Stille – das ist ein Wort, das besonders oft in Yoko Ogawas „Der Herr der kleinen Vögel“ vorkommt. Der Mann, der der Herr der kleinen Vögel genannt wird, stirbt gleich zu Beginn des Buches. In einer Rückblende wird sein stilles, zurückgezogenes Leben aufgezeigt.
Der Herr der kleinen Vögel wächst mit einem älteren Bruder auf. Dieser ist von Vögeln fasziniert und liebt insbesondere die Voliere, die in einem Kindergarten steht. Eines Tages beginnt der ältere Bruder in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Nur der Herr der kleinen Vögel kann diese Sprache verstehen und so zwischen dem Bruder und der Welt da draußen vermitteln. Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der Herr der kleinen Vögel um seinen Bruder. Das Leben der beiden ist bescheiden und ganz von täglichen Ritualen beherrscht. Selbst kleine Reisen sind mit dem älteren Bruder nicht möglich. So begnügen sich die Geschwister damit, Ausflüge zu planen, die sie nie antreten werden.
Nach dem Tod des Bruders widmet sich der Herr der kleinen Vögel ganz der Pflege der Voliere. Diese Tätigkeit wird neben seiner Arbeit zu seinem Lebensinhalt. Ein erstes Mal in seinem Leben verliebt sich der Herr der kleinen Vögel sogar – doch leider unglücklich in eine sehr viel jüngere Bibliothekarin. Als ein kleines Mädchen missbraucht wird, gerät der Herr der Vögel unschuldig unter Verdacht. Und das japanische Wort „Kotori“, das bisher als „Herr der kleinen Vögel“ gelesen wurde, erhält mit „Kinderfänger“ eine neue Lesart.
Mit „Der Herr der kleinen Vögel“ behandelt Yoko Ogawa das Thema Autismus gepaart mit den lieblichen Stimmen von Vögeln. Bereits in „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ hatte sie Alzheimer auf die Schönheit der Mathematik treffen lassen. So setzt „Der Herr der kleinen Vögel“ auf ein schon bekanntes Rezept der Autorin.
Doch „Der Herr der kleinen Vögel“ zeigt auch auf, dass Menschen, die einmal einen Stempel aufgedrückt bekommen haben, ihn nicht mehr loswerden – und dadurch vielleicht den letzten Halt im Leben verlieren. Denn gerade Routinen geben Halt und auch das Gefühl, gebraucht zu werden. Durch die Thematik wirkt der Roman schwerer und ernster als so manche andere Yoko Ogawa-Romane. Einen herausstechenden Höhepunkt sollte der Leser von „Der Herr der kleinen Vögel“ ebenfalls nicht erwarten. Der Roman ist eben ein besonders stiller…
Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Der Herr der kleinen Vögel“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2015, ISBN 978-3-95438-050-3
Montag, 31. August 2015
Sonntag, 30. August 2015
„Der Geist der Prosa“ von Kazuo Hirotsu
Asa-Bettina Wuthenow reichte 2006 ihre Dissertation zum Thema „Widerstand im Geist der ‚Prosa’ – Der Schriftsteller Hirotsu Kazuo zur Zeit des Fünfzehnjährigen Kriegs (1931-1945)“ ein. Seit letztem Jahr ist „Der Geist der Prosa“ mit acht Texten des Autors in deutscher Übersetzung durch Asa-Bettina Wuthenow auch für Nicht-Japanologen zugänglich. Die Faszination der Übersetzerin für den Autor resultiert aus dem geistigen Widerstand, den Kazuo Hirotsu dem Regime während der Kriegszeit erfolgreich entgegen setzte. Während andere Autoren auf den Propagandazug aufsprangen und wiederum andere lieber verstummten, gelang es Kazuo Hirotsu, seine kritischen Werke zu publizieren. Freilich musste er den einen oder anderen Kniff anwenden, damit seine Texte nicht an der Zensur scheiterten. Z.B. verwendete er Begriffe, die in der Propaganda alltäglich waren, setzte sie jedoch in einen völlig anderen Zusammenhang. Oder er schrieb über Menschen, die unbeirrt ihren Weg gehen, um aufzuzeigen, dass man seine eigenen Ideale nicht verraten sollte.
