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Samstag, 29. Dezember 2018

„Sendbo-o-te“ von Yoko Tawada

Was passiert nach einer ultimativen Katastrophe, die den Alltag und die bisherige Lebensweise komplett auf den Kopf stellt? Yoko Tawada entwirft in „Sendbo-o-te“ ein Szenario, das unter die Haut geht: In dieser, vielleicht nicht allzu fernen Zukunft, schottet sich Japan ein zweites Mal von der Welt ab. Die Alten sind zu annähernd ewigem Leben verdammt, dagegen sterben die Kinder wie die Fliegen. Abgesehen von Miet-Hunden sind Tiere so gut wie alle verschwunden. Die Wiesen gelten als vergiftet. Und auch im einstmalig so dicht besiedelten Tokio lebt kaum ein Mensch mehr – ein längerer Aufenthalt dort gilt als gesundheitsschädigend. Das Klima hat sich geändert und der Ackerbau muss vielerorts eingestellt werden.

Mumey und Yoshiro sind ein Urenkel-Urgroßvater-Gespann, die gemeinsam in einer Notunterkunft hausen. Mumey ist wie alle Kinder seiner Generation sehr schwach und kränklich. Er verfügt aber auch über eine eigenartige Weisheit und Yoshiro glaubt nicht, ihm auch nur eine Sache beibringen zu können. Ohnehin sind viele frühere Verlässlichkeiten dahin. So wechseln Menschen urplötzlich ihr Geschlecht. Die Polizei hat seit der Abschaffung von Lebensversicherungen keine Morde mehr aufzuklären, sondern fungiert in erster Linie als lustige Blaskapelle.

Soweit Yoshiro kann, umsorgt er seinen Enkel fürsorglich, denn der Kleine kann mit seinen brüchigen Zähnen nicht gut kauen, plagt sich arg beim Schlucken und muss von Yoshiro mit dem Fahrrad zur Schule gefahren werden. Beim Kinderarzt wird untersucht, wie weit die Zellzerstörung schon fortgeschritten ist. Mumey klagt jedoch nicht, sondern begibt sich ohne Klagen in sein Schicksal. Er ist ein Todgeweihter.

Yoshiro ist Schriftsteller und erlebt die Restriktionen der Abschottungspolitik als besonders hart. Einen historischen Roman über Sendboten nach China begräbt er auf dem Dingfriedhof; das Werk hätte wegen seiner vielen Bezüge zu Orten im Ausland nicht veröffentlicht werden dürfen. Auch seinem Essay „Japan war nicht isoliert“ über die Handelsbeziehungen während der ersten Isolationsphase während der Edo-Zeit wird die Publikation verweigert. Und dann sind da noch die vielen Worte, die Yoshiro aus seinem Wortschatz streichen soll, da sie nicht mehr verwendet werden dürfen.

Doch nicht alle Japaner halten sich an die Isolationspolitik. Die geheime Sendboten-Vereinigung schickt immer wieder Kinder ins Ausland, damit sie dort untersucht werden. Denn die Katastrophe, die Japan heimgesucht hat, kann auch woanders auftreten und dieselben Krankheitsbilder verursachen. Mumey scheint für die Aufgabe eines Sendboten ideal…

Yoko Tawadas „Sendbo-o-te“ wurde 2018 in der englischen Übersetzung mit dem US-amerikanischen National Book Award für übersetzte Literatur ausgezeichnet, der insgesamt an zehn Werke vergeben wurde. Yoko Tawada schrieb „Sendbo-o-te“ auf Japanisch. Die deutsche Version wurde von Peter Pörtner übersetzt. Daher fallen die Sprachspiele, die Yoko Tawadas auf deutsch verfasste Werke kennzeichnen, diesmal etwas subtiler aus. Das Thema Fremdheit, das ja sonst oft von der Autorin aufgenommen wird, findet man in der aktuellen Veröffentlichung nicht. Der grandiose Wortwitz von Yoko Tawada bleibt dem Leser aber gleichwohl erhalten:

„’Was sind die Wechseljahre?’
‚Das ist, wie wenn der Körper die Tonart wechselt. Von Dur in Moll. Oder so.’“
(S. 155)

Auch wenn die Untergrundorganisation der Sendboten titelgebend ist, so nimmt sie doch keinen allzu großen Raum in Yoko Tawadas Roman ein. Im Zentrum steht Yoshiro, der aus der Zeit vor der Katastrophe und aus der Zeit danach berichtet. Auch aus Mumeys Perspektive, aus der von Mumeys Urgroßmutter und Mumeys Lehrer wird das Leben nach dem Desaster dargestellt. Daher sollte der Leser trotz der subversiven Sendbotengesellschaft keine großmächtige Spannung erwarten, sondern vielmehr eine Bestandsaufnahme nach der Katastrophe. Freilich kommt die dank Yoko Tawadas Erzählweise leicht und originell daher, ohne in depressiven Charakter zu verfallen. Nichtsdestotrotz klingt auch die Reue Yoshiros durch, dass die Lebensweise seiner Generation den Urenkeln die Chance auf ein gesundes, langes Leben genommen hat.

