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Dienstag, 14. August 2012

„Der Fang“ von Kenzaburo Oe

Ein typischer Kenzaburo Oe-Schauplatz: Ein abgeschiedenes Dorf. Der zweite Weltkrieg liegt in den Endzügen. Ein US-amerikanisches Flugzeug stürzt in den Bergen ab. Nur einer der Insassen, ein Afroamerikaner, überlebt und wird von den Dorfbewohnern gefangen genommen. Der Feind wird in ein Kellerloch gesteckt. Insbesondere die Kinder sind fasziniert von dem großgewachsenen, feindlichen Soldaten, der eine völlig andere Hautfarbe hat.

Der Ich-Erzähler, ein heranwachsender Junge, nähert sich dem Soldaten immer mehr an, da er für seine Versorgung mit Nahrungsmittel zuständig wird. Bald weicht jegliche Scheu der Dorfbewohner vor dem Fremden und der Soldat wird nur noch als harmloses Haustier erachtet, das sich sogar relativ frei im Dorf bewegen kann. Doch in dem Haustier schlummert immer noch der Feind, der um sein Überleben ringt. Das Dorf, das bisher kaum Auswirkungen des Kriegs verspürt hat, erlebt sein eigenes Kriegsdrama, das den Ich-Erzähler abrupt erwachsen werden lässt.

Kenzaburo Oe erhielt mit 23 Jahren für „Der Fang“ den Akutagawa-Literaturpreis. Wie schnell aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde werden können, zeigt die Erzählung eindrücklich auf.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Der Fang“, Suhrkamp, Frankfurt 1995, ISBN 3-518-22178-7 

Montag, 13. August 2012

„Finsternis eines Sommers“ von Takeshi Kaiko

In Europa treffen er und sie, ein ehemaliges Pärchen, wieder aufeinander. Sie, die sich als Waise bezeichnet und als Frau in Japan keine berufliche Perspektive im Wissenschaftsbetrieb hatte, war nach Europa gegangen und hat nach Jahren der Entbehrung die Chance erhalten, zu promovieren. Zwischenzeitlich hasst sie alles, was mit Japan zu tun hat – ihn selbstverständlich ausgenommen. Doch er ist gefangen in unglaublicher Lethargie. Deswegen bestehen die ersten hundert Seiten in Takeshi Kaikos Roman „Finsternis eines Sommers“ vor allem aus Beschreibungen von Schlafen, Sex und Essen. Erst danach wird offenbar, warum auch er mindestens so verloren ist wie sie.

Doch „Finsternis eines Sommers“ ist alles andere als ein tragischer Liebesroman. Schonungslos reflektiert er über sie:

„Das Erstaunen über das, was eine Frau in ihrer Einsamkeit innerhalb von zehn Jahren so alles zusammenbringt, ebbte ab, und was blieb, war der Blick auf eine Ödnis ohnegleichen.“ (S. 77)

Und auch sich selbst legt der männliche Protagonist unters Mikroskop:

„Ja, ich glaube fast, dass nichts besser zu mir passt als ein nächtlicher Zug voller Abfall und Lärm. Ein jeder hat die Energie verloren, das eigene Ich zu verdecken; alle sind nackt und bloß und starren sich mit Fisch- oder Froschaugen an, ohne sich zu schämen und den Blicken auszuweichen.“ (S. 120)

„Schwatzen ist Syphilis. Auch Selbstreflexion ist Syphilis. Für mich in meiner jetzigen Situation ist Friede Syphilis.“ (S. 223)

Wie der Titel des Romans bereits impliziert, lässt man sich auf sehr finstere Lektüre mit Takeshi Kaikos Werk ein. Auch kommt er streckenweise mit einer Handlung aus, die gegen Null geht. Der Reiz geht von den (selbst-)verletzenden Psychogrammen der Protagonisten aus und insbesondere davon, dass sich die beiden Japaner größtenteils in Deutschland aufhalten.

Bibliographische Angaben:
Kaiko, Takeshi: „Finsternis eines Sommers“, Edition Q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-228-1

Sonntag, 12. August 2012

Takeshi Kaiko

Takeshi Kaiko (eigentlich: Ken Kaiko) wurde 1930 als ältester Sohn eines Grundschullehrers in Tennoji-kun geboren. Als sein Vater 1943 starb, wurde der Mittelschüler Takeshi Kaiko zum Familienoberhaupt. 1944 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Als er nach Kriegsende die Schulausbildung fortführen konnte, nahm er diverse Gelegenheitsjobs wahr, um das Auskommen der Familie zu unterstützen.

Nach seinem Schulabschluss nahm er ein Studium an der Universität von Osaka auf. Mit dem Schreiben begann Takeshi Kaiko im Jahr 1951. Durch eine literarische Gruppe lernte er seine baldige Ehefrau Yoko Maki kennen. Zunächst arbeitete Takeshi Kaiko in der Werbeabteilung von Suntory, wurde jedoch bald Vollzeitautor. 1958 erhielt er den Akutagawa-Literaturpreis. Ab dem folgenden Jahr verbrachte der Autor einige Zeit im Ausland; unter anderem in China, Rumänien, Tschechoslowakei und in der Sowjetunion. Von 1964 bis 1965 war er Auslandskorrespondent in Vietnam für die Asahi Shinbun. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete er in Romanen.

Takeshi Kaiko war Mitgründer der pazifistischen Organisation Behrein, trat jedoch aus, als diese anti-amerikanische Züge bekam.

