Acht Gedichte und Texte enthält Hiromi Itos noch nicht mal 30 Seiten umfassendes Büchlein „Mutter töten“. Die Themen kreisen um Grenzgänge, Sex, Geburt und Tod. Hiromi Ito provoziert: Sie bringt den ach so noblen Heldentod des Seppuku in Verbindung mit Onanie („Im Angesichte einer Frau Seppuku zu begehen, das wäre das Höchste / (Onanieren) / Samurai / (Onanieren)“, S. 7), schlechtem Sex („Dass er drin ist, krieg ich gerade noch mit“, S. 11), abgeklärten Beerdigungen („Tja, das passt nicht mehr rein, sagt der Beamte zu den Angehörigen wie zu sich selbst, und mit bloßen Händen zerbricht er, krickkrack, die Knochen und stopft sie in die Urne“, S. 16f.), Abtreibungen und Hass den eigenen Eltern gegenüber.
Hiromi Itos Texte sind sehr persönlich: So schreibt sie über die Abtreibung ihrer Tochter Kaneko in „Kaneko töten“, die im realen Leben aber durchaus das Licht der Welt erblickt hat. Die Einäscherung ihrer Schwiegermutter und das Verhältnis zu ihrer Mutter, als Hiromi Ito Anfang 20 war, sind weitere Themen. Ihre Aussagen sind mehr als provokant, bspw. gratuliert sie zur Abtreibung mit einem mehrfachen „Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung“ und ruft ihre Freundinnen dazu auf, ihre Kinder auszusetzen. Das Aussetzen von Kindern scheint ohnehin ein beliebtes Thema der Autorin zu sein, lässt sie sich doch auch in „Das anarchische Aschenputtel“ über das Phänomen der bösen (Stief-)Mutter in Märchen aus.
Mittwoch, 29. Februar 2012
Dienstag, 28. Februar 2012
„Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ von Arimasa Osawa
Kommissar Samejimas zweiter Fall hat es in sich: Bei einer Observierung eines illegalen Mahjong-Clubs beobachtet Samejima einen gefährlich aussehenden Taiwanesen. Als er mit seiner Freundin Sho privat in Shinjuku unterwegs ist, kreuzt der Unbekannte unversehens erneut seinen Weg. Als Samejima bemerkt, dass der Taiwanese von einem Yakuza verfolgt wird, heftet er sich an deren Fersen. Er wird Zeuge von einem beeindruckenden Kampf: Mit wenigen Schlägen wehrt der Taiwanese den bald krankenhausreifen Yakuza ab, als er in einer Gasse angegriffen wird. Samejima gibt sich als Polizist zu erkennen – gleiches gilt für den Taiwanesen namens Guo, der angibt, Kommissar in Taipeh zu sein und in Japan Urlaub machen zu wollen. Überprüfungen ergeben, dass Guo tatsächlich der taiwanesischen Polizei angehört, doch den Japan-Urlaub nimmt Samejima dem Kommissar nicht ab. Er soll recht behalten: Guo hat sich an die Fersen eines taiwanesischen Auftragsmörder namens Giftaffe geheftet, der Rache an einem Landsmann nehmen will, der wiederum bei einem japanischen Yakuza Unterschlupf gesucht hat. Samejima befürchtet ein Gemetzel unter den Yakuza und versucht, das Schlimmste zu verhindern…
Arimasa Osawa erzählt „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ aus mehreren Erzählperspektiven. Der Effekt in diesem Fall: Irgendwie fiebert man sowohl für den Helden als auch für den Anti-Helden mit. Leider können nicht beide triumphieren.
Trotzdem entbehrt der Roman nicht eine unfreiwillige Komik: Harte Cops, die Eiskaffee bestellen und Schlafanzüge tragen – das passt irgendwie nicht in das Bild eines einsamen Wolfs. Und leider wirkt der ansonsten so coole Samejima gegen seinen taiwanesischen Kollegen ein bisschen wie ein Weichei.
Der zweite Teil der Samejima-Reihe ist weitaus spannender, rasanter, aber auch brutaler als der Vorgänger „Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha“. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht nötig, da die wesentlichen Eckpunkte rund um Samejimas bisherige Erfahrungen als Polizist kurz angerissen werden. Besonders interessant sind in „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ die zahlreichen Hintergrundinformationen zu den japanischen Yakuza und ihrem taiwanesischen Spiegelbild.
Ein kleines Update: Ab August 2014 ist der Roman auch unter dem Titel „Giftaffe" erhältlich.
Arimasa Osawa erzählt „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ aus mehreren Erzählperspektiven. Der Effekt in diesem Fall: Irgendwie fiebert man sowohl für den Helden als auch für den Anti-Helden mit. Leider können nicht beide triumphieren.
Trotzdem entbehrt der Roman nicht eine unfreiwillige Komik: Harte Cops, die Eiskaffee bestellen und Schlafanzüge tragen – das passt irgendwie nicht in das Bild eines einsamen Wolfs. Und leider wirkt der ansonsten so coole Samejima gegen seinen taiwanesischen Kollegen ein bisschen wie ein Weichei.
