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Dienstag, 28. November 2017

"Stahlblaue Nacht" von Tetsuya Honda

Hauptkommissarin Reiko Himekawa ermittelt mal wieder auf die ihr eigene intuitive Art: In einem am Flussufer abgestellten Lieferwagen findet sich eine bluttriefende, abgetrennte Hand. Der Halter des Wagens ist der Schreiner Takaoka, in dessen Garage eine enorme Blutlache aufgefunden wird. Hier muss jemand getötet worden sein.

Takaokas Ziehsohn und Gehilfe Mishima identifiziert die abgetrennte Hand eindeutig als die seines Chefs. Die Kriminalpolizei macht sich tunlichst auf die Suche nach weiteren Körperteilen, die vermutlich in den Fluss geworfen wurden. Und um die Todesursache aufzudecken und den Tathergang rekonstruieren zu können, muss der Rest des vermutlich zerstückelten Körpers gefunden werden.

Reiko wird bei den Ermittlungen leider erneut der trottelige Ioka als Partner zugeteilt, der ihr immer noch Avancen macht. Dummerweise reagiert ihr Kollege Kikuta eifersüchtig und kompliziert die ohnehin schon schwierige emotionale Lage - denn auch Reiko findet Gefallen an Kikuta, ist ihm aber vorgesetzt. Und dann ist da auch noch die Rivalität zu Hauptkommissar Kusaka, der so ganz anders tickt als Reiko.

Bei ihren Recherchen im Baugewerbe stoßen die Ermittler auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Strohfirmen, hinter denen ein Yakuza-Clan steckt. Sowohl Reiko als auch Kusaka stochern besonders tief, denn den toten Takaoka und dessen Ziehsohn Mishima verbindet ein besonderes Schicksal, das vor über zehn Jahren seinen Lauf nahm.

Tetsuya Hondas "Stahlblaue Nacht" wird genauso wie der erste Band "Blutroter Tod" aus mehreren Erzählperspektiven dargestellt. Die Ermittlungen der Mordkommission in der dritten Person werden mit den Ich-Perspektiven von Mishima und Takaoka garniert. So ist der Leser den Ermittlern immer ein bisschen voraus und ahnt schon vor diesen, wer der Täter sein könnte.

An sich ist der Fall interessant aufgebaut, aber mit der Figur der Reiko Himekawa werde ich immer noch nicht warm. Sie wirkt einfach nicht wie die coole, toughe Kommissarin, die im Klappentext angekündigt wird. Vielmehr erinnert sie an eine unsichere, unreife Göre, die nicht sonderlich viel Professionalität an den Tag legt. Irritierenderweise wirkt die Beschreibung der Figur manchmal wie Product Placement: Sie hat eine Coach-Handtasche, trägt einen Trenchcoat von Burberry Blue Label ("Sie liebte die Farbe - ein dunkles Beige, fast braun -, und der Schnitt war einfach toll." S. 54) und für die Uhr von Longines hat sie sogar einen Kredit aufgenommen.

Da findet man den nicht sonderlich ansehnlichen Ioka, der sich gern mal zum Affen macht, wieder mal gleich viel sympathischer als die Protagonistin.

Ein bisschen seltsam mutet der Titel des Romans an, der in keinem Zusammenhang zur Handlung steht und auch nichts mit den Titel des japanischen Originals zu tun hat. Gerade mal das Wort Stahl geht in die Richtung Baugewerbe, aber der Tote ist nun mal Schreiner und eine blaue Nacht wird an keiner Stelle hervorgehoben.

Die amerikanische Veröffentlichung der Übersetzungsvorlage erfolgte ebenfalls erst dieses Jahr. Ich bin gespannt, ob ein dritter Fall der Reiko Himekawa-Reihe bei der St. Martin's Press erscheinen wird und wir daraufhin gegebenenfalls nochmals das Vergnügen mit Ioka und der Gereiztheit von Reiko haben werden. Man merkt: Ich werde wohl kaum mehr Fan der Protagonistin...

