Eine Geisha „umzulegen“ bedeutet in Ryuhoku Narushimas Sinne nicht, was man heutzutage darunter versteht, sondern eher sie „flach zu legen“. Dafür gibt der Autor mit reichlich Freudenviertelerfahrung in seinen „Neue Notizen zu Yanigabashi“ aus dem Jahr 1860 gleich die entsprechenden Tipps. Zu überwinden sind dabei die drei Schwierigkeiten: Erstens sind diese Liederlichkeiten verboten. Zweitens kann sich die Geisha im Gegensatz zur Prostituieren Partner nach eigenem Geschmack aussuchen. Und drittens kann man mit Gewalt bei einer Geisha überhaupt nichts erreichen. Doch es gibt auch die drei Leichtigkeiten: Erstens kann der Kunde an ihre Gefühle appellieren. Zweitens sind Geishas Profis im Flirten und daher zugänglicher als keusche Mädchen. Und drittens sind Geishas sehr wohl auch käuflich. Um bei der Zahl drei zu bleiben – die drei Werkzeuge Geld, Charme und Klugheit führen den Kunden bei geschicktem Einsatz zu seinem Ziel, die Geisha „umzulegen“.
So gibt Ryuhoku Narushima in seinem ersten Buch der „Neue Notizen aus Yanigabashi“ allerhand Einblick in die männliche Kundensicht im Umgang mit Geishas. Im zweiten Buch aus dem Jahr 1874 gibt er einige Anekdoten aus dem Rotlichtviertel zum Besten: Da bringt die eine Geisha mit ihrem flotten Mundwerk zwei Streithähne, die sich an einem politischen Thema festgefressen haben, dazu, sich beim Sake zu versöhnen. Und die andere plappert gar allzu unbekümmert und blamiert den Adeligen aus Kioto.
Die Sicht der Geisha schildert Sayo Masuda in „Geisha – Ein Lebensbericht“. Dieser zweite Teil in „Geisha – Vom Leben jenseits der Weidenbrücke“ ist identisch mit Sayo Masudas „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“, die im Insel Verlag erschienen ist. Sayo Masuda wird bereits als kleines Mädchen das erste Mal verkauft – sie soll den Säugling eines Großgrundbesitzers hüten. Sie kennt weder ihren richtigen Namen und ihre Mutter.
Schließlich wird sie von ihrem Onkel an ein Geisha-Haus verkauft. Auf den ersten Blick scheint sie in einen Märchenpalast gelangt zu sein, dessen Bewohnerinnen nur die traumhaftesten Kleider tragen. Doch sie lernt schnell die Härten des Geisha-Dasein kennen – da wird die „große Schwester“ schon einmal mit dem Brenneisen traktiert, wenn sie nicht gehorcht.
Ein drittes Mal wird Sayo verkauft, als ein Yakuza sie als Mätresse haben will. Als sie sich schließlich in einen anderen Mann verliebt und einen Selbstmordversuch begeht, wird sie vor die Tür gesetzt und muss sich in den letzten Kriegsjahren als stigmatisierte Frau durchschlagen, die ihre Geisha-Vergangenheit geheim halten muss. Glück ist Sayo Masuda leider kaum vergönnt. Der traurige Lebensbericht der Autorin, die erst als Erwachsene schreiben gelernt hat, zeigt den schonungslosen Alltag einer Geisha auf, der keinen Platz für romantisierende Verklärung lässt.
Ergänzt werden diese Werke durch ein lesenswertes Nachwort von Michael Stein, der sich nicht nur den Autoren, sondern auch der Geschichte der Geisha-Kultur widmet.
Bibliographische Angaben:
Hijiya-Kirschnereit, Irmela (Hrsg.): „Geisha – Vom Leben jenseits der Weidenbrücke“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stein, Michael), Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1998, ISBN 3-458-16891-5
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Dienstag, 26. März 2013
Donnerstag, 28. Juni 2012
„Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ von Sayo Masuda
Die kleine Sayo erlebt eine furchtbare Kindheit: Eine Schule sieht sie als Kind nicht von innen. Stattdessen muss sie vor allem den Säugling eines Großgrundbesitzers hüten und allerlei anfallende Arbeiten erledigen. Zu essen bekommt sie maximal Reste und von einer richtigen Schlafstatt kann auch nicht die Rede sein. Noch nicht mal ihren richtigen Namen kennt die Kleine. Sie wird primär „He, du da!“ gerufen und erhält immerhin den Spitznamen Tsuru.