Der zweite Teil der Samejima-Reihe ist weitaus spannender, rasanter, aber auch brutaler als der Vorgänger „Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha“. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht nötig, da die wesentlichen Eckpunkte rund um Samejimas bisherige Erfahrungen als Polizist kurz angerissen werden. Besonders interessant sind in „Der Hai von Shinjuku – Rache auf chinesisch“ die zahlreichen Hintergrundinformationen zu den japanischen Yakuza und ihrem taiwanesischen Spiegelbild.
Ein kleines Update: Ab August 2014 ist der Roman auch unter dem Titel „Giftaffe" erhältlich.
Montag, 27. Februar 2012
„Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ von Yoko Ogawa
Der Februar 2012 ist ein fantastischer Monat für die ins Deutsche übersetzte japanische Literatur. Denn neben einer Neuerscheinung von Banana Yoshimoto dürfen wir uns über die Veröffentlichung von Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ freuen. Yoko Ogawa, die vor allem bekannt ist für leicht schaudrig-eklige Charaktere und Situationen, weicht mit ihrem neuen Roman etwas von diesem Konzept ab, bleibt aber skurril:
Eine namenlose, allein stehende Haushälterin wird durch ihre Agentur einem neuen Auftraggeber zugeteilt. Die patente Frau, die schon so einige Marotten vorheriger Dienstherren erlebt hat, muss sich nun einer besonders kuriosen Herausforderung stellen. Der Mathematik-Professor, für den sie künftig tätig sein soll, kann sich zwar an die Zeit vor seinem schweren Autounfall vor Jahren erinnern. Doch sein Gedächtnis reicht in der Jetzt-Zeit gerade mal 80 Minuten zurück. Somit hat die Haushälterin sich jeden Morgen erneut vorzustellen und dieselben Fragen des Professors zu beantworten. Der Mathematiker befragt sie jedoch nie nach Persönlichem, sondern nach Dingen, die sie nur mit Zahlen beantworten kann: Was ist ihre Schuhgröße? Wie viel hat sie bei der Geburt gewogen? Wann ist ihr Geburtstag? Die Antwort nimmt der Professor zum Anlass, um über sein Lieblingsthema, die Mathematik und die Welt der Zahlen, zu sprechen. Denn die Mathematik erachtet er als die ästhetisch-geordnete Wahrheit, die im Hintergrund der Alltäglichkeit existiert. Der Leser erhält so einen anschaulichen Einblick in die Schönheit der Primzahlen; in Teiler, die Zahlen in Freundschaft verbinden und in die klare Stringenz mathematischer Beweise.
Doch der Professor hat auch ein weiteres Faible: Er liebt Kinder und drängt seine Haushälterin dazu, ihren Sohn nach der Schule mit in seinen Haushalt zu bringen, obwohl dies gegen die Bedingungen der Agentur verstößt. Der Professor schließt den Sohn, den er aufgrund eines besonders flachen Schädels „Root“ nach dem Wurzelzeichen benennt, jeden Tag aufs Neue ins Herz. Der zusammen gewürfelte drei-Generationen-Haushalt verlebt trotz des täglichen Resets immer wieder schöne Tage. Doch als die Haushälterin einmal mehr die Agenturregeln bricht, scheint die seltsame Idylle ein Ende zu haben.
In Zeiten einer alternden Gesellschaft ist Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ im Hinblick auf Demenz-Krankheiten ein Buch, das Mut macht: Trotz des völlig gestörten Kurzzeitgedächtnisses des Professors finden die Protagonisten Mittel und Wege, ein gemeinsames, harmonisches Miteinander möglich zu machen. Die gegenseitige Sympathie wohnt den Menschen inne und wird nicht an gemeinsame Erinnerungen geknüpft. Zwar zieht sich der Professor auch gerne in die Mathematik zurück, lässt die Haushälterin und ihren Sohn aber an dieser anderen Welt teilhaben und weckt gar noch die Begeisterung für die verborgene Magie der Zahlen.
Eine namenlose, allein stehende Haushälterin wird durch ihre Agentur einem neuen Auftraggeber zugeteilt. Die patente Frau, die schon so einige Marotten vorheriger Dienstherren erlebt hat, muss sich nun einer besonders kuriosen Herausforderung stellen. Der Mathematik-Professor, für den sie künftig tätig sein soll, kann sich zwar an die Zeit vor seinem schweren Autounfall vor Jahren erinnern. Doch sein Gedächtnis reicht in der Jetzt-Zeit gerade mal 80 Minuten zurück. Somit hat die Haushälterin sich jeden Morgen erneut vorzustellen und dieselben Fragen des Professors zu beantworten. Der Mathematiker befragt sie jedoch nie nach Persönlichem, sondern nach Dingen, die sie nur mit Zahlen beantworten kann: Was ist ihre Schuhgröße? Wie viel hat sie bei der Geburt gewogen? Wann ist ihr Geburtstag? Die Antwort nimmt der Professor zum Anlass, um über sein Lieblingsthema, die Mathematik und die Welt der Zahlen, zu sprechen. Denn die Mathematik erachtet er als die ästhetisch-geordnete Wahrheit, die im Hintergrund der Alltäglichkeit existiert. Der Leser erhält so einen anschaulichen Einblick in die Schönheit der Primzahlen; in Teiler, die Zahlen in Freundschaft verbinden und in die klare Stringenz mathematischer Beweise.