1989 starb Takeshi Kaiko infolge einer Lungenentzündung, die aufgrund einer Speisröhrenkrebserkrankung aufgetreten war.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetze Romane/Erzählungen und hier rezensiert: 

Sonntag, 5. August 2012

„Fremde Wasser“ von Yoko Tawada, herausgegeben von Ortrud Gutjahr

„Wenn Sie hier sind, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass es ein ‚hier’ gibt. Damit meine ich, dass Sie zum Beispiel in der Moderne leben, die alles andere hinter sich gelassen zu haben sollte, und dass Sie in der ersten Welt leben, in der Sie vor bodenloser Armut und einer tödlichen Diktatur geschützt sein sollten. Aber wenn ich verschiedene Länder und Zeiten durcheinanderbringe und in diesen Raum importiere, zeigt dieser Raum seinen eigentlichen Charakter als Wasser, das keine Grenzen kennt. Und wer wirklich bereit ist, in einer Hafen-City zu wohnen, muss damit rechnen, dass in jedem Moment ein unbekanntes Schiff erscheint.“ (S. 73)

So startet Yoko Tawada in ihre zweite Poetikvorlesung. Insgesamt drei an der Zahl enthält der Band „Fremde Wasser“. Darüber hinaus tummeln sich 17 wissenschaftliche Beiträge, die sich mit dem Sprachphänomen Yoko Tawada befassen. Ein Interview mit ebendieser komplettiert den Band.

Doch zunächst zurück zu den drei Vorlesungen, die im Rahmen einer Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik im Sommersemester 2011 nur wenige Monate nach der verheerenden Natur- und Nuklearkatastrophe in Japan gehalten wurde. Daher startet Yoko Tawada auch so in die erste Vorlesung:

„Hiroshima endet genau wie Fukushima auf ‚Shima’, und das Wort ‚Shima’ bedeutet Insel.“ (S. 49)

Doch im Zentrum dieser ersten Vorlesung soll ein anderes „Shima“ – Tanegashima – stehen, auf der die ersten Europäer im 16. Jahrhundert landeten. Yoko Tawada illustriert hier jedoch auch ihre eigene „Landung“ im Westen, nämlich ihre Erfahrungen als Japanerin in Hamburg und den Besuch erster sprachwissenschaftlicher Vorlesungen, unter anderem über Roland Barthes.

Die zweite Vorlesung widmet Yoko Tawada der Insel Dejima, auf der die holländischen Handelspartner isoliert lebten. Sie begibt sich jedoch auch nach Südafrika, spürt Afrikaans als „belastete Sprache“ nach und stellt offene Fragen:

„Wie stark ist eine Sprache belastbar? Gibt es die Unschuld der Sprache? Bin ich vielleicht eine perverse Autorin, die sich nur für belastete Sprachen interessiert?“ (S. 77)

Die dritte und letzte Vorlesung steht unter dem Thema Uraga, dem Hafen, in den 1853 die schwarzen Schiffe der US-Amerikaner einliefen, um Japan zu Handelsbeziehungen mit den USA zu zwingen. Yoko Tawada widmet sich hier unter anderem dem Brecht-Stück „Die Judith von Shimoda“, das auf einem Werk von Yuzo Yamamoto basiert, und Puccinis „Madame Butterfly“.

Damit endet der von Yoko Tawada verfasste Teil von „Fremde Wasser“. Die Vorlesungen sind hier nur kurz angerissen, da man der Fülle von Yoko Tawadas Gedankengängen in einer Zusammenfassung ohnehin nicht gerecht werden könnte und man getrost auf das Buch selbst verweisen kann. Yoko Tawadas Beiträge lesen sich wie immer höchst interessant und ohne die Schwere von wissenschaftlichen Abhandlungen, die man bei dem Begriff „Vorlesung“ unterstellen könnte.

Die folgenden 17 wissenschaftlichen Aufsätze nehmen den größten Teil von „Fremde Wasser“ ein. Hier begibt sich Sigrid Weigel beispielsweise auf „Suche nach dem E-mail für Japanische Geister“, Christine Ivanovic und Franziska Schößler betrachten Yoko Tawadas Bühnenstücke, Andrea Bandhauer widmet sich dem Wasser, der Weiblichkeit und den Metamorphosen in „Schwager in Bordeaux“, Yasemin Dayioglu-Yücel fragt sich, ob sich Yoko Tawadas Werke als magischer Realismus verorten lassen und Vibha Surana fragt „Was hört auf, wo Europa anfängt?“.

Sicherlich muss sich der Leser hier auf etwas schwerere, analytische Kost einlassen, die die Lektüre jedoch allemal wert ist, wenn man sich mit Yoko Tawadas Werken näher befassen möchte. Ein kleines bisschen Grundwissen zu Barthes, Benjamin und Derrida sei jedoch empfohlen. Auch die Lektüre von Yoko Tawadas Werken sollte bereits vor dem Lesen der Aufsätze erfolgt sein, um den Gedankengängen der einzelnen Autoren gut folgen zu können.

„Fremde Wasser“ zeigt eindrücklich das (Sprach-)Genie der Autorin und Ethnologin Yoko Tawada auf und lässt den Leser tiefer in die Bedeutungszusammenhänge hinabtauchen. Eine Pflichtlektüre für jeden Yoko Tawada-Fan!

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko & Gutjahr Ortrud (Hrsg.): „Fremde Wasser“, Konkursbuch, Tübingen 2012, ISBN 978-3-88769-777-8