Osamu Dazais "Alte Freunde" ist sicherlich eher ein Buch für Liebhaber. Für den doch stolzen Preis von 18 Euro erhält der Leser 25 Seiten Prosatext, sieben Seiten mit Illustrationen und fünfeinhalb Seiten Nachwort. Die Illustrationen von Susanne Theumer sind freilich Geschmackssache, dafür ist der Text ein Träumchen – bestimmt nicht nur für Osamu-Dazai Fans.
Der Protagonist und Ich-Erzähler scheint identisch mit dem Autor selbst zu sein. Im September 1946 lebt der Ich-Erzähler Shuji als Ausgebombter in seiner alten Heimat. Da bekommt er Besuch von einem "alten Freund" namens Hirata, der sich als Ausgeburt der Dreistigkeit herausstellen wird. Nicht nur, dass sich der Bauer Hirata nur als ehemaliger Mitschüler ausgibt, um an den von Shuji gebunkerten, raren Alkohol ran zu kommen. Er bedient sich immer weiteren Kniffs, um nachgeschenkt zu bekommen.
Obwohl Shuji sich des Betrugs sehr wohl bewusst ist, muss er sich in Langmut fügen. Nicht auszudenken, wenn der besoffene Kerl aggressiv werden sollte und die Wohnung demoliert, die Shuji und seine Familie als Ausgebombte nur gestellt bekommen haben. Shuji muss sich eingestehen, dass es Hirata zu faustdick hinter den Ohren hat, um es mit ihm aufzunehmen.
Die ganze Situation wirkt auf den ersten Blick so unangenehm, dass man sich als Leser fragen könnte, warum man so etwas denn lesen soll. Doch das erzählerische Talent von Osamu Dazai macht selbst daraus noch Gold: Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend schwadroniert der Autor über das Geschehnis, das "in ganz sonderbarer Weise unerträglich" (S. 7) war, und über seine Vergangenheit als Säufer und Weiberheld in Tokio.
Ich hoffe für die Erzählung, dass der Cass Verlag sie vielleicht eines Tages als kostengünstigeres Ebook herausgeben wird. Wäre doch zu schade, wenn sie den Liebhabern vorbehalten bleiben würde!
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: "Alte Freunde" von Osamu Dazai (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-14-6
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Dienstag, 5. März 2019
Sonntag, 16. Dezember 2018
„Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ herausgegeben von Elena Giannoulis
Endlich wurde mal wieder eine Anthologie veröffentlicht, die dem Leser Erzählungen und Kurzgeschichten in Neuübersetzung bietet. Die Herausgeberin Elena Giannoulis schreibt im Nachwort über die Veröffentlichung:
Und tatsächlich sind nur von einer der enthaltenen Autorinnen, nämlich Hiromi Kawakami, bisher mehrere ins Deutsche übersetzte Werke verfügbar. Shinji Ishii, Atsuko Suga, Yasutaka Tsutsui und Hiromi Ito sind dem einen oder anderen Leser vielleicht auch noch bekannt, weil ein bis zwei Texte oder bestenfalls Romane ihren Weg ins Übersetzungsbüro gefunden haben. Die anderen Autoren finden mit „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ das erste Mal auch im Deutschen statt.
Die einzelnen Werke der Anthologie bieten ein großes Spektrum an literarischen Stilen: Ich-Erzählung, mystisch angehauchter Text, Science Fiction, Essay, Slapstick, Avantgarde… Um bei den realistischsten Werken anzufangen, soll es erst um die Essays von Atsuko Suga und Toshiyuki Horie gehen. Atsuko Suga, die lange Zeit in Italien lebte, ist mit zwei Essays vertreten: In „Geruch von fernem Nebel“ erzählt sie von ihren Erlebnissen im nebligen Mailand, während sie in „Neapel sehen und sterben“ die Eigenheiten der neapolitanischen Lebensweise illustriert und persönliche Erfahrungen einfließen lässt.
Auch Toshiyuki Hories „Der Dichter mit dem Anrufbeantworter“ ist in Europa angesiedelt. In Paris begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Postkarten mit Nilpferdmotiven, da Valery Larbaud seinerzeit solche Karten gerne verschickt hat. Dabei spürt er den einstigen Nilpferden im Pariser Zoo nach und macht eine interessante Begegnung.
Um zwischenmenschliche Beziehungen geht es – wie eigentlich immer bei Hiromi Kawakami – in „Der Fluss“: Der kurze Text wirkt wie eine Momentaufnahme der romantischen Beziehung von Hatoko und ihres Freundes Ichiro. Ist ihre Beziehung nicht genauso im Fluss wie der Fluss, an dem sie gerade essen und trinken?
Ein bisschen fantastischer wird es in Keiichiro Hiranos „Die verschwundenen Honigbienen“. Was zunächst wie die Beschreibung eines eher langweiligen Postboten auf dem Land wirkt, entwickelt sich dann doch in eine andere Richtung, als eine illustre Gabe des Briefträgers offenbar wird.
Dann ist es auch schon vorbei mit dem Realismus: Yasutaka Tsutsui lässt in „Der Raucher in der Luft“ einen rauchenden Rentner fliegen und Sumako in „Der Traum von Verstopfung“ ihre Gedärme bis in den Himmel entleeren.
Vom Stil ähnlich wirkt Ramo Nakajimas „Das Lamm Dolly“. In Anlehnung an das Klon-Schaf Dolly entwirft der Autor ein Szenario, in dem auch Menschen geklont werden können. Da der Ich-Erzähler ein fauler Autor ist, lässt er sich einen Doppelgänger kreieren, der künftig die Arbeit übernehmen soll. Da sein Klon freilich genauso bequem, narzisstisch und trinkfreudig wie das Original ist, geht der Plan nicht so ganz auf.
Shinji Ishii präsentiert mit „Grüner Frühling“ ein Werk, das sicherlich besonders schwer zu übersetzen war. Es werden Farben personifiziert: Grün mag Blau so gar nicht und beschwert sich bei Sakura-Mama und Braun über den frechen Blau. Das Nachwort von Elena Giannoulis klärt auf: Im Japanischen kann „ao“ (青) sowohl grün als auch blau bedeuten – kein Wunder, dass Grün eifersüchtig auf Blau ist.
Mythologisch wird es in Hiromi Itos Erzählung „Chiko und Raiko“, die im siebten/achten Jahrhundert angesiedelt ist: Chiko und Raiko sind Freunde und buddhistische Schüler, die danach streben, ins Reine Land einzugehen. Während Raiko früh stirbt, gärt in Chiko die Eifersucht auf den Mönch Gyoki. Als Chiko schwer krank wird und selbst stirbt, muss er sich einer schweren Prüfung im Jenseits stellen.
Mit „Perfekte Tage, um Bananen zu schälen“ ist Toh Enjoe mit Science Fiction vertreten: Eine Raumsonde durchquert einsam das All und stellt sich vor Langeweile einen Freund namens Chucky vor. Doch das System soll effizient arbeiten und sich keinen Imaginationen hingeben – daraufhin muss Chucky gelöscht werden.
Richtiggehend abgedreht geht es in Masaya Nakaharas „Das Lied einsamer Schritte, die auf einem dunklen Flur erklingen“ und Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ zu. In Masaya Nakaharas Erzählung werden die Rotorblätter eines Helikopters als Messerklingen eingesetzt, um zu töten; die Menschen tragen den „intelligenten Gorillaanzug“ – und sollten sie auf einen Menschen ohne Anzug treffen, gibt es ein großes Gemetzel. Und auch ansonsten geht’s blutig zu.
Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ wird im Nachwort als avantgardistische Popliteratur bezeichnet – der Realitätsgrad geht gegen Null: Katzentöter-Maggie lebt mit dem Doktor, der gerne Frauen schändet und tötet, zusammen und lernt Gänseblümchen kennen lernen. Gemeinsam erleben sie allerlei Abstrusitäten, wie zum Beispiel von einem Fisch verdaut zu werden. Garniert wird das Ganze mit Illustrationen.
Zugegebenermaßen konnte ich mit den letzten beiden genannten Erzählungen am wenigsten anfangen. Die waren mir zu zusammenhanglos und alptraumhaft. Dagegen ist beispielsweise „Das Lamm Dolly“ großartiges Entertainment. Insgesamt präsentiert die Anthologie wahrlich einen guten Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur und lässt den Leser neue Autoren kennen lernen. Da viele Verlage derzeit ja primär auf die Übersetzung von Bestsellern zu setzen scheinen, ist die Anthologie sicherlich besonders wertvoll und ambitioniert.
Bibliographische Angaben:
Elena, Giannoulis (Hrsg.): „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Giannoulis, Elena/Hane, Reika/Ono, Elisa/Petermann, Christoph/Stadler, Hajime/Timmerarens, Chaline/van Eikels, Kai/Wiesenberg, Sandro/Wittig, Matthias), be.bra, Berlin 2018, ISBN 978-3-95410-213-6
„Ein Anliegen der Anthologie ist es, dem deutschen Leser japanische Literatur jenseits von Haruki Murakami und Banana Yoshimoto näherzubringen und auch bisher im Ausland wenig bekannten Autoren eine Plattform zu bieten.“ (S. 170)
Und tatsächlich sind nur von einer der enthaltenen Autorinnen, nämlich Hiromi Kawakami, bisher mehrere ins Deutsche übersetzte Werke verfügbar. Shinji Ishii, Atsuko Suga, Yasutaka Tsutsui und Hiromi Ito sind dem einen oder anderen Leser vielleicht auch noch bekannt, weil ein bis zwei Texte oder bestenfalls Romane ihren Weg ins Übersetzungsbüro gefunden haben. Die anderen Autoren finden mit „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ das erste Mal auch im Deutschen statt.
Die einzelnen Werke der Anthologie bieten ein großes Spektrum an literarischen Stilen: Ich-Erzählung, mystisch angehauchter Text, Science Fiction, Essay, Slapstick, Avantgarde… Um bei den realistischsten Werken anzufangen, soll es erst um die Essays von Atsuko Suga und Toshiyuki Horie gehen. Atsuko Suga, die lange Zeit in Italien lebte, ist mit zwei Essays vertreten: In „Geruch von fernem Nebel“ erzählt sie von ihren Erlebnissen im nebligen Mailand, während sie in „Neapel sehen und sterben“ die Eigenheiten der neapolitanischen Lebensweise illustriert und persönliche Erfahrungen einfließen lässt.
Auch Toshiyuki Hories „Der Dichter mit dem Anrufbeantworter“ ist in Europa angesiedelt. In Paris begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Postkarten mit Nilpferdmotiven, da Valery Larbaud seinerzeit solche Karten gerne verschickt hat. Dabei spürt er den einstigen Nilpferden im Pariser Zoo nach und macht eine interessante Begegnung.
Um zwischenmenschliche Beziehungen geht es – wie eigentlich immer bei Hiromi Kawakami – in „Der Fluss“: Der kurze Text wirkt wie eine Momentaufnahme der romantischen Beziehung von Hatoko und ihres Freundes Ichiro. Ist ihre Beziehung nicht genauso im Fluss wie der Fluss, an dem sie gerade essen und trinken?
Ein bisschen fantastischer wird es in Keiichiro Hiranos „Die verschwundenen Honigbienen“. Was zunächst wie die Beschreibung eines eher langweiligen Postboten auf dem Land wirkt, entwickelt sich dann doch in eine andere Richtung, als eine illustre Gabe des Briefträgers offenbar wird.
Dann ist es auch schon vorbei mit dem Realismus: Yasutaka Tsutsui lässt in „Der Raucher in der Luft“ einen rauchenden Rentner fliegen und Sumako in „Der Traum von Verstopfung“ ihre Gedärme bis in den Himmel entleeren.
Vom Stil ähnlich wirkt Ramo Nakajimas „Das Lamm Dolly“. In Anlehnung an das Klon-Schaf Dolly entwirft der Autor ein Szenario, in dem auch Menschen geklont werden können. Da der Ich-Erzähler ein fauler Autor ist, lässt er sich einen Doppelgänger kreieren, der künftig die Arbeit übernehmen soll. Da sein Klon freilich genauso bequem, narzisstisch und trinkfreudig wie das Original ist, geht der Plan nicht so ganz auf.
Shinji Ishii präsentiert mit „Grüner Frühling“ ein Werk, das sicherlich besonders schwer zu übersetzen war. Es werden Farben personifiziert: Grün mag Blau so gar nicht und beschwert sich bei Sakura-Mama und Braun über den frechen Blau. Das Nachwort von Elena Giannoulis klärt auf: Im Japanischen kann „ao“ (青) sowohl grün als auch blau bedeuten – kein Wunder, dass Grün eifersüchtig auf Blau ist.
Mit „Perfekte Tage, um Bananen zu schälen“ ist Toh Enjoe mit Science Fiction vertreten: Eine Raumsonde durchquert einsam das All und stellt sich vor Langeweile einen Freund namens Chucky vor. Doch das System soll effizient arbeiten und sich keinen Imaginationen hingeben – daraufhin muss Chucky gelöscht werden.
Richtiggehend abgedreht geht es in Masaya Nakaharas „Das Lied einsamer Schritte, die auf einem dunklen Flur erklingen“ und Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ zu. In Masaya Nakaharas Erzählung werden die Rotorblätter eines Helikopters als Messerklingen eingesetzt, um zu töten; die Menschen tragen den „intelligenten Gorillaanzug“ – und sollten sie auf einen Menschen ohne Anzug treffen, gibt es ein großes Gemetzel. Und auch ansonsten geht’s blutig zu.
Yuko Chigaras „Katzentöter-Maggie“ wird im Nachwort als avantgardistische Popliteratur bezeichnet – der Realitätsgrad geht gegen Null: Katzentöter-Maggie lebt mit dem Doktor, der gerne Frauen schändet und tötet, zusammen und lernt Gänseblümchen kennen lernen. Gemeinsam erleben sie allerlei Abstrusitäten, wie zum Beispiel von einem Fisch verdaut zu werden. Garniert wird das Ganze mit Illustrationen.