Doch der Professor hat auch ein weiteres Faible: Er liebt Kinder und drängt seine Haushälterin dazu, ihren Sohn nach der Schule mit in seinen Haushalt zu bringen, obwohl dies gegen die Bedingungen der Agentur verstößt. Der Professor schließt den Sohn, den er aufgrund eines besonders flachen Schädels „Root“ nach dem Wurzelzeichen benennt, jeden Tag aufs Neue ins Herz. Der zusammen gewürfelte drei-Generationen-Haushalt verlebt trotz des täglichen Resets immer wieder schöne Tage. Doch als die Haushälterin einmal mehr die Agenturregeln bricht, scheint die seltsame Idylle ein Ende zu haben.
In Zeiten einer alternden Gesellschaft ist Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ im Hinblick auf Demenz-Krankheiten ein Buch, das Mut macht: Trotz des völlig gestörten Kurzzeitgedächtnisses des Professors finden die Protagonisten Mittel und Wege, ein gemeinsames, harmonisches Miteinander möglich zu machen. Die gegenseitige Sympathie wohnt den Menschen inne und wird nicht an gemeinsame Erinnerungen geknüpft. Zwar zieht sich der Professor auch gerne in die Mathematik zurück, lässt die Haushälterin und ihren Sohn aber an dieser anderen Welt teilhaben und weckt gar noch die Begeisterung für die verborgene Magie der Zahlen.
Sonntag, 26. Februar 2012
„Im Tempel der Wildgänse“ von Tsutomu Mizukami
Nach dem Tod des Malers Nangaku lebt dessen Geliebte Satoko fortan „Im Tempel der Wildgänse“. Nanagaku hatte in dem Zen-Tempel, der von dem Mönch Jikai geführt wird, besonders lebensechte Bilder von Gänsen gemalt und so einige Schäferstündchen mit Satoko verbracht. Als er im Sterben liegt, bittet er Jikai sich um die hübsche Satoko zu kümmern – wohl wissend, dass der Mönch schon immer ein Auge auf die Schöne geworfen hatte.
Der Tempelalltag ist für Satoko alles andere als keusch und besinnlich: Die wilde Ehe von Satoko und Jikai ist vor allem von Jikais unermüdlichen sexuellen Trieb geprägt. Die religiösen Pflichten und Arbeiten im Tempel muss währenddessen der kleinwüchsige Novize Jinen übernehmen.
Satoko fühlt in Jinens Gegenwart regelmäßig einen unangenehmen Schauer: Sie kann den undurchsichtigen Jungen mit dem deformierten Schädel nicht durchschauen. Und hat er sie nicht auch schon beim Sex mit Jikai beobachtet? Als eines Tages Jikai von einem kleinen Ausflug in einen benachbarten Tempel nicht zurückkehrt, kann sich zunächst niemand einen Reim darauf machen.
„Im Tempel der Wildgänse“ von Tsutomu Mizukami wurde in Japan zum Bestseller. Als fesselnden Krimi kann man den Roman eher nicht bezeichnen – irgendwie ist recht schnell klar, was geschehen sein könnte. Dafür zeichnet sich die Handlung viel mehr durch die Beschreibung des Alltags und der Zeremonien im Zen-Kloster aus. Tsutomu Mizukami, der selbst Zen-Novize war, weiß wovon er hier schreibt und eröffnet einen Blick hinter Klostertüren, die weit mehr Preis geben als andächtige Gebete.
Der Tempelalltag ist für Satoko alles andere als keusch und besinnlich: Die wilde Ehe von Satoko und Jikai ist vor allem von Jikais unermüdlichen sexuellen Trieb geprägt. Die religiösen Pflichten und Arbeiten im Tempel muss währenddessen der kleinwüchsige Novize Jinen übernehmen.
Satoko fühlt in Jinens Gegenwart regelmäßig einen unangenehmen Schauer: Sie kann den undurchsichtigen Jungen mit dem deformierten Schädel nicht durchschauen. Und hat er sie nicht auch schon beim Sex mit Jikai beobachtet? Als eines Tages Jikai von einem kleinen Ausflug in einen benachbarten Tempel nicht zurückkehrt, kann sich zunächst niemand einen Reim darauf machen.
„Im Tempel der Wildgänse“ von Tsutomu Mizukami wurde in Japan zum Bestseller. Als fesselnden Krimi kann man den Roman eher nicht bezeichnen – irgendwie ist recht schnell klar, was geschehen sein könnte. Dafür zeichnet sich die Handlung viel mehr durch die Beschreibung des Alltags und der Zeremonien im Zen-Kloster aus. Tsutomu Mizukami, der selbst Zen-Novize war, weiß wovon er hier schreibt und eröffnet einen Blick hinter Klostertüren, die weit mehr Preis geben als andächtige Gebete.
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