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Samstag, 9. April 2022

„Bullet Train“ von Kotaro Isaka

Kotaro Isakas „Bullet Train“ hat mich echt fertig gemacht. Nix mit Spannungsbogen zum Höhepunkt – ein Hammer jagt den nächsten, während der Hayate-Schnellzug von Tokio nach Morioka rauscht. Denn in dem Zug versammeln sich einige der besten Auftragskiller aus Tokios Unterwelt.

Da ist z.B. das Duo Lemon und Tangerine, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Lemon liebt eine Zeichentrickserie für Kinder und ist stürmisch, Tangerine ist belesen und handelt überlegt. Die beiden kommen gerade von einer Befreiungsaktion: Der Sohn des berüchtigten Gangsters Minegishi war entführt worden. Bei der Geldübergabe konnte das Duo die zahlenmäßig weit überlegenen Entführer erledigen und den Geldkoffer an sich nehmen.

Auch Nanao, in der Branche als „der Marienkäfer“ bekannt, hat einen Auftrag in dem Zug: Er soll Lemon und Tangerine den Koffer abnehmen. Doch Nanao ist – anders als der Glücks-verheißende Name des Marienkäfers implizieren könnte – ein unglaublicher Pechvogel. Alles, was schief gehen kann, geht schief, doch in die Enge getrieben, läuft Nanao zur Höchstform auf.

Kimura steigt ebenfalls in Tokio ein – mit einer Waffe und Schalldämpfer im Gepäck. Sein Ziel ist Oji, ein Schüler, der die Ausgeburt der Hölle ist. Mit schauspielerischem Geschick manipuliert Oji jeden und findet Schwachstellen, an denen er ansetzen kann. Kimura ist ein Säufer, aber ein liebender Vater. Oji hat Kimuras Sohn auf die Intensivstation gebracht und Kimura will im Zug Rache nehmen. Doch für Oji kommt Kimuras Angriff nicht überraschend – er ist gut vorbereitet.

Auf den ersten 20 Seiten von „Bullet Train“ passiert so viel wie in manchen Romanen insgesamt nicht. Der Autor Kotaro Isaka gibt in einem Interview an, dass sein Werk vor allem sehr spannend und entertaining sein soll. Und das Vorhaben ist ihm sicherlich hervorragend geglückt. Wie im Stakkato treffen die Kontrahenten aufeinander, bekämpfen sich in Wortgefechten und physisch bis sich die Charaktere gegenseitig ausdünnen. Doch unversehens steigen dann neue Figuren ins Geschehen ein. Genauso atemlos wie Nanao hechelt auch der Leser durch die rasante, geradezu explosive Handlung. Wahrlichen Entertainment auf höchstem Niveau.

Bibliographische Angaben:
Isaka, Kotaro: „Bullet Train“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Hoffmann & Campe, Hamburg 2022, ISBN 978-3-455-01322-1

Samstag, 22. September 2018

"64" von Hideo Yokoyama

Wer einen klassischen Krimi lesen will, der wird von Hideo Yokoyamas "64" gegebenenfalls enttäuscht werden. Denn der Roman nimmt sehr, sehr langsam Fahrt auf. Wer sich durch das circa 750 Seiten starke Werk wühlt, dem wird schon einiges an Durchhaltevermögen aufgebürdet.

Einerseits geht es schon auch mal um einen Cold Case: Zum Ende der Showa-Zeit (1989  = 64 Showa-Zeit) kommt es zu einem dramatischen Entführungsfall, bei dem das 7-jährige Opfer nach der Lösegeldübergabe tot aufgefunden wird. Trotz detaillierter Polizeiarbeit bleibt das Verbrechen ungelöst. Kurz vor der Verjährung soll der Fall Pubilicity-stark nochmal in den Blickpunkt der Medien gerückt werden mit der Botschaft, dass man den Mörder und Entführer nicht davonkommen lassen will.

Andererseits nimmt die spannungsgeladene Situation des Polizei-Pressesprechers Mikami die meisten Seiten in Beschlag: Mikami ist eigentlich ein klassischer Ermittler, der seine Versetzung in die Verwaltung als große Strafe betrachtet. In seiner Funktion als Pressesprecher meiden ihn die alten Kollegen aus der Kriminaluntersuchung. Doch nur wenn Mikami seinen derzeitigen Job gut erfüllt, dann hat er die Chance, wieder auf einen Ermittlerposten zurückversetzt zu werden. Zudem hat er als Führungskraft auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Mikami steckt in einer Zwickmühle.

Dazu gesellen sich auch noch private Probleme. Mikamis Tochter ist verschwunden. Das Teenager-Mädchen leidet unter ihrem Aussehen. Leider hat sie nicht die Schönheit der Mutter, sondern die Gesichtszüge des wenig ansehnlichen Vaters geerbt. Und mit Mikamis Art kommt sie auch nicht klar. Eines Tages kehrt sie einfach nicht in ihr Elternhaus zurück.

Hideo Yokoyama räumt der Darstellung von Mikamis Arbeit als Pressesprecher enorm viel Raum ein. Zudem erfährt der Leser viel über die Strukturen bei der Polizei. Das mag für Japan-Freaks sicherlich noch irgendwie interessant sein. Doch mit der Zeit werden die Scharmützel zwischen PR-Abteilung und Presse bzw. Verwaltung und Kriminaluntersuchung ein bisschen fade und man fragt sich, wohin das denn noch alles führen und was das zur Klärung des Cold Case beitragen soll.

Es sei verraten, dass der Roman immerhin ab dem letzten Drittel doch endlich spannend wird. Wer sich so weit durchgekämpft hat, wird immerhin doch noch belohnt, wenn auch am Schluss einige Fragen offen bleiben.

Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „64“ (Übersetzung aus dem Englischen: Roth, Sabine & Stingl, Nikolaus), Atrium, Zürich 2018, ISBN 978-3-85535-017-9