Zugegebenermaßen konnte ich mit den letzten beiden genannten Erzählungen am wenigsten anfangen. Die waren mir zu zusammenhanglos und alptraumhaft. Dagegen ist beispielsweise „Das Lamm Dolly“ großartiges Entertainment. Insgesamt präsentiert die Anthologie wahrlich einen guten Einblick in die Vielfalt der japanischen Literatur und lässt den Leser neue Autoren kennen lernen. Da viele Verlage derzeit ja primär auf die Übersetzung von Bestsellern zu setzen scheinen, ist die Anthologie sicherlich besonders wertvoll und ambitioniert.
Bibliographische Angaben:
Elena, Giannoulis (Hrsg.): „Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Giannoulis, Elena/Hane, Reika/Ono, Elisa/Petermann, Christoph/Stadler, Hajime/Timmerarens, Chaline/van Eikels, Kai/Wiesenberg, Sandro/Wittig, Matthias), be.bra, Berlin 2018, ISBN 978-3-95410-213-6
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Shinji Ishii,
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Yasutaka Tsutsui
Mittwoch, 2. Mai 2018
"Bruchstücke" von Nanae Aoyama
Neben der titelgebenden Erzählung "Bruchstücke" umfasst die Neuveröffentlichung des Cass Verlags noch die weiteren beiden Werke "Farinas Zimmer" und "Wildkatzen" der Autorin Nanae Aoyama. Im Mittelpunkt der jeweiligen Erzählung steht eine schwierige, wenn nicht sogar negativ besetzte zwischenmenschliche Beziehung.
So geht es in "Bruchstücke" um die Vater-Tochter-Beziehung von Tadao und der Ich-Erzählerin Kiriko. Die beiden finden sich plötzlich zu zweit auf einer Tagesfahrt wieder, die ursprünglich als größerer Familienausflug geplant war. Mit ihrem Vater kann Kiriko so gar nichts anfangen und so versucht sie, die Zeit für ein Fotoprojekt zu nutzen, das unter dem Motto "Bruchstücke" steht. Für das Projekt taugen die Bilder nicht so wirklich. Dafür wird aber klar, dass die Familienidylle in Scherben liegt und keinesfalls durch einen kleinen Ausflug gekittet werden kann.
In "Farinas Zimmer" berichtet der Ich-Erzähler von seiner gescheiterten Beziehung zu Farina, die in ihrer Art so staubtrocken wie Mehl wirkt. Trotz ihrer schroffen Art verliebt sich Ryosuke in sie, was in seinem Bekanntenkreis auf Verwunderung stösst.
Doch eines Tages trennt sich Farina urplötzlich von Ryosuke. Schön blöd, dass beide im selben Haus wohnen und er immer wieder an seine Ex-Freundin erinnert wird. Als Ryosuke sich in die bezaubernde Hanako verliebt und sich gar verlobt, steht ein Auszug seinerseits an. Ist das der endgültige Schlussstrich unter jedwede Beziehung zu Farina?
In "Wildkatzen" bekommt das frischverheiratete Ehepaar Akihito und Kyoko Besuch von Kyokos jüngerer Cousine Shiori. Shiori stammt aus Okinawa und möchte sich in Tokio Universitäten ansehen. Zwar ist Kyoko nicht sonderlich erpicht darauf, dass die junge Dame zu diesem Zweck gerade bei ihr übernachten soll, aber schließlich möchte sie ihrer Tante einen Gefallen tun. Leider entpuppt sich Shiori als ein unzugängliches, schweigsames Ding. Nur ein einziges Mal scheint sie wirklich zu lachen - als sie erzählt, dass ein Onkel einen Unfall hatte. Und so verwundert nicht, dass die nächsten Tage von einer gewissen Spannung geprägt sind. Und das Ehepaar die Abreise des Gastes kaum mehr erwarten kann.
Ganz anders als bei Banana Yoshimoto, die ihren Protagonistinnen immer positive zwischenmenschliche Beziehungen widerfahren lässt, präsentiert Nanae Aoyama Gegebenheiten, die negativ ausfallen und daher sicherlich realistischer und nachvollziehbar sind. Wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man einen ungebetenen Gast beherbergt und die Zeit der Abreise kaum erwarten kann. Oder die unangenehmen Situationen mit Verwandten, mit denen man nicht auf einer Wellenlinie liegt und mit denen man sich nichts zu sagen hat.
Trotz der wenigen Seiten, die jeder Erzählung gewidmet sind, gelingt es der Autorin, ihre Protagonisten wunderbar anschaulich herauszuarbeiten. Ein kleines Beispiel hierzu:
Damit sind Nanae Aoyamas Werke keine Bruchstücke in Form von Erzählungen, sondern kleine Perlen der Erzählkunst. Hoffentlich plant der Cass Verlag noch weitere Veröffentlichungen der Autorin!
Bibliographische Angaben:
Aoyama, Nanae: "Bruchstücke" (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja & Lommatzsch, Frieder), Cass, Löhne 2018, ISBN 978-3-944751-17-7
So geht es in "Bruchstücke" um die Vater-Tochter-Beziehung von Tadao und der Ich-Erzählerin Kiriko. Die beiden finden sich plötzlich zu zweit auf einer Tagesfahrt wieder, die ursprünglich als größerer Familienausflug geplant war. Mit ihrem Vater kann Kiriko so gar nichts anfangen und so versucht sie, die Zeit für ein Fotoprojekt zu nutzen, das unter dem Motto "Bruchstücke" steht. Für das Projekt taugen die Bilder nicht so wirklich. Dafür wird aber klar, dass die Familienidylle in Scherben liegt und keinesfalls durch einen kleinen Ausflug gekittet werden kann.
In "Farinas Zimmer" berichtet der Ich-Erzähler von seiner gescheiterten Beziehung zu Farina, die in ihrer Art so staubtrocken wie Mehl wirkt. Trotz ihrer schroffen Art verliebt sich Ryosuke in sie, was in seinem Bekanntenkreis auf Verwunderung stösst.
"Als ich mit Farina zusammen war, schmeichelte ich mir mit dem Gedanken, der Einzige zu sein, der wusste, wie wundervoll sie ist." (S. 63)
Doch eines Tages trennt sich Farina urplötzlich von Ryosuke. Schön blöd, dass beide im selben Haus wohnen und er immer wieder an seine Ex-Freundin erinnert wird. Als Ryosuke sich in die bezaubernde Hanako verliebt und sich gar verlobt, steht ein Auszug seinerseits an. Ist das der endgültige Schlussstrich unter jedwede Beziehung zu Farina?
In "Wildkatzen" bekommt das frischverheiratete Ehepaar Akihito und Kyoko Besuch von Kyokos jüngerer Cousine Shiori. Shiori stammt aus Okinawa und möchte sich in Tokio Universitäten ansehen. Zwar ist Kyoko nicht sonderlich erpicht darauf, dass die junge Dame zu diesem Zweck gerade bei ihr übernachten soll, aber schließlich möchte sie ihrer Tante einen Gefallen tun. Leider entpuppt sich Shiori als ein unzugängliches, schweigsames Ding. Nur ein einziges Mal scheint sie wirklich zu lachen - als sie erzählt, dass ein Onkel einen Unfall hatte. Und so verwundert nicht, dass die nächsten Tage von einer gewissen Spannung geprägt sind. Und das Ehepaar die Abreise des Gastes kaum mehr erwarten kann.
Ganz anders als bei Banana Yoshimoto, die ihren Protagonistinnen immer positive zwischenmenschliche Beziehungen widerfahren lässt, präsentiert Nanae Aoyama Gegebenheiten, die negativ ausfallen und daher sicherlich realistischer und nachvollziehbar sind. Wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man einen ungebetenen Gast beherbergt und die Zeit der Abreise kaum erwarten kann. Oder die unangenehmen Situationen mit Verwandten, mit denen man nicht auf einer Wellenlinie liegt und mit denen man sich nichts zu sagen hat.
Trotz der wenigen Seiten, die jeder Erzählung gewidmet sind, gelingt es der Autorin, ihre Protagonisten wunderbar anschaulich herauszuarbeiten. Ein kleines Beispiel hierzu:
"Mit Farinas Zuneigung war es wie mit einem Wasserhahn.
Wenn sie aufdrehte, war sie so nah, dass sie mich mit ihrer Nähe fast erdrückte." (S. 58)
Damit sind Nanae Aoyamas Werke keine Bruchstücke in Form von Erzählungen, sondern kleine Perlen der Erzählkunst. Hoffentlich plant der Cass Verlag noch weitere Veröffentlichungen der Autorin!
Bibliographische Angaben:
Aoyama, Nanae: "Bruchstücke" (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja & Lommatzsch, Frieder), Cass, Löhne 2018, ISBN 978-3-944751-17-7
Labels:
Erzählungen,
Familie,
Fremdheit,
Liebesbeziehung,
Nanae Aoyama,
Rezensionen
Mittwoch, 18. Januar 2017
„Musashimaru“ von Choukitsu Kurumatani
Choukitsu Kurumatanis „Musashimaru“ ist ein schmales
Bändchen von insgesamt 60 Seiten. Abzüglich der sieben Illustrationen von Inka
Grebner und des ausführlichen Nachworts kommt die Erzählung selbst nicht mal
auf 30 Seiten. Bei einem Preis von stolzen 18 Euro ist das Büchlein daher
sicherlich eher etwas für Liebhaber japanischer Literatur und der Grafiken von
Inka Grebner (hier geht's zur Homepage der Illustratorin mit einem Vorgeschmack auf ihre Werke in der Veröffentlichung).
Doch nun zur Handlung… Auch wenn es in unserem Kulturraum eher
abwegig klingt: In Japan werden Käfer auch mal als Haustiere gehalten. Choukitsu
Kurumatani erzählt über seinen Nashornkäfer namens - in Anlehnung an einen berühmten Sumo-Ringer - Musashimaru, den der Autor
zusammen mit seiner Ehefrau Junko im Jahr 1999 hielt. Doch eigentlich fungiert
der Käfer eher als ein Platzhalter für das Kind, das das ältere Ehepaar nie
gehabt hat und nicht mehr haben wird. So wird Musashimaru geradezu verwöhnt.
Zärtlich wird er von Junko Musa-chan genannt. Für Musashimarus Leibspeisen wird
dann auch schon mal tiefer in die Tasche gegriffen. Als es Herbst wird, wird
peinlich darauf geachtet, dass es Musashimaru auch immer schön warm hat.
Letzteres hat aber auch noch eine weitere Bewandtnis: Des
Nashornkäfers Lebenszeit ist auf eine Saison begrenzt – im Herbst wird er
unaufhaltsam das Zeitliche segnen. Dennoch versucht Choukitsu alles
Erdenkliche, um weitere Lebenstage heraus zu schinden. Doch schließlich kommt
es, wie es kommen muss…
Choukitsu Kurumatani erhielt für „Musashimaru“ den Kawabata-Preis.
Er gibt an, dass er aus Trauer über den Selbstmord seines Universitätsdozenten
Jun Eto die Erzählung geschrieben habe. Das Ehepaar Eto war ebenso kinderlos
wie Choukitsu Kurumatani und Junko Takahashi. Nach dem Tod der Ehefrau nahm
sich Jun Eto das Leben – man mag spekulieren, dass dies ggf. nicht eingetreten
wäre, hätte das Ehepaar Kinder gehabt. Oder zumindest ein Haustier mit längerer Lebenszeit als ein Nashornkäfer?
Bibliographische Angaben:
Kurumatani, Choukitsu: „Musashimaru“ (Übersetzung aus dem
Japanischen: Cassing, Katja), Cass, Löhne 2016, ISBN 978-3-944751-11-5
Samstag, 14. November 2015
„Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ von Haruki Murakami
Der Band „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ vereint Haruki Murakami-Erzählungen aus dem gesamten Spektrum des Autors. Da sind zum Beispiel die fantastischen Erzählungen „TV-People“, „Das grüne Monster“ und „Der tanzende Zwerg“. Während in den ersten beiden Erzählungen die Realität der Protagonisten jäh durchbrochen wird, als ungewöhnliche Wesen in deren Alltag eintreten, spielt „Der tanzende Zwerg“ bereits in einer ganz anderen Realität. Das Motiv der „TV-People“ erinnert etwas an die „Little People“, denen der Leser im Haruki Murakami-Roman „1Q84“ begegnet.
Dann gibt es Erzählungen, die aus der Sicht eines männlichen Studenten geschrieben sind. In „Das Fenster“ und „Der letzte Rasen am Nachmittag“ machen die Ich-Erzähler über ihre Nebenjobs ungewöhnliche Frauenbekanntschaften. Während sich der Protagonist in „Das Fenster“ als Lehrer fürs Briefeschreiben verdingt und eine seiner älteren Schülerinnen eines Tags trifft, mäht der Student in „Der letzte Rasen am Nachmittag“ einen Sommer lang die Rasen seiner Kundschaft. An seinem letzten Arbeitstag kürzt er den Rasen einer etwas kuriosen Witwe.
Andere Erzählungen greifen dann wiederum das Leben von Schülern auf: In „Das Schweigen“ geht es um Mobbing an dem etwas zurückgezogenen Schüler Osawa. Aufgrund gekränkter Eitelkeit setzt ein anderer Schüler böse Gerüchte über ihn in die Welt. Fast droht der bald völlig isolierte Osawa an der Situation zu zerbrechen. In der Kurzgeschichte „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ geht es in der Binnenhandlung um ein verliebtes Schülerpärchen. Jedoch würde ich den kurzen Text eher als die sensationellste Anmachidee schlechthin bezeichnen.
In „Lederhosen“ und „Familiensache“ geht es um Änderungen in den Familiensituationen. Während es in „Lederhosen“ um eine Trennung geht, findet in „Familiensache“ ein Paar zusammen – zum Ärger des Bruders der Verlobten.
Besonders gut sind die Stimmungen gelungen, die Haruki Murakami mit wenigen und kurzen Sätzen beschreibt. So fühlt der Leser die Sommerhitze beim Rasenmähen geradezu auf der Haut prickeln, erlebt die Wut des gemobbten Schülers hautnah und er kann sogar in die phantastische Welt von „Der tanzende Zwerg“ komplett eintauchen, in der Elefanten in einer Fabrik gefertigt werden, die Menschen Metacol trinken und ein tanzender Zwerg vom Körper eines Arbeiters Besitz ergreift.