Die Texte umfassen Vorträge, Essays und Erzählungen. In dem Vortrag „Über den Geist der Prosa“ offenbart Kazuo Hirotsu seine Definition des Geistes der Prosa:
Die Zähne zusammenbeißen, konsequent bleiben und den Mut nicht zu verlieren: Diese Eigenschaften haben die Charaktere der Erzählungen „Aus dem Leben einfacher Leute“ und „Jugendtage“ und der in einem Essay porträtierte Autor Shusei Tokuda.
„Aus dem Leben einfacher Leute“ geht es um Onui, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom Land nach Tokio kommt. Ihren nichtsnutzigen Mann hat sie auf dem Land in Tadotsu zurück gelassen. Wider alle Erwartungen macht die unansehnliche Onui in Tokio ein kleines Vermögen, obwohl sie mit kaum Startkapital in die Hauptstadt kam. Denn dank ihrer Beharrlichkeit und ihres Durchhaltewillens meistert sie die Probleme, die sich ihr in den Weg stellen. Kimiko, Onuis Quasi-Schwiegertochter, ist eine weitere starke Frau, die sich nicht beirren lässt und so ebenfalls dem „Geist der Prosa“ entspricht.
„Jugendtage“ kommt vordergründig als Geschichte einer Jugendliebe daher: Der Ich-Erzähler Tsuneo Kojima trifft in einem Zug seinen ehemaligen Mitschüler und Nachbarn Sugino wieder. Tsuneo vernimmt entsetzt, dass Suginos liebreizende Schwester Chizuko kurz nach ihrer Hochzeit gestorben ist. Diese Nachricht lässt Kojima die vergangenen Jahre Revue passieren: Wie die Kojimas Nachbarn der Suginos wurden und Tsuneo Chizuko heranwachsen sah. Als Chizuko zur jungen Frau heranreift, regt sich in Tsuneo ein Gefühl, das über die Vertrautheit zu einer Nachbarstochter hinausgeht.
Zunächst erschien die Erzählung unter dem Titel „Reue“. Jahre nach der Erstveröffentlichung überarbeitete Kazuo Hirotsu die tragische Liebesgeschichte, indem er die Figur von Tsuneos Vater prominenter herausarbeitete. Vorbild für diese Figur war Kazuo Hirotsus Vater: Der Schriftsteller Ryuro Hirotsu war Anhänger der Literaturgruppierung Kenyusha gewesen. Nachdem der Naturalismus seinen Siegeszug in Japan antrat, war die Zeit der Kenyusha-Autoren vorbei. Doch statt aus ökonomischen Zwängen heraus seinen Stil zu ändern, blieb sich Ryuro Hirotsu treu. So auch die Figur des Vaters von Tsuneo: Bevor er einträgliche, aber abgedroschene Liebesgeschichten schreibt, schreibt er lieber gar nicht. Und so lebt er ganz im „Geist der Prosa“.
In seinem Essay über den Autor Shusei Tokuda beschreibt Kazuo Hirotsu die Eigenschaften seines Kollegen, die ebenfalls ganz dem „Geist der Prosa“ entsprechen: Shusei Tokuda ging beharrlich seinen schriftstellerischen Weg und wurde sicherlich oftmals verlacht. Doch dank seiner Konsequenz gelangen ihm bewundernswerte Werke.
Dank der vielen Anmerkungen durch die Übersetzerin wird dem Leser die Raffinesse von Kazuo Hirotsu erst klar. Denn so manche Anspielung, die vordergründig gar keine Kritik enthält, wird erst durch die Fußnote deutlich. Dadurch ziehen einen selbst die Essays in den Bann.
