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Dienstag, 2. Januar 2018

"Infinity Net - Meine Autobiografie" von Yayoi Kusama

Ich muss zugeben, dass bisher Takashi Murakami der einzige mir bekannte zeitgenössische japanische Künstler war.  Nach der Lektüre von "Infinity Net" ist das nun Gott sei Dank anders. In ihrer Autobiografie lernt man die Künstlerin Yayoi Kusama kennen, die wahrlich ein sehr turbulentes Leben geführt hat. Aufgewachsen in Matsumoto und mit dem festen Willen ausgestattet, Künstlerin zu werden, bietet sie ihrer Mutter Paroli, die sie am liebsten verheiratet und als gute Ehefrau gesehen hätte.

Nach ersten künstlerischen Erfolgen in Japan geht sie sogar allein in die USA und nimmt ein entbehrungsreiches Leben auf sich, um in New York den Durchbruch zu schaffen. Zunächst tut sie sich noch schwer mit ihren "Infinity Nets" - Gemälden mit sich stetig wiederholenden netzartigen Mustern. Denn aktuell sind Action Paintings populär in der Kunstszene. Doch tatsächlich gelingt es ihr, zur gefeierten Avantgarde-Künstlerin aufzusteigen. In ihrer psychosomatischen Kunst verarbeitet sie ihre Angst vor Sexualität, indem sie Objekte über und über mit Penisskulpturen bestückt. Mit Nackt-Performances inklusive Live-Sex eckt sie nicht nur mit der Polizei an. In Japan wird sie gar als Schande für die Nation bezeichnet; ihre Familie bricht mir ihr. Dafür lieben die Hippies Yayoi Kusama. Denn freien Sex sieht die Künstlerin als friedliche Revolution:

"Bei den sexuellen Freuden gibt es keinen Unterschied zwischen Schwarz, Weiß und Gelb. Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen." (S. 220 ff.)

Ein eigentlich nur für kurze Zeit angedachter Aufenthalt in Japan wird eine Rückkehr für immer: Die Künstlerin lässt sich in eine psychiatrische Klinik in Tokio einweisen; arbeitet aber immer noch täglich an ihren Kunstwerken. Genie und Wahnsinn liegen nun mal nah beieinander...

Yayoi Kusamas Autoiograpfie gibt einen guten Überblick über ihre Kunst und öffnet den Blick auf die Privatperson der Künstlerin. Viele Fotos (einige davon in Farbe) ergänzen die Texte. Dennoch hätte ich mir glatt noch mehr Details z.B. über die Gefühlslagen der Künstlerin erhofft. Die Person Yayoi Kusama bleibt für mich immer noch etwas eigentümlich blutleer und kaum fassbar.

Die sicherlich aufregende Zeit in New York inklusive des Hippie-Feelings hätte wahrscheinlich noch diverse Anekdoten geliefert, um viele Seiten und die Autobiografie mit noch mehr Leben zu füllen. Aber wahrscheinlich wäre Yayoi Kusama dann mit ihrer Autobiografie nie zu Ende gekommen... Bleibt zu hoffen, dass vielleicht einer ihrer Romane ins Deutsche übersetzt wird. Da soll es ja unter anderem um die turbulente New Yorker Zeit gehen.

Bibliographische Angaben:
Kusama, Yayoi: "Infinity Net - Meine Autobiografie" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2017, ISBN 978-3-905799-40-8

Samstag, 30. Dezember 2017

Yayoi Kusama

Yayoi Kusama
(Photocredit: Creative
Commons)
Yayoi Kusama ist in erster Linie für ihre Kunst bekannt. Die „Königin der Polka-Dots“ wurde 1929 als jüngstes von vier Kindern in Matsumoto geboren. Ihrer Mutter schwebte ein traditioneller Werdegang für ihre Tochter vor: Sie sollte heiraten und Hausfrau werden. Doch schon früh begeisterte sich Yayoi Kusama fürs Malen und durfte schließlich von 1948 bis 1950 doch in Kyoto traditionelle Nihonga-Malerei studieren. 1952 fand ihre erste Einzelausstellung in Matsumoto statt. Zwei Jahre später wurde eine Einzelausstellung in Tokio realisiert.

Doch Yayoi Kusama wollte ins Ausland, um sich völlig entfalten zu können. Daher ging sie trotz vieler Widrigkeiten 1957 in die USA. Zunächst lebte sie in Seattle, zog denn jedoch nach New York. Nach einer entbehrungsreichen Anfangszeit stellte sich der Erfolg ein und Yayoi Kusama wurde zu einer gefeierten Avantgarde-Künstlerin, die malte, Installationen fertigte, filmte, (Nackt-)Happenings veranstaltete, Mode fertigte etc.

Yayoi Kusama hatte bereits mit zwanzig Jahren auch schon Romane und Gedichte geschrieben. Sie entschied sich jedoch gegen eine Karriere als Schriftstellerin und für das Leben als Malerin. Ende der 70er Jahre begann sie doch, ihre Erlebnisse aus New York in Romane zu gießen. Mittlerweile war sie nach Japan zurückgekehrt und hatte sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wo sie nach wie vor lebt. Sie arbeitet noch immer täglich in einem Atelier gegenüber der Klinik.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Dienstag, 28. November 2017

"Stahlblaue Nacht" von Tetsuya Honda

Hauptkommissarin Reiko Himekawa ermittelt mal wieder auf die ihr eigene intuitive Art: In einem am Flussufer abgestellten Lieferwagen findet sich eine bluttriefende, abgetrennte Hand. Der Halter des Wagens ist der Schreiner Takaoka, in dessen Garage eine enorme Blutlache aufgefunden wird. Hier muss jemand getötet worden sein.

Takaokas Ziehsohn und Gehilfe Mishima identifiziert die abgetrennte Hand eindeutig als die seines Chefs. Die Kriminalpolizei macht sich tunlichst auf die Suche nach weiteren Körperteilen, die vermutlich in den Fluss geworfen wurden. Und um die Todesursache aufzudecken und den Tathergang rekonstruieren zu können, muss der Rest des vermutlich zerstückelten Körpers gefunden werden.

Reiko wird bei den Ermittlungen leider erneut der trottelige Ioka als Partner zugeteilt, der ihr immer noch Avancen macht. Dummerweise reagiert ihr Kollege Kikuta eifersüchtig und kompliziert die ohnehin schon schwierige emotionale Lage - denn auch Reiko findet Gefallen an Kikuta, ist ihm aber vorgesetzt. Und dann ist da auch noch die Rivalität zu Hauptkommissar Kusaka, der so ganz anders tickt als Reiko.

Bei ihren Recherchen im Baugewerbe stoßen die Ermittler auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Strohfirmen, hinter denen ein Yakuza-Clan steckt. Sowohl Reiko als auch Kusaka stochern besonders tief, denn den toten Takaoka und dessen Ziehsohn Mishima verbindet ein besonderes Schicksal, das vor über zehn Jahren seinen Lauf nahm.

Tetsuya Hondas "Stahlblaue Nacht" wird genauso wie der erste Band "Blutroter Tod" aus mehreren Erzählperspektiven dargestellt. Die Ermittlungen der Mordkommission in der dritten Person werden mit den Ich-Perspektiven von Mishima und Takaoka garniert. So ist der Leser den Ermittlern immer ein bisschen voraus und ahnt schon vor diesen, wer der Täter sein könnte.

An sich ist der Fall interessant aufgebaut, aber mit der Figur der Reiko Himekawa werde ich immer noch nicht warm. Sie wirkt einfach nicht wie die coole, toughe Kommissarin, die im Klappentext angekündigt wird. Vielmehr erinnert sie an eine unsichere, unreife Göre, die nicht sonderlich viel Professionalität an den Tag legt. Irritierenderweise wirkt die Beschreibung der Figur manchmal wie Product Placement: Sie hat eine Coach-Handtasche, trägt einen Trenchcoat von Burberry Blue Label ("Sie liebte die Farbe - ein dunkles Beige, fast braun -, und der Schnitt war einfach toll." S. 54) und für die Uhr von Longines hat sie sogar einen Kredit aufgenommen.

Da findet man den nicht sonderlich ansehnlichen Ioka, der sich gern mal zum Affen macht, wieder mal gleich viel sympathischer als die Protagonistin.

Ein bisschen seltsam mutet der Titel des Romans an, der in keinem Zusammenhang zur Handlung steht und auch nichts mit den Titel des japanischen Originals zu tun hat. Gerade mal das Wort Stahl geht in die Richtung Baugewerbe, aber der Tote ist nun mal Schreiner und eine blaue Nacht wird an keiner Stelle hervorgehoben.