Durch die vielfältigen, aber typischen Motive ist „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ sicherlich ein ideales Buch für Haruki Murakami-Einsteiger, die in den Stil des Autors erst mal nur hineinschnuppern möchten. Und für die Haruki Murakami-Fans reiht sich ein literarischer Leckerbissen an den anderen.
Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Berlin Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0046-9
Dann gibt es Erzählungen, die aus der Sicht eines männlichen Studenten geschrieben sind. In „Das Fenster“ und „Der letzte Rasen am Nachmittag“ machen die Ich-Erzähler über ihre Nebenjobs ungewöhnliche Frauenbekanntschaften. Während sich der Protagonist in „Das Fenster“ als Lehrer fürs Briefeschreiben verdingt und eine seiner älteren Schülerinnen eines Tags trifft, mäht der Student in „Der letzte Rasen am Nachmittag“ einen Sommer lang die Rasen seiner Kundschaft. An seinem letzten Arbeitstag kürzt er den Rasen einer etwas kuriosen Witwe.
Andere Erzählungen greifen dann wiederum das Leben von Schülern auf: In „Das Schweigen“ geht es um Mobbing an dem etwas zurückgezogenen Schüler Osawa. Aufgrund gekränkter Eitelkeit setzt ein anderer Schüler böse Gerüchte über ihn in die Welt. Fast droht der bald völlig isolierte Osawa an der Situation zu zerbrechen. In der Kurzgeschichte „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ geht es in der Binnenhandlung um ein verliebtes Schülerpärchen. Jedoch würde ich den kurzen Text eher als die sensationellste Anmachidee schlechthin bezeichnen.
In „Lederhosen“ und „Familiensache“ geht es um Änderungen in den Familiensituationen. Während es in „Lederhosen“ um eine Trennung geht, findet in „Familiensache“ ein Paar zusammen – zum Ärger des Bruders der Verlobten.
Besonders gut sind die Stimmungen gelungen, die Haruki Murakami mit wenigen und kurzen Sätzen beschreibt. So fühlt der Leser die Sommerhitze beim Rasenmähen geradezu auf der Haut prickeln, erlebt die Wut des gemobbten Schülers hautnah und er kann sogar in die phantastische Welt von „Der tanzende Zwerg“ komplett eintauchen, in der Elefanten in einer Fabrik gefertigt werden, die Menschen Metacol trinken und ein tanzender Zwerg vom Körper eines Arbeiters Besitz ergreift.
Durch die vielfältigen, aber typischen Motive ist „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ sicherlich ein ideales Buch für Haruki Murakami-Einsteiger, die in den Stil des Autors erst mal nur hineinschnuppern möchten. Und für die Haruki Murakami-Fans reiht sich ein literarischer Leckerbissen an den anderen.
Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Berlin Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0046-9
Montag, 9. März 2015
„Pflaumenblüten in der Nacht“ von Masuji Ibuse
Den in verschiedenen Anthologien verteilten Erzählungen von Masuji Ibuse konnte ich bisher – leider – nicht allzu viel abgewinnen. Mit „Pflaumenblüten in der Nacht“ hat sich meine Wertschätzung für die Erzählungen des Autors jedoch um einiges erhöht. Erst nach der Lektüre des Bandes ist mir spät, aber immerhin, die Qualität der Erzählkunst des Literaten bewusst geworden. In den vorliegenden Erzählungen werden Stimmungen geschaffen, die den Leser regelrecht in die Handlungen einsaugen, die nicht selten in einem amüsiert-ironischen Ton dargelegt werden und hie und da Sozialkritik enthalten.
Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:
Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.
In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.
Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.
„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.
„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.
„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.
„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.
„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.
Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.
„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…
Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.
„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.
Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6
Der Band beginnt mit „Der Salamander“, einer Erzählung, die laut des Nachworts von Jürgen Berndt in viele Schulbücher aufgenommen wurde. Jürgen Berndt zitiert Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“:
„Als ich ‚Der Salamander’ las [, …] wurde ich so aufgeregt, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte.“ (S. 235)
Die 1923 entstandene Erzählung handelt von einem Salamander, dessen Kopfumfang zu groß geworden ist, um aus seiner Höhle herausschlüpfen zu können. Er sitzt im wahrsten Sinne des Wortes fest. Der Salamander schwankt zwischen Wut und Resignation. Als sich ein Frosch in seine Höhle verirrt, verwehrt er ihm kurzer Hand die Rückkehr in die Freiheit. Vor dem Hintergrund der staatlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der damit einhergehenden Stimmung in Japan, lässt sich Osamu Dazais Kommentar zu „Der Salamander“ einordnen.
In der autobiographisch angehauchten Kurzgeschichte „Der Karpfen“ bekommt der Ich-Erzähler einen Karpfen geschenkt. Er verspricht seinem Kumpan, der ihm dieses Geschenk macht, den Karpfen nicht zu töten. Und so kümmert sich der Ich-Erzähler um den Karpfen, selbst als sein Freund gestorben ist.
Die Erzählung „Pflaumenblüten in der Nacht“ schlägt eine Tonalität an, die man Osamu Dazai zugeschreiben könnte. Der Ich-Erzähler ist ein Boheme; natürlich immer knapp bei Kasse und recht unvernünftig, was seine Ausgaben betrifft. Eines Abends trifft er auf einen Kerl, der sich gerade geprügelt hat. Der blutende Tunichtgut hat Angst um seinen Job und versucht den Ich-Erzähler zu überzeugen, bei der Polizei eine Falschaussage zu machen, um seinem Arbeitgeber glaubhaft zu versichern, er sei Opfer widriger Umstände geworden. Doch der Ich-Erzähler überzeugt ihn, dem Vorgesetzten eine Ausrede aufzutischen. Als Dank erhält er 10 Yen, die er aber zurückgeben will. Doch wie es so kommt: Die 10 Yen sind schneller verbraucht als gedacht. Und so lebt der Ich-Erzähler in permanenter Angst, der Prügelknabe könnte nun ihn verprügeln kommen.
„Sawan auf dem Dach“ ist eine wehmütige Geschichte über eine Wildgans, deren gestutzte Federn sie am Fliegen hindern. Wie eine Katze wird sie vom Ich-Erzähler gehalten. Doch sobald andere freie Wildgänse in Sawans Nähe kommen, beginnt Sawan herzergreifend zu klagen.
„Zu Hause bei Herrn Tange“, „Die Pilgerherberge“, „Heute keine Sprechstunde“ und „Opa Stiertiger“ wirken dagegen eher wie Milieustudien. Herr Tange lebt auf dem Land und hat einen gar unnützen Diener, der ihm als Kind regelrecht zugelaufen kam.
„Die Pilgerherberge“ hat sich über die Jahre zu einem Asyl entwickelt: Mädchen werden hier gerne ausgesetzt und wachsen in der Herberge ohne Eltern auf.
„Heute keine Sprechstunde“ ist die längste Erzählung des Bandes. Hier wird das Leben und Wirken eines Frauenarztes im Tokio der Nachkriegszeit illustriert. Da gibt es einerseits die hochgestellten Damen, die sich vom Arzt hofieren lassen, andererseits die Patienten, die für die Behandlungskosten nicht aufkommen können. Da büchst schon mal der eine oder andere Kranke aus, um die Zahlung zu prellen. Und wenn’s ganz blöd läuft, stirbt ein Patient lieber, als sich behandeln zu lassen.
„Opa Stiertiger“ ist ein Auslaufmodell, wenn auch ein besonders erfolgreiches: Für seine Zuchtbullen wird er mehrfach ausgezeichnet, geht aber trotz seines hohen Alters weiter mit seinen drei Bullen auf Tour durch die Dörfer, um für die Besamung von Kühen Geld zu verdienen.
Besonders im Kopf hängen bleibt die Erzählung „Ehrerbietung aus der Ferne“: Yuichi ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit er eine Kriegsverletzung erlitten hat. Selbst als der Krieg zu Ende ist, glaubt er sich als General an der Front. So drangsaliert er die jungen Männer seines Dorfes, sobald er wieder einen Anfall hat und der Meinung ist, ein Angriff stehe kurz bevor. Erst als einer seiner Untergebenen einem Dorfbewohner die Geschichte von Yukichis Verletzung verrät, wird bekannt, weswegen sich der Kerl so am Kopf gestoßen hat, dass er von seiner Mutter eingesperrt wird, sobald er einen Anfall bekommt.
„Der Autobus“ lässt das alte Militärregime in Form eines diktatorischen Busfahrers und die neue Generation von jungen Nonkonformisten in Form eines frischgebackenen Ehepaars aufeinandertreffen. Da wird sich der eine oder andere eine blutige Nase holen…
Zurück ins 17. Jahrhundert geht es in „Yosaku der Siedler“. Zum Zweck der Urbarmachung der Senyo-Heide versucht die Regierung Siedlern das unfruchtbare Land schmackhaft zu machen. Es kommt, wie’s kommen muss: Allerlei Gschwerl lässt sich nieder und so ist’s kein Wunder, dass das heilige Steingrab in der Gegend für ganz profane Dinge herhalten muss: Hier lagern die Bauern ihre Vorräte und der eine oder andere Siedler trifft sich dort zum karteln. Diese Blasphemie muss von den Autoritäten geahndet werden – und so kommt Yosaku auf den Schirm der Polizei.
„Das Soldatenlied ‚Alte Kameraden’“ nimmt den Leser mit auf die Iojima, auf der die letzten Tages des Pazifikkriegs angebrochen sind. Okuyama ist Teil der Besatzung eines Nachschubfrachters und schildert in der Rückschau die letzte Begegnung mit einem dem Tode geweihten Oberst.
Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Pflaumenblüten in der Nacht“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Bernd, Jürgen), Insel, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-458-16705-6
Sonntag, 1. Dezember 2013
„Drei Erzählungen“ von Yasunari Kawabata
Die drei Erzählungen Yasunari Kawabatas in dem kleinen Bändchen des Iudicium Verlags entstanden zwischen den Jahren 1953 und 1960 und zählen somit eher zum Spätwerk des Autors.
1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.
„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.
„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.
Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7
1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.
„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.
„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.
Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7
Samstag, 10. August 2013
„Japanische Meister der Erzählung“ herausgegeben von Kakuji Watanabe
Elf Erzählungen von neun Autoren sind in „Japanische Meister der Erzählung“ versammelt. Mein unangefochtenes, persönliches Highlight des Bandes ist die Übersetzung von Ryunosuke Akutagawas „Kappa“. In der Erzählung wird die Geschichte des Kranken Nr. 23 aufgezeichnet, der steif und fest behauptet, im Land der Kappas, der Wasserkobolde gewesen zu sein. Inspiriert von „Gullivers Reisen“ spinnt Ryunosuke Akutagawa eine satirische Story, die die japanische Gesellschaft karikiert und die Akutagawa politisches Engagement attestiert. In „Kappa“ gelangt ein Wanderer und Ich-Erzähler unversehens ins Land der Kappas. Der Mensch wird freundlich aufgenommen und erlernt die quakende Sprache der Kobolde. Im Alltag im Kappaland fallen dem beobachtenden Erzähler allerhand Ungereimtheiten auf, auf die die Kappas allerdings meist ein äquivalentes Problem in Japan zur Hand haben. So zum Beispiel wird im Kappaland um „Vererbungswillige“ gebuhlt: Kappas, heiratet Proletarier, um ein bestmögliche Vermischung der Gene zu erzielen! In Japan wiederum wird der Genpool durch die Liebesaffären zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Milieus durchmixt. Im Kappaland werden primär Konzerte von der Polizei gestürmt und verboten – denn wer kein Ohr für Musik hat, kann leicht Unsittlichkeit in sie hineininterpretieren. In Japan ist in den 20ern ebenfalls die Zensur ein beliebtes Mittel, Künstler zum Schweigen zu bringen. Werden Arbeiter im Kappaland aus Rationalisierungsprozessen ausgesperrt, greift das Gesetz der Arbeiterschlachtung. Giftgas erspart ihnen das Schicksal, zu verhungern oder sich aus der Not selbst zu töten. In Japan dagegen werden junge Mädchen wie Sklavinnen in die Prostitution verkauft, wenn es die materiellen Umstände der Familie erfordern. Wie in Japan, so herrscht auch in Kappaland das Kapital: Die Großindustriellen steuern sowohl die Politik als auch die Medien. Oh, pardon… korrekterweise sind es im Kappaland die Frauen der Großindustriellen und Mächtigen, die das Land kontrollieren. Eine hervorragende Analyse von „Kappa“ findet sich auch auf dem Blog „Behold My Swarthy Face“, der insbesondere auch auf Ryunosuke Akutagawas Verhältnis zur proletarischen Literaturbewegung eingeht.
Vom selben Autor stammen die Werke „Raschomon“ und „Zauberkünste“, die ebenfalls in „Japanische Meister der Erzählung“ enthalten sind: Ein entlassener Knecht steht unschlüssig am Kiotoer Tor Raschomon und weiß sich nicht zu helfen. Über Kioto ist in den letzten Jahren eine Katastrophe nach der nächsten hereingebrochen; die Stadt gleicht einer Wildnis. Was bleibt dem mittel- und arbeitslosen Knecht hier anderes übrig, als nun kriminell zu werden? Im Torhaus von Raschomon werden namenlose Leichen aufgebahrt – und der Knecht benötigt eine Unterkunft für die Nacht. Doch nicht nur er kommt auf die Idee, sich nachts im Leichenhaus herum zu treiben.
Ein bisschen okkult geht es dagegen in „Zauberkünste“ zu. Der Ich-Erzähler lässt sich von einem indischen Magier einige Zaubertricks vorführen. Völlig gebannt von der Kunst des Inders äußert der Protagonist den Wunsch, diese Magie zu erlernen. Doch er wird gewarnt – nur ein Mann, der frei ist von Habgier, kann die Zauberei erlernen. Ob der Ich-Erzähler diesem Anspruch gewachsen ist?