Als Teenager wird sie in ein Geisha-Haus in einem Kurort verkauft. Dort wird sie einem extremen Drill unterworfen. Wenn sie beim Tanz oder beim Shamisen-Spiel Fehler begeht, wird sie geschlagen. Auch die Geisha-Mama kennt mit niemandem ein Erbarmen: Bei Ungehorsam werden schon einmal Zigaretten an den Körpern der Mädchen ausgedrückt. Als Sayo einer ihrer älteren Geisha-Schwestern zu Hilfe eilen will, als diese von der Mama brutal traktiert wird, wird sie von dieser eine Treppe hinunter gestoßen und erleidet einen Oberschenkelbruch. Da Sayo viel zu spät ins Krankenhaus eingeliefert wird, entgeht sie nur knapp einer Amputation. Doch immerhin erfährt sie im Hospital endlich ihren richtigen Namen. Als sie von ihrem Gönner, einem Yakuza, freigekauft wird, gerät Sayo in die nächste Abhängigkeit. Aufgrund einer Liebesaffäre verstößt der Yakuza die ehemalige Geisha. Sayo ist nun frei, aber ohne Geld und Auskommen hilflos. Fortan muss sie sich alleine durchschlagen.
„Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ zeigt ein ganz anderes Bild des Geisha-Lebens als Mineko Iwasakis „Die wahre Geschichte der Geisha“. Doch die beiden Geishas könnten kaum unterschiedlicher sein. Mineko Iwasaki kommt als Nachfolgerin einer Geisha-Mama ins Geisha-Haus, wird von dieser adoptiert und hat in der Hierarchie einen hohen Rang inne. Sayo Masuda ist ein uneheliches, verstoßenes Kind, wird für eine bestimmte Zeit eingekauft und hat den geringsten Status im Haus. Während Mineko Iwasaki in Kioto sich als Künstlerin fühlen kann und sich mit reichen Gönnern trifft, die ihre künstlerischen Darbietungen zu schätzen wissen, ist Sayo Masuda als Kurort-Geisha eher Prostituierte und muss Yakuzas und Mittelständlern dienen. Während Mineko Iwasaki von sich behaupten kann, ihren Körper nicht verkauft zu haben und so nach Beendigung der Geisha-Karriere mit Männern normale Beziehungen eingehen kann, so fühlt sich Sayo Masuda befleckt und wagt es nicht, zu heiraten, da sie sich der Gefahr bewusst ist, von ihrem Mann davongejagt zu werden, sobald er von ihrer Vergangenheit erfährt.
Sayo Masuda, die kaum schreiben gelernt hat, verfasste in den 50er Jahren mit „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ ein eindrückliches Porträt. Die Schwächen im Plot muss man unter diesem Gesichtspunkt mehr als verzeihen. Was allerdings ein bisschen schade ist, ist der reißerische Titel, den der Verlag dem Buch gegeben hat. Denn warum war Sayo Masuda denn die „letzte“ Geisha? Das mag vielleicht gut klingen (à la „Das letzte Einhorn“, „Der letzte Kaiser“, „Der letzte Mohikaner“ etc.), ist aber doch schlichtweg irreführend.
Zudem wären meiner Meinung ein paar mehr Fußnoten angebracht gewesen. Wer sich nicht bereits ein bisschen mit dem Geisha-Leben befasst hat, der kann nur mühsam aus dem Zusammenhang erahnen, was hinter Begriffen wie Zashiki und Kenban steckt.
Trotzdem: Sayo Masudas Autobiographie sollte man auf jeden Fall lesen, wenn man sich für Geishas und deren Schicksale interessiert.
Bibliographische Angaben:
Masuda, Sayo: „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“, Insel Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-35851-0
Als Teenager wird sie in ein Geisha-Haus in einem Kurort verkauft. Dort wird sie einem extremen Drill unterworfen. Wenn sie beim Tanz oder beim Shamisen-Spiel Fehler begeht, wird sie geschlagen. Auch die Geisha-Mama kennt mit niemandem ein Erbarmen: Bei Ungehorsam werden schon einmal Zigaretten an den Körpern der Mädchen ausgedrückt. Als Sayo einer ihrer älteren Geisha-Schwestern zu Hilfe eilen will, als diese von der Mama brutal traktiert wird, wird sie von dieser eine Treppe hinunter gestoßen und erleidet einen Oberschenkelbruch. Da Sayo viel zu spät ins Krankenhaus eingeliefert wird, entgeht sie nur knapp einer Amputation. Doch immerhin erfährt sie im Hospital endlich ihren richtigen Namen. Als sie von ihrem Gönner, einem Yakuza, freigekauft wird, gerät Sayo in die nächste Abhängigkeit. Aufgrund einer Liebesaffäre verstößt der Yakuza die ehemalige Geisha. Sayo ist nun frei, aber ohne Geld und Auskommen hilflos. Fortan muss sie sich alleine durchschlagen.
„Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ zeigt ein ganz anderes Bild des Geisha-Lebens als Mineko Iwasakis „Die wahre Geschichte der Geisha“. Doch die beiden Geishas könnten kaum unterschiedlicher sein. Mineko Iwasaki kommt als Nachfolgerin einer Geisha-Mama ins Geisha-Haus, wird von dieser adoptiert und hat in der Hierarchie einen hohen Rang inne. Sayo Masuda ist ein uneheliches, verstoßenes Kind, wird für eine bestimmte Zeit eingekauft und hat den geringsten Status im Haus. Während Mineko Iwasaki in Kioto sich als Künstlerin fühlen kann und sich mit reichen Gönnern trifft, die ihre künstlerischen Darbietungen zu schätzen wissen, ist Sayo Masuda als Kurort-Geisha eher Prostituierte und muss Yakuzas und Mittelständlern dienen. Während Mineko Iwasaki von sich behaupten kann, ihren Körper nicht verkauft zu haben und so nach Beendigung der Geisha-Karriere mit Männern normale Beziehungen eingehen kann, so fühlt sich Sayo Masuda befleckt und wagt es nicht, zu heiraten, da sie sich der Gefahr bewusst ist, von ihrem Mann davongejagt zu werden, sobald er von ihrer Vergangenheit erfährt.
Sayo Masuda, die kaum schreiben gelernt hat, verfasste in den 50er Jahren mit „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“ ein eindrückliches Porträt. Die Schwächen im Plot muss man unter diesem Gesichtspunkt mehr als verzeihen. Was allerdings ein bisschen schade ist, ist der reißerische Titel, den der Verlag dem Buch gegeben hat. Denn warum war Sayo Masuda denn die „letzte“ Geisha? Das mag vielleicht gut klingen (à la „Das letzte Einhorn“, „Der letzte Kaiser“, „Der letzte Mohikaner“ etc.), ist aber doch schlichtweg irreführend.
Zudem wären meiner Meinung ein paar mehr Fußnoten angebracht gewesen. Wer sich nicht bereits ein bisschen mit dem Geisha-Leben befasst hat, der kann nur mühsam aus dem Zusammenhang erahnen, was hinter Begriffen wie Zashiki und Kenban steckt.
Trotzdem: Sayo Masudas Autobiographie sollte man auf jeden Fall lesen, wenn man sich für Geishas und deren Schicksale interessiert.
Bibliographische Angaben:
Masuda, Sayo: „Die letzte Geisha – Eine wahre Geschichte“, Insel Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-35851-0
Mittwoch, 27. Juni 2012
Sayo Masuda
Die Geisha und Autorin Sayo Masuda wurde als uneheliches Kind im Jahr 1925 in der Präfektur Nagano geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie bei einem Onkel, wurde aber bald als Babysitter und Haushaltshilfe zu einem Großgrundbesitzer gegeben. Als Teenager wurde sie in ein Geisha-Haus verkauft, wo sie ihren Dienst tat, bis sie von einem Yakuza freigekauft wurde.
In den 50er Jahren reichte sie ihre niedergeschriebene Lebensgeschichte bei einem Wettbewerb einer Frauenzeitschrift ein. 1957 veröffentlichte ein Verlag ihre Autobiographie. Mit diversen Jobs hielt sie sich im Anschluss über Wasser, bis sie schließlich ein eigenes Restaurant eröffnen konnte.
2008 starb Sayo Masuda an Leberkrebs, der unter anderem auf jahrelangen Alkoholmissbrauch zurückzuführen war.
Interessante Links:
Ins Deutsche übersetzte Autobiographien und hier rezensiert:
In den 50er Jahren reichte sie ihre niedergeschriebene Lebensgeschichte bei einem Wettbewerb einer Frauenzeitschrift ein. 1957 veröffentlichte ein Verlag ihre Autobiographie. Mit diversen Jobs hielt sie sich im Anschluss über Wasser, bis sie schließlich ein eigenes Restaurant eröffnen konnte.
2008 starb Sayo Masuda an Leberkrebs, der unter anderem auf jahrelangen Alkoholmissbrauch zurückzuführen war.
Interessante Links:
- Columbia University Press Blog: Obituary for Masuda Sayo
Ins Deutsche übersetzte Autobiographien und hier rezensiert:
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