Bei einer zweiten Auflage sollte der Konkursbuchverlag jedoch nochmal gründlich Korrektur lesen. Es tummeln sich so einige Fehlerchen insbesondere bezüglich der Interpunktion. Selbst ein Charakter bekommt auf derselben Seite zwei Namen (Suiren vs. Surien, S. 151).

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Sendbo-o-te“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Pörtner, Peter), Konkursbuch Verlag, Tübingen 2018, ISBN 978-3-88769-688-7

Montag, 8. April 2013

„83 Tage – Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“ von Hiroshi Iwamoto/NHK-TV

Hiroshi Iwamoto dokumentiert mit „83 Tage – Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“ den Strahlenunfall, der am 30. September 1999 in einer Kernbrennstoffanlage in Tokaimura zwei Arbeiter verstrahlte und sie in einen langsamen, qualvollen Tod schickte. Der Autor, der für die NHK eine Reportage über den Strahlentod von Hisashi Ouchi drehte, gießt dessen erschütternde Krankheitsgeschichte mit „83 Tage – Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“ in Buchform.

Am 30. September 1999 sind Hisashi Ouchi und sein Kollege Masato Shinohara gerade dabei, mit einem Stahleimer Uranlösung abzufüllen. Ohne zu wissen, dass diese Maßnahme höchst gefährlich war und auch nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprach, erreichte die Uranlösung die Kritikalität – Ouchi und Shinohara wurden durch Neutronenstrahlung verstrahlt.

Ouchi wurde ins Universitätsklinikum von Tokio verlegt, wo ihn eine ganze Bandbreite von medizinischen Experten behandeln sollte. Während Ouchi zunächst noch fit wirkte und die Krankenschwestern vermuteten, ihn tatsächlich eines Tages gesund entlassen zu können, durchlebte Ouchi in seinen letzten Tagen ein unsägliches Martyrium. Denn die Strahlung hatte seine Chromosomen komplett zerstört – eine Zellbildung war nicht mehr möglich. Die Haut, die verstrahlt war, ging ab und konnte sich nicht mehr regenerieren. Ouchis Körpervorderseite lag nach einigen Tagen blutend frei. Ebenso erging es der Magen- und Darmschleimhaut: An eine Verdauungsfunktion war irgendwann nicht mehr zu denken; die Organe sonderten nur noch Blut ab. Der Patient verlor schließlich pro Tag 10 Liter Blut und Flüssigkeit, die durch Transfusionen ersetzt werden mussten. Diverseste Medikamente, die unter anderem Infektionen verhindern und den Blutdruck konstant halten sollten, wurden Ouchi zudem verabreicht. 83 Tage Leid ohne Hoffnung auf Heilung...

Doch nicht nur die Leidensgeschichte von Hisashi Ouchi wird in Hiroshi Iwamotos Dokumentation eingefangen. Auch die Ärzte und Pfleger kommen zu Wort. Sie sind gefangen in Hilflosigkeit und Zweifel. Wie lässt sich gegen einen derartig übermächtigen Gegner wie der Strahlung ankämpfen? Und macht es denn noch Sinn, Ouchi weiterhin am Leben zu erhalten, ihn zu reanimieren, wenn doch alle Körperfunktionen langsam aber sicher auszusetzen drohen? Wird sein Leid nur unnötig in die Länge gezogen?

„83 Tage – Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“ ist alles andere als eine angenehme Sonntagslektüre. Die Dokumentation schockiert mit medizinischen Details und zeigt eindrücklich die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der unbeherrschbaren Kraft der Strahlung auf. Wenn das Höllentor erst einmal aufgestoßen ist, ist jede Hoffnung vergebens...

Bibliographische Angaben:
Iwamoto, Hiroshi/NHK-TV: „83 Tage – Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi“ (Übersetzung aus dem Englischen: Wegberg, J.T.A.), Redline Verlag, München 2011, ISBN 978-3-86881-315-9