„Japanische Meister der Erzählung“ enthält zudem ein Werk von Kan Kikuchi, der seinerzeit den Akutagawa-Literaturpreis ins Leben gerufen hat. In „Jenseits von Liebe und Hass“ wird nüchtern die Geschichte von Ichikuro erzählt: Weil seine Affäre mit der Nebenfrau seines Herrn aufgeflogen ist, wird Ichikuro von dem entehrten Nakagawa angegriffen. Doch Ichikuro wehrt sich erbittert und tötet dabei seinen Herrn Nakagawa. Zusammen mit seiner Geliebten Oyumi flieht er aus Yedo – und wird mehr und mehr zum Verbrecher. Das Pärchen beginnt mit Erpressungen und schließlich drängt die gierige Oyumi den willfährigen Ichikuro zum wiederholten Male zum Raubmord. Doch schließlich zeigt sich Ichikuros Gewissen. Er flieht vor Oyumi, wird Mönch in einem Tempel, um schließlich als Wanderpriester durch Japan zu wandern und Gutes zu tun. Er findet seine Möglichkeit, Sühne zu leisten, indem er an einer gefährlichen Wegstrecke, die schon manchem das Leben kostete, einen Weg durch einen Fels treiben will. Jahrelang hackt Ichikuro auf das Massiv ein und kommt nur minimal mit seiner Arbeit voran. Zwischenzeitlich ist Nakagawas Sohn erwachsen und begibt sich auf die Suche nach Ichikuro, um an ihm Rache zu üben.
Von Masao Kume liegt mit „Der Tod meines Vaters“ eine sehr autobiographische Erzählung vor. Sein Vater, der Schuldirektor war, beging Selbstmord, nachdem die Bilder des Kaisers und der Kaiserin bei einem Schulbrand zerstört wurden. Diese heutzutage unglaubliche Tat zeichnet Masao Kume aus der Sicht des kleinen Sohns auf.
„Das Geleitschiff“ von Ogai Mori handelt von dem verurteilten Verbrecher Kiske, der auf eine Gefängnisinsel transportiert wird. Im Gespräch mit dem Beamten Haneda werden Fragen über die Schuld von Kiske aufgeworfen, der seinen eigenen Bruder ermordet haben soll.
In den Jahren 1925 bis 1926 veröffentlichte Naoya Shiga vier Teile von „Aus dem Leben eines Malers“. In „Die weiße Glyzinie“ wird der Leser mit dem Ischias-kranken Maler Ryudo Yajima bekannt gemacht, der von seiner schwerhörigen Schwester Tane gepflegt wird. Nicht nur seine Schwester quält Yajima mit seinem Gemüt – er hetzt auch seinen Schüler von Glyzinie zu Glyzinie, um deren Wuchs zu untersuchen. Mit „Rot-Obi“ macht Yajima in einem Badeort Bekanntschaft. Das Mädchen mit dem roten Obi bezaubert ihn von Weitem – aus der Nähe betrachtet wirkt sie jedoch eher wie ein Dorftrampel. Zurück zu Hause kommt Yajima der plötzliche Einfall, er wolle ein „Wasserhuhn“ halten. Doch dem angeschafften Hühnchen bekommt der Aufenthalt bei Yajima gar nicht gut. Und gleich mit einem weiteren Federvieh bekommt es Yajima zu tun, als ein „Neuntöter“ mit einer Schlange kämpft.
Eine tragische Liebesgeschichte erzählt Tatsuo Hori mit „Die heilige Familie“: Nach dem Tod von Kuki, hinter dem sich Ryunosuke Akutagawa verbergen soll, lernt die Witwe Saiki den jungen Henri kennen. Henri und Saikis Tochter Kinuko verlieben sich ineinander, können sich diese Liebe aber nicht gestehen. Sind die Saikis zu heilig für Henri oder ist er ohnehin durch seine Bekanntschaft mit Kuki dem Tode bereits nah?
Auch in Fumiko Hayashis Erzählung „Akkordeon und Stadt der Fische“ wird es autobiographisch: Als Mädchen tourte die Autorin mit ihrem Stiefvater, der Hausierer war, durch Japan. So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die mit Vater und Mutter unterwegs ist. In einem Städtchen steigen sie aus dem Zug, da der Vater hier Verdienstmöglichkeiten wittert. Fumiko Hayashi zeichnet das Leben der Hausierertochter auf, die eingeschult wird und sich in den Sohn des Fischhändlers verliebt. Wenn doch nur ihr Vater nicht anfangen wurde, Schmarrn zu verkaufen…
Saisei Murou erzählt von „Gott oder Weib“ – eigentlich jedoch mehr von „Weib“, da sein Protagonist ein ziemlicher Weiberheld ist und sich allerhand Geliebte hält. Da wären Aliko, Shinoe, Kazuko und Harue. Keine der Frauen ist freilich glücklich mit der momentanen Situation.
Und schließlich enthält „Japanische Meister der Erzählung“ auch Junichiro Tanizakis „Tätowierung“ (identisch mit „Das Opfer“ in dem Sammelband „Mond auf dem Wasser“): Seikichi ist ein Tätowiermeister in Yedo, der sadistisch veranlagt ist. Es macht ihm eine diebische Freude, wenn sich die Kunden unter seiner Nadel vor Schmerzen winden. Doch sein Herzenswunsch ist ihm bisher verwehrt geblieben – er möchte die ideale Frau tätowieren. Eines Tages hat Seikichi das ungemeine Glück, dass die perfekte Frau als Botin zu ihm geschickt wird. Der Tätowiermeister zeigt dem jungen Mädchen sadistische Rollbilder und bemerkt, dass sie sich in den Motiven wiederzufinden scheint. Schließlich betäubt er sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken, die ihre Fähigkeit symbolisieren soll, Männer zu ihren Opfern zu machen. Seikichi selbst soll ihr erstes werden.
In Kakuji Watanabes „Japanische Meister der Erzählung“ tummeln sich damit allerhand lesenswerte Erzählungen. Wem der Band aus dem Jahr 1960 in einem Antiquariat in die Hände fällt, der sollte nicht zögern, sondern zuschlagen. Insbesondere Ryunosuke Akutagawas „Kappa“ sollte das Geld wert sein!
Bibliographische Angaben:
Watanabe, Kakuji (Hrsg.): „Japanische Meister der Erzählung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Watanabe, Kakuji), Walter Dorn Verlag, Bremen 1960
Vom selben Autor stammen die Werke „Raschomon“ und „Zauberkünste“, die ebenfalls in „Japanische Meister der Erzählung“ enthalten sind: Ein entlassener Knecht steht unschlüssig am Kiotoer Tor Raschomon und weiß sich nicht zu helfen. Über Kioto ist in den letzten Jahren eine Katastrophe nach der nächsten hereingebrochen; die Stadt gleicht einer Wildnis. Was bleibt dem mittel- und arbeitslosen Knecht hier anderes übrig, als nun kriminell zu werden? Im Torhaus von Raschomon werden namenlose Leichen aufgebahrt – und der Knecht benötigt eine Unterkunft für die Nacht. Doch nicht nur er kommt auf die Idee, sich nachts im Leichenhaus herum zu treiben.
Ein bisschen okkult geht es dagegen in „Zauberkünste“ zu. Der Ich-Erzähler lässt sich von einem indischen Magier einige Zaubertricks vorführen. Völlig gebannt von der Kunst des Inders äußert der Protagonist den Wunsch, diese Magie zu erlernen. Doch er wird gewarnt – nur ein Mann, der frei ist von Habgier, kann die Zauberei erlernen. Ob der Ich-Erzähler diesem Anspruch gewachsen ist?
„Japanische Meister der Erzählung“ enthält zudem ein Werk von Kan Kikuchi, der seinerzeit den Akutagawa-Literaturpreis ins Leben gerufen hat. In „Jenseits von Liebe und Hass“ wird nüchtern die Geschichte von Ichikuro erzählt: Weil seine Affäre mit der Nebenfrau seines Herrn aufgeflogen ist, wird Ichikuro von dem entehrten Nakagawa angegriffen. Doch Ichikuro wehrt sich erbittert und tötet dabei seinen Herrn Nakagawa. Zusammen mit seiner Geliebten Oyumi flieht er aus Yedo – und wird mehr und mehr zum Verbrecher. Das Pärchen beginnt mit Erpressungen und schließlich drängt die gierige Oyumi den willfährigen Ichikuro zum wiederholten Male zum Raubmord. Doch schließlich zeigt sich Ichikuros Gewissen. Er flieht vor Oyumi, wird Mönch in einem Tempel, um schließlich als Wanderpriester durch Japan zu wandern und Gutes zu tun. Er findet seine Möglichkeit, Sühne zu leisten, indem er an einer gefährlichen Wegstrecke, die schon manchem das Leben kostete, einen Weg durch einen Fels treiben will. Jahrelang hackt Ichikuro auf das Massiv ein und kommt nur minimal mit seiner Arbeit voran. Zwischenzeitlich ist Nakagawas Sohn erwachsen und begibt sich auf die Suche nach Ichikuro, um an ihm Rache zu üben.
Von Masao Kume liegt mit „Der Tod meines Vaters“ eine sehr autobiographische Erzählung vor. Sein Vater, der Schuldirektor war, beging Selbstmord, nachdem die Bilder des Kaisers und der Kaiserin bei einem Schulbrand zerstört wurden. Diese heutzutage unglaubliche Tat zeichnet Masao Kume aus der Sicht des kleinen Sohns auf.
„Das Geleitschiff“ von Ogai Mori handelt von dem verurteilten Verbrecher Kiske, der auf eine Gefängnisinsel transportiert wird. Im Gespräch mit dem Beamten Haneda werden Fragen über die Schuld von Kiske aufgeworfen, der seinen eigenen Bruder ermordet haben soll.
In den Jahren 1925 bis 1926 veröffentlichte Naoya Shiga vier Teile von „Aus dem Leben eines Malers“. In „Die weiße Glyzinie“ wird der Leser mit dem Ischias-kranken Maler Ryudo Yajima bekannt gemacht, der von seiner schwerhörigen Schwester Tane gepflegt wird. Nicht nur seine Schwester quält Yajima mit seinem Gemüt – er hetzt auch seinen Schüler von Glyzinie zu Glyzinie, um deren Wuchs zu untersuchen. Mit „Rot-Obi“ macht Yajima in einem Badeort Bekanntschaft. Das Mädchen mit dem roten Obi bezaubert ihn von Weitem – aus der Nähe betrachtet wirkt sie jedoch eher wie ein Dorftrampel. Zurück zu Hause kommt Yajima der plötzliche Einfall, er wolle ein „Wasserhuhn“ halten. Doch dem angeschafften Hühnchen bekommt der Aufenthalt bei Yajima gar nicht gut. Und gleich mit einem weiteren Federvieh bekommt es Yajima zu tun, als ein „Neuntöter“ mit einer Schlange kämpft.
Eine tragische Liebesgeschichte erzählt Tatsuo Hori mit „Die heilige Familie“: Nach dem Tod von Kuki, hinter dem sich Ryunosuke Akutagawa verbergen soll, lernt die Witwe Saiki den jungen Henri kennen. Henri und Saikis Tochter Kinuko verlieben sich ineinander, können sich diese Liebe aber nicht gestehen. Sind die Saikis zu heilig für Henri oder ist er ohnehin durch seine Bekanntschaft mit Kuki dem Tode bereits nah?
Auch in Fumiko Hayashis Erzählung „Akkordeon und Stadt der Fische“ wird es autobiographisch: Als Mädchen tourte die Autorin mit ihrem Stiefvater, der Hausierer war, durch Japan. So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die mit Vater und Mutter unterwegs ist. In einem Städtchen steigen sie aus dem Zug, da der Vater hier Verdienstmöglichkeiten wittert. Fumiko Hayashi zeichnet das Leben der Hausierertochter auf, die eingeschult wird und sich in den Sohn des Fischhändlers verliebt. Wenn doch nur ihr Vater nicht anfangen wurde, Schmarrn zu verkaufen…
Saisei Murou erzählt von „Gott oder Weib“ – eigentlich jedoch mehr von „Weib“, da sein Protagonist ein ziemlicher Weiberheld ist und sich allerhand Geliebte hält. Da wären Aliko, Shinoe, Kazuko und Harue. Keine der Frauen ist freilich glücklich mit der momentanen Situation.
Und schließlich enthält „Japanische Meister der Erzählung“ auch Junichiro Tanizakis „Tätowierung“ (identisch mit „Das Opfer“ in dem Sammelband „Mond auf dem Wasser“): Seikichi ist ein Tätowiermeister in Yedo, der sadistisch veranlagt ist. Es macht ihm eine diebische Freude, wenn sich die Kunden unter seiner Nadel vor Schmerzen winden. Doch sein Herzenswunsch ist ihm bisher verwehrt geblieben – er möchte die ideale Frau tätowieren. Eines Tages hat Seikichi das ungemeine Glück, dass die perfekte Frau als Botin zu ihm geschickt wird. Der Tätowiermeister zeigt dem jungen Mädchen sadistische Rollbilder und bemerkt, dass sie sich in den Motiven wiederzufinden scheint. Schließlich betäubt er sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken, die ihre Fähigkeit symbolisieren soll, Männer zu ihren Opfern zu machen. Seikichi selbst soll ihr erstes werden.
In Kakuji Watanabes „Japanische Meister der Erzählung“ tummeln sich damit allerhand lesenswerte Erzählungen. Wem der Band aus dem Jahr 1960 in einem Antiquariat in die Hände fällt, der sollte nicht zögern, sondern zuschlagen. Insbesondere Ryunosuke Akutagawas „Kappa“ sollte das Geld wert sein!
