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Sonntag, 28. Juli 2013

Michiko Ishimure

Michiko Ishimure wurde 1927 auf den Amakusa-Inseln als Tochter eines Steinmetzes mit dem Nachnamen Shiraishi geboren. Als Michiko Ishimure drei Jahre zählte, zog die Familie nach Minamata. 1943 schloss sie mit sehr gutem Ergebnis die Schule ab und wurde aufgrund des Arbeitskräftemangels während des zweiten Weltkriegs als Hilfslehrerin in der Grundschule angestellt. Als sie 1947 den heimgekehrten Soldaten und späteren Oberschullehrer Hiroshi Ishimure heiratete, kündigte sie ihre Stelle. 1948 wurde der gemeinsame Sohn Michio geboren, der das einzige Kind bleiben sollte.

Michiko Ishimure fühlte trotz ihres bescheidenen Lebens als Hausfrau und Mutter den Drang, Schriftstellerin zu werden. Die Umwälzungen der 50er auf dem Lande, die das traditionelle Gemeinschaftsleben auflösten, ließen sie politisch aktiv werden. Sie suchte die Nähe zu Gewerkschaften und zur Kommunistischen Partei. Als sie sich für die Opfer der Minamata-Krankheit einzusetzen begann, überwarf sie sich mit der Partei.

Die Minamata-Krankheit war von der Firma Chisso verursacht, die Quecksilber-verseuchte Abwässer ins Meer leitete. Chisso war jedoch auch der größte Arbeitgeber in Minamata, weswegen Michiko Ishimure selbst aus der eigenen Verwandtschaft Druck bekam, die Verhältnisse nicht weiter anzuprangern. Dennoch publizierte sie Ende der 60er Jahre das Buch „Paradies im Meer der Qualen“, das mehrere zuvor erschienene Essays bündelte. Das Werk wurde zwischenzeitlich über 30 Mal neu aufgelegt und gilt als Bibel der japanischen Umweltbewegung.

1973 erhielt Michiko Ishimure für ihr Engagement den Ramon-Magsaysay-Preis, der als die asiatische Variante des Friedensnobelpreises gilt.

Mehr als 50 Bände an literarischen Werken, darunter Essays, Romane, Gedichte, und Kindergeschichten hat Michiko Ishimure veröffentlicht.

Interessante Links:


Ins Deutsche übersetzte Essays und hier rezensiert:

Samstag, 27. Juli 2013

„Kokoro“ von Soseki Natsume

Soseki Natsumes Roman „Kokoro“ ist in drei Teile gegliedert. In „Der Sensei und ich“ beschreibt der studentische Ich-Erzähler, wie er den geheimnisvollen Sensei kennenlernt. In der Sommerfrische in Kamakura fällt dem Studenten der Sensei im Gewühl der Badegäste auf. Auch wenn der Sensei eher distanziert, menschenscheu – ja gar menschenfeindlich –  ist, wird er doch bald zum Vertrauten des Studenten. Den Sensei umgeben gleich mehrere Geheimnisse: Was hat es mit dem Grab auf sich, das er jeden Monat besucht? Wieso braucht er sich nicht um sein finanzielles Auskommen zu kümmern? Warum wurde er so hart gegenüber den Menschen? Und welches Geheimnis steht zwischen ihm und seiner Ehefrau?

Als der Student seine Universitätsausbildung abgeschlossen hat, kehrt er erst einmal in seine Heimat zurück, was in dem Kapitel „Meine Eltern und ich“ beschrieben wird. Der Gesundheitszustand des Vaters verschlechtert sich rapide. Es ist abzusehen, dass es mit seinem Leben zu Ende geht. Just in dieser ernsten Situation geht ein eingeschriebener, dicker Brief vom Sensei ein, der an den Studenten adressiert ist. Der Inhalt des Briefs ist in dem Kapitel „Der Sensei und sein Vermächtnis“ dargestellt und löst die Fragen um die Vergangenheit des Sensei auf. Es ist eine Geschichte von Schuld und Verrat.

Ein bisschen seltsam mutet die Dreiteilung von „Kokoro“ (ins Deutsche übersetzt etwa „leidendes Menschenherz“) an. Denn nach dem ersten Kapitel würde man zu gerne die Auflösung in Form des Briefes des Senseis lesen. Doch stattdessen wird das Kapitel um den sterbenden Vater eingeschoben. Sicherlich bekommt die persönliche Zerrissenheit des Studenten hier zum Ausdruck, doch eigentlich möchte man primär dem Geheimnis des Sensei auf die Spur kommen.

Dieses wiederum ist mir persönlich etwas zu überzeichnet. Sicherlich mag die Tragik der Schicksale in der Lektüre reizvoll sein. Doch der Herz-Schmerz wird mir zu sehr ausgereizt.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Kokoro“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Manesse, Zürich 1976, ISBN 3-3175-1509-8

Freitag, 26. Juli 2013

„Das Tempeldach“ von Yasushi Inoue

„Das Tempeldach“ sollte man keinesfalls als ersten Yasushi Inoue lesen. Denn dann besteht das Risiko, dass man sich an keinen zweiten mehr heranwagt. In dem historischen Roman beschreibt der Autor das Schicksal von vier jungen buddhistischen Mönchen, die im Jahr 732 mit einer japanischen Gesandtschaft nach China gehen, um einen renommierten Priester zu finden, der mit nach Japan kommen mag, um dort sein Wissen weiterzugeben.

Yasushi Inoues Werk basiert auf realen Gegebenheiten: Dem Mönch Fusho gelang es tatsächlich den berühmten Chien-chen nach Japan zu geleiten. Dazu war eine jahrlange Odyssee nötig, die mehrere Irrfahrten, Schiffbrüche, materielle Verluste und Todesfälle beinhaltete. Doch trotz eigentlich hervorragen Zutaten wie Mystik, exotische Schauplätze und starke Persönlichkeiten kommt „Das Tempeldach“ kaum über das Niveau von bloßen Aufzählungen à la „sie fuhren dorthin, hier passierte dieses und jenes und dann entschlossen sie sich da und da hin zu segeln“ hinaus. Die Dialoge sind spärlich gesät. Und obwohl Chien-chen in „Das Tempeldach“ als charismatischer Religionsführer besonders eindrucksvoll hätte beschrieben werden können, wirkt ausgerechnet der verspleente, alte Mönch Gogyo als einziger ausgeprägter Charakterkopf.

Die politische Dimension der japanischen Gesandtschaft erschließt sich leider erst aus dem Nachwort von Oscar Benl. Denn Chien-chen sollte nicht nur zwecks spirituellen Interesses nach Japan geholt werden, sondern schlichtweg um die aufmüpfigen japanischen Mönche zu disziplinieren. Dieser Aspekt hätte „Das Tempeldach“ wenigstens noch etwas Würze verliehen. Sicherlich hätte auch eine Landkarte der Irrfahrten das Buch bereichert. Wer weiß denn schon wo der T’ein-t’ai-Berg liegt und wo sich Ai-chou befindet…

Der Roman, der im Original „Tempyo no iraka“ (was wohl soviel wie „Dachziegel der Tempyo-Zeit“ bedeutet) heißt, erhielt in der deutschen Version den etwas abwegigen Namen „Das Tempeldach“. Mit dem Dachziegel kann man vielleicht den Mönch Fusho assoziieren, der zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen dem Buddhismus in Japan eine Heimat gegeben hat. Da ist mir die Übersetzung „Das Tempeldach“ zu weit entfernt und sie steht auch in keinem Zusammenhang zur Handlung.

„Das Tempeldach“ mag für Leser, die sich für die Verbreitung des Buddhismus interessieren, sicherlich sehr interessant sein. Doch in Ermangelung von Spannung, ausgefeilten Charakterdarstellungen und Stimmungsbildern sei allen anderen lieber abgeraten. „Das Tempeldach“ wird Yasushi Inoue, dem es in seinen anderen Werken immer wieder fantastisch gelingt, Charaktere zu beschreiben, leider nicht gerecht.

Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Das Tempeldach“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1981, ISBN 3-518-01709-8

Sonntag, 21. Juli 2013

„Yuhi“ von Yangji Lee

Drei Erzählungen finden sich in Yangji Lees Band „Yuhi“. Ein bisschen wirken die Werke der Zainichi-Koreanerin wie das Negativ zu Banana Yoshimotos literarischem Schaffen. Bei beiden werden unter anderem schwierige Familiensituationen, Patch-Working, der Tod von lieben Familienangehörigen, die Suche nach einem neuen Anfang thematisiert. Doch während Banana Yoshimoto die herzlichen, liebevollen Seiten ihrer Charaktere herausstellt und versöhnlich bleibt, ist Yangji Lee auf der anderen Seite der Skala zu verorten:

„Die Entfernung zwischen Menschen. Gerade weil man Mensch ist, weil man lebt, besteht diese unleugbare Distanz zwischen einander.“ (S. 95)

So bleiben die Protagonisten in Yangji Lees Erzählungen isoliert und wirken bis zu einem bestimmten Grad hart und unzugänglich. Obwohl der thematisch härterer Kost schwebt eine sprachliche Leichtigkeit über den Erzählungen, wie man sie auch von Banana Yoshimoto kennt.

Mit „Der Klageschmetterling“ beginnt der Erzählband. In der Protagonistin und Ich-Erzählerin vermeint man Yangji Lee selbst zu erkennen: Vor dem Scheidungskrieg der Eltern ist sie von zu Hause nach Kioto ausgerissen, um sich mit einem Job in einem Ryokan über Wasser zu halten. Schließlich kehrt sie doch wieder nach Hause zurück, nur um ihre Familie weiter im Seziersaal des Familiengerichts bloßlegen zu lassen. Doch es warten noch weitere Schicksalsschläge auf die Familie.

„Verehrter Bruder“ scheint wie aus der Perspektive einer jüngeren Schwester von Yangji Lee geschrieben zu sein. Tamiko spricht hier zu ihrem älteren, verstorbenen Bruder und berichtet über ihre Schwester Kazuko, die mit ihrer Identität als Koreanerin kämpft. Sie beteiligt sich an politischen Organisationen, nimmt dubiose Jobs an, um sich neben dem von den Geschwistern geschnorrten Geld Einkünfte zu sichern, säuft wie ein Loch und verschwindet tageweise spurlos.

„Yuhi“ ist die vielleicht ausgefeilteste Erzählung: Yuhi ist eine Zainichi-Koreanerin, die in Seoul Literaturwissenschaften studiert. Doch anders als viele Studentinnen lebt sie sehr zurückgezogen und wirkt besonders scheu. Sie zieht in ein Privatzimmer im Haus der Erzählerin und deren Tante. Hier scheint sie endlich eine Oase des Friedens zu finden. Doch sie bleibt unglücklich in Seoul. Mit dem Koreanischen kann sie sich nicht anfreunden, sie liest und schreibt weiterhin auf Japanisch. Das Koreanische scheint ihr gar physische Schmerzen zu bereiten. In Korea kann Yuhi nicht glücklich werden...

Yangji Lees Erzählungen zeigen die Zerrissenheit der Zainichi-Koreaner auf. Japanisch ist ihre „Muttersprache“, doch in Japan werden sie als Fremde erachtet. Korea ist ihnen selbst fremd und auch hier finden sie nicht die ersehnte Heimat. Sie stecken in einem unlösbaren Dilemma. Als Leser meint man zu erahnen, wie Yangji Lee sich diesem mit dem Schreiben näherte. Während das ältere Werk „Der Klageschmetterling“ noch aus der Perspektive der Autorin geschrieben zu sein scheint, verschiebt sich in „Verehrter Bruder“ der Blickwinkel auf den der Schwester und in „Yuhi“ ist die Erzählerin bereits eine zunächst Fremde.

„Yuhi“ ist eine schwermütige Lektüre, die einen ungeschonten Einblick in das Leben von Zainichi-Koreanern ermöglicht. Man erahnt den langjährigen Kampf, den Yangji Lee um ihre kulturelle Identität ausgefochten haben mag. Umso trauriger, dass man aufgrund ihres frühen Todes nie erfahren wird, ob ihr die Versöhnung mit ihrem Schicksal gelungen wäre.

Bibliographischen Angaben:

Lee, Yangji: „Yuhi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Nakamura-Methfessel, Verena), Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-01-4