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Sonntag, 21. September 2014

Mieko Kanai

Mieko Kanai erblickte 1947 in Takasaki, in der Präfektur Gumma, das Licht der Welt. 1966 schloss sie die Oberschule ihres Geburtsorts ab. Statt einen höheren Bildungsgrad anzustreben, widmete sich Mieko Kanai dem Schreiben. 1967 wurde sie für den Osamu Dazai-Literaturpreis nominiert, wurde jedoch nur Zweitplatzierte. Ihre Erzählung wurde dennoch in einer bekannten Literaturzeitschrift publiziert. 1968 Jahr erhielt sie einen Poesie-Preis. 1970 wurde Mieko Kanai für den Akutagawa-Preis nominiert. 1979 erhielt sie den Izumi Kyoka-Literaturpreis. 1985 publizierte Mieko Kanai ihren ersten Roman.

Eines ihrer Hauptmotive ist „der imaginierte Andere“: Der Ich-Erzähler muss sich gegen eine andere Person behaupten, der den Wirklichkeitsanspruch des Erzählers bedroht.

Die Autorin und Kritikerin Mieko Kanai lebt eher zurückgezogen in Tokio.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen:
  • Platonische Liebe (in „Japan erzählt“)

Freitag, 12. September 2014

„Stille Tage“ von Kenzaburo Oe

„Stille Tage“, ein zurückgezogenes Leben zusammen mit einem potenziellen Ehemann und ihrem behinderten Bruder I-Ah möchte Kenzaburo Oes Protagonistin Ma-chan am liebsten leben. Doch ihr Vater K. befindet sich gerade in einer Lebenskrise und braucht Luftveränderung. Daher bricht er zusammen mit seiner Frau in die USA auf. I-Ah bleibt in der Obhut der Studentin Ma-chan. Der jüngste Sohn O-chan lernt währenddessen fleißig für Aufnahmeprüfung an der Universität und überlässt die Hausarbeit als auch die Betreuung von I-Ah Ma-chan.

Hinter K. steckt freilich der Autor Kenzaburo Oe selbst. I-Ah ist nur ein Spitzname, Hikari heißt der Charakter offiziell und daher genauso wie Kenzaburo Oes behinderter Sohn. Aus der Ich-Perspektive lässt Kenzaburo Oe seine Tochter über die Zeit berichten, die seine Kinder allein in Japan verbringen. So begleitet Ma-chan I-Ah zur Behindertenwerkstatt, zu seinem Klavierlehrer und zum Schwimmunterricht. Gemeinsam fahren die beiden Geschwister aufs Land, um ihren Vater bei der Beerdigung seines älteren Bruders zu vertreten.

Hinzu kommen Themen, die man neben dem biographischen Schwerpunkt des behinderten Sohnes ebenfalls aus anderen Kenzaburo Oe-Romanen kennt: Auch in „Stille Tage“ wird gern über Literatur (wieder mal am Start ist der unvermeidliche Yates, aber auch Blake, Celine und Ende) philosophiert. Der Deutung des Films „Stalker“ von Tarkowski wird fast ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem Ma-chan unter anderem Parallelen zwischen einer Filmfigur und ihrem Bruder I-Ah thematisiert. Dann ist da freilich die Krise des K., ein zurückliegender Skandal und eine daraus entstandene Feindschaft, wegen der der Roman gegen Ende hin noch etwas Fahrt aufnimmt.

Etwas nervig wirkt in „Stille Tage“ das reichlich überstrapazierte Stilmittel, Worte kursiv zu setzen. Wird über K.s Krise gesprochen, wird der Begriff kursiv gesetzt. Wird über O-chan gesprochen, wird dessen Lieblingswendung „für alle Fälle“ an jeder noch halbwegs passenden Stelle kursiv eingeschoben. Das mag vielleicht noch ein netter Einfall sein, denn K. kennzeichnet gerade die Krise, der patente O-chan ist für alle Fälle gewappnet. Aber auch bei trivialen Aussagen wird die Kursivsetzung immer wieder angewendet, wie z.B. hier:

„Dieser Badeanzug hätte – zu[.] einer Zeit, in der so etwas modern war, und am rechten Ort getragen – bestimmt hervorragend ausgesehen.“ (S. 191)

