht, die er ganz gerne als sein Enkelkind bezeichnet. Von seinem Streber-Sohn hat er ja schließlich kaum Nachwuchs zu erwarten. Als der Alte eines Abends angeheitert nach dem Reisigsammeln auf dem Tsurugi-Berg einschläft, wird er von den gutmütigen, tanzenden Teufeln geweckt. Immer noch angesäuselt hat der Alte seinen Spaß dabei, sich zu den tanzenden Teufeln zu gesellen. Die finden den Alten so goldig, dass sie ihn zwingen möchten, in der nächsten Nacht erneut zum Tanz zu kommen – und behalten die Beule als Pfand. Zurück in seinem Heimatdorf erregt der plötzliche Verlust des Furunkels einiges Aufsehen. Auch ein anderer von Beulen geplagter Einwohner möchte nun seine Heilung bei den Teufeln des Tsurugi-Bergs suchen...
„Urashima Taro“ ist das bekannte Märchen über den jungen Mann, der von einer Schildkröte, der er das Leben gerettet hat, zum Dank in den Drachenpalast im Meer geführt wird. Doch die Zeit vergeht Oberirdisch leider etwas anders als unter Wasser. Soweit die Handlung – interessanter sind jedoch Osamu Dazais Dialoge zwischen dem doch recht eingebildeten Jüngling und der Schildkröte, die ihn immer wieder in seine Schranken weist. Denn im Drachenpalast ist er doch nur ein lumpiger Provinzler.
In „Der Kachikachi-Berg“ geht’s recht fies zur Sache. Ein Häschen will Rache an einem Tanuki üben – hat der doch eine befreundete Frau umgebracht. Da der dumpfbackige Tanuki über alle Ohren in das Häschen verschossen ist, spielt das dem listigen Häschen in die Hände. Der Ärmste wird auf seinem Weg in den Abgrund ganz schön leiden müssen.
„Der Sperling mit der abgeschnittenen Zunge“ handelt von einem phlegmatischen Alten und seiner missmutigen Ehefrau. Als der Alte einen verletzten Sperling im Wald aufliest, hat er einen neuen, kleinen Freund gefunden, den er wieder aufpäppelt. Aus Eifersucht reißt die Ehefrau dem Vögelchen die Zunge heraus; der Sperling flattert auf und davon. Doch der Alte wird seinen Freund wieder sehen – ebenso die eifersüchtige Ehefrau.
Osamu Dazais Märchen leben vor allem von den lebhaften Dialogen der Protagonisten und den bildlichen, überspitzten Charakterisierungen. Deswegen musste auch das Märchen von „Momotaro“ unangetastet bleiben – musste dieser Held doch während der Kriegszeit als Propagandavorbild herhalten und durfte keinesfalls in Misskredit geführt werden. Doch auch Osamu Dazais umgesetzte Neuinterpretationen der Märchen sind eng mit dem Krieg verknüpft:
Dem Werk nachgestellt sind die Originalmärchen. Liest man diese zum Vergleich, zeigt sich erst recht das literarische Genie des Osamu Dazai. Er entstaubt die Märchen, fügt enormen Sprachwitz und seine eigenen Interpretationen der Moral hinzu. Wer möchte da nicht zusammen mit dem beschwipsten Alten ein kleines Tänzchen mit den Teufeln des Tsurugi-Berges wagen?
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Die Teufel des Tsurugi-Bergs“, be.bra, Berlin 2012, ISBN 978-3-86124-915-3
Er beginnt mit „Der Mann mit der Beule“: Ein alter Mann, dem Sake ziemlich zugetan, lebt mit seiner grantigen Ehefrau und seinem besonders tugendhaften Sohn recht spaßbefreit dahin. Seit einigen Jahren hat er eine Beule im Gesicht, die er ganz gerne als sein Enkelkind bezeichnet. Von seinem Streber-Sohn hat er ja schließlich kaum Nachwuchs zu erwarten. Als der Alte eines Abends angeheitert nach dem Reisigsammeln auf dem Tsurugi-Berg einschläft, wird er von den gutmütigen, tanzenden Teufeln geweckt. Immer noch angesäuselt hat der Alte seinen Spaß dabei, sich zu den tanzenden Teufeln zu gesellen. Die finden den Alten so goldig, dass sie ihn zwingen möchten, in der nächsten Nacht erneut zum Tanz zu kommen – und behalten die Beule als Pfand. Zurück in seinem Heimatdorf erregt der plötzliche Verlust des Furunkels einiges Aufsehen. Auch ein anderer von Beulen geplagter Einwohner möchte nun seine Heilung bei den Teufeln des Tsurugi-Bergs suchen...
„Urashima Taro“ ist das bekannte Märchen über den jungen Mann, der von einer Schildkröte, der er das Leben gerettet hat, zum Dank in den Drachenpalast im Meer geführt wird. Doch die Zeit vergeht Oberirdisch leider etwas anders als unter Wasser. Soweit die Handlung – interessanter sind jedoch Osamu Dazais Dialoge zwischen dem doch recht eingebildeten Jüngling und der Schildkröte, die ihn immer wieder in seine Schranken weist. Denn im Drachenpalast ist er doch nur ein lumpiger Provinzler.
In „Der Kachikachi-Berg“ geht’s recht fies zur Sache. Ein Häschen will Rache an einem Tanuki üben – hat der doch eine befreundete Frau umgebracht. Da der dumpfbackige Tanuki über alle Ohren in das Häschen verschossen ist, spielt das dem listigen Häschen in die Hände. Der Ärmste wird auf seinem Weg in den Abgrund ganz schön leiden müssen.