Die amerikanische Veröffentlichung der Übersetzungsvorlage erfolgte ebenfalls erst dieses Jahr. Ich bin gespannt, ob ein dritter Fall der Reiko Himekawa-Reihe bei der St. Martin's Press erscheinen wird und wir daraufhin gegebenenfalls nochmals das Vergnügen mit Ioka und der Gereiztheit von Reiko haben werden. Man merkt: Ich werde wohl kaum mehr Fan der Protagonistin...

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: "Stahlblaue Nacht" (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-596-03667-7

Dienstag, 21. November 2017

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano

13 Stufen führen zum Galgen, 13 Behördenstellen müssen den Befehl zur Vollstreckung der Hinrichtung besiegeln. So auch im Fall von Ryo Kihara, der im Todestrakt sitzt. Wenn morgens gegen neun Uhr die Wachmänner auftauchen, sind alle Insassen höchst alarmiert. Irgendwo im Gang bleiben die Wärter stehen und nehmen einen von ihnen mit. Auf Nimmerwiedersehen. Jeder Tag kann der letzte sein. Ryos Schicksal ist besonders tragisch: Aufgrund eines Gedächtnisverlusts kann er sich nicht an den brutalen Mord an dem Ehepaar Utsugi erinnern; nichts zu seiner Verteidigung vorbringen. Und schlimmer noch: Aufgrund seiner Amnesie kann er keine glaubhafte Reue äußern, die ihm mildernde Umstände und eine Verurteilung zu nur lebenslänglicher Haft verschaffen würde.

Doch es gibt einen kleinen Funken Hoffnung für Ryo: Ein anonymer Kritiker der Todesstrafe beauftragt eine Anwaltskanzlei mit neuen Recherchen zum Fall des ermordeten Ehepaars. Denn die Beweislage gegen Ryo war denkbar dünn. So nimmt der ehemalige Gefängniswärter Nango Ermittlungen rund um den Tatort auf. Er engagiert zudem den gerade auf Bewährung entlassenen Jun’ichi als Assistent. Jun’ichi hatte in einem Gerangel einen Menschen gestoßen, der daraufhin tragischerweise zu Tode kam. Nango möchte Jun’ichi auf diese Weise zur Resozialisierung verhelfen. Zudem winkt eine Geldprämie für einen Unschuldsbeweis Ryos, die Jun’ichis Familie mehr als dringend gebrauchen kann: Der Schadensersatz, den sie der Familie des Todesopfers schulden, treibt sie fast in den Ruin und die Familienmitglieder leben in prekären Verhältnissen.

Um den Fall neu aufzurollen, ermitteln Nango und Jun’ichi in alle Richtungen und müssen diverse Hypothesen, die vielversprechend wirkten, wieder verwerfen. Doch langsam nähern sie sich der Wahrheit – doch werden sie den Wettlauf gegen die Zeit und die Bürokratie gewinnen?

Kazuaki Takanos „13 Stufen“ nimmt nur langsam Fahrt auf. Zudem wird die Handlung rund um die Ermittlungen durch eine Rückblende in Nangos Vergangenheit unterbrochen: Denn Nango hat im Todestrakt als Wärter gearbeitet und kennt die psychische Belastung, einen Menschen zum Galgen führen zu müssen. So erlebt der Leser die unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Todesstrafe: die der Verurteilten, die der Bürokraten, die der Wärter und Henker, und angerissen auch die der Angehörigen von Mordopfern. Und es stellen sich Fragen wie: Ist die Todesstrafe im Falle von besonders kaltblütigen, reulosen Mördern nicht vielleicht doch gerechtfertigt? Werden die staatlichen Henker nicht auch zu Mördern? Wäre es nicht besser, die Mörder am Leben zu lassen, damit sie jeden Tag darum beten, die Seelen der Opfer mögen ihre Ruhe finden?

Bis (fast) zur letzten Seite dauert es, bis sich dem Leser alle Ungereimtheiten offenbart haben. Daher ist Kazuaki Takanos Krimi sicherlich spannend, auch wenn die anfängliche Ermittlungsarbeit etwas stümperhaft wirkt. Da wird erst wochenlang der Wald rund um den Tatort nach Spuren abgesucht, bevor man sich einen Gedanken über ein Mordmotiv macht. So ganz überzeugt hat mich „13 Stufen“ daher als Krimi eher nicht. Dafür hallt das Thema Todesstrafe nach und lässt den Leser das Für und Wider aus unterschiedlichen Perspektiven abwägen.

Bibliographische Angaben:
Takano, Kazuaki: „13 Stufen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Penguin, München 2017, ISBN 978-3-328-10153-6