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Donnerstag, 8. Dezember 2011

„Der Schachtelmann“ von Kobo Abe

Ein Schachtelmann schreibt in seiner Schachtel die Geschichte eines Schachtelmanns. Um vom Durchschnittsbürger zum Schachtelmann zu werden, bedarf es nur einen kleinen Auslöser: Das große Bedürfnis, andere Leute unbemerkt beobachten zu können beispielsweise. Oder die bewusste Wahrnehmung der Existenz der Schachtelmänner, durch die Normalos durchsehen ohne sie zu bemerken. Und schon ist er dann da, der Wunsch, sich eine Schachtel, in der Kühlschränke ausgeliefert zu werden, über den Kopf zu ziehen, die Schachtel mit einem Sichtfenster zu versehen und fortan auf der Straße als Schachtelmann zu leben.

In der Schachtel bewahrt der Schachtelmann alles auf, was er zum täglichen Leben braucht. Überall im Müll der Großstadt findet er Nützliches – doch aufbewahren sollte er nur das, was er mindestens dreimal pro Tag verwendet.

Er sollte sich jedoch vor Bettlern hüten. Denn die befinden sich in der Hierarchie noch eine Stufe über den Schachtelmännern, da sie immerhin noch am Rand der Gesellschaft stehen, während der Schachtelmann einfach raus ist. So ein Bettler kann ganz schön rabiat werden, wenn er glaubt, dass sein Revier bedroht wird.

Die Notizen des Schachtelmanns führen in ein surreales Labyrinth, das von Pseudoschachtelmännern, Krankenschwestern, Luftgewehrschützen und Briefmarkenmalern bevölkert wird. Wer ist ein echter Schachtelmann, welche Notizen stammen vom Pseudoschachtelmann und was hat die (Selbst-)Ermordung eines Stabsarztes damit zu tun?

Neben all den phantastisch anmutenden Geschehnissen ist „Der Schachtelmann“ von Kobo Abe aber auch vor allem Gesellschaftskritik. Da stirbt ein Stadtstreicher an einen Pfeiler in der U-Bahnstation gelehnt und keiner der 10.000 Passanten hat den Toten registriert. Das passiert in den Großstädten der Namenlosen, in denen im Betrachten Liebe und im Betrachtet-Werden Hass liegt. Willkommen im Labyrinth, in dem sich die Schachtelmänner von Tag zu Tag vermehren!

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