„Der Sperling mit der abgeschnittenen Zunge“ handelt von einem phlegmatischen Alten und seiner missmutigen Ehefrau. Als der Alte einen verletzten Sperling im Wald aufliest, hat er einen neuen, kleinen Freund gefunden, den er wieder aufpäppelt. Aus Eifersucht reißt die Ehefrau dem Vögelchen die Zunge heraus; der Sperling flattert auf und davon. Doch der Alte wird seinen Freund wieder sehen – ebenso die eifersüchtige Ehefrau.
Osamu Dazais Märchen leben vor allem von den lebhaften Dialogen der Protagonisten und den bildlichen, überspitzten Charakterisierungen. Deswegen musste auch das Märchen von „Momotaro“ unangetastet bleiben – musste dieser Held doch während der Kriegszeit als Propagandavorbild herhalten und durfte keinesfalls in Misskredit geführt werden. Doch auch Osamu Dazais umgesetzte Neuinterpretationen der Märchen sind eng mit dem Krieg verknüpft:
„ich schrieb es also in meinen Mußestunden nach und nach fort als ein Buch, das den Menschen, die tapfer zur Überwindung dieser dunklen Zeit Japans kämpfen, in ihrer spärlichen Freizeit zum bescheidenen Trost gereichen möge.“ (S. 105)
Dem Werk nachgestellt sind die Originalmärchen. Liest man diese zum Vergleich, zeigt sich erst recht das literarische Genie des Osamu Dazai. Er entstaubt die Märchen, fügt enormen Sprachwitz und seine eigenen Interpretationen der Moral hinzu. Wer möchte da nicht zusammen mit dem beschwipsten Alten ein kleines Tänzchen mit den Teufeln des Tsurugi-Berges wagen?
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Die Teufel des Tsurugi-Bergs“, be.bra, Berlin 2012, ISBN 978-3-86124-915-3
Sonntag, 10. Juli 2011
„Das anarchische Aschenputtel“ von Hiromi Ito & Masahiko Nishi
Hiromi Ito und ihr Ex-Ehemann Masahiko Nishi widmen sich mit „Das anarchische Aschenputtel“ Grimms Märchen und den japanischen Sekkyo-Erzählungen und stellen allerhand interessante Thesen auf. Sind in den Märchen deswegen die Männer so passiv und die Frauen so aktiv, weil es Frauen waren, die die Märchen erzählt haben? Was hat es mit dem Wald auf sich, in den es Kinder und Frauen oft verschlägt? Steckt in jeder Mutter nicht auch der Wunsch, als böse Stiefmutter die Kinder im Wald auszusetzen? Welche Rolle spielt in den Märchen Sodomie?
Darüber hinaus werden in einer herrlich schnoddrig-umgangssprachlichen Art die Sekkyo-Erzählungen kurz illustriert: Da wären unter anderem „Oberst Iguri“, der nach 72 Ehen endlich seine wahre Liebe Terute trifft, ermordet wird, als ein groteskes Figürchen wieder aufersteht, geläutert in seine wahre Gestalt zurückkehrt und Rache nimmt. „Der reiche Sansho“ versklavt ein Geschwisterpaar: Der Bruder Zushio kann entkommen, während die Schwester Anju zu Tode gefoltert wird. Zushio kann schließlich Rache für Anjus Tod am reichen Sansho nehmen. Und auch „Shintokumaru“, „Aigonowaka“, „Das Weib aus Shinoda“, „Urikohime“ und „Momotaro“ werden vorgestellt um schließlich mit den Märchen der Gebrüder Grimm und Kafkas Gregor aus „Die Verwandlung“ verglichen zu werden.
Doch „Das anarchische Aschenputtel“ ist alles andere als ein wissenschaftlicher Text. Vielmehr erscheint es so, als ob Hiromi Ito und Masahiko Nishi ihren Gedanken freien Lauf lassen, Thesen aufstellen, um sie an anderer Stelle vielleicht wieder zu verwerfen. Schließlich kommen sie aber doch zu einem wesentlichen Schluss zum Thema Märchen:
Darüber hinaus werden in einer herrlich schnoddrig-umgangssprachlichen Art die Sekkyo-Erzählungen kurz illustriert: Da wären unter anderem „Oberst Iguri“, der nach 72 Ehen endlich seine wahre Liebe Terute trifft, ermordet wird, als ein groteskes Figürchen wieder aufersteht, geläutert in seine wahre Gestalt zurückkehrt und Rache nimmt. „Der reiche Sansho“ versklavt ein Geschwisterpaar: Der Bruder Zushio kann entkommen, während die Schwester Anju zu Tode gefoltert wird. Zushio kann schließlich Rache für Anjus Tod am reichen Sansho nehmen. Und auch „Shintokumaru“, „Aigonowaka“, „Das Weib aus Shinoda“, „Urikohime“ und „Momotaro“ werden vorgestellt um schließlich mit den Märchen der Gebrüder Grimm und Kafkas Gregor aus „Die Verwandlung“ verglichen zu werden.
Doch „Das anarchische Aschenputtel“ ist alles andere als ein wissenschaftlicher Text. Vielmehr erscheint es so, als ob Hiromi Ito und Masahiko Nishi ihren Gedanken freien Lauf lassen, Thesen aufstellen, um sie an anderer Stelle vielleicht wieder zu verwerfen. Schließlich kommen sie aber doch zu einem wesentlichen Schluss zum Thema Märchen:
„Wir sollten sie unbedingt als nichtabgeschlossene, zusammenhängende Geschichten lesen. Die Tatsache, dass sich so viele Märchen in Aufbau und Stil ähneln, zeigt, dass auf Leute Rücksicht genommen wurde, die sie wie wir als Fortsetzungsgeschichte lesen wollen.“ (S. 113)
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