Wer nun noch mehr über Kazuo Hirotsu und die Texte in „Der Geist der Prosa“ erfahren will, der findet eine ausführliche Analyse in Asa-Bettina Wuthenows Dissertation, die hier abgerufen werden kann.
Bibliographische Angaben:
Hirotsu, Kazuo: „Der Geist der Prosa“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Wuthenow, Asa-Bettina), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-288-2
Die Texte umfassen Vorträge, Essays und Erzählungen. In dem Vortrag „Über den Geist der Prosa“ offenbart Kazuo Hirotsu seine Definition des Geistes der Prosa:
„Den Mut nicht zu verlieren, was auch immer geschehen mag, sondern beharrlich und unnachgiebig, ohne voreilig in Pessimismus oder Optimismus zu verfallen, konsequent sein Leben zu leben – das das ist für mich der Geist der Prosa.“ (S. 17)
Die Zähne zusammenbeißen, konsequent bleiben und den Mut nicht zu verlieren: Diese Eigenschaften haben die Charaktere der Erzählungen „Aus dem Leben einfacher Leute“ und „Jugendtage“ und der in einem Essay porträtierte Autor Shusei Tokuda.
„Aus dem Leben einfacher Leute“ geht es um Onui, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom Land nach Tokio kommt. Ihren nichtsnutzigen Mann hat sie auf dem Land in Tadotsu zurück gelassen. Wider alle Erwartungen macht die unansehnliche Onui in Tokio ein kleines Vermögen, obwohl sie mit kaum Startkapital in die Hauptstadt kam. Denn dank ihrer Beharrlichkeit und ihres Durchhaltewillens meistert sie die Probleme, die sich ihr in den Weg stellen. Kimiko, Onuis Quasi-Schwiegertochter, ist eine weitere starke Frau, die sich nicht beirren lässt und so ebenfalls dem „Geist der Prosa“ entspricht.
„Jugendtage“ kommt vordergründig als Geschichte einer Jugendliebe daher: Der Ich-Erzähler Tsuneo Kojima trifft in einem Zug seinen ehemaligen Mitschüler und Nachbarn Sugino wieder. Tsuneo vernimmt entsetzt, dass Suginos liebreizende Schwester Chizuko kurz nach ihrer Hochzeit gestorben ist. Diese Nachricht lässt Kojima die vergangenen Jahre Revue passieren: Wie die Kojimas Nachbarn der Suginos wurden und Tsuneo Chizuko heranwachsen sah. Als Chizuko zur jungen Frau heranreift, regt sich in Tsuneo ein Gefühl, das über die Vertrautheit zu einer Nachbarstochter hinausgeht.
Zunächst erschien die Erzählung unter dem Titel „Reue“. Jahre nach der Erstveröffentlichung überarbeitete Kazuo Hirotsu die tragische Liebesgeschichte, indem er die Figur von Tsuneos Vater prominenter herausarbeitete. Vorbild für diese Figur war Kazuo Hirotsus Vater: Der Schriftsteller Ryuro Hirotsu war Anhänger der Literaturgruppierung Kenyusha gewesen. Nachdem der Naturalismus seinen Siegeszug in Japan antrat, war die Zeit der Kenyusha-Autoren vorbei. Doch statt aus ökonomischen Zwängen heraus seinen Stil zu ändern, blieb sich Ryuro Hirotsu treu. So auch die Figur des Vaters von Tsuneo: Bevor er einträgliche, aber abgedroschene Liebesgeschichten schreibt, schreibt er lieber gar nicht. Und so lebt er ganz im „Geist der Prosa“.
In seinem Essay über den Autor Shusei Tokuda beschreibt Kazuo Hirotsu die Eigenschaften seines Kollegen, die ebenfalls ganz dem „Geist der Prosa“ entsprechen: Shusei Tokuda ging beharrlich seinen schriftstellerischen Weg und wurde sicherlich oftmals verlacht. Doch dank seiner Konsequenz gelangen ihm bewundernswerte Werke.
