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Samstag, 6. Juni 2020

„50“ von Hideo Yokoyama

„50“ ist das dritte Werk Hideo Yokoyamas, das bisher ins Deutsche übersetzt wurde. Wer die vorausgegangenen Veröffentlichungen „64“ und „2“ gelesen hat, der weiß, dass bei Hideo Yokoyama die eigentliche Kriminaltat weniger im Vordergrund steht, als die Beschreibung von Strukturen und Vorgängen im Strafverfolgungsapparat. Und so verwundert es auch bei „50“ nicht, dass wenig Spannung aufgebaut wird. Gleich auf den ersten Seiten ist klar, wer der Täter ist. Es stellt sich nämlich der 49-jährige Polizeiausbilder Kaji. Er gibt an, seine schwer an Alzheimer erkrankte Ehefrau auf deren eigenes Verlangen hin getötet zu haben. Sie habe es nicht länger ertragen können, ihren verstorbenen Sohn mehr und mehr zu vergessen und wolle zumindest als Mutter sterben.

Das erste Kapitel wird aus der Sicht des Ermittlers Shiki erzählt. Er ist Abteilungsleiter im Dezernat und wird wegen seiner exzellenten Verhörtechniken damit betraut, Kajis Aussage aufzunehmen. Nachdem der eigentliche Tatverlauf geklärt ist, tut sich dennoch eine Ungereimtheit auf: Wieso hat sicht Kaji erst drei Tage nach der Tat gestellt? Was hat er in diesen Tagen getrieben? Und wieso schweigt er so hartnäckig, wenn es um diese Fragestellung geht?

Für die Polizei steht ihr Ruf auf dem Spiel. Daher muss Kaji eine plausible Erklärung liefern – egal ob sie korrekt ist oder nicht. Sowohl die Presse als auch die Staatsanwaltschaft sind misstrauisch, was die Polizei an Ergebnissen liefert, und stellen eigene Nachforschungen an. So wird in fünf weiteren Kapiteln aus jeweils anderen Blickwinkeln der Fall beleuchtet. Dabei erfährt der Leser mehr über die Strukturen und Prozesse der japanischen Strafverfolgung und zugleich werden auch die persönlichen Probleme der jeweiligen Protagonisten dargestellt.

„50“ illustriert vor allem den Prozess, den Shiki als „aufs Fließband setzen“ beschreibt:

„Wenn in einem Fall der Verdächtige ein volles Geständnis ablegt und alle Unterlagen in Ordnung sind, kommt er quasi wie mit einem Freifahrtschein durch das Polizeiverhör, durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und durch das Gerichtsverfahren. Etwa so, als säße er auf einem Fließband. Gefährlich finde ich daran, dass das auch so läuft, wenn man überhaupt nichts darüber weiß, wie es im Innern des Verdächtigen aussieht. Kaji ist ein Musterbeispiel dafür.“ (S. 326)

Natürlich war auch „50“ kein Buch, durch das man sich in Windeseile durchgefressen hat. Der Schurke ist auch kein wirklicher Bösewicht, sondern ein sympathischer älterer Mann. Der Roman lebt vielmehr von den vielen Blickwinkeln auf den Fall und den Charakteren, die alle ihren täglichen Kampf ausfechten müssen. Um sich im Job zu behaupten, ein Familienleben aufrecht zu halten oder auch alleine klar kommen zu müssen.

Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „50“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium, Zürich 2020, ISBN 978-3-85535-097-1

Freitag, 1. November 2019

"2" von Hideo Yokoyama

Wer Hideo Yokoyamas "64" bereits gelesen hat, wird sich denken können, dass das Label  "Thriller", das der Atrium Verlag aufs Cover gesetzt hat, wohl auch diesmal wieder nur bedingt zutrifft. Den Titel "2" darf man wörtlich nehmen, denn die Veröffentlichung enthält zwei Geschichten. Der Leser trifft in beiden Erzählungen alte Bekannte aus "64" wieder. Insbesondere der eher unsympathische Futawatari, seines Zeichens Inspektor der Verwaltungsabteilung der Präfektur, als solcher verantwortlich für sämtliche Versetzungsangelegenheiten und daher von allen Kollegen gefürchtet, hat in beiden Erzählungen seinen Auftritt und wird in "2" durchaus menschlicher gezeichnet als in "64".

In der ersten Geschichte "Zeit der Schatten" ist Futawatari die zentrale Figur. Gerade hat er seine regelmäßigen Versetzungspläne abgeschlossen, ereilt ihn die Nachricht, dass der ehemalige Direktor des Kriminaluntersuchungsamts Osakabe und nun Vorstand einer Stiftung seinen Posten keinesfalls räumen wird. Ein Skandal und ein ungeheuerliches Vorgehen, das Futawataris Pläne durcheinanderwirbelt. Als Futawatari dem Ganzen auf den Grund gehen will, stößt er auf einen alten, nie aufgeklärten Fall aus Osakabes Umfeld.

"Schwarze Linien" sind das täglich Brot der Kommissarin Mizuho Hirano: Im Team der Spurensicherung ist sie diejenige, die die Phantombilder zeichnet. Als sie eines Tages nicht zum Dienst erscheint, klingeln nicht nur bei Tomoko Nanao, die sich um die weiblichen Kolleginnen kümmert, die Alarmglocken. Gerade konnte ein Fall wegen Mizuhos Fähigkeiten erfolgreich abgeschlossen werden. Daher könnte ein Racheakt hinter Mizuhos Verschwinden stecken. Tomoko geht aber noch weiteren Spuren nach, um Mizuho zu finden.

"2" bietet nicht sonderlich viel Spannung, sondern eher einen ungewöhnlichen Einblick in den japanischen Polizeiapparat, wie es auch bei "64" der Fall ist. So wird in der ersten Erzählung von der Praxis berichtet, pensionierten Führungskräften zum Rentenbeginn Posten in Stiftungen zu verschaffen, um ihnen weiterhin ein prestigekräftiges Aufgabenfeld zu eröffnen. In der zweiten Erzählung geht es um den Alltag von Frauen bei der Polizei. Allerdings empfand ich die weibliche Perspektive eher recht klischeehaft geschildert.

Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: "2" (Übersetzung aus dem Englischen: Roth, Sabine), Atrium, Zürich 2019, ISBN 978-3-85535-065-0

Samstag, 22. September 2018

"64" von Hideo Yokoyama

Wer einen klassischen Krimi lesen will, der wird von Hideo Yokoyamas "64" gegebenenfalls enttäuscht werden. Denn der Roman nimmt sehr, sehr langsam Fahrt auf. Wer sich durch das circa 750 Seiten starke Werk wühlt, dem wird schon einiges an Durchhaltevermögen aufgebürdet.

Einerseits geht es schon auch mal um einen Cold Case: Zum Ende der Showa-Zeit (1989  = 64 Showa-Zeit) kommt es zu einem dramatischen Entführungsfall, bei dem das 7-jährige Opfer nach der Lösegeldübergabe tot aufgefunden wird. Trotz detaillierter Polizeiarbeit bleibt das Verbrechen ungelöst. Kurz vor der Verjährung soll der Fall Pubilicity-stark nochmal in den Blickpunkt der Medien gerückt werden mit der Botschaft, dass man den Mörder und Entführer nicht davonkommen lassen will.

Andererseits nimmt die spannungsgeladene Situation des Polizei-Pressesprechers Mikami die meisten Seiten in Beschlag: Mikami ist eigentlich ein klassischer Ermittler, der seine Versetzung in die Verwaltung als große Strafe betrachtet. In seiner Funktion als Pressesprecher meiden ihn die alten Kollegen aus der Kriminaluntersuchung. Doch nur wenn Mikami seinen derzeitigen Job gut erfüllt, dann hat er die Chance, wieder auf einen Ermittlerposten zurückversetzt zu werden. Zudem hat er als Führungskraft auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Mikami steckt in einer Zwickmühle.

Dazu gesellen sich auch noch private Probleme. Mikamis Tochter ist verschwunden. Das Teenager-Mädchen leidet unter ihrem Aussehen. Leider hat sie nicht die Schönheit der Mutter, sondern die Gesichtszüge des wenig ansehnlichen Vaters geerbt. Und mit Mikamis Art kommt sie auch nicht klar. Eines Tages kehrt sie einfach nicht in ihr Elternhaus zurück.

Hideo Yokoyama räumt der Darstellung von Mikamis Arbeit als Pressesprecher enorm viel Raum ein. Zudem erfährt der Leser viel über die Strukturen bei der Polizei. Das mag für Japan-Freaks sicherlich noch irgendwie interessant sein. Doch mit der Zeit werden die Scharmützel zwischen PR-Abteilung und Presse bzw. Verwaltung und Kriminaluntersuchung ein bisschen fade und man fragt sich, wohin das denn noch alles führen und was das zur Klärung des Cold Case beitragen soll.

Es sei verraten, dass der Roman immerhin ab dem letzten Drittel doch endlich spannend wird. Wer sich so weit durchgekämpft hat, wird immerhin doch noch belohnt, wenn auch am Schluss einige Fragen offen bleiben.

Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „64“ (Übersetzung aus dem Englischen: Roth, Sabine & Stingl, Nikolaus), Atrium, Zürich 2018, ISBN 978-3-85535-017-9

Sonntag, 27. Mai 2018

Hideo Yokoyama

Der Autor und Karikaturist Hideo Yokoyama wurde im Jahr 1957 in Tokio geboren. Nach seinem Abitur ging er auf das International College of Business (ebenfalls in Tokio). Im Jahr 1979 begann er, bei der Kamiyosei Shimbun, einer Regionalzeitung der Provinz Gunma, als investigativer Journalist zu arbeiten. Als ihm 1991 für eine Kurzgeschichte der neunte Suntory Mystery Award verliehen wurde, kündigte er seine Stelle und wurde freischaffender Schriftsteller. Da er seine Ehefrau und zwei Kinder zu versorgen hatte, hielt er die Familie mit diversen Jobs, zum Beispiel im Sicherheitsdienst, über Wasser.

Erst 1998 debütierte er mit dem Roman „Saison der Schatten“, für den er den Seicho Matsumoto-Preis erhielt.

Hideo Yokoyama stürzte sich daraufhin in einen extrem ungesunden Lebensstil, um möglichst produktiv zu sein. Er schrieb bis zu 20 Stunden am Tag und hielt sich mit Energy Drinks und aufputschenden Medikamenten wach. Während er an „64“ schrieb, erlitt er im Jahr 2003 einen Herzinfarkt, von dem er sich wieder erholen konnte. Drei Jahre später konnte er den Roman schließlich beenden.

In seine Werke lässt Hideo Yokoyama seine Erfahrungen und Rechercheergebnisse aus seiner Zeit als Journalist einfließen. So basiert einer seiner Romane beispielsweise auf Interviews zum Unfall des Japan Airlines Flug 123, bei dem mehr als 500 Menschen ums Leben kamen. Der Roman „64“ wiederum ist aus der Sicht eines Pressesprechers geschrieben.

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