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: "Stahlblaue Nacht" (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-596-03667-7

Dienstag, 21. November 2017

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano

13 Stufen führen zum Galgen, 13 Behördenstellen müssen den Befehl zur Vollstreckung der Hinrichtung besiegeln. So auch im Fall von Ryo Kihara, der im Todestrakt sitzt. Wenn morgens gegen neun Uhr die Wachmänner auftauchen, sind alle Insassen höchst alarmiert. Irgendwo im Gang bleiben die Wärter stehen und nehmen einen von ihnen mit. Auf Nimmerwiedersehen. Jeder Tag kann der letzte sein. Ryos Schicksal ist besonders tragisch: Aufgrund eines Gedächtnisverlusts kann er sich nicht an den brutalen Mord an dem Ehepaar Utsugi erinnern; nichts zu seiner Verteidigung vorbringen. Und schlimmer noch: Aufgrund seiner Amnesie kann er keine glaubhafte Reue äußern, die ihm mildernde Umstände und eine Verurteilung zu nur lebenslänglicher Haft verschaffen würde.

Doch es gibt einen kleinen Funken Hoffnung für Ryo: Ein anonymer Kritiker der Todesstrafe beauftragt eine Anwaltskanzlei mit neuen Recherchen zum Fall des ermordeten Ehepaars. Denn die Beweislage gegen Ryo war denkbar dünn. So nimmt der ehemalige Gefängniswärter Nango Ermittlungen rund um den Tatort auf. Er engagiert zudem den gerade auf Bewährung entlassenen Jun’ichi als Assistent. Jun’ichi hatte in einem Gerangel einen Menschen gestoßen, der daraufhin tragischerweise zu Tode kam. Nango möchte Jun’ichi auf diese Weise zur Resozialisierung verhelfen. Zudem winkt eine Geldprämie für einen Unschuldsbeweis Ryos, die Jun’ichis Familie mehr als dringend gebrauchen kann: Der Schadensersatz, den sie der Familie des Todesopfers schulden, treibt sie fast in den Ruin und die Familienmitglieder leben in prekären Verhältnissen.

Um den Fall neu aufzurollen, ermitteln Nango und Jun’ichi in alle Richtungen und müssen diverse Hypothesen, die vielversprechend wirkten, wieder verwerfen. Doch langsam nähern sie sich der Wahrheit – doch werden sie den Wettlauf gegen die Zeit und die Bürokratie gewinnen?

Kazuaki Takanos „13 Stufen“ nimmt nur langsam Fahrt auf. Zudem wird die Handlung rund um die Ermittlungen durch eine Rückblende in Nangos Vergangenheit unterbrochen: Denn Nango hat im Todestrakt als Wärter gearbeitet und kennt die psychische Belastung, einen Menschen zum Galgen führen zu müssen. So erlebt der Leser die unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Todesstrafe: die der Verurteilten, die der Bürokraten, die der Wärter und Henker, und angerissen auch die der Angehörigen von Mordopfern. Und es stellen sich Fragen wie: Ist die Todesstrafe im Falle von besonders kaltblütigen, reulosen Mördern nicht vielleicht doch gerechtfertigt? Werden die staatlichen Henker nicht auch zu Mördern? Wäre es nicht besser, die Mörder am Leben zu lassen, damit sie jeden Tag darum beten, die Seelen der Opfer mögen ihre Ruhe finden?

Bis (fast) zur letzten Seite dauert es, bis sich dem Leser alle Ungereimtheiten offenbart haben. Daher ist Kazuaki Takanos Krimi sicherlich spannend, auch wenn die anfängliche Ermittlungsarbeit etwas stümperhaft wirkt. Da wird erst wochenlang der Wald rund um den Tatort nach Spuren abgesucht, bevor man sich einen Gedanken über ein Mordmotiv macht. So ganz überzeugt hat mich „13 Stufen“ daher als Krimi eher nicht. Dafür hallt das Thema Todesstrafe nach und lässt den Leser das Für und Wider aus unterschiedlichen Perspektiven abwägen.

Bibliographische Angaben:
Takano, Kazuaki: „13 Stufen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Penguin, München 2017, ISBN 978-3-328-10153-6

Sonntag, 29. Oktober 2017

"Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara

"Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara ist ein Page Turner der Oberliga. Fängt man einmal mit der Lektüre an, wird man direkt im die Handlung eingesogen und muss einfach weiterlesen. Der Anti-Held des Romans ist Kikuchi, der seit Anfang der 70er untergetaucht ist. Er wird im Zusammenhang mit einer Bombenexplosion gesucht. Da er sich an den Studentenunruhen zuvor beteiligt hat, sind seine Fingerabdrücke in der Datenbank der Polizei. Daher versucht er, der unter falschem Namen lebt, möglichst unauffällig zu agieren, er wechselt oft den Job und wird allerdings auch langsam zum Alkoholiker.

Eines schönen Herbsttages schlürft der heruntergekommene Kikuchi im Park seinen Whisky und wird dabei von einem kleinen Mädchen angesprochen, mit dem er sich kurz, aber lebhaft unterhält, bis der Vater des Mädchens einschreitet. Kurze Zeit später geht im Park eine Bombe hoch. Kikuchi, der weit genug vom Explosionsherd gesessen hat, stürmt los, um das kleine Mädchen zu finden und vergisst dabei ganz seine Whiskyflasche. Seine Fingerabdrücke darauf werden die Polizei später auf seine Spur bringen. Immerhin scheint das ohnmächtige Mädchen bis auf eine Schramme unverletzt. Nachdem Kikuchi es einem Mann anvertraut hat, stürmt er vor der Polizei davon - jedoch nicht ohne sich selbst noch kurz ein Bild von Tatort und einige interessante Beobachtungen gemacht zu haben.

Wenige Stunden später bekommt Kikuchi mehrere unangekündigte Besuche: Da kommen zwei Yakuza vorbei, um ihn zu warnen. Dann ein paar mehr, um ihn zusammen zu schlagen. Und schließlich noch eine junge Frau, die sich als Tochter von Kikuchis Ex-Freundin aus Studentenzeiten vorstellt. Kikuchi muss leider erfahren: Seine Ex ist eines der Todesopfer aus dem Park.

Spätestens jetzt beginnt Kikuchi, selbst zu ermitteln. Dank seiner Kontakte zu Presse, Gangstern und Obdachlosen fügt sich das Puzzle langsam zusammen, was hinter dem Anschlag stecken mag. Zu Gute kommen ihm seine sture Beharrlichkeit und seine kurze Karriere als Boxer.

Iori Fujiwara lässt seinen Helden und Ich-Erzähler immer ein kleines bisschen der Fakten verschweigen, damit dem Leser nicht schon vorab ein Licht aufgeht, wer der Schurke sein könnte. Erst zum großen Showdown kommen alle Einzelheiten auf den Tisch.

Könnte ich an dem Ende noch etwas feilen, hätten dem Bösewicht bei seinem Plan ruhig etwas mehr Fehler passieren dürfen. Die Omnipotenz des Schurken macht die Handlung des Romans leider recht unglaubwürdig. Zudem sind die Beziehungen der Figuren so dicht miteinander verwebt, daß man annehmen müsste, die Handlung findet in einem Dorf und nicht in der Millionenmetropole Tokio statt.

Nichtsdestotrotz: "Der Sonnenschirm des Terroristen" ist ein furioses Lesevergnügen. Es hat selten so Spaß gemacht, einen Roman so zu verschlingen.

Bibliographische Angaben:
Fujiwara, Iori: "Der Sonnenschirm des Terroristen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-15-3