Dank der vielen Anmerkungen durch die Übersetzerin wird dem Leser die Raffinesse von Kazuo Hirotsu erst klar. Denn so manche Anspielung, die vordergründig gar keine Kritik enthält, wird erst durch die Fußnote deutlich. Dadurch ziehen einen selbst die Essays in den Bann.
Wer nun noch mehr über Kazuo Hirotsu und die Texte in „Der Geist der Prosa“ erfahren will, der findet eine ausführliche Analyse in Asa-Bettina Wuthenows Dissertation, die hier abgerufen werden kann.
Bibliographische Angaben:
Hirotsu, Kazuo: „Der Geist der Prosa“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Wuthenow, Asa-Bettina), Iudicium, München 2014, ISBN 978-3-86205-288-2
Donnerstag, 20. August 2015
Kazuo Hirotsu
Kazuo Hirotsu (geboren 1891 in Tokio) war der zweite Sohn des Schriftstellers Ryuro Hirotsu, der der Literaturgruppe Kenyusha angehörte. Da die Kenyusha-Autoren von den Naturalisten verdrängt wurden, wurden die Einkünfte des Vaters immer geringer, bis die Familie unter sehr ärmlichen Bedingungen leben musste. Als Kazuo Hirotsu an der Waseda englische Literatur studierte, verdiente er sich mit Übersetzungen ein Zubrot.
1907 begeisterte sich Kazuo Hirotsu für Hakucho Masamunes Erzählung „Gespensterbild“ so sehr, dass in ihm der Wunsch reifte, selbst zu schreiben. Er publizierte daraufhin in verschiedenen Zeitungen Erzählungen, für die er auch Preise gewann.
Während seiner Studienjahre interessierte er sich für den Naturalismus und für die russischen Autoren Cechov und Arcybasev. Mit seinen Kommilitonen gründete er eine Literaturzeitschrift.
1913 schloss Kazuo Hirotsu sein Studium ab und arbeitete im Anschluss als freier Übersetzer und für eine Zeitung bzw. eine Zeitschrift. Im Jahr 1917 gelang ihm der literarische Durchbruch mit der Veröffentlichung der Erzählung „Das neurotische Zeitalter“. Bekannt war er jedoch vor allem als Literaturkritiker. Während des zweiten Weltkriegs stand Kazuo Hirotsu unter Beobachtung, da er sich Regime-kritisch äußerte.
In den 50er Jahren setzte er sich massiv für die zu Unrecht Verurteilten des Matsukawa-Zwischenfalls ein.
1968 starb Kazuo Hirotsu an Nierenversagen.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:
1907 begeisterte sich Kazuo Hirotsu für Hakucho Masamunes Erzählung „Gespensterbild“ so sehr, dass in ihm der Wunsch reifte, selbst zu schreiben. Er publizierte daraufhin in verschiedenen Zeitungen Erzählungen, für die er auch Preise gewann.
Während seiner Studienjahre interessierte er sich für den Naturalismus und für die russischen Autoren Cechov und Arcybasev. Mit seinen Kommilitonen gründete er eine Literaturzeitschrift.
1913 schloss Kazuo Hirotsu sein Studium ab und arbeitete im Anschluss als freier Übersetzer und für eine Zeitung bzw. eine Zeitschrift. Im Jahr 1917 gelang ihm der literarische Durchbruch mit der Veröffentlichung der Erzählung „Das neurotische Zeitalter“. Bekannt war er jedoch vor allem als Literaturkritiker. Während des zweiten Weltkriegs stand Kazuo Hirotsu unter Beobachtung, da er sich Regime-kritisch äußerte.
In den 50er Jahren setzte er sich massiv für die zu Unrecht Verurteilten des Matsukawa-Zwischenfalls ein.
1968 starb Kazuo Hirotsu an Nierenversagen.
