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Samstag, 8. Januar 2022

„Insel der verlorenen Erinnerung“ von Yoko Ogawa

„Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“  Dieses Zitat von Heinrich Heine wird in Yoko Ogawas „Insel der verlorenen Erinnerung“ gebracht, als auf besagter Insel wieder mal etwas verschwindet. Das Verschwinden von Dingen ist ein kurzzeitig aufregender, aber auch gelernter Prozess. Man wacht auf und merkt, dass etwas anders ist und versucht nachzuspüren, was es sein kann. Gibt es fortan keine Parfums mehr? Oder keine Mundharmonikas? Oder sind es vielleicht die Vögel, die heute verschwunden sind? Mit dem Ding löscht sich auch die Erinnerung an den Gegenstand aus. Selbst das Wort, der Begriff dafür, kann einem nicht mehr über die Lippen kommen.

Doch auf der Insel ticken nicht alle Menschen so. Bei einigen wenigen funktioniert die Erinnerungstilgung nicht. Diese Menschen versuchen unauffällig weiterzuleben. Doch die Erinnerungspolizei hat ihre Mittel und Wege, diese Querschläger ausfindig zu machen. Eine der ersten Personen, die die Erinnerungspolizei in Gewahrsam nimmt, ist die Mutter der namenlosen Protagonistin. Als diese noch ein Kind war, wird die Mutter abgeholt und kommt nicht mehr lebend zurück.

Viele erinnerungsfähige Menschen beginnen, unterzutauchen. Auch die Protagonistin wird sich daran beteiligen, einen unschuldig Verfolgten zu verstecken. An manchen Stellen weckt die Dystopie Assoziationen an die NS-Zeit, dann wieder an die chinesische Kulturrevolution und dann wieder an das Regime in Nordkorea.

„Insel der verlorenen Erinnerung“ war für mich eher eine Liebe auf den zweiten Blick. Andere Veröffentlichungen von Yoko Ogawa ziehen einen schnell in den Bann. Bei diesem Roman habe ich zwei Anläufe gebraucht. Den ersten  habe ich nach den ersten 30 Seiten abgebrochen, weil mir die Protagonistin zu blutleer erschien. Dafür, dass die Erinnerungspolizei ihre Mutter ermordet und das Lebenswerk ihres Vaters zerstört hatte, war sie mir zu lethargisch und so gar nicht wütend.

Der Roman nimmt erst später Fahrt auf und versöhnt auch etwas mit dem Charakter der Protagonistin – schließlich zeigt sich, dass Mutter und Vater gar nicht unbedingt die primären Bezugspersonen waren. Zudem geht’s erst später so bizarr zu, wie man es von Yoko Ogawa gewohnt ist. Dieses gewisse Schaudern macht für mich (unter anderem) den Reiz der Werke der Autorin aus.

Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Insel der verlorenen Erinnerung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2020, ISBN 978-3-95438-122-7

Sonntag, 2. Januar 2022

„Kleine Wunder um Mitternacht“ von Keigo Higashino

Der Autor Keigo Higashino steht eigentlich für Whodunit-Krimis, die von findigen Ermittlern aufgelöst werden. Mysteriös geht es da nur anfangs zu – die Lösungen entzaubern die vermeintlichen Ungereimtheiten.

Ganz anders aber diesmal in Keigo Higashinos „Kleine Wunder um Mitternacht“. Denn eine geheimnisvolle Macht lässt einen in die Jahre gekommenen Gemischtwarenladen zu einer Zeitmaschine werden, die 33 Jahre überwindet.

Drei Kleinkriminelle finden hier nach einem nächtlichen Raub Unterschlupf, um sich am nächsten Morgen wieder unters Volk zu mischen. Doch in den vermeintlich verlassenen Laden werden Briefe eingeworfen, deren Absender den Rat des Gemischtwarenhändlers erfragen. Die drei jungen Männer können nicht widerstehen und antworten auf die Fragen, die offenbar aus der Vergangenheit gestellt werden.

So verwebt Keigo Higashino unterschiedliche Schicksale unterschiedlicher Zeiten, die jedoch alle in einem gewissen Zusammenhang stehen. Und obwohl kein klassischer Kriminalfall zu lösen ist, klebt der Leser an den Seiten und will wissen, wie die Lebenswege der Protagonisten weitergehen, welche Pfade sich noch kreuzen werden. Teilweise geht es tragisch zu, teilweise hoffnungsfroh. Der Schreibstil ist wie von Keigo Higashino gewohnt völlig unprätentiös, weswegen sich das Buch quasi weginhalieren lässt.

Leider waren die gut 400 Seiten dann auch viel zu schnell durchgelesen. Ich hoffe, dass noch weitere Keigo Higashino-Romane abseits des Whodunit-Genres ihren Weg zur deutschen Übersetzung finden werden. Hat Spaß gemacht, obwohl ich zwischendurch auch mal ein Tränchen vergossen habe.

Bibliographische Angaben:
Higashino, Keigo: „Kleine Wunder um Mitternacht“ (Übersetzung aus dem Englischen (?): Finke, Astrid), Limes Verlag, München 2020, ISBN 978-3-8090-2710-2 

Sonntag, 27. September 2020

„Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Die Neuveröffentlichung „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata nimmt das Thema ihres Romans „Die Ladenhüterin“ wieder auf: Wie steht es um Außenseiter, die sich nicht in die gesellschaftliche Vorgabe „Heiraten und Familiengründung“ fügen? Diesmal geht die Autorin aber zunächst einmal zurück in die Kindheit der Protagonistin Natsuki und beleuchtet, was sie überhaupt zur Außenseiterin gemacht hat. In Natsukis Fall: ein Elternhaus, in dem sie nicht geliebt wird, und ein Lehrer, der sie missbraucht. Die Flucht in die Fantasie scheint alternativlos – Natsuki glaubt, ein Magical Girl zu sein und hat in einem Stofftier einen imaginären Beschützer gefunden. 

