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Dienstag, 1. Mai 2018

"Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami

Ein Porträtmaler wird überraschend von seiner Ehefrau verlassen. Nachdem er erst ziellos durch Japan gefahren ist, überlässt ihm ein Studienfreund das Haus seines Vaters in den Bergen bei Odawara. Dieser Vater, der ein berühmter Maler war, vegetiert derzeit in einem Pflegeheim. Nun ist der Porträtmaler einerseits der Housesitter, andererseits kann er das Atelier nutzen, um sich ganz der Malerei zu widmen. Doch die Leinwand bleibt zunächst leer - dem Maler fehlt die richtige Inspiration.

Schließlich lässt der mysteriöse Millionär Menshiki, der auf der anderen Seite des Tals lebt, ein Porträt anfragen. Eigentlich wollte der Maler der Porträtmalerei abschwören und sich einen neuen künstlerischen Ausdruck erarbeiten, aber Menshikis Angebot ist zu lukrativ, um es auszuschlagen.

Zwischenzeitlich entdeckt der Maler auf dem Dachboden des Hauses ein verstecktes Gemälde des früheren Bewohners. Das Sujet zieht ihn absolut in den Bann: Es stellt die Ermordung des Commendatore aus der Oper Don Giovanni dar. Jedoch werden die Personen in die Atsuka-Zeit versetzt und eine der dargestellten Figuren wirkt wie fehl am Platz: Ein langgesichtiger Beobachter guckt aus einer Luke im Boden und gehört sicherlich nicht zu den Akteuren im Don Giovanni.

Eines Nachts beginnen unheimliche Dinge vor dem Haus. Glöckchen bimmeln den Protagonisten aus dem Schlaf. Als er sich auf die Suche nach der Ursache macht, glaubt er, das Geräusch müsse aus einer verschlossenen Grube bei einem Schrein kommen. Als er Menshiki zu Rate zieht, beschließen die beiden, dass sie die Grube öffnen, um nachzusehen. Damit nehmen wunderliche Begebenheiten ihren Lauf.

Wer andere Haruki Murakami-Bücher gelesen hat, der findet in "Die Ermordung des Commendatore" diverse Ähnlichkeiten mit früheren Werken. Da ist ein eher durchschnittlicher Mann, der von seiner Frau verlassen wird. Da ist eine mysteriöse Grube, die an einen Brunnen erinnert. Da kommt ein junges Mädchen ins Spiel, das in Gefahr zu schweben scheint. Ein anderer Mann hortet die Kleidung seiner verstorbenen Geliebten. Alltagshandlungen nehmen großen Raum ein. Schließlich muss der Protagonist eine dubiose Unterwelt durchwandern. Insofern liefert "Die Ermordung des Commendatore" nicht wirklich neuen Stoff, sondern setzt auf Altbewährtes und ist daher leider auch recht erwartbar.

Mich hat der Roman leider nicht so ganz überzeugt. Einerseits war er in meinen Augen so wenig überraschend. Andererseits fand ich das Ende auch nicht sehr geglückt. Für mich als alte Zitatesammlerin von Haruki Murakami-Weisheiten hat vor allem der erste Band wenig geboten. Und so ganz mag ich Haruki Murakami auch nicht seinen Protagonisten abnehmen, der ja Kunst studiert haben soll. Sonst neigt der Autor ja gerne zum Fachsimpeln, aber was zum Thema Kunst kommt, ist dagegen eher simpel.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9891-6
Murakami, Haruki: "Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich" (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2018, ISBN 978-3-8321-9892-3

Samstag, 7. April 2018

"Die Maske" von Fuminori Nakamura

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschließt der 60-jährige Familienpatriarch Yosuke Kuki, daß er zum Ende seines Lebens nochmals Vater werden möchte. Doch nicht, um sich an dem jungen Leben zu erfreuen, sondern um der Welt nach seinem Ableben ein Geschwür in Form von missratenem Nachwuchs zu hinterlassen. Dementsprechend hart werden die Erziehungsmethoden angewandt und der zweite Weltkrieg tut ein Übriges, um die Brut völlig zum Pychopathen zu transformieren. Das Geschwür soll und wird Böses in die Welt setzen.