Interessante Links:
- Universität Heidelberg: Dissertation von Asa-Bettina Wuthenow „Widerstand im ‚Geist der Prosa’ – Der Schriftsteller Hirotsu Kazuo zur Zeit des Fünfzehnjährigen Kriegs (1931-1945)“
- Google Books: Asa-Bettina Wuthenow „Hirotsu Kazuo – Ein Autor zwischen hoher Literatur und Populärkultur?“ in „11. Deutschsprachiger Japanologentag in Trier 1999, Band 2“
Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:
Mittwoch, 19. August 2015
„Blumen im Schnee“ von Akira Yoshimura
Ryosaku ist im 19. Jahrhundert Arzt in der Stadt Fukui, die jedes Jahr aufs Neue von einer verheerenden Pockenepidemie heimgesucht wird. Ryosaku leidet sehr unter seiner eigenen Hilflosigkeit – er ist Arzt und kann doch nicht das Geringste gegen die fatale Krankheit ausrichten. Die verängstigten Menschen greifen nach jedem Strohhalm, der sich ihnen bietet. Sie nehmen sogar getrocknete Kuhfladen zu sich, nachdem das Gerücht aufgekommen ist, dies würde gegen die Pocken helfen.
Ryosaku hat wie so gut wie alle japanischen Ärzte chinesische Medizin studiert. Japan hat sich gegenüber dem Westen abgeschottet und nur langsam tröpfeln die Erkenntnisse der westlichen Medizin ins Land. Die Grundhaltung der japanischen Ärzte ist jedoch skeptisch gegenüber den neuen ärztlichen Herangehensweisen – so auch Ryosaku. Doch als er zufällig den Arzt Ryogen kennenlernt, beginnt er sich für die sogenannte „Holland-Medizin“ zu interessieren und geht gar nach Kyoto, um bei dem Arzt Teisai die westliche Heilkunde zu erlernen.
Irgendwann kommt Ryosaku zu Ohren, dass außerhalb von Japan eine Impfmethode gegen die Pocken existiert, indem man die Impflinge mit den harmlosen Kuhpocken infiziert. Er ist außer sich vor Begeisterung und beschließt, von seinem aufgeschlossenen Fürsten die Bewilligung zum Import der Kuhpockenerreger zu erwirken. Doch ob die Petition überhaupt den Fürsten erreichen wird, wenn unverständige Bürokraten sie ihm vielleicht vorenthalten? Und mag die abergläubische Bevölkerung die westliche Methode überhaupt akzeptieren oder gar Reißaus nehmen, wenn der Arzt das Wort Pocken nur in den Mund nimmt?
Akira Yoshimura beschreibt mit „Blumen im Schnee“ die große Mühsal und das unermüdliche Engagement des Arztes Ryosaku Kasahara, seine Mitmenschen vor den Pocken zu schützen. Gegen alle Widrigkeiten – sei es die Bürokratie, das Winterwetter, persönliche Angriffe verbaler und physischer Natur – kämpfte er, um sein Ziel zu erreichen. Jedoch berührt der Kurzroman aus dem Genre der dokumentarischen Literatur leider nur wenig. Zwar wird ein wahrlich tapferer, leidensfähiger Mann beschrieben, doch die Handlung wird mit zu vielen Fakten angereichert, die zwar sicherlich historisch korrekt sind, aber auch hie und da langweilen. Vielleicht ist das aber auch die grundsätzliche Schwäche der dokumentarischen Literatur, die sich im Spannungsbereich Fakten und Fiktion (und damit Spannung und Emotion) bewegt und daher nicht beide Aspekte voll bedienen kann.