Bibliographische Angaben:
Watanabe, Kakuji (Hrsg.): „Japanische Meister der Erzählung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Watanabe, Kakuji), Walter Dorn Verlag, Bremen 1960
Sonntag, 21. Juli 2013
„Yuhi“ von Yangji Lee
Drei Erzählungen finden sich in Yangji Lees Band „Yuhi“. Ein bisschen wirken die Werke der Zainichi-Koreanerin wie das Negativ zu Banana Yoshimotos literarischem Schaffen. Bei beiden werden unter anderem schwierige Familiensituationen, Patch-Working, der Tod von lieben Familienangehörigen, die Suche nach einem neuen Anfang thematisiert. Doch während Banana Yoshimoto die herzlichen, liebevollen Seiten ihrer Charaktere herausstellt und versöhnlich bleibt, ist Yangji Lee auf der anderen Seite der Skala zu verorten:
So bleiben die Protagonisten in Yangji Lees Erzählungen isoliert und wirken bis zu einem bestimmten Grad hart und unzugänglich. Obwohl der thematisch härterer Kost schwebt eine sprachliche Leichtigkeit über den Erzählungen, wie man sie auch von Banana Yoshimoto kennt.
Mit „Der Klageschmetterling“ beginnt der Erzählband. In der Protagonistin und Ich-Erzählerin vermeint man Yangji Lee selbst zu erkennen: Vor dem Scheidungskrieg der Eltern ist sie von zu Hause nach Kioto ausgerissen, um sich mit einem Job in einem Ryokan über Wasser zu halten. Schließlich kehrt sie doch wieder nach Hause zurück, nur um ihre Familie weiter im Seziersaal des Familiengerichts bloßlegen zu lassen. Doch es warten noch weitere Schicksalsschläge auf die Familie.
„Verehrter Bruder“ scheint wie aus der Perspektive einer jüngeren Schwester von Yangji Lee geschrieben zu sein. Tamiko spricht hier zu ihrem älteren, verstorbenen Bruder und berichtet über ihre Schwester Kazuko, die mit ihrer Identität als Koreanerin kämpft. Sie beteiligt sich an politischen Organisationen, nimmt dubiose Jobs an, um sich neben dem von den Geschwistern geschnorrten Geld Einkünfte zu sichern, säuft wie ein Loch und verschwindet tageweise spurlos.
„Yuhi“ ist die vielleicht ausgefeilteste Erzählung: Yuhi ist eine Zainichi-Koreanerin, die in Seoul Literaturwissenschaften studiert. Doch anders als viele Studentinnen lebt sie sehr zurückgezogen und wirkt besonders scheu. Sie zieht in ein Privatzimmer im Haus der Erzählerin und deren Tante. Hier scheint sie endlich eine Oase des Friedens zu finden. Doch sie bleibt unglücklich in Seoul. Mit dem Koreanischen kann sie sich nicht anfreunden, sie liest und schreibt weiterhin auf Japanisch. Das Koreanische scheint ihr gar physische Schmerzen zu bereiten. In Korea kann Yuhi nicht glücklich werden...
Yangji Lees Erzählungen zeigen die Zerrissenheit der Zainichi-Koreaner auf. Japanisch ist ihre „Muttersprache“, doch in Japan werden sie als Fremde erachtet. Korea ist ihnen selbst fremd und auch hier finden sie nicht die ersehnte Heimat. Sie stecken in einem unlösbaren Dilemma. Als Leser meint man zu erahnen, wie Yangji Lee sich diesem mit dem Schreiben näherte. Während das ältere Werk „Der Klageschmetterling“ noch aus der Perspektive der Autorin geschrieben zu sein scheint, verschiebt sich in „Verehrter Bruder“ der Blickwinkel auf den der Schwester und in „Yuhi“ ist die Erzählerin bereits eine zunächst Fremde.
„Yuhi“ ist eine schwermütige Lektüre, die einen ungeschonten Einblick in das Leben von Zainichi-Koreanern ermöglicht. Man erahnt den langjährigen Kampf, den Yangji Lee um ihre kulturelle Identität ausgefochten haben mag. Umso trauriger, dass man aufgrund ihres frühen Todes nie erfahren wird, ob ihr die Versöhnung mit ihrem Schicksal gelungen wäre.
Bibliographischen Angaben:
Lee, Yangji: „Yuhi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Nakamura-Methfessel, Verena), Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-01-4
„Die Entfernung zwischen Menschen. Gerade weil man Mensch ist, weil man lebt, besteht diese unleugbare Distanz zwischen einander.“ (S. 95)
So bleiben die Protagonisten in Yangji Lees Erzählungen isoliert und wirken bis zu einem bestimmten Grad hart und unzugänglich. Obwohl der thematisch härterer Kost schwebt eine sprachliche Leichtigkeit über den Erzählungen, wie man sie auch von Banana Yoshimoto kennt.
Mit „Der Klageschmetterling“ beginnt der Erzählband. In der Protagonistin und Ich-Erzählerin vermeint man Yangji Lee selbst zu erkennen: Vor dem Scheidungskrieg der Eltern ist sie von zu Hause nach Kioto ausgerissen, um sich mit einem Job in einem Ryokan über Wasser zu halten. Schließlich kehrt sie doch wieder nach Hause zurück, nur um ihre Familie weiter im Seziersaal des Familiengerichts bloßlegen zu lassen. Doch es warten noch weitere Schicksalsschläge auf die Familie.
„Verehrter Bruder“ scheint wie aus der Perspektive einer jüngeren Schwester von Yangji Lee geschrieben zu sein. Tamiko spricht hier zu ihrem älteren, verstorbenen Bruder und berichtet über ihre Schwester Kazuko, die mit ihrer Identität als Koreanerin kämpft. Sie beteiligt sich an politischen Organisationen, nimmt dubiose Jobs an, um sich neben dem von den Geschwistern geschnorrten Geld Einkünfte zu sichern, säuft wie ein Loch und verschwindet tageweise spurlos.
„Yuhi“ ist die vielleicht ausgefeilteste Erzählung: Yuhi ist eine Zainichi-Koreanerin, die in Seoul Literaturwissenschaften studiert. Doch anders als viele Studentinnen lebt sie sehr zurückgezogen und wirkt besonders scheu. Sie zieht in ein Privatzimmer im Haus der Erzählerin und deren Tante. Hier scheint sie endlich eine Oase des Friedens zu finden. Doch sie bleibt unglücklich in Seoul. Mit dem Koreanischen kann sie sich nicht anfreunden, sie liest und schreibt weiterhin auf Japanisch. Das Koreanische scheint ihr gar physische Schmerzen zu bereiten. In Korea kann Yuhi nicht glücklich werden...
Yangji Lees Erzählungen zeigen die Zerrissenheit der Zainichi-Koreaner auf. Japanisch ist ihre „Muttersprache“, doch in Japan werden sie als Fremde erachtet. Korea ist ihnen selbst fremd und auch hier finden sie nicht die ersehnte Heimat. Sie stecken in einem unlösbaren Dilemma. Als Leser meint man zu erahnen, wie Yangji Lee sich diesem mit dem Schreiben näherte. Während das ältere Werk „Der Klageschmetterling“ noch aus der Perspektive der Autorin geschrieben zu sein scheint, verschiebt sich in „Verehrter Bruder“ der Blickwinkel auf den der Schwester und in „Yuhi“ ist die Erzählerin bereits eine zunächst Fremde.
„Yuhi“ ist eine schwermütige Lektüre, die einen ungeschonten Einblick in das Leben von Zainichi-Koreanern ermöglicht. Man erahnt den langjährigen Kampf, den Yangji Lee um ihre kulturelle Identität ausgefochten haben mag. Umso trauriger, dass man aufgrund ihres frühen Todes nie erfahren wird, ob ihr die Versöhnung mit ihrem Schicksal gelungen wäre.
Bibliographischen Angaben:
Lee, Yangji: „Yuhi“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Nakamura-Methfessel, Verena), Abera Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-939876-01-4
Mittwoch, 17. Juli 2013
„Mond überm Dachfirst“ von Ichiyo Higuchi
Ichiyo Higuchis Erzählband heißt zwar nach dem gleichnamigen Werk „Mond überm Dachfirst“, doch ist dies nicht die längste und auch nicht die eindrücklichste Erzählung in dem kleinen Büchlein des Manesse-Verlags. Für mich war dies vielmehr „Solange sie ein Kind war“. Hier beschreibt Ichiyo Higuchi das Leben eines heranwachsenden Mädchens in dem Freudenviertel Yoshiwara. Zwar klingt leise auch Sozialkritik an, doch aus der Perspektive der Protagonistin Midori ist das Leben noch unbeschwert. Die hübsche Kleine bekommt von ihrer älteren Schwester, die als begehrte Prostituierte gut verdient, genügend Geld, um sorglos alles und jedes für sich und ihre Freunde zu kaufen; sie steht im Mittelpunkt ihrer Clique. Wenn da nur nicht der Streit zwischen zwei Jugendbanden und der erste Anflug einer unglücklichen Verliebtheit wäre.
Überhaupt ziehen sich verzweifelte Liebschaften wie ein roter Faden durch Ichiyo Higuchis Erzählungen: In „Kirschblüten in der Finsternis“ verliebt sich Chiyo in den Nachbarsjungen und darbt an unerwiderter Liebe. In „Mond überm Dachfirst“ trauert eine verheiratete junge Mutter ihrem einstigen Herrn nach, dem sie den Haushalt führte und dem sie zur Geliebten wurde. „Eine leere Zikadenhülle“ symbolisiert den Zustand von Yukiko: Nachdem ihr Geliebter in den Tod ging, ist sie dem Wahnsinn verfallen. In „Meister Bitter“ wird O-Cho zum Spielball in einer Intrige, die der Mäzen ihres Bruders strickt. „Ein Schneetag“ handelt wiederum von einer Ich-Erzählerin, die ihre Zukunft ihrer ersten großen Liebe geopfert hat. Einzig in „Am Scheideweg“ ist das Motiv nicht vornehmlich eine unglückliche Liebe eines Mädchens: Hier wird von dem Schirmmacherlehrling Kichi berichtet, der in der Näherin O-Kyo eine einzige Vertraute findet. Doch O-Kyo zieht fort, um Mätresse zu werden.
Wäre „Solange sie ein Kind war“ nicht gewesen, wäre mir Ichiyo Higuchis Bändchen ein bisschen zu eintönig gewesen. Denn das Darben wegen einer unglücklichen Liebe erinnert etwas an romantisierende Kleinmädchenphantasien von der einen, großen Liebe, für die man das Leben gerne opfert. Ausgerechnet die Erzählung über ein Kleinmädchen war dann jedoch das Highlight. Zwar mag auch hier Yoshiwara schön gefärbt werden. Doch gerade hierin lag für mich der exotische Reiz der Erzählung.
Bibliographische Angaben:
Higuchi, Ichiyo: „Mond überm Dachfirst“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stein, Michael), Manesse, Zürich 2008, ISBN 978-3-7175-2162-4
Überhaupt ziehen sich verzweifelte Liebschaften wie ein roter Faden durch Ichiyo Higuchis Erzählungen: In „Kirschblüten in der Finsternis“ verliebt sich Chiyo in den Nachbarsjungen und darbt an unerwiderter Liebe. In „Mond überm Dachfirst“ trauert eine verheiratete junge Mutter ihrem einstigen Herrn nach, dem sie den Haushalt führte und dem sie zur Geliebten wurde. „Eine leere Zikadenhülle“ symbolisiert den Zustand von Yukiko: Nachdem ihr Geliebter in den Tod ging, ist sie dem Wahnsinn verfallen. In „Meister Bitter“ wird O-Cho zum Spielball in einer Intrige, die der Mäzen ihres Bruders strickt. „Ein Schneetag“ handelt wiederum von einer Ich-Erzählerin, die ihre Zukunft ihrer ersten großen Liebe geopfert hat. Einzig in „Am Scheideweg“ ist das Motiv nicht vornehmlich eine unglückliche Liebe eines Mädchens: Hier wird von dem Schirmmacherlehrling Kichi berichtet, der in der Näherin O-Kyo eine einzige Vertraute findet. Doch O-Kyo zieht fort, um Mätresse zu werden.
Wäre „Solange sie ein Kind war“ nicht gewesen, wäre mir Ichiyo Higuchis Bändchen ein bisschen zu eintönig gewesen. Denn das Darben wegen einer unglücklichen Liebe erinnert etwas an romantisierende Kleinmädchenphantasien von der einen, großen Liebe, für die man das Leben gerne opfert. Ausgerechnet die Erzählung über ein Kleinmädchen war dann jedoch das Highlight. Zwar mag auch hier Yoshiwara schön gefärbt werden. Doch gerade hierin lag für mich der exotische Reiz der Erzählung.
Bibliographische Angaben:
Higuchi, Ichiyo: „Mond überm Dachfirst“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stein, Michael), Manesse, Zürich 2008, ISBN 978-3-7175-2162-4
Freitag, 21. Juni 2013
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ herausgegeben von Noboru Miyazaki
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt sieben Erzählungen, die Menschen in extremen, ungewöhnlichen Situationen porträtieren. Der Band beginnt mit Kei Nakazawas „Wohlgehütete Pfirsiche“: Die Protagonistin Mizue ist schwanger – schwanger von ihrem Ex-Freund. Daher möchte sie das Kind nicht austragen, sondern abtreiben. Der Leser begleitet die alleinstehende, junge Frau auf dem Weg zu ihrem Freund, dessen Zustimmung zur Abtreibung sie einholt, in die Arbeit, in der sie den Kollegen einen anderen Grund für ihre baldigen Abwesenheit vorschwindelt, und schließlich in die Klinik zum Eingriff.
Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?
„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…
Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.
Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?
„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).
Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.
Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5
Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?
„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…
Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.
Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?
„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).
Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.
„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.
Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5
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Yuko Tsushima
Mittwoch, 19. Juni 2013
„Träume im Kristall“ von Yasunari Kawabata
Der Erzählband von Yasunari Kawabata präsentiert vier Erzählungen. Er beginnt mit „Träume im Kristall“, einer Erzählung die primär aus direkter Rede und inneren Monologen der namen- und kinderlosen Protagonistin besteht. Die Zutaten sind illuster: Bei ihr, der Tochter eines Gynäkologen und Ehefrau eines Embryologen, hat sich bisher der Kinderwunsch nicht eingestellt. Die Professionen ihres Vaters und ihres Mannes verhöhnen diese Situation geradezu. Damit nicht genug: Die Protagonistin hält sich einen Rüden, der gerne dazu angehalten wird, zu Zuchtzwecken Hündinnen zu besteigen. Besonderen Reiz erhält die Erzählung, durch die Aneinanderreihung von Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit der Protagonistin.
„Der Schatten der älteren Schwester“ ist eine bezaubernde Erzählung aus dem Jahr 1933, die ich ohne weiteres Banana Yoshimoto zugeschrieben hätte, wenn mir der Autor unbekannt gewesen wäre. Yasunari Kawabata schreibt hier eine herzerwärmende Geschichte um die junge, unverheiratet Tsuruko, die verstorbene Schwester, die beste Freundin Sakiko und deren Ehemann. Genau wie bei Banana Yoshimoto wird eine außerordentlich innige Beziehung der Charaktere untereinander porträtiert, aber auch die Einsamkeit Tsurukos.
Etwas bizarr wird es in „Ein Arm“: Nach einem Rendezvous mit dem Ich-Erzähler reagiert eine junge Frau recht vertraulich – sie nimmt ihren Arm ab und gibt ihn dem Protagonisten in Obhut. Der kehrt mit dem Arm nach Hause, unterhält sich mit ihm und erlebt auch weiterhin recht Ungewöhnliches. Hier erinnert die Erzählung eher an Kobo Abe.
„Das Mal auf der Schulter“ sorgt für Streit in der Ehe der Ich-Erzählerin. Selbstvergessen berührt sie gerne ein Muttermal - eine Angewohnheit, die den Ehemann zur Raserei treibt. Erst Gespräche mit der Mutter eröffnen ihr ihre unterschwellige Motivationen für die Berührungen.
Eigentlich mag ich Yasunari Kawabatas Werke nicht sonderlich. Insbesondere die ersten drei Erzählungen in „Träume im Kristall“ haben mich wieder einmal eines Besseren belehrt. Der Band präsentiert eine eindrucksvolle Bandbreite der literarischen Klaviatur, die der Autor beherrscht.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Träume im Kristall“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974
„Der Schatten der älteren Schwester“ ist eine bezaubernde Erzählung aus dem Jahr 1933, die ich ohne weiteres Banana Yoshimoto zugeschrieben hätte, wenn mir der Autor unbekannt gewesen wäre. Yasunari Kawabata schreibt hier eine herzerwärmende Geschichte um die junge, unverheiratet Tsuruko, die verstorbene Schwester, die beste Freundin Sakiko und deren Ehemann. Genau wie bei Banana Yoshimoto wird eine außerordentlich innige Beziehung der Charaktere untereinander porträtiert, aber auch die Einsamkeit Tsurukos.
Etwas bizarr wird es in „Ein Arm“: Nach einem Rendezvous mit dem Ich-Erzähler reagiert eine junge Frau recht vertraulich – sie nimmt ihren Arm ab und gibt ihn dem Protagonisten in Obhut. Der kehrt mit dem Arm nach Hause, unterhält sich mit ihm und erlebt auch weiterhin recht Ungewöhnliches. Hier erinnert die Erzählung eher an Kobo Abe.
„Das Mal auf der Schulter“ sorgt für Streit in der Ehe der Ich-Erzählerin. Selbstvergessen berührt sie gerne ein Muttermal - eine Angewohnheit, die den Ehemann zur Raserei treibt. Erst Gespräche mit der Mutter eröffnen ihr ihre unterschwellige Motivationen für die Berührungen.
Eigentlich mag ich Yasunari Kawabatas Werke nicht sonderlich. Insbesondere die ersten drei Erzählungen in „Träume im Kristall“ haben mich wieder einmal eines Besseren belehrt. Der Band präsentiert eine eindrucksvolle Bandbreite der literarischen Klaviatur, die der Autor beherrscht.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Träume im Kristall“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schaarschmidt, Siegfried), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974
Dienstag, 26. Februar 2013
„Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ von Yasunari Kawabata
Yasunari Kawabatas „Tagebuch eines Sechzehnjärhigen“ enthält drei Erzählungen und zwei Kurzgeschichten („Die Geschichte mit dem Strohhut“ und „Vorwinter“). Den meisten Umfang nimmt nicht die Titel-gebende Erzählung „Tagebuch eines Sechzehnjährigen“ ein, sondern „Die Tänzerinnen“: Zwei Balletttänzerinnen, Mutter und Tochter, Namiko und Shinako stehen hier im Mittelpunkt. Namiko entstammt einer wohlhabenden Familie. Durch ihr Vermögen sichert sie den Lebensstandard, während ihr Ehemann Yagi durch seine Betätigung als Literaturwissenschaftler kaum Geld nach Hause bringt. Vielmehr gibt er mehr aus als nötig und behält sein Gehalt der Familie vor. Wie auch in anderen Familien der Nachkriegsjahre werden hier die althergebrachten Rollenverteilungen von Mann und Frau brüchig – der Mann ist nicht mehr Versorger der Familie. Auch in einem weiteren Punkt weicht Namiko langsam von der ihr zugedachten Rolle ab, als sie sich ihrer Jugendliebe nähert. Namiko beginnt ihr bisheriges Eheleben in Frage zu stellen:
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
„Sind Zurückhaltung, Scham, Folgsamkeit die Kennzeichen der Frau, die an die eisernen Traditionen dieses Landes angeschmiedet war?“ (S. 124)
Wird eine Frauengeneration reichen, die alten Rollenvorstellungen zu durchbrechen?
Ein bisschen gequält habe ich mich mit der Erzählung „Ihre zweite Ehe“. Unter anderem weil ich mit den Protagonisten so überhaupt nicht warm geworden bin und mir die Metaphern, Sinn- und Stimmungsbilder zu viel geworden sind. Auch in „Ihre zweite Ehe“ wird ein Frauenschicksal skizziert, indem der Ich-Erzäher seine Ehe beschreibt: Er hat mit 35 Jahren eine Frau geheiratet, die mit 28 Jahren bereits verwitwet und Mutter zweier Kinder war. Die Kinder hat die Ehefrau bei der Familie ihres verstorbenen ersten Mannes belassen – und gilt daher nicht mehr als legitime Mutter der beiden. Dennoch geht insbesondere die Tochter bald in dem Haushalt des Ich-Erzählers ein und aus. Doch insbesondere als sich die Tochter verheiraten möchte, tun sich einige Probleme auf.
Mit Kommentaren aus zwei späteren Lebensphasen präsentiert Yasunari Kawabata „Das Tagebuch eines Sechzehnjährigen“, der die letzten Tage vor dem Tod seines Großvaters dokumentiert. Der alte Herr bedarf Vollzeitpflege, die entweder der 16-jährige Schüler oder eine hilfsbereite Bauersfrau übernimmt. Für den Teenager ist der Pflegedienst zwar eine schwere Belastung, doch die Erlösung des Alten bedeutet für den Jungen auch den Verlust des letzen Verwandten.
Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tagebuch eins Sechzehnjährigen“, Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11428-3
Sonntag, 27. Januar 2013
„Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ herausgegeben von Eiko Saito
Menschen in der Krise, meist
betroffen vom (nahenden) Tod von Angehörigen und Bekannten, sind das
übergreifende Thema der Erzählungen in „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“.
Relativ harmlos kommt noch Shotaro Yasuokas „Lauf, Tomahawk!“ daher: Der Protagonist wird von einem amerikanischen
Kekshersteller eingeladen, um zusammen mit Journalisten aus aller Welt den
Westen der USA kennen zu lernen. Primär ist die Tour recht langweilig, bis der
Ich-Erzähler seinen Mut auf dem Rücken eines Pferdes beweisen muss.
Keizo Hinos Lieblingsthema – das
der modernen Stadt – steht auch in seiner Erzählung „Eisenzeit“ im Mittelpunkt.
Auf der Suche nach der Botschaft eines kleinen Landes fährt der Protagonist an
Häusern vorbei, in denen er bereits als Student gerne gelebt hätte und stellt
sich seinem einstigen Wunschtraum erneut.
Taku Miki beschreibt „Nachbarn“:
Yoshi ist in die Jahre gekommen und wird von den Jungen in ihrem Viertel „die
Alte“ genannt. Die Jahre sind nach ihrem Einzug in das derzeitige Wohnhaus
vergangen; auch an ihren Nachbarn geht die Zeit nicht unmerklich vorbei – der
Tod klopft mehrmals an die Tür.
„In der Luft“ von Kunie Iwahashi
beginnt mit dem Besuch der Ich-Erzählerin bei einer krebskranken Schulfreundin
und geht über in die Schilderung der Familienverhältnisse der Protagonistin,
die alles andere als innig oder liebevoll sind.
Das „Sternbild des Orions“ (von Akira Yoshimura)
betrachtet Toshio im Planetarium zusammen mit seinem Vater. Dabei lässt die
Toshio die Geschehnisse der letzten Zeit Revue passieren: Seine Mutter hatte
die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen und bald darauf Selbstmord begangen.
Sein Vater verzweifelt an der Situation.
Haruki Murakamis „Glühwürmchen“ ist
die Kurzfassung seines Romans „Naokos Lächeln“: Der Ich-Erzähler ist Student
und trifft die Freundin seines Kumpans wieder, der als Teenager Selbstmord
begangen hatte. Die beiden nähern sich an, doch ein Happy End ist ihnen
nicht vergönnt.
„Das Trauerfeld“ von Yoshikichi Furui ist mein Highlight in dem Erzählband: Ein Freund des Ich-Erzählers
verschwindet für eine Woche, nachdem ihm unheilbarer Krebs attestiert wurde. Er
taucht bei einer Frau unter und führt sich gar seltsam auf.
Ein bisschen abstrus wird es in
Mizuko Masudas „Blumen“: Yuki ist eine Eigenbrötlerin und kann sich in der
modernen Arbeitswelt nicht zu Recht finden. Der Wirt Ariga, ebenfalls nicht
gerade besonders mitteilsam, gibt der jungen Frau nicht nur einen Job, sondern
besorgt ihr auch eine Wohnung. Ob die beiden eine gemeinsame Chance haben?
Kurz vor dem Alter von
„Einhundert“ steht der Vater des Protagonisten in Takehiro Irokawas Erzählung.
Der Ich-Erzähler hält sich am liebsten von seinem Vater fern – ist er doch ein
alter Choleriker und hat seit jeher seine Brutalität an den
Familienmitgliedern ausgelassen. Doch als seine Mutter ins Krankenhaus
eingeliefert ist, muss der Protagonist die Stellung im elterlichen Haushalt
halten und sich mit seinem Vater auseinander setzen.
„Lebenstage“ werden Akira Abes
Erzählung thematisiert: Erinnerungen an Tage, die sich Kindern für immer ins
Gedächtnis prägen und sie bis ans Ende ihres Lebens begleiten werden.
„Die Pistole“ des Vaters liegt
seit dessen Tod im Haushalt der Mutter. Tetsuo Miuras Protagonist muss sich um
seine Mutter kümmern, die die Sorge um die illegale Waffe quält.
„Das Baumpflanzfest“ ist in
Shuichiro Konos Erzählung die Gelegenheit für Shiotsu, seiner Wut über den Tod
seines Vaters in einem Gefängnis Luft zu machen.
„Erkundungen – 12 Erzähler aus
Japan“ hält ein interessantes Spektrum an Erzählungen bereit, teilweise
illuster, teilweise tragisch, teilweise phantasievoll, teilweise alltäglich –
jedoch immer nachdenklich.
Bibliographische Angaben:
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
Saito, Eiko: „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“, Volk und Welt, Berlin 1992, ISBN 3-353-00880-2
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Tetsuo Miura,
Tod,
Yoshikichi Furui
Samstag, 12. Januar 2013
„Die Erfindung des R62“ von Kobo Abe
Ein Mann, der glaubt, vom Mars zu stammen, eine Marsianerin, die glaubt, von der Erde zu stammen – das sind unter anderem die Zutaten für Kobo Abes Erzählung „Menschengleich“ im Band „Die Erfindung des R26“. Wie lässt sich unumstößlich feststellen, woher man stammt, wo Verrücktheit beginnt? Die Erzählung, die primär aus Dialogen und Wortgefechten besteht, führt auf ein unvermutetes Ende hin.
Auch „Biographie einer Nixe“ hält einige Überraschungen für den Leser bereit: Der Ich-Erzähler, der unter einer „Grün-Erethisie“ leidet, erzählt von seinem Leidensweg. Bei einem Tauchgang entdeckt er in einem Schiffswrack eine unerwartete Lebensform. Eine Nixe wurde in dem Wrack eingeschlossen und hat sich des Überlebens willen von den Leichen der ertrunkenen Matrosen ernährt. Der Ich-Erzähler ist von der Nixe völlig bezaubert und lässt nichts ununternommen, die Nixe im Geheimen in seinem Badezimmer unterzubringen. Doch der Hunger auf Fleisch bringt den Ich-Erzähler nicht nur an den Rand des finanziellen Ruins.
Mit einem grünen Phänomen kämpft auch der Protagonist von „Das Ei aus Blei“. In diesem Ei, einer Zeitkapsel, wollte ein Wissenschaftler einige Jahre im Tiefschlaf verbringen, um Jahrzehnte später seinen Nachkommen zu begegnen. Durch einen technischen Fehler der Zeiterfassung werden aus den Jahrzehnten einige hunderttausend Jahre. Gar seltsame Wesen sind die Neuzeitmenschen, die ihn, den Altzeitmenschen, als recht barbarisch betrachten.
Ein Selbstmordkandidat wird überredet, sich für einen besonderen Tod zu entscheiden – damit beginnt „Die Erfindung des R62“. R steht für Roboter, die die Misere mit unzufriedenen Arbeitern lösen und als billige, willfährige Arbeitskräfte herhalten sollen. Daher wird der Selbstmordkandidat kurzerhand zum Roboter umfunktioniert. Ob so ein Roboter eigenständig und in den Augen der Menschen vernünftig handeln kann?
Kobo Abe erzählt mit einem Augenzwinkern fantastische (Science Fiction-)Geschichten, die sich um Männer ranken, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Hat Spaß gemacht!
Bibliographische Angaben:
Abe, Kobo: „Die Erfindung des R62“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39059-7
Auch „Biographie einer Nixe“ hält einige Überraschungen für den Leser bereit: Der Ich-Erzähler, der unter einer „Grün-Erethisie“ leidet, erzählt von seinem Leidensweg. Bei einem Tauchgang entdeckt er in einem Schiffswrack eine unerwartete Lebensform. Eine Nixe wurde in dem Wrack eingeschlossen und hat sich des Überlebens willen von den Leichen der ertrunkenen Matrosen ernährt. Der Ich-Erzähler ist von der Nixe völlig bezaubert und lässt nichts ununternommen, die Nixe im Geheimen in seinem Badezimmer unterzubringen. Doch der Hunger auf Fleisch bringt den Ich-Erzähler nicht nur an den Rand des finanziellen Ruins.
Mit einem grünen Phänomen kämpft auch der Protagonist von „Das Ei aus Blei“. In diesem Ei, einer Zeitkapsel, wollte ein Wissenschaftler einige Jahre im Tiefschlaf verbringen, um Jahrzehnte später seinen Nachkommen zu begegnen. Durch einen technischen Fehler der Zeiterfassung werden aus den Jahrzehnten einige hunderttausend Jahre. Gar seltsame Wesen sind die Neuzeitmenschen, die ihn, den Altzeitmenschen, als recht barbarisch betrachten.
Ein Selbstmordkandidat wird überredet, sich für einen besonderen Tod zu entscheiden – damit beginnt „Die Erfindung des R62“. R steht für Roboter, die die Misere mit unzufriedenen Arbeitern lösen und als billige, willfährige Arbeitskräfte herhalten sollen. Daher wird der Selbstmordkandidat kurzerhand zum Roboter umfunktioniert. Ob so ein Roboter eigenständig und in den Augen der Menschen vernünftig handeln kann?
Kobo Abe erzählt mit einem Augenzwinkern fantastische (Science Fiction-)Geschichten, die sich um Männer ranken, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Hat Spaß gemacht!
Bibliographische Angaben:
Abe, Kobo: „Die Erfindung des R62“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39059-7
Freitag, 4. Januar 2013
„Erinnerung an Yamashina“ von Naoya Shiga
„Erinnerung an Yamashina“ präsentiert 24 Erzählungen und Kurzgeschichten von Naoya Shiga. Die chronologisch geordneten Werke beginnen mit „Bis Abashiri“ aus dem Jahr 1910, das in der Erstausgabe der Literaturzeitschrift Shirakaba erschien, und enden mit „Die Aralie mit den achtfingrigen Blättern", in dem Naoya Shiga 1957 als 74-Jähriger über sein Leben als Literat sinniert:
Unter den frühen Werken, die im Sinne der Shirakaba-Bewegung die Befreiung des Individuums und Entfaltung der Persönlichkeit thematisieren, nimmt „Das Verbrechen des Han“ eine besondere Stellung ein: Ein chinesisch-stämmiger Zirkusartist tötet während seines Auftritts mit einer Messer-Vorführung seine Partnerin und Ehefrau. Ob die Tat bewusst, unbewusst oder dem Zufall geschuldet ausgeführt wurde, kann Han selbst nicht beurteilen. Auf die japanische Jugend, weiß Edith Rau im Nachwort zu berichten, wirkte die Erzählung wie ein Aufruf zur Auflehnung, bevor man im Mief des Alltags ersticken würde.
1917 scheint Shigas Versöhnung mit seinem Vater Auswirkungen auf sein Sujet gehabt zu haben: Die Themen werden harmonischer. Dennoch werden auch weiterhin vor allem grundlegend menschliche Gefühle wie Liebe, Einsamkeit und die Angst vor dem Tod thematisiert. Da Shiga, der der japanischen Tradition der Ich-Erzählung treu war und daher primär eigene Erfahrungen literarisch umsetzte, darf man annehmen, dass eine Ehefrau keinen Spaß mit ihm hatte: Der einen oder anderen Geisha scheint er verfallen zu sein und sich diverse außereheliche Affären geleistet zu haben – so zumindest die Protagonisten einiger seiner Erzählungen.
Bibliographische Angaben:
Shiga, Naoya: „Erinnerung an Yamashina“, Volk & Welt, Berlin 1986
„Im Gegenteil, in den letzten Jahren war ich manchmal nahe dran, zu sagen: ‚Ich bin doch nicht auf dieser Welt, um Romane zu schreiben.’ Mir ist es ernst, wenn ich feststelle, dass ich aus purem Zufall Romane geschrieben habe, eben weil ich nun einmal am Leben bin, und nicht umgekehrt. In erster Linie kommt es doch darauf an, das einem nur ein einziges Mal gegebene Leben gut zu leben, wohingegen es mir nebensächlich erscheint, dass ich währenddessen Romane geschrieben habe.“ (S. 303f.)
Unter den frühen Werken, die im Sinne der Shirakaba-Bewegung die Befreiung des Individuums und Entfaltung der Persönlichkeit thematisieren, nimmt „Das Verbrechen des Han“ eine besondere Stellung ein: Ein chinesisch-stämmiger Zirkusartist tötet während seines Auftritts mit einer Messer-Vorführung seine Partnerin und Ehefrau. Ob die Tat bewusst, unbewusst oder dem Zufall geschuldet ausgeführt wurde, kann Han selbst nicht beurteilen. Auf die japanische Jugend, weiß Edith Rau im Nachwort zu berichten, wirkte die Erzählung wie ein Aufruf zur Auflehnung, bevor man im Mief des Alltags ersticken würde.
1917 scheint Shigas Versöhnung mit seinem Vater Auswirkungen auf sein Sujet gehabt zu haben: Die Themen werden harmonischer. Dennoch werden auch weiterhin vor allem grundlegend menschliche Gefühle wie Liebe, Einsamkeit und die Angst vor dem Tod thematisiert. Da Shiga, der der japanischen Tradition der Ich-Erzählung treu war und daher primär eigene Erfahrungen literarisch umsetzte, darf man annehmen, dass eine Ehefrau keinen Spaß mit ihm hatte: Der einen oder anderen Geisha scheint er verfallen zu sein und sich diverse außereheliche Affären geleistet zu haben – so zumindest die Protagonisten einiger seiner Erzählungen.
Bibliographische Angaben:
Shiga, Naoya: „Erinnerung an Yamashina“, Volk & Welt, Berlin 1986
Sonntag, 2. Dezember 2012
„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering
„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.
„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.
Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.
„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.
In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.
„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.
In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.
Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.
Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.
„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4
„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.
Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.
„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.
In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.
„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.
In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.
Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.
Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.
„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.
Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4
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Samstag, 17. November 2012
„Der Fälscher“ von Yasushi Inoue
„Der Fälscher“ enthält vier Erzählungen Yasushi Inoues, geprägt von leisem Ton und der Tragik zwischenmenschlicher Beziehungen.
„Der Fälscher“ handelt vom Scheitern des Hara Hosen. Eigentlich ein guter Maler entdeckt er am Werk des Künstlers Onuki seine eigene Unperfektion. Und verlegt sich aufs Fälschen von Onukis Bildern anstatt selbst originäre Kunstwerke zu schaffen. Doch lange kann er seine Machenschaften nicht geheim halten. Als er auffliegt, beginnt er die Herstellung von illegalen Feuerwerkskörpern. Der Lebensweg des Hara Hosen wird von dem dem Ich-Erzähler und Journalisten nach verfolgt, der eigentlich beauftragt worden ist, Onukis Biographie zu verfassen. Das tragische Schicksal des Hara Hosen fesselt ihn weit mehr, als die glänzende Karriere des etablierten Malers:
„Der Vulkan“ steht kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem begibt sich ein Landvermesser mit seiner Truppe in die gefährliche Gegend. Unterwegs trifft die Gruppe auf ein Pärchen, das wohl auf dem Weg ist, in den Doppelselbstmord aus Liebe zu gehen. Die Naturkatastrophe wird zahlreiche Opfer finden.
Um Kindheitserinnerungen geht es in „Schilf“. Langsam kommt der Erzähler seiner jung verstorbenen Tante, dem schwarzen Schaf der Familie, näher, indem er Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren sucht. Und so kommt er der Tante und der Tragik ihres Lebens näher.
Der Tod von zwei Tieren steht wie eine Metapher für die Beziehung von Kitora und seiner Cousine Ritsuko in der Erzählung „Die Singdrossel“. Kitora tötet einen Fisch auf archaische Weise – bevor er mit seiner Cousine schläft. Und Ritsuko gibt einer Singdrossel im Todeskampf den Gnadenstoß – und beendet damit die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Beziehung.
Wer spannende Handlung liebt, der sollte die Finger von Yasushi Inoues „Der Fälscher“ lassen. Die Erzählungen sind nachdenklich, teilweise analytisch, oftmals mit Metaphern gespickt. Yasushi Inoue, der als Meister der Darstellung von menschlichen Beziehungen gilt, zeichnet mit den Geschichten in „Der Fälscher“ auf verschiedenste Weise tragische Schicksale auf.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Fälscher“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig, 1999, ISBN 3-458-16941-5
„Der Fälscher“ handelt vom Scheitern des Hara Hosen. Eigentlich ein guter Maler entdeckt er am Werk des Künstlers Onuki seine eigene Unperfektion. Und verlegt sich aufs Fälschen von Onukis Bildern anstatt selbst originäre Kunstwerke zu schaffen. Doch lange kann er seine Machenschaften nicht geheim halten. Als er auffliegt, beginnt er die Herstellung von illegalen Feuerwerkskörpern. Der Lebensweg des Hara Hosen wird von dem dem Ich-Erzähler und Journalisten nach verfolgt, der eigentlich beauftragt worden ist, Onukis Biographie zu verfassen. Das tragische Schicksal des Hara Hosen fesselt ihn weit mehr, als die glänzende Karriere des etablierten Malers:
„ich sah darin die Tragik des Lebens eines durchschnittlichen Menschen, der durch den Kontakt mit einem Genie von dessen Gewicht erdrückt wurde und sich selbst verzehrt hat.“ (S. 119)
„Der Vulkan“ steht kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem begibt sich ein Landvermesser mit seiner Truppe in die gefährliche Gegend. Unterwegs trifft die Gruppe auf ein Pärchen, das wohl auf dem Weg ist, in den Doppelselbstmord aus Liebe zu gehen. Die Naturkatastrophe wird zahlreiche Opfer finden.
Um Kindheitserinnerungen geht es in „Schilf“. Langsam kommt der Erzähler seiner jung verstorbenen Tante, dem schwarzen Schaf der Familie, näher, indem er Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren sucht. Und so kommt er der Tante und der Tragik ihres Lebens näher.
Der Tod von zwei Tieren steht wie eine Metapher für die Beziehung von Kitora und seiner Cousine Ritsuko in der Erzählung „Die Singdrossel“. Kitora tötet einen Fisch auf archaische Weise – bevor er mit seiner Cousine schläft. Und Ritsuko gibt einer Singdrossel im Todeskampf den Gnadenstoß – und beendet damit die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Beziehung.
Wer spannende Handlung liebt, der sollte die Finger von Yasushi Inoues „Der Fälscher“ lassen. Die Erzählungen sind nachdenklich, teilweise analytisch, oftmals mit Metaphern gespickt. Yasushi Inoue, der als Meister der Darstellung von menschlichen Beziehungen gilt, zeichnet mit den Geschichten in „Der Fälscher“ auf verschiedenste Weise tragische Schicksale auf.
Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Fälscher“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig, 1999, ISBN 3-458-16941-5
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Mittwoch, 7. November 2012
„Chrysanthemen-Ball“ von Ryunosuke Akutagawa
Ryunosuke Akutagawa entführt mit seinen Erzählungen im Band „Chrysanthemen-Ball“ zum Teil in ein exotisches Japan der Vormoderne. Die längste Erzählung und sicherlich Highlight des Bandes „Die Qualen der Hölle“ (identisch mit „Der Höllenschirm“ in „Drachen und tote Gesichter“) spielt am Hof eines Fürsten: Yoshihide ist ein besonders eigensinniger Maler, der vom Fürsten beauftragt wird, einen Wandschirm mit einer Darstellung der Hölle zu bemalen. Yoshihide kann jedoch nur malen, was er in Realität gesehen hat. So hat er bereits verwesende Leichen am Objekt studiert und skizziert. Seine Assistenten müssen einige Grausamkeiten erleiden, damit Yoshihide ein naturgetreues Modell zu sehen bekommt. Währenddessen weilt seine Tochter am Hof des Fürsten und bezaubert mit ihrem Wesen und ihrer Schönheit. Als Yoshihide jedoch eine Schaffenskrise erleidet, wird auch die Harmonie am Hof gestört.
Auch „Die Pfeife“ spielt in adeligen Kreisen. Der Feudalherr Narihiro ist besonders stolz auf seine goldene Pfeife, die ihm die Samurai sehr neiden. Zwei der Samurai setzen sich zum Ziel, Narihiro die Pfeife abzuluchsen.
„Die Nase“, eine Erzählung, die unter Anleitung von Soseki Natsume entstand, schildert mit Augenzwinkern das Schicksal eines Abtes, der unter seiner ganz besonders langen Nase leidet.
In der Moderne spielen die Erzählungen und Kurzgeschichten „Apfelsinen“, „Der Chrysanthemen-Ball“, „Professor Mori“ und „Der Verdacht“.
„Apfelsinen“ illustriert eine Eisenbahnfahrt des Ich-Erzählers. Eine junge Landpomeranze verirrt sich von der dritten in die zweite Klasse und ärgert den Protagonisten mit ihrem Verhalten – zunächst…
„Der Chrysanthemen-Ball“ ist der erste Ball europäischer Art für die junge Aiko. Ein Franzose ist sehr verzaubert von der japanischen Schönheit und wird ihr ein Denkmal setzen.
An „Professor Mori“ erinnert sich der Ich-Erzähler: Sein alter, unfähiger Englischlehrer, der einfach nicht vom Unterrichten lassen kann.
