Kobe Abes „Der verbrannte Stadtplan“ beginnt wie eine klassische Detektivgeschichte: Der private Ermittler und Ich-Erzähler erhält den Auftrag, nach dem vermissten Ehemann von Frau Nemuro zu suchen. Auf dem Weg zu einer Aktenübergabe ist der leitende Angestellte plötzlich spurlos verschwunden. Die Anhaltspunkte sind mehr als spärlich: Dem Detektiv stehen gerade einmal ein Passfoto und eine Streichholzschachtel als Hinweise zur Verfügung.
Weder eine Geliebte noch Probleme in der Arbeit scheinen für ein freiwilliges Verschwinden von Herrn Nemuro zu sprechen. Der Ermittler kann ein Verbrechen nicht mehr ausschließen, spätestens als der zwielichtige Bruder der verlassenen Ehefrau und damit Schwager des Vermissten auf dem Parkett erscheint.
Doch Kobo Abe wäre nicht Kobo Abe, wenn es ihm nur um einen harmlosen Kriminalroman ginge. Erneut ist die Stadt, das Labyrinth der wachsenden Metropole, sein Thema. Die Bewältigungsstrategien in diesem Labyrinth sind von Großstadtbewohner zu Großstadtbewohner unterschiedlich: Die einen bringen den Mut auf, von heute auf morgen zu verschwinden und alles zurück zu lassen. Die anderen scheitern am Ziel, von anderen beachtet zu werden und flüchten in den Selbstmord. Die nächsten igeln sich zu Hause ein und leben in ihrer eigenen Phantasiewelt. Wiederum andere glauben, das System kriminell ausnutzen zu können und werden schließlich Opfer der Gewalt, die sie selbst herausgefordert haben. Und der Ich-Erzähler, der ebenfalls eine verlassene Seele ist, wird mit einer ganz anderen Art des Ausscheidens aus dem Alltag konfrontiert.
„Der verbrannte Stadtplan“ ist weit weniger phantastisch als „Die Känguruhhefte“ und „Der Schachtelmann“, dafür aber sehr viel zugänglicher, ohne auf den Anspruch an den Leser zu verzichten, die Handlung für sich selbst deuten zu müssen.
Dienstag, 27. März 2012
Freitag, 9. März 2012
„Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden“ von Yoko Tawada
In „Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden“ finden sich Gedichte und – wie es im Klappentext so schön heißt – Traumtexte. Letzteres beschreibt den schmalen Band von etwas mehr als hundert Seiten sehr gut, erschließt sich doch die Bedeutung nur bedingt. „Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden“ unterliegt vielmehr einer eigenen Logik. Yoko Tawada, die Wortakrobatin in der Disziplin der Bildung von Assoziationsketten, entführt in unentdeckte Sinnwelten.
Besonders schön gelingt dies in „Die Orangerie“: Die orange Kleidung der deutschen Müllmänner erinnert die Ich-Erzählerin an ihren Urlaub in Thailand und die orange Farbe der Mönchsgewänder. Dies löst einen ungewöhnlichen Gedankengang über Müll, Schmutz und Geld aus, bis am Ende das Ziel der Orangerie erreicht ist.
Wie vom Konkursbuchverlag gewohnt, ist auch „Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden“ liebevoll gestaltet: Farbige Trennblätter mit Naturmotiven und japanische Texte machen den Band zu einem Liebhaberstück, das freilich nicht für schnelles Durchlesen geeignet ist, sondern den Leser herausfordert, sich der Logik der Autorin zu stellen.
Besonders schön gelingt dies in „Die Orangerie“: Die orange Kleidung der deutschen Müllmänner erinnert die Ich-Erzählerin an ihren Urlaub in Thailand und die orange Farbe der Mönchsgewänder. Dies löst einen ungewöhnlichen Gedankengang über Müll, Schmutz und Geld aus, bis am Ende das Ziel der Orangerie erreicht ist.
Wie vom Konkursbuchverlag gewohnt, ist auch „Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden“ liebevoll gestaltet: Farbige Trennblätter mit Naturmotiven und japanische Texte machen den Band zu einem Liebhaberstück, das freilich nicht für schnelles Durchlesen geeignet ist, sondern den Leser herausfordert, sich der Logik der Autorin zu stellen.
Dienstag, 6. März 2012
„Mord am Amagi-Pass“ von Seicho Matsumoto
Der Band „Mord am Amagi-Pass“ enthält neben der gleichnamigen Erzählung drei weitere des Krimi-Autors Seicho Matsumoto: „Die Tatwaffe“, „Die Nylonschnur“ und „Der Unfall“.
Der Ich-Erzähler und Druckerei-Besitzer erhält den Auftrag, für die Polizei einen Band von ungeklärten Kriminalfällen zu drucken. Beim Blättern im fertigen Buch stößt er auf den mysteriösen „Mord am Amagi-Pass“, der vor dreißig Jahren an einem Arbeiter begangen wurde, und erinnert sich, dass er sich zur fraglichen Tatzeit selbst am Pass befunden hatte. Inwieweit mag sein Schicksal mit dem Unglück verwoben sein?
Der unbeliebte Händler Rokuemon wird erschlagen aufgefunden. Die Kommissare sind recht ratlos, was als „Die Tatwaffe“ in Frage kommen könnte. Und ohne Tatwaffe lässt sich leider kein Mörder überführen…
„Die Nylonschnur“ ist um den Hals des toten Shinto-Priesters Umeda geschlungen, als seine Leiche von spielenden Kindern am Flussufer des Tamagawa aufgefunden wird. Die Ermittlungen der Kriminalbeamten laufen zunächst ins Leere, da die tatverdächtige Ehefrau ein wasserdichtes Alibi aufzuweisen hat. Erst der Angestellte der Lebensversicherung, bei der Umeda hoch versichert war, kann Licht ins Dunkel bringen.
In „Der Unfall“ wird der tragische Tod des Bergsteigers Iwase skizziert: Urahashi, der gemeinsam mit Iwase und Eda auf Bergtour war, schildert für eine Zeitschrift die Umstände, die schließlich zu Iwases Ableben führten. Eda, der die Funktion des Bergführers übernommen hatte, wird nach Abdruck des Artikels von Iwases Verwandten gebeten, einen Cousin an die Unglücksstelle zu führen, damit dieser als Abordnung der Familie richtig Abschied nehmen kann. Doch mag der Unfall nicht etwas verschleiern, was noch im Dunkeln liegt?
Seicho Matsumotos Erzählungen wirken heutzutage recht harmlos und wenig spannend. Viel interessanter ist mehr der Kontext, in den die Handlung eingebettet ist: Serviererinnen, die sich prostituieren; Witwen, die Freiwild für Händler sind und Landeier, die in Tokio um ihr Geld gebracht werden, sind der Stoff, aus dem die Verbrechen der Protagonisten resultieren.
Der Ich-Erzähler und Druckerei-Besitzer erhält den Auftrag, für die Polizei einen Band von ungeklärten Kriminalfällen zu drucken. Beim Blättern im fertigen Buch stößt er auf den mysteriösen „Mord am Amagi-Pass“, der vor dreißig Jahren an einem Arbeiter begangen wurde, und erinnert sich, dass er sich zur fraglichen Tatzeit selbst am Pass befunden hatte. Inwieweit mag sein Schicksal mit dem Unglück verwoben sein?
Der unbeliebte Händler Rokuemon wird erschlagen aufgefunden. Die Kommissare sind recht ratlos, was als „Die Tatwaffe“ in Frage kommen könnte. Und ohne Tatwaffe lässt sich leider kein Mörder überführen…
„Die Nylonschnur“ ist um den Hals des toten Shinto-Priesters Umeda geschlungen, als seine Leiche von spielenden Kindern am Flussufer des Tamagawa aufgefunden wird. Die Ermittlungen der Kriminalbeamten laufen zunächst ins Leere, da die tatverdächtige Ehefrau ein wasserdichtes Alibi aufzuweisen hat. Erst der Angestellte der Lebensversicherung, bei der Umeda hoch versichert war, kann Licht ins Dunkel bringen.
In „Der Unfall“ wird der tragische Tod des Bergsteigers Iwase skizziert: Urahashi, der gemeinsam mit Iwase und Eda auf Bergtour war, schildert für eine Zeitschrift die Umstände, die schließlich zu Iwases Ableben führten. Eda, der die Funktion des Bergführers übernommen hatte, wird nach Abdruck des Artikels von Iwases Verwandten gebeten, einen Cousin an die Unglücksstelle zu führen, damit dieser als Abordnung der Familie richtig Abschied nehmen kann. Doch mag der Unfall nicht etwas verschleiern, was noch im Dunkeln liegt?
Seicho Matsumotos Erzählungen wirken heutzutage recht harmlos und wenig spannend. Viel interessanter ist mehr der Kontext, in den die Handlung eingebettet ist: Serviererinnen, die sich prostituieren; Witwen, die Freiwild für Händler sind und Landeier, die in Tokio um ihr Geld gebracht werden, sind der Stoff, aus dem die Verbrechen der Protagonisten resultieren.
Samstag, 3. März 2012
Seicho Matsumoto
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| Seicho Matsumoto |
Sein kriminalliterarisches Debüt gab Seicho Matsumoto erst im Alter von 40 Jahren, waren Krimis während des zweiten Weltkriegs schließlich als unpatriotistisch verpönt. 1952 erhielt er den Aktuagwa-Preis. Sein erster Krimi-Roman „Punkte und Linien“ war ein Bestseller in den 50er Jahren: Mehr als 1,25 Millionen Exemplare wurden verkauft. Er gilt als einer der am besten verdienenden, japanischen Autoren der 60er Jahre. Bis zu seinem Krebstod im Jahr 1992 veröffentlichte er mehr als 450 Werke.
Seicho Matsumoto führte als erster Autor soziale Kontexte in die japanische Krimiliteratur ein. Neben Krimis schrieb er auch über (Zeit-)Geschichte.
Interessante Links:
- The Independent: Obituary – Seicho Matsumoto
- Hier geht’s zum Seicho Matsumoto Memorial
Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:
- Spiel mit dem Fahrplan (identisch mit: Tokio Express - voraussichtliche Erscheinung am 22.08.2024)
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