„Blumen im Schnee“ ist mit einem interessanten Nachwort von Gerhard Bierwirth versehen. Hier erfährt der Leser, falls es sich ihm nicht ohnehin erschlossen hat, dass der Titel des Werks nicht wörtlich zu verstehen ist. Die „Blumen“ zeigen sich in Form von Rötungen auf der (schnee)weißen Haut der Impflinge, wenn die Kuhpockenerreger angeschlagen haben. Darüber hinaus werden Akira Yoshimuras Intentionen verdeutlicht:
Bibliographische Angaben:
Yoshimura, Akira: „Blumen im Schnee“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2015, ISBN 978-3-86205-429-9
Ryosaku hat wie so gut wie alle japanischen Ärzte chinesische Medizin studiert. Japan hat sich gegenüber dem Westen abgeschottet und nur langsam tröpfeln die Erkenntnisse der westlichen Medizin ins Land. Die Grundhaltung der japanischen Ärzte ist jedoch skeptisch gegenüber den neuen ärztlichen Herangehensweisen – so auch Ryosaku. Doch als er zufällig den Arzt Ryogen kennenlernt, beginnt er sich für die sogenannte „Holland-Medizin“ zu interessieren und geht gar nach Kyoto, um bei dem Arzt Teisai die westliche Heilkunde zu erlernen.
Irgendwann kommt Ryosaku zu Ohren, dass außerhalb von Japan eine Impfmethode gegen die Pocken existiert, indem man die Impflinge mit den harmlosen Kuhpocken infiziert. Er ist außer sich vor Begeisterung und beschließt, von seinem aufgeschlossenen Fürsten die Bewilligung zum Import der Kuhpockenerreger zu erwirken. Doch ob die Petition überhaupt den Fürsten erreichen wird, wenn unverständige Bürokraten sie ihm vielleicht vorenthalten? Und mag die abergläubische Bevölkerung die westliche Methode überhaupt akzeptieren oder gar Reißaus nehmen, wenn der Arzt das Wort Pocken nur in den Mund nimmt?
Akira Yoshimura beschreibt mit „Blumen im Schnee“ die große Mühsal und das unermüdliche Engagement des Arztes Ryosaku Kasahara, seine Mitmenschen vor den Pocken zu schützen. Gegen alle Widrigkeiten – sei es die Bürokratie, das Winterwetter, persönliche Angriffe verbaler und physischer Natur – kämpfte er, um sein Ziel zu erreichen. Jedoch berührt der Kurzroman aus dem Genre der dokumentarischen Literatur leider nur wenig. Zwar wird ein wahrlich tapferer, leidensfähiger Mann beschrieben, doch die Handlung wird mit zu vielen Fakten angereichert, die zwar sicherlich historisch korrekt sind, aber auch hie und da langweilen. Vielleicht ist das aber auch die grundsätzliche Schwäche der dokumentarischen Literatur, die sich im Spannungsbereich Fakten und Fiktion (und damit Spannung und Emotion) bewegt und daher nicht beide Aspekte voll bedienen kann.
„Blumen im Schnee“ ist mit einem interessanten Nachwort von Gerhard Bierwirth versehen. Hier erfährt der Leser, falls es sich ihm nicht ohnehin erschlossen hat, dass der Titel des Werks nicht wörtlich zu verstehen ist. Die „Blumen“ zeigen sich in Form von Rötungen auf der (schnee)weißen Haut der Impflinge, wenn die Kuhpockenerreger angeschlagen haben. Darüber hinaus werden Akira Yoshimuras Intentionen verdeutlicht:
„Yoshimura [.] hat sich mit der vielleicht noch schwierigeren Aufgabe als Aufklärer begnügt. Als ein Aufklärer, der weder selbst agitiert noch unverbindlich informiert, sondern als ein Aufklärer, der mit der Überzeugungskraft der Fakten sowohl in Gestalt seiner historischen Romane bzw. Erzählungen als auch in seiner dokumentarischen Literatur gegen verkrustete Strukturen und Denkweisen die Vernunft und ein möglichst un-ideologisches Geschichtsbewusstsein mobilisieren wollte.“ (S. 119)
Bibliographische Angaben:
Yoshimura, Akira: „Blumen im Schnee“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierwirth, Gerhard & Moriwaki, Arno), Iudicium, München 2015, ISBN 978-3-86205-429-9
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