Natsukis Feind ist „die Fabrik“, genauer gesagt: die Menschenfabrik – denn die Produktion von neuen Menschen, die Reproduktion, ist das oberste Ziel der Gesellschaft. Natsukis Menschsein wird zur Funktion eines Werkzeugs degradiert – sie soll sich für die Produktion von Menschen, also dem Gebären von Nachkommen einsetzten. 

In ihrem Cousin Yu findet Natsuki einen Gleichgesinnten, den sie jedoch nur einmal im Jahr zum Ahnenfest treffen kann. Sie schwören sich gegenseitig aufs Überleben und Durchhalten ein – bis sie sich ein Jahr später erst wiedersehen können. Doch schließlich werden die beiden nach einem Familienskandal getrennt und erst recht an die Kandare genommen. 

Erst Jahre später treffen sich Natsuki und Yu wieder. Zwischenzeitlich ist Natsuki eine Scheinehe mit Tomoobi eingegangen, der ebenfalls von seiner Familie gegängelt wird. Ob die drei Außenseiter sich gemeinsam dem Zugriff der Fabrik entziehen können?

Gegen „Das Seidenraupenzimmer“ kommt einem „Die Ladenhüterin“ ziemlich harmlos vor. Die schreckliche Stimmung in Natsukis Familie schlägt aufs Gemüt, die Missbrauchsszenen will man lieber nicht gelesen haben. Und das große Finale ist geradezu grotesk, aber gelungen.

Bibliographische Angaben:
Murata, Sayaka: „Das Seidenraupenzimmer“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Aufbau Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3351037932

Samstag, 6. Juni 2020

„50“ von Hideo Yokoyama

„50“ ist das dritte Werk Hideo Yokoyamas, das bisher ins Deutsche übersetzt wurde. Wer die vorausgegangenen Veröffentlichungen „64“ und „2“ gelesen hat, der weiß, dass bei Hideo Yokoyama die eigentliche Kriminaltat weniger im Vordergrund steht, als die Beschreibung von Strukturen und Vorgängen im Strafverfolgungsapparat. Und so verwundert es auch bei „50“ nicht, dass wenig Spannung aufgebaut wird. Gleich auf den ersten Seiten ist klar, wer der Täter ist. Es stellt sich nämlich der 49-jährige Polizeiausbilder Kaji. Er gibt an, seine schwer an Alzheimer erkrankte Ehefrau auf deren eigenes Verlangen hin getötet zu haben. Sie habe es nicht länger ertragen können, ihren verstorbenen Sohn mehr und mehr zu vergessen und wolle zumindest als Mutter sterben.

Das erste Kapitel wird aus der Sicht des Ermittlers Shiki erzählt. Er ist Abteilungsleiter im Dezernat und wird wegen seiner exzellenten Verhörtechniken damit betraut, Kajis Aussage aufzunehmen. Nachdem der eigentliche Tatverlauf geklärt ist, tut sich dennoch eine Ungereimtheit auf: Wieso hat sicht Kaji erst drei Tage nach der Tat gestellt? Was hat er in diesen Tagen getrieben? Und wieso schweigt er so hartnäckig, wenn es um diese Fragestellung geht?

Für die Polizei steht ihr Ruf auf dem Spiel. Daher muss Kaji eine plausible Erklärung liefern – egal ob sie korrekt ist oder nicht. Sowohl die Presse als auch die Staatsanwaltschaft sind misstrauisch, was die Polizei an Ergebnissen liefert, und stellen eigene Nachforschungen an. So wird in fünf weiteren Kapiteln aus jeweils anderen Blickwinkeln der Fall beleuchtet. Dabei erfährt der Leser mehr über die Strukturen und Prozesse der japanischen Strafverfolgung und zugleich werden auch die persönlichen Probleme der jeweiligen Protagonisten dargestellt.

„50“ illustriert vor allem den Prozess, den Shiki als „aufs Fließband setzen“ beschreibt:

„Wenn in einem Fall der Verdächtige ein volles Geständnis ablegt und alle Unterlagen in Ordnung sind, kommt er quasi wie mit einem Freifahrtschein durch das Polizeiverhör, durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und durch das Gerichtsverfahren. Etwa so, als säße er auf einem Fließband. Gefährlich finde ich daran, dass das auch so läuft, wenn man überhaupt nichts darüber weiß, wie es im Innern des Verdächtigen aussieht. Kaji ist ein Musterbeispiel dafür.“ (S. 326)

Natürlich war auch „50“ kein Buch, durch das man sich in Windeseile durchgefressen hat. Der Schurke ist auch kein wirklicher Bösewicht, sondern ein sympathischer älterer Mann. Der Roman lebt vielmehr von den vielen Blickwinkeln auf den Fall und den Charakteren, die alle ihren täglichen Kampf ausfechten müssen. Um sich im Job zu behaupten, ein Familienleben aufrecht zu halten oder auch alleine klar kommen zu müssen.

Bibliographische Angaben:
Yokoyama, Hideo: „50“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bartels, Nora), Atrium, Zürich 2020, ISBN 978-3-85535-097-1