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Sonntag, 7. Februar 2016

Ko Machida

Der Autor, Punk-Sänger und Schauspieler Ko Machida wurde 1962 als Yasushi Machida in Sakai in der Präfektur Osaka geboren. Der Autor gibt an, als Teenager ein Bücherwurm gewesen zu sein. Auf der Oberschule gründete Ko Machida die Punk-Band Inu. Er verwendete in seiner Funktion als Sänger den Künstlernamen Machizo Machida. Seine Schreibbegeisterung lebte er als Songtexter aus. Kurz nach der Veröffentlichung des ersten Inu-Albums trennte sich die Band wieder. In Folge sang Ko Machida bei verschiedenen Bands, schauspielerte und schrieb Gedichte.

1996 veröffentlichte er mit „Vom Versuch einen Glücksgott loszuwerden“ seine erste Erzählung, die für den Akutagawa-Preis nominiert wurde. Vier Jahre zuvor hatte er bereits seinen ersten Gedichtband veröffentlicht.

Es folgten quasi alle größeren japanischen Literaturpreise, unter anderem der Akutagawa-Preis, der Kawabata-Preis, der Tanizaki-Preis und der Noma-Preis.

Während die früheren Werke primär ziellose Loser-Typen als Protagonisten inszenierten, hat sich Ko Machida zwischenzeitlich auch anderen Genres geöffnet, z.B. Krimis und Samurai-Literatur.

Der Autor lebt derzeit in Atami.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

Donnerstag, 4. Februar 2016

„Sandakan Bordell Nr. 8“ von Tomoko Yamazaki

Tomoko Yamazakis „Sandakan Bordell Nr. 8“ kann einem gewaltig aufs Gemüt schlagen. Denn die Autorin hat sich einem besonders bitteren Thema verschrieben – nämlich die Schicksale von Japans Auslandsprostituierten, den Karayukisan, nachzuzeichnen. Und so begleitet der Leser Tomoko Yamazaki auf den Amakusa-Archipel, wo sie ehemalige Karayukisan ausfindig machen will. Doch die Schriftstellerin merkt schnell, dass sie nur ganz behutsam Zugang zu den ehemaligen Prostituierten finden kann. Über die Karayukisan will so schnell niemand mit einer Fremden sprechen.

In einem kleinen Restaurant macht Tomoko Yamazaki die Bekanntschaft mit der alten und völlig verarmten Osaki. Vermutlich ist Osaki eine ehemalige Karayukisan. Um ihr Vetrauen zu gewinnen, nistet sich Tomoko Yamazaki für einige Wochen bei ihr ein. Wie eine Ethnologin erlebt sie so den Alltag von Osaki mit und lässt sich nach und nach deren Lebensgeschichte erzählen, die eine sehr bittere ist.

Osaki wird Ende des 19. Jahrhunderts geboren. Als ihr Vater stirbt, stürzt die Familie in absolute Armut. Die Mutter heiratet erneut, Osaki und ihre Geschwister sind künftig auf sich alleine gestellt. Aufgrund der großen Armut auf dem Amakusa-Archipel ist es nichts Ungewöhnliches, dass junge Mädchen als Prostituierte ins Ausland verkauft werden. Die kleine Osaki hat keine Ahnung, was sie sich antut, als sie im Alter von 10 Jahren einwilligt, ins Ausland zu gehen. Ein Mädchenhändler nimmt sie mit nach Sandakan auf Borneo. Zunächst ist Osaki noch eher Haushaltshilfe, aber mit 13 Jahren muss auch sie anschaffen gehen. Bis zu 30 Freier am Tag hat sie zu bedienen. Und trotzdem werden ihre Schulden, die sie bei ihrem Zuhälter abarbeiten soll, glatt nicht weniger. Irgendwann wird Osaki dann die Nebenfrau eines Engländers, was einen gesellschaftlichen Aufstieg und Zugang zu Geld bedeutet. So kann sie endlich ihren Bruder in der Heimat finanziell unterstützen.

Als der Engländer Borneo verlässt, kehrt auch Osaki einstweilen heim nach Japan. Obwohl ihr Bruder dank des von ihr erwirtschafteten Geldes ein Haus bauen und heiraten kann, ist sie alles andere als ein gern gesehener Gast. Schließlich geht sie erneut ins Ausland und arbeitet als Bardame. Immerhin findet sie einen annehmbaren Ehemann und bekommt einen Sohn. Doch der Mann stirbt und nach Kriegsende lebt sie von der Hand in den Mund. Selbst der eigene Sohn will bald nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er schämt sich für seine ungebildete Mutter, die sich in jungen Jahren prostituiert hat. Ein bisschen Geld schickt er ihr monatlich – gerade so viel, dass sie nicht verhungern muss. Sie fristet ihr Dasein in einem Dreckloch, in das Tomoko Yamazaki kurzzeitig mit einzieht.

Neben Osakis Schicksal zeichnet die Autorin auch die Lebenswege von Osakis ehemaligen Kolleginnen auf. Waren deren Leben als Karayukisan schon schrecklich, so trifft es sie nach Kriegsende erneut hart. Die eine geht an einer spät auftretenden Syphilis zu Grunde, die andere ist so verzweifelt, dass sie sich selbst das Leben nimmt.

Osakis Leben geht einem sehr schnell sehr nahe. Mit einfachen Worten wird da ein Schicksal geschildert, das ab dem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt ist, als sie in die Prostitution verkauft wird. Sie opfert sich für die Männer in ihrem Leben auf und erntet nichts weiter als Verachtung. Da tut es gut, im Nachwort der englischen Ausgabe, die teilweise über Google Books verfügbar ist, zu lesen, wie wichtig es für Osaki war, dass ihr als ehemalige Karayukisan und als Analphabetin durch Tomoko Yamazakis Buch endlich eine Stimme verliehen wurde. Dank der Veröffentlichung konnten sich Osakis Lebensverhältnisse wenigstens etwas zum Besseren wenden.

Trotzdem ist „Sandakan Bordell Nr. 8“ harte Kost und der Leser kann sich darauf einstellen, diverse negative Gefühle während der Lektüre zu durchlaufen. Nichtsdestotrotz kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen, der sich für japanische Frauenschicksale interessiert. Osakis Leben hat es verdient, erzählt und gelesen zu werden.

Bibliographische Angaben:
Yamazaki, Tomoko: „Sandakan Bordell Nr. 8“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sumoto-Schwan, Yukiko & Schwan, Friedrich B.), Iudicium, München 2005, ISBN 3-89129-406-9

Mittwoch, 3. Februar 2016

Tomoko Yamazaki

Über Tomoko Yamazaki lässt sich wieder einmal nur recht wenig ausfindig machen, wenn man kein Japanisch spricht. Laut Klappentext von „Sandakan Bordell Nr. 8“ ist die Non-Fiction-Autorin 1932 in Nagasaki geboren. Lässt man sich die japanische Wikipedia-Seite der Schriftstellerin ins Deutsche übersetzen, so scheint sie die Tochter eines Marineoffiziers und in Hiroshima aufgewachsen zu sein. Nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften arbeitete sie wohl als Grundschullehrerin, träumte jedoch von einer Schauspielkarriere.

Ein Mann, der von Tomoko Yamazaki besessen war, scheint ihr 1958 Gesichtsverletzungen beigebracht zu haben. Daraufhin musste sie den Traum vom Schauspielern begraben. Im Jahr darauf heiratete Tomoko Yamazaki wohl Ichiro Uesho.

Tomoko Yamazaki interessierte sich insbesondere für die Geschichte der japanischen Frau. Ihr Werk „Sandakan Bordell Nr. 8“ aus dem Jahr 1972 wurde mit dem Oya-Soichi-Preis ausgezeichnet und verfilmt.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Dienstag, 2. Februar 2016

„Die sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt“ von Ryutei Tanehiko

Ryutei Tanehikos „Die sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt“ startet mit einer Vorbemerkung des Übersetzers, was es denn mit dem sperrigen Buchtitel auf sich hat.

„Ein japanisches Sprichwort sagt: die Menschen und die Wandschirme können nicht gerade stehen, das heißt: so wie die letzteren sich nicht aufstellen lassen, ohne gebogen zu werden, so können die ersteren die Geradheit des Charakters nicht bewahren.
Der Verfasser will beweisen, dass dieses ein schlechtes Sprichwort sei, und zeigt in seiner Erzählung Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt – das sind Menschen, die wirklich gerade stehen.“ (S. 5)

Und so geht es in der Erzählung nicht nur um die Liebesgeschichte von Sakitsi zu Komatsu, sondern auch um den Aufopferungswillen, den die junge Frau Komatsu an den Tag legt, indem sie sich selbst an ein Teehaus verkauft, um ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Hinzu kommen einige Irrungen und Wirrungen, die daraus resultieren, dass die Protagonisten andere Namen annehmen.

An sich ist „Die sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt“ ein recht harmloses Stück Prosa mit einer immerhin überraschenden Wendung zum Ende hin. Interessant ist die Erzählung vielmehr aus geschichtlichem Anlass: Sie soll die erste Übersetzung eines japanischen Prosawerks ins Deutsche (bzw. vielleicht auch die erste Übersetzung in eine westliche Sprache ganz allgemein) gewesen sein, als der Österreicher August Pfizmaier im Jahr 1847 Ryutei Tanehikos Werk übersetzte. Pfizmaier scheint in der Wiener Hofbibliothek über die Erzählung gestolpert zu sein, die über Franz von Siebold nach Österreich gelangt war. Später hat sich Pfizmaier dann bekannteren Werken wie dem „Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon oder dem „Ise monogatari“ gewidmet.

„Die sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt“ lesen sich teilweise recht eingängig, manchmal tut man sich allerdings etwas schwer, den Sinn des Gesagten zu erschließen, wie beispielsweise hier:

„Um bei gleicher Farbe und bei gleichem Duft mit den Blumenbüscheln und den hastigen Sprösslingen den jungen Pflaumenbaum der keimenden Blüten nicht vergebens zu bestreuen, war die Gunst des mütterlichen Baumes groß.“ (S. 85)

Hier spricht Sakitsis Adoptivmutter, die sich für ihren Sohn eine andere Frau als Komatsu wünscht, Sakitsis Ansinnen schließlich aber doch unterstützt. Diese Motivation lässt sich aber frühestens nach dem zweiten Durchlesen so deuten.

Glatt noch besser gefällt mir dieser Auszug:

„und ihm folgten als Begleiter der bei dem Teelöffel die Halle der Zugengeläufigkeit bewohnende, gut aufgelegte marktschreierische Arzt Jabuwara Tsikusai“ (S. 55)

Das sind natürlich alles nur Kleinigkeiten und vor der Pionierleistung des Übersetzers August Pfizmaier kann man auch nur den Hut ziehen – dennoch musste ich über den Teelöffel und die Halle der Zungengeläufigkeit sehr schmunzeln.

Bibliographische Angaben:
Tanehiko, Ryutei: „Die sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Pfizmaier, August), Kranich Verlag, Berlin 1942