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Mittwoch, 17. Juli 2013

„Mond überm Dachfirst“ von Ichiyo Higuchi

Ichiyo Higuchis Erzählband heißt zwar nach dem gleichnamigen Werk „Mond überm Dachfirst“, doch ist dies nicht die längste und auch nicht die eindrücklichste Erzählung in dem kleinen Büchlein des Manesse-Verlags. Für mich war dies vielmehr „Solange sie ein Kind war“. Hier beschreibt Ichiyo Higuchi das Leben eines heranwachsenden Mädchens in dem Freudenviertel Yoshiwara. Zwar klingt leise auch Sozialkritik an, doch aus der Perspektive der Protagonistin Midori ist das Leben noch unbeschwert. Die hübsche Kleine bekommt von ihrer älteren Schwester, die als begehrte Prostituierte gut verdient, genügend Geld, um sorglos alles und jedes für sich und ihre Freunde zu kaufen; sie steht im Mittelpunkt ihrer Clique. Wenn da nur nicht der Streit zwischen zwei Jugendbanden und der erste Anflug einer unglücklichen Verliebtheit wäre.

Überhaupt ziehen sich verzweifelte Liebschaften wie ein roter Faden durch Ichiyo Higuchis Erzählungen: In „Kirschblüten in der Finsternis“ verliebt sich Chiyo in den Nachbarsjungen und darbt an unerwiderter Liebe. In „Mond überm Dachfirst“ trauert eine verheiratete junge Mutter ihrem einstigen Herrn nach, dem sie den Haushalt führte und dem sie zur Geliebten wurde. „Eine leere Zikadenhülle“ symbolisiert den Zustand von Yukiko: Nachdem ihr Geliebter in den Tod ging, ist sie dem Wahnsinn verfallen. In „Meister Bitter“ wird O-Cho zum Spielball in einer Intrige, die der Mäzen ihres Bruders strickt. „Ein Schneetag“ handelt wiederum von einer Ich-Erzählerin, die ihre Zukunft ihrer ersten großen Liebe geopfert hat. Einzig in „Am Scheideweg“ ist das Motiv nicht vornehmlich eine unglückliche Liebe eines Mädchens: Hier wird von dem Schirmmacherlehrling Kichi berichtet, der in der Näherin O-Kyo eine einzige Vertraute findet. Doch O-Kyo zieht fort, um Mätresse zu werden.

Wäre „Solange sie ein Kind war“ nicht gewesen, wäre mir Ichiyo Higuchis Bändchen ein bisschen zu eintönig gewesen. Denn das Darben wegen einer unglücklichen Liebe erinnert etwas an romantisierende Kleinmädchenphantasien von der einen, großen Liebe, für die man das Leben gerne opfert. Ausgerechnet die Erzählung über ein Kleinmädchen war dann jedoch das Highlight. Zwar mag auch hier Yoshiwara schön gefärbt werden. Doch gerade hierin lag für mich der exotische Reiz der Erzählung.

Bibliographische Angaben:
Higuchi, Ichiyo: „Mond überm Dachfirst“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Stein, Michael), Manesse, Zürich 2008, ISBN 978-3-7175-2162-4

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