Insgesamt wirkt die Tonalität des Romans etwas unpassend für eine junge Studentin. Sie ist von einer intellektuellen Schwere, die eher zu dem krisengebeutelten K. passen würde. Dadurch kann man sich mit der Ich-Erzählerin nicht sonderlich anfreunden. I-Ah dagegen erscheint einem umso sympathischer:

„‚[…] aber Ma-chan ist doch eine beachtliche Persönlichkeit, nicht wahr, I-Ah?’
‚Ist das etwas Gutes?’ vergewisserte sich mein Bruder vorsichtig.
‚Das Beste’, antwortete Frau Shigeto, und Herr Shigeto setzte wieder seine ernsthafte Miene auf.
‚Ich finde auch, dass Ma-chan eine beachtliche Persönlichkeit ist.’, sagte I-Ah.“ (S. 94)

Aufschlussreich an „Stille Tage“ ist sicherlich, dass der Autor dem Leser offenbart, dass er dazu neigt, bei Krisen ins Ausland Reißaus zu nehmen und sich dort die Krise von der Seele zu schreiben. Auch seine Einstellung zu Religion wird beleuchtet. Insgesamt quält man sich aber etwas durch „Stille Tage“, wenn man sich nicht ausgerechnet für Kenzaburo Oes Deutung des Films „Stalker“ interessiert...

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Stille Tage“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schlecht, Wolfgang E. & Gräfe, Ursula), Insel, Frankfurt/Main 1994, ISBN 3-458-16686-6

Montag, 8. September 2014

„Überseezungen“ von Yoko Tawada

„Überseezungen“ – bereits der Titel von Yoko Tawadas Werk ist bedeutungsschwanger: „Übersetzungen“, „Über Setzungen“, „Über Seezungen“, „Übersee Zungen“… Das Versprechen des vieldeutigen Titels wird auch eingehalten: Die Wortakrobatin Yoko Tawada präsentiert ihre Lieblingsdisziplin der Jonglage in manchmal verspielter und manchmal surrealistischer Art und Weise. Sie spielt mit Worten, dem Alphabet, Schriftzeichen, Redewendungen, Sprachen, (nationalen) Identitäten und Geschlechterrollen.

So definiert sie in „Ein chinesisches Wörterbuch“ den Begriff des Kinos als „Institut für elektrische Schatten“ oder das Adjektiv schwindelerregend als „in den Augen blühen unzählige Blumen in voller Pracht“ (S. 31).

In „Bioskoop in der Nacht“ wird die Ich-Erzählerin, die als Japanerin in Deutschland ständig gefragt wird, in welcher Sprache sie denn träume, endlich erfahren, was das denn für eine urige Sprache ist, in der sie tatsächlich träumt. Obwohl sie noch nie in Südafrika war, ist ihre Traumsprache Afrikaans. Dafür hat sie auch eine plausible Begründung. Denn wenn man in der Sprache des Landes träumt, in dem die Seele wohnt, dann antwortet die Ich-Erzählerin:

„Ich habe viele Seelen und viele Zungen.“ (S. 70)

Mit „Die Ohrenzeugin“ webt Yoko Tawada einen Klangteppich, den sie in einem Universitätsgebäude in Cambridge auslegt. Hier werden allerhand (Fremd-)Sprachen geplappert, Tastaturen klappern vor den Computern, Schuhe dagegen auf dem Gang und natürlich analysiert die Ich-Erzählerin in der Fremde ihr Verhältnis zur Muttersprache im Vergleich zum Deutschen, der später angeeigneten Sprache:

„Ich war also ins Japanische hineingeboren worden, wie man in einen Sack hineingeworfen wird. Deshalb wurde diese Sprache für mich meine äußere Haut. Die deutsche Sprache jedoch wurde von mir hinuntergeschluckt, seitdem sitzt sie in meinem Bauch.“ (S. 103)

Yoko Tawada zeichnet auch ein „Porträt einer Zunge“: In den USA freundet sie sich mit P an; einer Deutschen, die schon lange Zeit im Ausland lebt. P vermischt englische Begriffe mit deutschen; benutzt deutsche Begriffe, die in Deutschland kaum mehr Verwendung finden und weiht die Ich-Erzählerin in englischsprachige Begriffe ein. Dennoch spricht P mit Akzent, was auch sicherlich gut ist, denn:

„Der Akzent bewahrt die Erinnerungen an die Muttersprache auf. Ohne den Akzent könnte man von den Gegenwart der Fremdsprache verschluckt werden.“ (S. 135)

14 längere und kürzere Erzählungen, Kurzgeschichten und Notizen umfasst „Überseezungen“. Bei der Lektüre sollte man sich Zeit lassen und sich die Texte wahrlich auf der (Übersee-)Zunge zergehen lassen. Yoko Tawadas Werke sind einfach immer wieder ein Lesegenuss!

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „Überseezungen“, Konkursbuch, Tübingen 2002, ISBN 3-88769-186-5

Montag, 1. September 2014

„Kyoto“ von Yasunari Kawabata

Im Garten der Familie Sata steht ein Ahornbaum, an dessen Stamm zwei Veilchenbüschel wachsen. Die junge Chieko steht jedes Jahr im Frühling erneut vor den Blumen und fragt sich, ob die Veilchen jemals zueinander finden mögen. Es zeigt sich, dass diese Sehnsucht nach dem Zusammenfinden zweier getrennter Seelen für Chieko eine besondere Bedeutung hat. Denn obwohl Chiekos Mutter darauf besteht, sie hätte Chieko als Baby entführt, weiß es Chieko besser: Sie wurde als Findelkind vor dem Geschäft der Satas aufgefunden und von dem kinderlosen Ehepaar Sata liebevollst aufgezogen. An einem Festtag in Kioto schließlich trifft Chieko auf die junge Arbeiterin Naeko, die ihr wie ein Ei dem anderen gleicht. Die hübsche Chieko wird von mehreren jungen Männern umgarnt, was zu kleinen Verwirrungen führt, als Naeko für Chieko gehalten wird.

Yasunari Kawabata bettet diese Geschichte in die Feste und Festivitäten von Kioto und dessen Umkreises ein. So geht Chieko mit ihrem Jugendfreund Shinichi, der als Kind einen Pagen auf dem Hellebardenwagen des Gion-Festes verkörpert hat, zur Blütenschau in den Heian-Schrein. Chiekos Vater Takichiro liebt das Fest des Bambusschneidens im Kurama-Tempel. Zum Gion-Fest sollen sich Chieko und Naeko treffen, als Naeko einen Bittgang für die Götter des Yasaka-Schreins ausführt. Das Daimonji-Fest im August mit dem heiligen Bon-Feuer wird Chieko dagegen leider verpassen – sie ist traurig, da sie durch Naeko erfahren hat, dass ihre leiblichen Eltern bereits verstorben sind und bleibt lieber zu Hause. Zum Epochenfest trifft sich Naeko mit einem von Chiekos Verehrern. Zum Abschluss des Kitano-Tanzfestes verschlägt es Chiekos Vater Takichiro seit längerer Zeit wieder einmal in ein Teehaus.

Das Nachwort von Jürgen Berndt verortet Yasunari Kawabatas „Kyoto“ in einer Zeiterscheinung der 60er Jahre: Japan befindet sich in einer Suche nach nationaler Identität. Man besinnt sich auf alte kulturelle Werte, was im Extrem zu neuen nationalistischen Tendenzen führen wird. Kioto als alte Hauptstadt, die nicht unter Kriegsbombardement zu leiden hatte, ist das Symbol für die Besinnung auf die alte japanische Tradition. So scheint Yasunari Kawabata mehr der alten Hauptstadt ein Denkmal setzen zu wollen, als eine Liebes- oder Familiengeschichte erzählen zu wollen.

Trotz der vielen Feste findet sich aber leider kein Zauber in der Beschreibung Kiotos im Wechsel der Jahreszeiten. Auch wirkt das Zusammentreffen von Chieko und Naeko nicht so herzlich, wie man es sich hätte vorstellen können. Dazu trägt sicherlich auch die Übersetzung bei, die Naeko Chieko in der dritten Person anreden lässt – und dies obwohl der Kurzroman in den 60er Jahren angesiedelt ist. Auch geht freilich der Kioto-Dialekt verloren, der die direkte Rede im japanischen Original prägt. Vielleicht evoziert das Werk im Japanischen und bei Japanern mit entsprechendem Hintergrundwissen wirklich die Anziehungskraft und den Liebreiz der alten Hauptstadt – im Deutschen liest sich „Kyoto“ jedoch eher etwas sperrig.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Kyoto“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Donat, Walter/Yuzuru, Kawai), Reclam, 1974 Leipzig