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Samstag, 30. Juni 2012

Amy Yamada

Amy Yamada (oder auch: Eimi/gebürtig: Futaba) wurde 1959 in Tokio geboren, doch die Arbeit ihres Vaters verlangte der Familie mehrere Umzüge ab. Amy Yamada begeisterte sich bald für Literatur, insbesondere für die Werke von Francois Sagan und James Baldwin. An der Meiji Universtiät schrieb sie sich für japanische Literatur ein, schmiss jedoch bald ihr Studium, um sich als Manga-Autorin zu verdingen. 1980 wechselte sie zur Belletristik. Sie verfolgte die Strategie, über das zu schreiben, was sie selbst erlebte. Konsequenterweise versuchte sie viel zu erleben – und arbeitete als Hostess, Nacktmodell und Domina. Ihre Beziehung zu einem afroamerikanischen US-Soldaten verarbeitete sie in „Nächte mit Spoon“, das mit dem Bungei-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Weitere Preise folgten, unter anderem 1987 der Naoki-, 2000 der Yomiuri- und 2005 der Tanizaki-Preis.

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Ins Deutsche übersetze Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Freitag, 29. Juni 2012

„Die Rote Bande von Asakusa“ von Yasunari Kawabata

„Asakusa ist ein einziges großes Irrenhaus.“ (S. 136)

Sagt das Alter Ego des Autors Yasunari Kawabata über den Stadtteil Asakusa, in dem sich die Rote Bande herumtreibt. Er begleitet die Gruppe aus jugendlichen Herumsträunern, die sich vornehmlich um die verrückte Yumiko scharen, die auch schon mal ein paar Kügelchen Arsen schluckt – damit ihr Teint die richtige Farbe bekommt – und sich allerlei Verkleidungen ausdenkt, um die Leute an der Nase herumzuführen.

Doch nicht nur die Rote Bande bevölkert Asakusa: Bettler, Obdachlose, Ausreißer, Varieté-Tänzerinnen, Artisten, Prostituierte, Betrüger, vergnügungssüchtiges Volk tummeln sich in dem Stadtviertel, das sein europäisches Äquivalent im Pariser Montmartre findet. Westliche Einflüsse treffen hier auf japanische Traditionen – und doch ist die Rote Bande einem alt-ehrwürdigen Ehrenkodex verhaftet.

Der Erzähler setzt unwillkürlich ein Spotlight auf ein Plätzchen in Asakusa und berichtet dann von den eigenwilligen Machenschaften von Yumiko, Kurzhaar-O-Soundso, Silberkatzen-Umeko oder Linkshänder-Hiko. Überhaupt wird mit den Begriffen „links“ und „rot“ gern gespielt, jedoch ohne dass „Die Rote Bande von Asakusa“ als linke Literatur begriffen werden kann. Stakkatohaft werden die Eindrücke teilweise wiedergegeben, unter anderem wenn der Erzähler aus Programmheften und Anschlägen abliest. So ist wohl auch das Tempo generell rapide in Asakusa.

„Die Rote Bande von Asakusa“ liest sich ungewöhnlich, fragmentarisch. Doch wie soll man dem Kaleidoskop Asakusa auch besser gerecht werden? Hat man sich erst ein bisschen eingelesen, lässt einen die Faszination für Asakusas 20er/30er Jahre nicht mehr los. Welch ein turbulentes Lesevergnügen!

Fans von Yasunari Kawabatas Klassikern wie „Schneeland“ wird „Die Rote Bande von Asakusa“ jedoch eher enttäuschen – der Erzählstil könnte fast nicht gegensätzlicher sein.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Die Rote Bande von Asakusa“, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 978-3-458-16969-7 

Donnerstag, 28. Juni 2012

„Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ von Sayo Masuda

Die kleine Sayo erlebt eine furchtbare Kindheit: Eine Schule sieht sie als Kind nicht von innen. Stattdessen muss sie vor allem den Säugling eines Großgrundbesitzers hüten und allerlei anfallende Arbeiten erledigen. Zu essen bekommt sie maximal Reste und von einer richtigen Schlafstatt kann auch nicht die Rede sein. Noch nicht mal ihren richtigen Namen kennt die Kleine. Sie wird primär „He, du da!“ gerufen und erhält immerhin den Spitznamen Tsuru.