Fuminori Nakamuras "Die Maske" setzt aber später ein, als der elfjährige Fumihiro Kuki vor seinen furchteinflössenden Vater zitiert wird. Dieser eröffnet dem Jungen, dass er nur gezeugt wurde, um die Familientradition der Geschwüre fortzuführen. Der Vater hat sich einen perfiden Plan ausgedacht, um in Fumihiros Herz das Teuflische zu pflanzen: Er adoptiert die junge, bezaubernde Kaori und lässt die beiden Gleichaltrigen sich anfreunden. Doch eines Tages will er Kaori so quälen, dass Fumihiro dem Wahnsinn verfällt und sich dem Bösen zuwendet.

Doch Fumihiro denkt gar nicht daran, sich in sein Schicksal zu ergeben. Er verliebt sich unsterblich in Kaori und jedes Mittel soll ihm recht sein, die Geliebte zu beschützen. Er gibt sich dem Vater gegenüber übertrieben kindlich und schmiedet insgeheim an seinem Plan, der ihm für immer seine seelische Ruhe rauben wird.

Jahre später begegnet der erwachsene Fumihiro dem Leser erneut. Doch zwischenzeitlich hat er eine andere Identität angenommen und sich durch plastische Chirurgie auch optisch völlig verändert. Die Vergangenheit scheint Fumihiro trotzdem einzuholen. Kaori droht erneut Gefahr und Fumihiro muss wieder alles aufs Spiel setzen, um sie zu retten.

Fuminori Nakamura, der als Noir-Autor bekannt ist, steigt wahrlich düster in den Roman ein. Die Handlung steigert sich bis zu einem enorm spannenden ersten Höhepunkt und bei dem Gedanken an Fumihiros gruseligen Vater stellt es einem richtiggehend die Nackenhaare auf.

Ganz anders wirkt dagegen der Teil, der dem erwachsenen Fumihiro gewidmet ist. Hier geht's zwischendurch fast schon clownesk-grotesk zu, als Fumihiro ein zweites Geschwür des Kuki-Clans kennenlernt. Dieser zweite missratene Sohn der Familie betätigt sich in einer dubiosen Terrorgruppe, die von Politikern Karaokeinterpretationen als verkleidete Popsternchen erpresst. Einerseits sind unter dieser Tonalität die sympathischeren Wendungen möglich, andererseits hätte es mich auch brennend interessiert, wie eine düsterere Version des Romans verlaufen wäre. Ich kann nur spekulieren, dass der Nachhall des Werks dann größer gewesen und stärker unter die Haut gegangen wäre. So verpufft er leider relativ schnell, was das Lesevergnügen selbst allerdings nicht schmälert. Hochspannend ist "Die Maske" aber auch in dieser Version.

Bibliographische Angaben:

Nakamura, Fuminori: "Die Maske" (Übersetzung aus dem Japansichen: Eggenberg, Thomas), Diogenes Verlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-257-86337-6

Montag, 15. Januar 2018

„Schönes Dorf“ von Tatsuo Hori

Tatsuo Horis Novelle „Schönes Dorf“ hat mich gleich drei Anläufe gekostet, bis ich das Werk endlich fertig gelesen habe. Denn tatsächlich gilt für das schmale Büchlein, was auf der englischen Version von Wikipedia zu Tatsuo Horis Oeuvre steht: „often plotless and impressionistic“. Aber um nicht missverstanden zu werden – die wenige, dahinfließende Handlung soll kein Kritikpunkt sein. Dafür muss man aber in Stimmung sein und sich auf den Schreibstil einlassen können. Insofern bietet „Schönes Dorf“ keine großmächtige Unterhaltung, sondern genügt sich einfach selbst.

Doch worum geht es… Der Protagonist und Ich-Erzähler, der sicherlich mit dem Autor selbst gleichzusetzen ist, ist noch vor dem Beginn der Hoch-Saison in dem Luftkurort Karuizawa. Er streift umher, betrachtet die Natur, geht in den Gärten der noch verlassenen Ferienhäuser ein und aus und lässt die Gedanken schweifen. Dabei kommen ihm unverfängliche Geschehnisse aus der Vergangenheit in den Sinn, aber vor allem denkt er immer wieder an die Angebetete aus einem früheren Sommer. Als allerdings das Mädchen mit dem gelben Hut auftaucht, scheint sich eine neue Liebelei anzubahnen.

Dank des Nachworts von Daniel Sandmann erfährt man noch, dass es sich bei der ehemaligen Geliebten um Fusako Katayama handelte, die Tatsuo Hori bei Ryunosuke Akutagawa in Karuizawa kennengelernt hatte. Das Mädchen mit dem gelben Hut steht für Ayako Yano, die spätere Verlobte von Tatsuo Hori.

Zudem weiß Daniel Sandmann zu berichten, dass Tatsuo Hori mit seiner Novelle eine Art literarische Fuge gestalten wollte. So heißt das erste Kapitel „Vorspiel“, das zweite „Schönes Dorf oder Kleine Fuge“. Die Gefühle des Protagonisten und die Stimmungen werden indirekt aufgegriffen und nicht platt präsentiert. Sicherlich ist „Schönes Dorf“ daher auch eine eher anspruchsvollere Lektüre. Einziger Kritikpunkt an der Übersetzung: Hin und wieder wäre es aus Gründen des Leseflusses schön gewesen, aus einem Satz zwei oder gar drei Sätze zu machen.

Bibliographische Angaben:
Hori, Tatsuo: „Schönes Dorf“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sandmann, Daniel), S.Sagenhaphter Verlag, Dresden 2016, ISBN 978-3-943230-05-5

Sonntag, 14. Januar 2018

Tatsuo Hori

Tatsuo Hori
(Photocredit: Creative
Commons)
Tatsuo Hori wurde 1904 in Tokio geboren und im Alter von vier Jahren von seinem Stiefvater adoptiert. Obwohl er zunächst auf einer naturwissenschaftlichen Schule war und eigentlich Mathematiker werden wollte, studierte er später Literatur an der Universität von Tokio. Während des Studiums widmete er sich Übersetzungen französischer Literatur (z.B. Werken von Apollinaire, Cocteau, Gide, Proust und Mauriac), die in der Zeitschrift Roba erschienen.

Tatsuo Hori gilt als Schüler von Ryunosuke Akutagawa. Seine ersten Werke zeigen jedoch auch eine Nähe zur proletarischen Literaturbewegung.

Tatsuo Hori litt an Tuberkulose, weswegen er viel Zeit in Karuizawa verbrachte. Viele seiner Novellen spielen daher in den Bergen von Nagano. 1943 verlobte er sich mit Ayako Yano, die ebenfalls an Tuberkulose erkrankt war. Doch bereits im folgenden Jahr starb die Verlobte, während das Paar gemeinsam Zeit in einem Sanatorium verbrachte. Tatsuo Horis Novelle „Der Wind hat sich erhoben“ basiert auf diesen Geschehnissen. Die Novelle wurde 2013 von Hayao Miyazaki für den Animationsfilm „The Wind has Risen“ (Studio Ghibli) adaptiert. Der Film gilt als Hommage an Tatsuo Hori und den Flugzeugingenieur Jiro Horikoshi.

1938 heiratete Tatsuo Hori Tae Kato, mit der er in Karuizawa lebte. 1941 erschien sein erster Roman „Naoko“. 1946 verschlimmerte sich Tatsuo Horis Tuberkuloseerkrankung und er publizierte kaum noch. 1953 starb der Autor.

Abgesehen vom Roman „Naoko“ kommen Tatsuo Horis Werke meist mit sehr wenig bzw. nahezu kaum Handlung aus und wirken wie Notizen von Impressionen und Reflektionen.

Interessante Links:

Hier rezensiert:


Weitere Werke:

  • Der Wind erhebt sich (Veröffentlichung geplant für August 2022)