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Dienstag, 6. August 2013

„Das Grab der wilden Chrysantheme“ von Sachio Ito

Auf 116 Seiten kommt die Übersetzung von Sachio Itos „Das Grab der wilden Chrysantheme“ – und das auch nur, weil die Lettern im Ultragroßdruck gesetzt sind. Trotz des geringen Umfangs dauert die Lektüre. Denn: Die Übersetzung erinnert oftmals an die Ausdrucksweise von Yoda – den Star Wars-Liebhabern bekannt als Jedi-Lehrer von Luke Skywalker mit einem Hang zu unmöglichen Satzkonstruktionen. Dadurch dauert’s einfach länger, sich durch den Text zu wursteln. Beispiel gefällig?

„Obgleich wir miteinander in solchem Verhältnis standen, hatten wir, die wir aufs äußerste furchtsam und aufs äußerste kleinmütig waren, einander bedeutungsvoll an der Hand je niemals gehalten.“ (S. 47)

Zur Ehrenrettung des Übersetzers Koji Yamada muss man freilich hinzufügen, dass er den Text aus Liebhaberei übersetzt zu haben scheint, um dem deutschsprachigen Publikum einen japanischen Klassiker, der in Koji Yamadas Heimat spielt, zugänglich zu machen. Dennoch hätte eine gründliche Überarbeitung Not getan.

Die Geschichte selbst ist recht anrührend: Masao und die zwei Jahre ältere Tamiko wachsen gemeinsam auf und sind ein Herz und eine Seele. Doch die Beziehung der beiden Teenager erscheint manchen Erwachsenen zu innig. Gehen die beiden denn noch kindlich-unschuldig miteinander um oder frönen sie ihrer ersten Liebschaft?

Bis zu dem Zeitpunkt als die Verdächtigungen einsetzen, ist die Beziehung von Masao und Tamiko tatsächlich wie die von Bruder und Schwester. Doch die Unterstellungen wirken wie ein Katalysator: In Masao und Tamiko beginnt die Liebe zu keimen. Da Tamiko älter als Masao ist, ist eine Heirat der beiden undenkbar. Masaos Mutter interveniert alsbald – das Ende von „Das Grab der wilden Chrysantheme“ ist, wie der Titel bereits impliziert, tragisch.

Update 2015: 
Eine weitere Übersetzung der Novelle durch Nobue Shimada ist zwischenzeitlich verfügbar.

Bibliographische Angaben:
Ito, Sachio: „Das Grab der wilden Chrysantheme“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yamada, Koji), Honnofukei-sha, Asaka 2010, ISBN 978-4-903703-36-7

Montag, 5. August 2013

Sachio Ito

Sachio Ito
(Creative Commons Lizenz)
Sachio Ito kam im Jahr 1864 als Kojiro Ito und Sohn eines Landwirts in der Präfektur Chiba zur Welt. Im Alter von zehn Jahren las er bereits chinesische Klassiker. Mit 18 ging an er an die Meji-Schule für Rechtswissenschaften, die er aber wegen einer Augenkrankheit abbrechen musste. Zunächst kehrte er zu seinen Eltern zurück, um dann aber wieder nach Tokio aufzubrechen und hier eine Karriere als Geschäftsmann einzuschlagen. Mit 26 eröffnete Sachio Ito dann schließlich seine eigene Firma.

In seinen 30ern begann Sachio sich für die Teezeremonie und die Tanka-Dichtung zu begeistern. Er wurde Schüler des Dichters Shiki Masaoka und selbst schließlich Lehrer von Mokichi Saito. Zudem gründete er die Tanka-Zeitschriften Ashibi und Araragi.

Im Jahr 1906 veröffentlichte er die Novelle „Das Grab der wilden Chrysantheme“ in der Haiku-Zeitschrift Hototogisu, die heute als Klassiker gilt und mehrfach verfilmt wurde.

1913 starb Sachio Ito an einer Gehirnblutung.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Novellen und hier rezensiert:

Sonntag, 4. August 2013

„Der Blinde und das Mädchen“ von Yasunari Kawabata

Siegfried Schaarschmidt, der Übersetzer und Herausgeber von Yasunari Kawabatas Handtellergeschichten in „Das Blinde und das Mädchen“ erlebte die Veröffentlichung des Bandes im Jahr 1999 leider nicht mehr. Er begeisterte sich seit langem für die Werke Kawabatas und insbesondere für dessen Kurzgeschichten, die wie schwebend, balancierend und ohne erkennbares Erzählziel Wirklichkeitsebenen transzendieren, wie Irmtraud Schaarschmidt-Richter im Nachwort schreibt.

Zwar umfasst „Der Blinde und das Mädchen“ nur gute 100 Seiten, doch um die Kurzgeschichten genießen zu können, sollte man sich Zeit lassen und sich nicht durch das Büchlein durchfressen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte „Wartesaal Dritter Klasse“, in der ein verabredeter Treffpunkt die Entwicklung einer Liebesbeziehung unerwartet beeinflusst. In „Unvergänglich“ wird ein Spaziergang eines ungleichen Paares geschildert, das doch von ganz anderer Art ist als man anfangs vermuten mag. Oder im „Bahnhof im Herbstregen“ treffen zwei ehemalige Rivalinnen in der Liebe erneut aufeinander und spielen ein sicherlich kindisches Spielchen miteinander, um sich erneut gegenseitig auszustechen.

Manchmal wirken die Handlungen in Yasunari Kawabatas Handtellergeschichten sehr real, um sich dann als eine Geschichte aus der Geisterwelt zu entpuppen. Dann wieder werden Traumsequenzen skizziert, die besonders surreal wirken. So spielen die Kurzgeschichten mit Wirklichkeitsebenen, deuten die Dinge nur an, lösen schließlich nicht und nur ansatzweise auf. Sicherlich offenbart sich der Reiz dieser Kurzgeschichten nur, wenn man sich auf diese Vagheit einlässt.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Der Blinde und das Mädchen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried & Putz, Otto), Hanser, München/Wien 1999, ISBN 3-446-19694-3

Samstag, 3. August 2013

„Paradies im Meer der Qualen“ von Michiko Ishimure

Zuerst spielen die Katzen in Minamata und den umliegenden Fischerdörfern verrückt: Sie gebärden sich wie wild, rennen sich an Mauern die Köpfe ein oder ertrinken im Meer. Doch nicht sehr viel später fühlen sich auch die Menschen seltsam: Die Hände werden taub, das Laufen und Sprechen fällt immer schwerer. Es folgen Erblindungen und Krämpfe. Manche armen Seelen können bald nur noch wie Hunde jaulen und sterben elendiglich.

Was wie aus einem Endzeitfilmchen entlehnt scheint, basiert leider auf realenen Geschehnissen. Denn als die Firma Chisso in den 50er Jahren quecksilberhaltige Abwässer ins Meer leitete, gelangte das Quecksilber in die Nahrungskette. Verseuchter Fisch ließ erst die Katzen sterben. Viele Fischer und deren Familienangehörigen starben, unzählige erlitten irreversible Schäden am zerebralen Nervensystem. Autopsien offenbarten Gehirne, die wie ein Schweizer Käse durchlöchert waren.

Michiko Ishimure, die in der Gegend von Minamata wohnte, hält in „Paradies im Meer der Qualen“ die tragischen Ereignisse fest. Denn nicht nur, dass die Familienmitglieder der Fischer krank werden, auch die Fische in der See werden immer weniger. So bleibt das Einkommen aus, das gerade so nötig wäre, um die Kranken zu versorgen. Da die Katzen tot sind, fallen Ratten über die Netze und Gerätschaften der Fischer her. Bald bleibt nichts weiter übrig, als auch noch das Arbeitsgerät zu verkaufen, um über die Runden zu kommen. Und die Firma Chisso zieht sich möglichst aus der Affäre. Kompensationszahlungen müssen hart erkämpft werden, ein Schuldeingeständnis wird erst Jahre später zugestanden.

Michiko Ishimure vereint in „Paradies im Meer der Qualen“ offizielle Dokumente und fiktive Beschreibungen von Betroffenen, die als beispielhaft gelten können. Bei knapp 1.500 offiziell anerkannten Todesopfern (Stand 1994) lassen sich die vielen schrecklichen Einzelschicksale nur erahnen. Hinzu kommen die zahllosen Kranken, die mit irreversiblen Schäden leben müssen und noch Jahrzehnte später um ihre Anerkennung als Minamata-Geschädigte kämpfen müssen.

Vor Michiko Ishimure kann man nur den Hut ziehen. Denn obwohl sie von diversen Seiten gedrängt wurde, ihr journalistisches Engagement für die Minamata-Kranken einzustellen, publizierte sie mit „Paradies im Meer der Qualen“ eine Anklage, die sich gegen einen ungezügelten Kapitalismus richtet, der ohne Rücksicht auf Verluste die Natur schädigt. Geradezu erpresserisch erscheint die Firma Chisso: Eine latente Drohung, den Standort in Minamata zu schließen, lässt viele Menschen verstummen, würde dies doch den Wegfall des Hauptarbeitgebers der Region bedeuten.

Trotzdem ist „Paradies im Meer der Qualen“ nicht mit enormer Bitterkeit geschrieben, schimmert doch überall die Sehnsucht der Betroffenen nach dem Meer, nach einem ursprünglichen Leben durch.

Bibliographische Angaben:
Ishimure, Michiko: „Paradies im Meer der Qualen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Insel Verlag, Frankfurt/Main & Leipzig 1995, ISBN 3-458-16725-0