Als Teenager wird sie in ein Geisha-Haus in einem Kurort verkauft. Dort wird sie einem extremen Drill unterworfen. Wenn sie beim Tanz oder beim Shamisen-Spiel Fehler begeht, wird sie geschlagen. Auch die Geisha-Mama kennt mit niemandem ein Erbarmen: Bei Ungehorsam werden schon einmal Zigaretten an den Körpern der Mädchen ausgedrückt. Als Sayo einer ihrer älteren Geisha-Schwestern zu Hilfe eilen will, als diese von der Mama brutal traktiert wird, wird sie von dieser eine Treppe hinunter gestoßen und erleidet einen Oberschenkelbruch. Da Sayo viel zu spät ins Krankenhaus eingeliefert wird, entgeht sie nur knapp einer Amputation. Doch immerhin erfährt sie im Hospital endlich ihren richtigen Namen. Als sie von ihrem Gönner, einem Yakuza, freigekauft wird, gerät Sayo in die nächste Abhängigkeit. Aufgrund einer Liebesaffäre verstößt der Yakuza die ehemalige Geisha. Sayo ist nun frei, aber ohne Geld und Auskommen hilflos. Fortan muss sie sich alleine durchschlagen.

„Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ zeigt ein ganz anderes Bild des Geisha-Lebens als Mineko Iwasakis „Die wahre Geschichte der Geisha“. Doch die beiden Geishas könnten kaum unterschiedlicher sein. Mineko Iwasaki kommt als Nachfolgerin einer Geisha-Mama ins Geisha-Haus, wird von dieser adoptiert und hat in der Hierarchie einen hohen Rang inne. Sayo Masuda ist ein uneheliches, verstoßenes Kind, wird für eine bestimmte Zeit eingekauft und hat den geringsten Status im Haus. Während Mineko Iwasaki in Kioto sich als Künstlerin fühlen kann und sich mit reichen Gönnern trifft, die ihre künstlerischen Darbietungen zu schätzen wissen, ist Sayo Masuda als Kurort-Geisha eher Prostituierte und muss Yakuzas und Mittelständlern dienen. Während Mineko Iwasaki von sich behaupten kann, ihren Körper nicht verkauft zu haben und so nach Beendigung der Geisha-Karriere mit Männern normale Beziehungen eingehen kann, so fühlt sich Sayo Masuda befleckt und wagt es nicht, zu heiraten, da sie sich der Gefahr bewusst ist, von ihrem Mann davongejagt zu werden, sobald er von ihrer Vergangenheit erfährt.

Sayo Masuda, die kaum schreiben gelernt hat, verfasste in den 50er Jahren mit „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ ein eindrückliches Porträt. Die Schwächen im Plot muss man unter diesem Gesichtspunkt mehr als verzeihen. Was allerdings ein bisschen schade ist, ist der reißerische Titel, den der Verlag dem Buch gegeben hat. Denn warum war Sayo Masuda denn die „letzte“ Geisha? Das mag vielleicht gut klingen (à la „Das letzte Einhorn“, „Der letzte Kaiser“, „Der letzte Mohikaner“ etc.), ist aber doch schlichtweg irreführend.

Zudem wären meiner Meinung ein paar mehr Fußnoten angebracht gewesen. Wer sich nicht bereits ein bisschen mit dem Geisha-Leben befasst hat, der kann nur mühsam aus dem Zusammenhang erahnen, was hinter Begriffen wie Zashiki und Kenban steckt.

Trotzdem: Sayo Masudas Autobiographie sollte man auf jeden Fall lesen, wenn man sich für Geishas und deren Schicksale interessiert.

Bibliographische Angaben:
Masuda, Sayo: „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“, Insel Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-35851-0

Mittwoch, 27. Juni 2012

Sayo Masuda

Die Geisha und Autorin Sayo Masuda wurde als uneheliches Kind im Jahr 1925 in der Präfektur Nagano geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie bei einem Onkel, wurde aber bald als Babysitter und Haushaltshilfe zu einem Großgrundbesitzer gegeben. Als Teenager wurde sie in ein Geisha-Haus verkauft, wo sie ihren Dienst tat, bis sie von einem Yakuza freigekauft wurde.

In den 50er Jahren reichte sie ihre niedergeschriebene Lebensgeschichte bei einem Wettbewerb einer Frauenzeitschrift ein. 1957 veröffentlichte ein Verlag ihre Autobiographie. Mit diversen Jobs hielt sie sich im Anschluss über Wasser, bis sie schließlich ein eigenes Restaurant eröffnen konnte.

2008 starb Sayo Masuda an Leberkrebs, der unter anderem auf jahrelangen Alkoholmissbrauch zurückzuführen war.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Autobiographien und hier rezensiert: