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Dienstag, 5. März 2019

"Alte Freunde" von Osamu Dazai

Osamu Dazais "Alte Freunde" ist sicherlich eher ein Buch für Liebhaber. Für den doch stolzen Preis von 18 Euro erhält der Leser 25 Seiten Prosatext, sieben Seiten mit Illustrationen und fünfeinhalb Seiten Nachwort. Die Illustrationen von Susanne Theumer sind freilich Geschmackssache, dafür ist der Text ein Träumchen – bestimmt nicht nur für Osamu-Dazai Fans.

Der Protagonist und Ich-Erzähler scheint identisch mit dem Autor selbst zu sein. Im September 1946 lebt der Ich-Erzähler Shuji als Ausgebombter in seiner alten Heimat. Da bekommt er Besuch von einem "alten Freund" namens Hirata, der sich als Ausgeburt der Dreistigkeit herausstellen wird. Nicht nur, dass sich der Bauer Hirata nur als ehemaliger Mitschüler ausgibt, um an den von Shuji gebunkerten, raren Alkohol ran zu kommen. Er bedient sich immer weiteren Kniffs, um nachgeschenkt zu bekommen.

Obwohl Shuji sich des Betrugs sehr wohl bewusst ist, muss er sich in Langmut fügen. Nicht auszudenken, wenn der besoffene Kerl aggressiv werden sollte und die Wohnung demoliert, die Shuji und seine Familie als Ausgebombte nur gestellt bekommen haben. Shuji muss sich eingestehen, dass es Hirata zu faustdick hinter den Ohren hat, um es mit ihm aufzunehmen.

Die ganze Situation wirkt auf den ersten Blick so unangenehm, dass man sich als Leser fragen könnte, warum man so etwas denn lesen soll. Doch das erzählerische Talent von Osamu Dazai macht selbst daraus noch Gold: Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend schwadroniert der Autor über das Geschehnis, das "in ganz sonderbarer Weise unerträglich" (S. 7) war, und über seine Vergangenheit als Säufer und Weiberheld in Tokio.

Ich hoffe für die Erzählung, dass der Cass Verlag sie vielleicht eines Tages als kostengünstigeres Ebook herausgeben wird. Wäre doch zu schade, wenn sie den Liebhabern vorbehalten bleiben würde!

Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: "Alte Freunde" von Osamu Dazai (Übersetzung aus dem Japanischen: Stalph, Jürgen), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-14-6

Samstag, 23. Februar 2019

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami

Anders als in den bisher auf Deutsch erschienenen Hiromi Kawakami-Romanen wechselt in „Die zehn Lieben des Nishino“ mit jedem Kapitel die Erzählperspektive. So wird die Handlung aus der Sicht von zehn verschiedenen Frauen geschildert, die sich untereinander manchmal sogar kennen und auf einander eifersüchtig sind. Sie alle eint, dass sie Nishino verfallen sind. Denn Nishino scheint der perfekte Liebhaber zu sein. Vielleicht ist er sogar zu perfekt – denn er wird meist bald schon wieder von seinen Geliebten verlassen.

Der Leser lernt mit jedem Kapitel Frauen in einer anderen Lebensphase kennen: Die Schülerin und die Studentin, die Jobberin und die Karrierefrau, die verheiratete Frau mit Kind und die Frau, die ihre Blüte schon etwas hinter sich hat.

Da Nishino selbst irgendwie blass und nicht greifbar auf mich gewirkt hat, lag der Reiz von „Die zehn Lieben des Nishino“ für mich eher in diesen wie Kurzgeschichten zusammen gewürfelten Frauenleben. Leider hat mich die Figur des Nishino nämlich so gar nicht überzeugt. Warum er jede Frau haben kann, ist mir bis zum Schluss nicht aufgegangen. Manchmal wirkt er mehr wie ein geschlagenes Hündchen, das die Frauen streicheln mögen, als ein großer Don Juan.

Insbesondere die Geschichten von Nishinos erster und letzter Liebe haben mich von der Skurrilität glatt ein bisschen an Yoko Ogawa erinnert. Insofern ist „Die zehn Lieben des Nishino“ sicherlich vielfältiger als die bisherigen Romane der Autorin in deutscher Übersetzung. Aber leider fehlen durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven die schrulligen Charaktere, die einem ans Herz wachsen, die man sonst in Hiromi Kawakamis Romanen kennenlernen darf.

Bibliographische Angaben:
Kawakami, Hiromi: „Die zehn Lieben des Nishino“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula & Nakayama-Ziegler, Kimiko), Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-26169-3 

Donnerstag, 21. Februar 2019

„Das Haus der roten Töchter“ von Kazuki Sakuraba

Kazuki Sakurabas Roman „Das Haus der roten Töchter“ stellt drei Frauengenerationen der Familie Akakuchiba in den Mittelpunkt. Die erste dieser Frauen ist Manjo, die die Zeit des Wirtschaftswunders und die langsame Auflösung der alten Traditionen erlebt. Manjo ist ein Findelkind, das einem urtümlichen Bergvolk entstammt und von einer Arbeiterfamilie aufgenommen wird. Tatsu, die Herrin aus der reichen Stahlunternehmerfamilie Akakuchiba, bestimmt Tatsu überraschenderweise als künftige Ehefrau ihres Sohnes. Dass Tatsus Entscheidung zwar im ersten Moment seltsam erscheint, sich aber dann doch als sehr weise erweist, liegt an Manjos Hellsichtigkeit, die der Familie in schwierigen Zeiten noch helfen wird.

Die zweite Frau, die während der rebellischen 70er Jahren aufwächst, ist Kemari und Manjos zweitgeborenes Kind. Sie ist nicht nur im Jahr des Pferdes geboren, sie ist mit ihrem Geburtsjahrgang 1966 gar ein Feuerpferd, was laut des chinesischen Horoskops als besonders wild und unzähmbar gilt. Daher überrascht es niemanden, dass Kemari bald die Anführerin einer weiblichen Bosozoku-Motorradgang wird.

Kemaris Tochter Toko ist ganz Töchterchen aus reichem Hause und muss im Gegensatz zu Gleichaltrigen der Freeter-Generation nicht unbedingt eigenes Geld verdienen. Toko hadert dennoch mit ihrem Leben, fehlt ihr doch die Fähigkeit, sich mit ganzem Herzen für etwas zu begeistern. Erst als Manjo stirbt und ihr mit dem fast letzten Atemzug ein Geheimnis offenbart, scheint sie etwas wie eine Aufgabe gefunden zu haben.

Einerseits sind die drei porträtierten Damen an sich sehr spannende Charaktere: Manjo, die Visionen hat, Kemari das Feuerpferd und die verloren wirkende Toko. Doch in der Umsetzung hätte ich mir bei Manjo mehr Atmosphäre gewünscht. Kemaris Leben ist dagegen fast schon hanebüchen übertrieben geschildert und Toko wirkt irgendwie langweilig und taugt als reiches Mädchen wenig als Identifikationsfigur für die Leserschaft.

Hinzu kommt, dass der Roman sprachlich so einfach gestrickt ist, dass er an einen Teenie-Roman erinnert. Und das liegt sicherlich nicht an der Übersetzung aus dem Englischen.

An sich finde ich persönlich Übersetzungen aus dem Englischen nicht zwangsläufig schlechter als aus dem Japanischen, wenn das Original eher durch Handlung als durch sprachliche Kunstfertigkeit bestechen soll. „Das Haus der roten Töchter“ zählt sicherlich zu ersterem. Allerdings ist die Umsetzung nicht immer besonders geglückt. Das gibt es z.B. Sätze, die für mich nicht wirklich Sinn machen:

"An jenem Abend verließ Manjo ihren Platz und bewegte all die Dinge in ihrem Herzen, die Tatsu ihr mitgeteilt hatte." (S. 85)

Und dann wird der Bedeutung von Schriftzeichen auch nicht Rechnung getragen. Natürlich ergibt sich aus dem Zusammenhang, für was die Schriftzeichen des Hauses Akakuchiba stehen und später wird die gleichnamige Firma gar umfirmiert in die englische Übersetzung und spätestens dann wird klar, warum die Farbe rot immer wieder vorkommt. Aber so ein bisschen mehr Liebe zum Detail und das eine oder andere Fußnötchen hätten dem Roman sicher nicht geschadet. Daher ergeben sich solche Passagen, die einfach schlecht übersetzt sind:

„Kaum hatte seine Mutter das Kind im Arm, gab sie ihm in einem Anflug von Humor den Namen Kaban. Dies bedeutete ‚Tasche’ und war kein besonders angemessener Name für einen Menschen, zumal es ein normales Wort war und keinen Buchstaben für einen Namen enthielt.“ (S. 166f)

Und selbst der deutsche Titel des Romans ist irgendwie abwegig. Die Töchter des Hauses Akakuchiba sind sicherlich nicht rot. Der Familienname beinhaltet das Schriftzeichen für die Farbe rot. Daher ist das Haus (in der Bedeutung des Geschlechts/der Familie der Akakuchibas) doch das, was von roter Farbe ist. Warum den Roman dann nicht korrekterweise „Die Töchter des roten Hauses“ nennen?

Insgesamt verpasst man also nicht wirklich viel, wenn man „Das Haus der roten Töchter“ nicht auf seine Leseliste setzt. Wer aber einfach Lust auf harmloses Entertainment hat, macht mit dem Roman natürlich nichts falsch.

Bibliographische Angaben:
Sakuraba, Kazuki: „Das Haus der roten Töchter“ (Übersetzung aus dem Englischen: Allen, Jocelyne/übertragen von Rahn, Marie), Heyne, München 2019, ISBN 978-3-453-42297-1