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Freitag, 21. Juni 2013

„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ herausgegeben von Noboru Miyazaki

„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt sieben Erzählungen, die Menschen in extremen, ungewöhnlichen Situationen porträtieren. Der Band beginnt mit Kei Nakazawas „Wohlgehütete Pfirsiche“: Die Protagonistin Mizue ist schwanger – schwanger von ihrem Ex-Freund. Daher möchte sie das Kind nicht austragen, sondern abtreiben. Der Leser begleitet die alleinstehende, junge Frau auf dem Weg zu ihrem Freund, dessen Zustimmung zur Abtreibung sie einholt, in die Arbeit, in der sie den Kollegen einen anderen Grund für ihre baldigen Abwesenheit vorschwindelt, und schließlich in die Klinik zum Eingriff.

Haruki Murakamis „Der Spieluhrvogel“ ist das erste Kapitel von „Mr. Aufziehvogel“. Daher ist diese „Erzählung“ etwas unbefriedigend, weil die Geschichte gerade erst etwas in Gänge kommt, Fragen aufwirft und dann auch gleich wieder abbricht: Wer ist die unbekannte Frau, die zu Hause beim Ich-Erzähler anruft und mit ihm, dem braven, arbeitslosen Ehemann, der die Wohnung hütet, über Sex sprechen will? Und wo ist bloß die Katze geblieben?

„Zombie – Tränen“ von Wahei Tatematsu ist eine etwas ungewöhnliche Erzählung: Yoshida ist Filmemacher von trashigen Splatter-Filmen – Hauptsache das Blut fließt. Seinen Ausdruck findet er vor allem beim Filmen – während es an Kommunikation und Verständnis innerhalb seiner Familie mangelt. Von Ehefrau und Tochter hat er sich ziemlich entfremdet. Darüber hinaus ist er gerade besonders fasziniert von abgerissenen Ohren…

Masahiko Shimada beschreibt „Das ‚real life’ eines Pseudo-Schriftstellers“: Ms einziger Freund ist ein streunender Hund, den der Grundschüler auf den Namen Mieze tauft. Als Mieze an Altersschwäche stirbt, wendet sich M der Welt der Bücher zu. Schließlich beschließt M, inzwischen ein Student, sich in eine Kommilitonin zu verlieben, mit der er sich intellektuelle Wortgefechte gibt. Als M eine Assemblage aus allen bisher gelesenen Romanen erstellt, wird er zum Pseudo-Schriftsteller.

Mizuko Masudas Protagonistin Kaori in „Das neue Leben“ hat eine Affäre mit ihrem verheirateten (Ex-)Chef. Sie kündigt ihren Job und zieht in die Nähe der Wohnung ihres Geliebten – doch liebt sie diesen überhaupt?

„Machikos Nachtlandschaft“ von Michitsuna Takahashi hat kein schönes Sujet: Machiko, eine ehemalige Prostituierte, ist mit einem Yakuza verheiratet, der sie schlägt und vergewaltigt. Als es ihr endlich gelingt, vor der Ehehölle zu fliehen, wird in Rückblenden Machikos Vergangenheit beleuchtet: Die schöne, auffallende Schülerin aus gutem Hause rutscht ins Rotlichtmilieu ab und hat in ihrer Ehe viel zu erdulden. Leider mangelt es „Machikos Nachtlandschaft“ etwas an der Darstellung der Motivationen Machikos. Und auch das Ende ist seltsam lapidar (ich sage nur: Stichwort Kino).

Das Thema von Yuko Tsushimas „Über die Traurigkeit“ ist sehr biographisch: Die Ich-Erzählerin ist genauso wie die Autorin eine alleinerziehende Mutter, die ihr jüngstes Kind verloren hat. Sie beschreibt ihren Verlust, ihren veränderten Alltag aber auch ihre Trauer, die keine echte zu sein scheint.

„Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ versammelt Erzählung von einigen Autoren, deren Werke bisher kaum ins Deutsche übersetzt wurden (wenn man von Haruki Murakami freilich absieht). Ein Highlight ist hier die Erzählung von Masahiko Shimada, wohingegen mir Michitsuna Takahashis Werk ein bisschen unausgegoren vorkam. Und natürlich impliziert der Titel des Bandes schon das primäre Thema: Es geht gerne traurig zu in den versammelten Erzählungen. Wer kurzweiliges Entertainment sucht, der ist mit „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ sicherlich falsch beraten.

Bibliographische Angaben:
Miyazaki, Noboru (Hrsg.): „Wohlgehütete Pfirsiche oder Über die Traurigkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Hitomi, Kenji/Komachi, Hanae/Miyazaki, Noboru/Ruppelt, Eva/Windelen, Sabine), konkursbuch, Tübingen 1992, ISBN 3-88769-057-5

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