In „Der Verdacht“ erhält der Ich-Erzähler einen seltsamen Besuch: Ein Mann will sich das Herz erleichtert, indem er von seinem Schicksal berichtet. Während eines Erdbebens wurde seine Ehefrau unter einem Hausbalken begraben. Unfähig, sie aus den brennenden Trümmern zu befreien, schlägt er sie lieber tot, als sie einen Tod im Feuer erleiden zu sehen. Doch die Schuldgefühle rauben ihm fast den Verstand.
Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Chrysanthemen-Ball“, Nymphenburger, München 1964
Auch „Die Pfeife“ spielt in adeligen Kreisen. Der Feudalherr Narihiro ist besonders stolz auf seine goldene Pfeife, die ihm die Samurai sehr neiden. Zwei der Samurai setzen sich zum Ziel, Narihiro die Pfeife abzuluchsen.
„Die Nase“, eine Erzählung, die unter Anleitung von Soseki Natsume entstand, schildert mit Augenzwinkern das Schicksal eines Abtes, der unter seiner ganz besonders langen Nase leidet.
In der Moderne spielen die Erzählungen und Kurzgeschichten „Apfelsinen“, „Der Chrysanthemen-Ball“, „Professor Mori“ und „Der Verdacht“.
„Apfelsinen“ illustriert eine Eisenbahnfahrt des Ich-Erzählers. Eine junge Landpomeranze verirrt sich von der dritten in die zweite Klasse und ärgert den Protagonisten mit ihrem Verhalten – zunächst…
„Der Chrysanthemen-Ball“ ist der erste Ball europäischer Art für die junge Aiko. Ein Franzose ist sehr verzaubert von der japanischen Schönheit und wird ihr ein Denkmal setzen.
An „Professor Mori“ erinnert sich der Ich-Erzähler: Sein alter, unfähiger Englischlehrer, der einfach nicht vom Unterrichten lassen kann.
In „Der Verdacht“ erhält der Ich-Erzähler einen seltsamen Besuch: Ein Mann will sich das Herz erleichtert, indem er von seinem Schicksal berichtet. Während eines Erdbebens wurde seine Ehefrau unter einem Hausbalken begraben. Unfähig, sie aus den brennenden Trümmern zu befreien, schlägt er sie lieber tot, als sie einen Tod im Feuer erleiden zu sehen. Doch die Schuldgefühle rauben ihm fast den Verstand.
Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Chrysanthemen-Ball“, Nymphenburger, München 1964
Sonntag, 28. Oktober 2012
„Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ herausgegeben von Stephan Köhn
„Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ enthält 15 Erzählungen unterschiedlichster Autoren, deren Werke bisher (fast) nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das Spektrum reicht von Science-Fiction über Kriminalgeschichten, Familienporträts bis hin zu einfach schrägen Erzählungen. Letzteres gilt für mein persönliches Highlight dieses Bandes: „Kullerauges Rachefeldzug – gnadenlos und unerbittlich“ von Kenji Otsuki ist die herrlich komisch erzählte Geschichte um ein gehänseltes Mädchen namens Michiko aka Kullerauge. Ihre Mutter hat Selbstmord begangen, ihr Vater ist über das Drama ausgetickt und glaubt an eine Weltverschwörung von bizarrem Ausmaß:
Dummerweise wird der Vater, als er im Wahn mit einer Lanze herumfuchtelt, von der Polizei erschossen. Michiko wird zum Opfer der übelsten Hänseleien – doch sie schwört Rache in einer besonders heimtückischen Form…
Auch in Yoko Yamaguchis „Kirschblüten-Tintenfisch“ geht es etwas abstrus zu. Da kommt der Ehemann ins Zimmer der Ehefrau und findet einen Studenten in deren Bett – offensichtlich der Liebhaber seiner Frau. Der Student zeigt ihm ganz neue Charakterzüge der Ehefrau auf.
„Die Wachsleiche“ von Masaki Yamada reiht sich direkt ins Abstrusitäten-Kabinett ein: Step-by-step verschwinden alle Verwandten aus dem Leben des Ich-Erzählers. Sie verpuffen regelrecht. Als er in die Wohnung, in der er aufgewachsen ist, zurückkehrt, findet er ein Heimatgefühl an einem recht absonderlichen Ort – und in absonderlicher Begleitung.
Die Protagonistin in Shungiku Uchidas „Schritte in der Nacht“ wird von seltsamen Träumen gequält: Einmal verspürt sie unglaubliche Lust, ihren eigenen Fuß abzutrennen und zu verspeisen. Ein anderes Mal wird ihr zum Snack das Bein eines Fremden gereicht, das ihr besser als Hühnchen schmeckt. Ob dies mit Veränderungen ihres eigenen Körpers zu tun hat?
Gespenstisch geht es in Senji Kurois „Eine Tür im Haus“ zu. In einem Haus, das nur mit Schiebetüren versehen ist, erklingt öfters das Geräusch eines europäischen Türscharniers. Wird mit der Tür etwas ein- oder ausgesperrt?
Einen Blick hinter eine familiäre Tragödie gewährt Ryuichiro Utsumis „Rückkehr in die Heimat“. Jahrzehntelang ist der Familienvater nicht an seinen Geburtsort zurückgekehrt. Weder seine Ehefrau noch seine Söhne haben die dort lebende Großmutter oder den Onkel je kennen gelernt. Als nun doch der Heimatbesuch ansteht, werden die Gründe für das Fortbleiben offenbar.
Eine weitere Katastrophe geschieht in „Die Mondsichel“ von Seiko Tanabe: Ein Erdbeben. Glücklicherweise übersteht ein Ehepaar in den 60ern das Beben körperlich unversehrt. Doch die Ehefrau kann es ihrem Ehemann nicht verzeihen, sich allein in Sicherheit gebracht zu haben, ohne sich um sie gekümmert zu haben.
Auch in „Das Liebesnest“ von Takashi Atoda wird das Eheleben eines Paares skizziert. Kurz nach der Heirat verbringt das paar glückliche Jahre in der Provinz. Zurück in Tokio beginnt die Ehefrau erneut zu arbeiten, etabliert ihre Unabhängigkeit und distanziert sich damit vom Ehemann.
Auch die Ehe von Tsuruko in Tsumao Awasakas Erzählung steht leider unter keinem günstigen Stern. Der Ehemann stirbt bei einem Tauchunfall. „Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ verwundern ihre Bekannten: Tsuruko wird immer schöner, je öfter ein Schicksalsschlag eintritt.
Um einen Film und einen gealterten Zeichner homoerotischer Illustrationen geht es in „Der Fluss“ in Hiroko Minakawas Erzählung, die genauso konstant fließt wie ein Fluss. Hier mag weniger die Handlung, aber mehr die Erzählstruktur bezaubern.
Amüsant wird es in Misa Yamamuras „Angestellte im Greisenalter“ – eine Autorin beschäftigt eine alte Dame, die immer verwirrter wird und im Haushalt einigen Unfug anstellt.
Umso tragischer ist das Schicksal eines Angestellten in „Die Eidechse auf der Palme“ von Kaoru Takamura. Im Ausland wird er Opfer eines Rebellenangriffs.
Shinichi Hoshis Protagonist wird von seinem Chef gequält – und „Der Quälgeist“ von Chef will dazu auch einfach nicht sterben.
Eine Kostprobe japanischer Science Fiction-Literatur gibt Hiroyuki Moriokas „Ein richtiges Kind“: Dieses Kind ist die Attraktion einer Schule – ist es doch das einzig richtige Kind, das dort unterrichtet wird. Die anderen Schüler sind Erwachsene, die in die Körper von Kindern schlüpfen, um als Entertainment erneut die Schulbank zu drücken.
„Von Herrchen und Tierchen“ handelt die Science Fiction-Erzählung von Yusaku Kitano: Dem Erzähler läuft ein putziges Haustierchen zu, dem er fortan sein Leben verschreibt.
„Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ bietet damit ein vielfältiges Panoptikum japanischer Unterhaltungsliteratur, das einerseits Spaß macht, andererseits aber auch zum Nachdenken anregt. Stephan Köhn präsentiert eine tolle Auswahl an in Deutschland eher unbekannten Autoren, von denen hoffentlich noch das eine oder andere Werk übersetzt wird.
Bibliographische Angaben:
Köhn, Stephan (Hrsg.): „Die drei Metamorphosen der Tsuruko“, Iudicium, München 2002, ISBN 3-89129-085-3
„Das waren die Regierung und das konspirative Pack, das hinter deren Rücken ihr Unwesen treibt! Juden, Freemason, der CIA, der Rockefeller-Konzern, dazu noch die Klingonen und zu guter Letzt… Michael Jackson.“ (S. 177)
Dummerweise wird der Vater, als er im Wahn mit einer Lanze herumfuchtelt, von der Polizei erschossen. Michiko wird zum Opfer der übelsten Hänseleien – doch sie schwört Rache in einer besonders heimtückischen Form…
Auch in Yoko Yamaguchis „Kirschblüten-Tintenfisch“ geht es etwas abstrus zu. Da kommt der Ehemann ins Zimmer der Ehefrau und findet einen Studenten in deren Bett – offensichtlich der Liebhaber seiner Frau. Der Student zeigt ihm ganz neue Charakterzüge der Ehefrau auf.
„Die Wachsleiche“ von Masaki Yamada reiht sich direkt ins Abstrusitäten-Kabinett ein: Step-by-step verschwinden alle Verwandten aus dem Leben des Ich-Erzählers. Sie verpuffen regelrecht. Als er in die Wohnung, in der er aufgewachsen ist, zurückkehrt, findet er ein Heimatgefühl an einem recht absonderlichen Ort – und in absonderlicher Begleitung.
Die Protagonistin in Shungiku Uchidas „Schritte in der Nacht“ wird von seltsamen Träumen gequält: Einmal verspürt sie unglaubliche Lust, ihren eigenen Fuß abzutrennen und zu verspeisen. Ein anderes Mal wird ihr zum Snack das Bein eines Fremden gereicht, das ihr besser als Hühnchen schmeckt. Ob dies mit Veränderungen ihres eigenen Körpers zu tun hat?
Gespenstisch geht es in Senji Kurois „Eine Tür im Haus“ zu. In einem Haus, das nur mit Schiebetüren versehen ist, erklingt öfters das Geräusch eines europäischen Türscharniers. Wird mit der Tür etwas ein- oder ausgesperrt?
Einen Blick hinter eine familiäre Tragödie gewährt Ryuichiro Utsumis „Rückkehr in die Heimat“. Jahrzehntelang ist der Familienvater nicht an seinen Geburtsort zurückgekehrt. Weder seine Ehefrau noch seine Söhne haben die dort lebende Großmutter oder den Onkel je kennen gelernt. Als nun doch der Heimatbesuch ansteht, werden die Gründe für das Fortbleiben offenbar.
Eine weitere Katastrophe geschieht in „Die Mondsichel“ von Seiko Tanabe: Ein Erdbeben. Glücklicherweise übersteht ein Ehepaar in den 60ern das Beben körperlich unversehrt. Doch die Ehefrau kann es ihrem Ehemann nicht verzeihen, sich allein in Sicherheit gebracht zu haben, ohne sich um sie gekümmert zu haben.
Auch in „Das Liebesnest“ von Takashi Atoda wird das Eheleben eines Paares skizziert. Kurz nach der Heirat verbringt das paar glückliche Jahre in der Provinz. Zurück in Tokio beginnt die Ehefrau erneut zu arbeiten, etabliert ihre Unabhängigkeit und distanziert sich damit vom Ehemann.
Auch die Ehe von Tsuruko in Tsumao Awasakas Erzählung steht leider unter keinem günstigen Stern. Der Ehemann stirbt bei einem Tauchunfall. „Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ verwundern ihre Bekannten: Tsuruko wird immer schöner, je öfter ein Schicksalsschlag eintritt.
Um einen Film und einen gealterten Zeichner homoerotischer Illustrationen geht es in „Der Fluss“ in Hiroko Minakawas Erzählung, die genauso konstant fließt wie ein Fluss. Hier mag weniger die Handlung, aber mehr die Erzählstruktur bezaubern.
Amüsant wird es in Misa Yamamuras „Angestellte im Greisenalter“ – eine Autorin beschäftigt eine alte Dame, die immer verwirrter wird und im Haushalt einigen Unfug anstellt.
Umso tragischer ist das Schicksal eines Angestellten in „Die Eidechse auf der Palme“ von Kaoru Takamura. Im Ausland wird er Opfer eines Rebellenangriffs.
Shinichi Hoshis Protagonist wird von seinem Chef gequält – und „Der Quälgeist“ von Chef will dazu auch einfach nicht sterben.
Eine Kostprobe japanischer Science Fiction-Literatur gibt Hiroyuki Moriokas „Ein richtiges Kind“: Dieses Kind ist die Attraktion einer Schule – ist es doch das einzig richtige Kind, das dort unterrichtet wird. Die anderen Schüler sind Erwachsene, die in die Körper von Kindern schlüpfen, um als Entertainment erneut die Schulbank zu drücken.
„Von Herrchen und Tierchen“ handelt die Science Fiction-Erzählung von Yusaku Kitano: Dem Erzähler läuft ein putziges Haustierchen zu, dem er fortan sein Leben verschreibt.
„Die drei Metamorphosen der Tsuruko“ bietet damit ein vielfältiges Panoptikum japanischer Unterhaltungsliteratur, das einerseits Spaß macht, andererseits aber auch zum Nachdenken anregt. Stephan Köhn präsentiert eine tolle Auswahl an in Deutschland eher unbekannten Autoren, von denen hoffentlich noch das eine oder andere Werk übersetzt wird.
Bibliographische Angaben:
Köhn, Stephan (Hrsg.): „Die drei Metamorphosen der Tsuruko“, Iudicium, München 2002, ISBN 3-89129-085-3
Labels:
Erzählungen,
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Masaki Yamada,
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Ryuichiro Utsumi,
Seiko Tanabe,
Senji Kuroi,
Shinichi Hoshi,
Shungiku Uchida,
Takashi Atoda,
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