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Montag, 18. März 2013

„Vierundzwanzig Augen“ von Sakae Tsuboi

In vierundzwanzig Augen leuchtet die Begeisterung der Erstklässler aus dem Dorf am Kap. Ihr erster Schultag ist angebrochen und sie werden von einer ganz besonderen Lehrerin unterrichtet. Auch für die Oishi-Sensei ist es eine Premiere – das erste Mal darf sie eine Klasse unterrichten. Als absolutes Novum in den 20er Jahren kommt die neue Sensei mit einem Fahrrad ins Dorf und trägt sogar noch westliche Kleidung. Wenn das mal keine „wilde“ Lehrerin ist…

Doch leider währt ihr Unterricht im Dorf nicht lange – sie zieht sich eine Verletzung der Achillessehne zu und kann sich den beschwerlichen Arbeitsweg nicht weiter zumuten. Jedoch soll es einige wenige Jahre später ein Wiedersehen zwischen ihr und ihren ersten Schülern geben. Denn Oishi-Sensei unterrichtet sie schließlich in der Mittelschule erneut. Doch schon beginnt die Härte des Lebens einzelne Schüler einzuholen. Da ist zum Beispiel Matsue, deren Mutter nach der Geburt eines Frühchens stirbt. Zunächst wird es Matsue untersagt, weiterhin die Schule zu besuchen, da ihre helfende Hand im Haushalt dringend benötigt wird. Und schließlich wird sie gar an ein Geisha-Haus verkauft.

Noch scheint es so, als ob nur die weiblichen Schülerinnen eine wenig attraktive Zukunft zu erwarten haben. Einige scheiden wie Matsue viel zu früh aus dem Schulsystem aus, einigen wird die weiterführende Schule durch das Elternhaus verwehrt, einige fügen sich in ihr Schicksal als zukünftige Ehefrau und andere brechen mit den Eltern, um die eigenen Ziele zu verfolgen.

Doch der zweite Weltkrieg hat insbesondere für die jungen Männer harte Konsequenzen. Sie werden dazu erzogen, ihr Leben fürs Vaterland zu geben, um im Yasukuni-Schrein als Kriegsheld verehrt zu werden. Auch Oishi-Senseis ehemalige Schüler werden eingezogen. Welcher der jungen Männer wird aus dem Krieg lebend zurückkehren? Und wenn überhaupt: Mit welchen Verletzungen? Die pazifistische Lehrerin erträgt die Kriegsstimmung kaum und muss selbst größte Entbehrungen erleiden und Verluste verkraften.

Ungefähr 20 Lebensjahre begleitet der Leser Oishi-Sensei in Sakae Tsubois „Vierundzwanzig Augen“, während denen sich die Wege der Lehrerin und ihrer ersten Schüler öfters kreuzen. Die Einzelschicksale der Schüler gehen zu Herzen und zeigen die Unbarmherzigkeit der Kriegszeiten auf. Das Leuchten in den vierundzwanzig Augen ist oftmals viel zu früh erloschen.

Interessant an „Vierundzwanzig Augen“ ist darüber hinaus die Entstehung der deutschen Übersetzung: In einem Seminar im Wintersemester 2007/2008 übersetzten Studenten der Universität des Saarlandes unter Leitung von Ryuko Kobayashi-Woirgardt den Roman von Sakae Tsuboi. Eine wirklich beachtliche Leistung, wenn auch an manchen Stellen wie

„ein Satz, aus dem […] aber auch Warmherziges sprach, und der es ihr warm ums Herz werden ließ.“ (S. 168)

noch etwas Feinschliff nötig wäre. Insbesondere da das Japanese Literature Publishing Project höchstwahrscheinlich Budgetkürzungen zum Opfer fällt, ist die Übersetzung über eine Hochschule ein mutiger und wichtiger Vorstoß, deutschen Lesern, die des Japanischen nicht mächtig sind, japanische Literatur zugänglich zu machen.

Bibliographische Angaben:
Tsuboi, Sakae: „Vierundzwanzig Augen“, united p.c. Verlag, Berlin/Neckenmarkt 2013, ISBN 978-3-85040-943-8

Sonntag, 17. März 2013

Sakae Tsuboi

Sakae Tsuboi wurde 1899 als Sakae Iwai auf der Insel Shodo geboren. Als fünftes von zehn Kindern musste sie nach dem täglichen Schulbesuch nebenher als Kindermädchen arbeiten. Nach dem Abschluss des achten Schuljahrs und dem Bankrott des Arbeitgebers ihres Vaters nahm sie eine Stelle im lokalen Postamt an. 1925 ging sie nach Tokio, wo sie den proletarischen Dichter Shigeji Tsuboi heiratete, den sie im Alter von 20 Jahren kennen gelernt hatte. Sie adoptierte eine Tochter einer jüngeren Schwester.

Die Tsubois waren Bespitzelungen ausgesetzt; Shigeji wurde zweimal inhaftiert. Über ihren Mann lernte sie die proletarischen Autorinnen Yuriko Miyamoto und Ineko Sata kennen. Letztere inspirierte sie, eine Kinder- und Jugendgeschichte zu schreiben, die 1938 erschien. Bereits 1928 hatte Sakae Tsuboi „Das Tagebuch der Ehefrau eines proletarischen Schriftstellers“ veröffentlicht, hatte sich dem Schreiben aber aufgrund finanzieller Nöte nicht weiter widmen können.

1952 erschien ihr vielleicht populärster Roman „Vierundzwanzig Augen“, der später verfilmt wurde. Für ihre Jugend- und Erwachsenenliteratur erhielt sie diverse Preise. Ihre Werke für Groß und Klein sind geprägt von ernsten Themen und Sozialkritik.

Im Alter litt Sakae Tsuboi zunehmend an Diabetes und Asthma. 1967 verstarb die Autorin in Folge eines Asthmaanfalls.

Die Präfektur Kagawa verleiht seit 1979 zu Ehren der Literatin den Sakae Tsuboi-Preis, der an Kinder der Präfektur geht.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert: