Mit „Schwere Blumen“ liegt der zweite ins Deutsche übersetzte Roman des magischen Realisten Natsuki Ikezawa vor. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Geschwister in ihren 20er Jahren: Der große Bruder Tetsuro ist in Bali beim Drogenkonsum von der Polizei erwischt worden – ihm droht nun die Todesstrafe. Seine jüngere Schwester Kaoru eilt ihm zu Hilfe, da sich die Auslands-unerfahrenen Eltern zu hilflos anstellen würden.
Abwechselnd wird die Perspektive des Bruders und der Schwester dargestellt. Tetsuro erlebt im Gefängnis den kalten Entzug, der sehr eindrücklich dargestellt wird. In Rückblenden erfährt der Leser, wie sich der junge Mann als Künstler zu etablieren versucht: Er rebelliert gegen den Vater und dessen Wunsch, einen handfesteren Beruf zu erlernen, er macht sich auf in die Welt, um seinen Stil zu schärfen. Schließlich trifft er in Thailand auf Ingeborg, einer deutschen Finanzbuchhalterin, die ihn zum Heroinkonsum verführt. Während Ingeborg der Droge nicht verfällt, sondern sehr rational damit umgeht, wird Tetsuro zum Junkie, der schließlich in Bali verhaftet wird. Zu großen Teilen ist der Part, in dem Tetsuro eigentlich in der Ich-Perspektive sprechen sollte, in der zweiten Person Singular gehalten. Dies wirkt so, als hätte der Gefangene eine gewisse Abneigung gegen sich – und tatsächlich hat er noch mehr Schuld auf sich geladen, als nur seinen eigenen Körper mit Drogen zu vergiften.
Auch die jüngere Schwester Kaoru ist in die weite Welt hinausgezogen, hat in Paris studiert und jettet als Koordinatorin für Filmteams von Kontinent zu Kontinent. Als Tetsuro verhaftet wird, ist es an Kaoru, nach Bali zu fliegen, und den vom Drogenentzug völlig lethargischen Tetsuro aus voller Kraft zu unterstützen. Denn wie es in der urtümlichen japanischen Mythologie heißt: Die Schwestern sind die Schutzgöttinnen der Brüder. Sie haben die Kraft, Unheil von ihnen abzuwenden. Ein weiteres Motiv der Schadensabwehr wird mehrfach in „Schwere Blumen“ gespielt: Gegen den Strom zu schwimmen, vergeudet nur unnötige Kräfte und wird nicht zielführend sein. Stattdessen gilt es, quer zum Strom zu schwimmen und sich so aus einer misslichen Lage zu befreien.
Natsuki Ikezawa schildert zwar eine an sich realistische Situation, lässt aber an vielen Stellen religiöse und metaphysische Elemente einfließen: Da ist eine nächtliche Taufe in einem Fluss nahe Paris. Da sind Gedanken um Schutzgötter. Da wird über das Zu-Stein-Werden und das Beten philosophiert. Hin und wieder wird die Handlung auch etwas überspitzt dargestellt. Natsuki Ikezawa kontrastiert zudem auch den europäischen Lebensstil mit dem asiatischen, indem er den Charakter der effizient handelnden, kompromisslosen Ingeborg einführt.
Ein, zwei zentrale Stellen in Natsuki Ikezawas „Schwere Blumen“ hätte ich mir gern noch ein bisschen prägnanter ausformuliert gewünscht. Vergleicht man „Schwere Blumen“ mit dem ersten ins Deutsche übersetzten Natsuki Ikezawa-Roman, so hat mich der „Aufstieg und Fall des Macias Guili“ gerade deswegen so in den Bann gezogen, da die metaphysischen Erfahrungen sehr ausführlich waren und man komplett in die dargestellte Parallelwelt abtauchen konnte. Gerade am zentralen Wendepunkt von „Schwere Blumen“ habe ich dies etwas vermisst.
Nichtsdestotrotz ist „Schwere Blumen“ ein sehr vielschichtiger Roman, den man auf sich wirken lassen sollte. Er lebt von Antagonismen wie Ost/West, Glaube/Nicht-Glaube, gut/schlecht, männlich/weiblich, alt/jung und noch vielen mehr. Sie alle gilt es zu entdecken – und schließlich erwischt man sich dabei, dass man recht sehnsüchtig auf einem Reiseportal nachsieht, wie viel denn ein Trip nach Bali gerade kosten würde.
Bibliographische Angaben:
Ikezawa, Natsuki: „Schwere Blumen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Abera, Hamburg 2014, ISBN 978-3-939876-16-8
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Donnerstag, 11. Dezember 2014
Sonntag, 9. Dezember 2012
„Gold Rush“ von Miri Yu
Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.
Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.
Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?
Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.
Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.
„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.
Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5
Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.
Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?
Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.
Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.
„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.
Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5
Freitag, 17. August 2012
„Gezeichnet“ von Osamu Dazai
„Gezeichnet“ (im Original „Ningen shikakku“ = „als Mensch disqualifiziert“) gilt als einer der meistgelesenen Romane in Japan. Der Autor Osamu Dazai hat das Erscheinen nicht mehr erlebt – er beging kurz zuvor Selbstmord. Wer „Erinnerungen“ (zu finden in „Einspruch der Dekadenz“ oder „Das Gemeine und andere Erzählungen“) gelesen hat, der wird in „Gezeichnet“ einige Parallelen finden, geht es in dem Ich-Roman doch um dasselbe Thema: Der Lebens-, Leidens- und Liebesweg des Osamu Dazai.
Ein namenloser Ich-Erzähler gerät durch einen Zufall an die Aufzeichnungen des Comic-Zeichners Yozo Oba. Drei Hefte erzählen über drei Lebensabschnitte: Das erste Heft wird der Kindheit Yozos gewidmet. Zutiefst verunsichert und dies hinter der Maske des Clowns verbergend wächst Yozo heran. Die Clownerie macht ihn beliebt, doch wahre Freundschaft findet er nicht – oder nur beinahe, womit wir schon beim zweiten Heft wären: Ein noch schwächerer Mitschüler entlarvt Yozos Tarnung und orakelt richtig, dass Yozo einst ein ziemlicher Weiberheld werden wird. Als Yozo auf eine Oberschule nach Tokio wechselt, beginnt sein dekadentes Leben in der Großstadt: Alkohol, Prostitution, Verschuldung und damals illegale Betätigung für die politische Linke. Marx ist Yozo im Grunde egal, die Illegalität macht die Linke für ihn attraktiv. Und die Frauen vergucken sich in Yozo. Mit einer seiner Verehrerinnen will er Selbstmord begehen – doch nur sie stirbt und er wird angeklagt, von der Familie verstoßen. Das dritte Heft zeichnet das Bild des endgültigen Abstieg Yozos:
Die Parallelen zu Osamu Dazais Leben sind vielfältig, was unter anderem den Reiz von „Gezeichnet“ ausmacht. Doch dies allein würde wohl nicht ausreichen, um dem Roman den Erfolg im bestehenden Ausmaß zu bescheren. Beschreibt Osamu Dazai nicht Phänomene, die jedem bekannt sind: Würde man nicht allzu oft und allzu gerne seine Unsicherheit hinter einer Maske verstecken wollen? Ist nicht jeder vom Wusch nach Anerkennung erfüllt?
„Gezeichnet“ bietet nicht nur Einblick in die Gedankenwelt Osamu Dazais, sondern auch genügend Gesellschaftskritik. Nur leider sehr schade, dass das Buch restlos vergriffen ist und selbst gebraucht nur zu horrenden Preisen zu haben ist. Da lohnt sich dann doch eher der Mitgliedsausweis für eine gut sortierte Bibliothek. Oder vielleicht wagt der Insel Verlag eine Neuauflage? Der Roman würde es durchaus mehr als verdienen!
Update Dezember 2014:
Ab März 2015 ist eine Neuauflage des Cass Verlags erhältlich. Danke Cass Verlag!
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Gezeichnet“, Insel, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-458-16871-0
Ein namenloser Ich-Erzähler gerät durch einen Zufall an die Aufzeichnungen des Comic-Zeichners Yozo Oba. Drei Hefte erzählen über drei Lebensabschnitte: Das erste Heft wird der Kindheit Yozos gewidmet. Zutiefst verunsichert und dies hinter der Maske des Clowns verbergend wächst Yozo heran. Die Clownerie macht ihn beliebt, doch wahre Freundschaft findet er nicht – oder nur beinahe, womit wir schon beim zweiten Heft wären: Ein noch schwächerer Mitschüler entlarvt Yozos Tarnung und orakelt richtig, dass Yozo einst ein ziemlicher Weiberheld werden wird. Als Yozo auf eine Oberschule nach Tokio wechselt, beginnt sein dekadentes Leben in der Großstadt: Alkohol, Prostitution, Verschuldung und damals illegale Betätigung für die politische Linke. Marx ist Yozo im Grunde egal, die Illegalität macht die Linke für ihn attraktiv. Und die Frauen vergucken sich in Yozo. Mit einer seiner Verehrerinnen will er Selbstmord begehen – doch nur sie stirbt und er wird angeklagt, von der Familie verstoßen. Das dritte Heft zeichnet das Bild des endgültigen Abstieg Yozos:
„Unglück. In der Welt gab es viele unglückliche Leute, nein, es gab nur unglückliche Leute, das ist sicher nicht zuviel gesagt; doch alle diese Leute konnten sich in die Brust werfen und ihr Unglück der ‚Gesellschaft’ klagen, und die ‚Gesellschaft’ verstand und fühlte mit. Mein Unglück aber war allein meine Schuld, ich konnte mich bei niemandem beklagen“. (S. 121)
Die Parallelen zu Osamu Dazais Leben sind vielfältig, was unter anderem den Reiz von „Gezeichnet“ ausmacht. Doch dies allein würde wohl nicht ausreichen, um dem Roman den Erfolg im bestehenden Ausmaß zu bescheren. Beschreibt Osamu Dazai nicht Phänomene, die jedem bekannt sind: Würde man nicht allzu oft und allzu gerne seine Unsicherheit hinter einer Maske verstecken wollen? Ist nicht jeder vom Wusch nach Anerkennung erfüllt?
„Gezeichnet“ bietet nicht nur Einblick in die Gedankenwelt Osamu Dazais, sondern auch genügend Gesellschaftskritik. Nur leider sehr schade, dass das Buch restlos vergriffen ist und selbst gebraucht nur zu horrenden Preisen zu haben ist. Da lohnt sich dann doch eher der Mitgliedsausweis für eine gut sortierte Bibliothek. Oder vielleicht wagt der Insel Verlag eine Neuauflage? Der Roman würde es durchaus mehr als verdienen!
Update Dezember 2014:
Ab März 2015 ist eine Neuauflage des Cass Verlags erhältlich. Danke Cass Verlag!
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Gezeichnet“, Insel, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-458-16871-0
Montag, 2. Juli 2012
„Das Gemeine und andere Erzählungen“ von Osamu Dazai
Seit der Lektüre von „Einspruch der Dekadenz“ hat mich ein bisschen das Osamu Dazai-Fieber gepackt. Mit „Das Gemeine und andere Erzählungen“ liegt ein Erzählband des Autors vor, der es sich zum Ziel gesetzt hat, alle Schaffensphasen Osamu Dazais exemplarisch zu illustrieren: Angefangen mit der ersten publizierten Erzählung „Erinnerungen“ bis zum unvollständig gebliebenen „Goodbye“, das in Asahi Shinbun folgenweise als Roman erschien und durch den Doppelselbstmord Osamu Dazais mit seiner Geliebten nicht beendet werden konnte.
Mit „Erinnerungen“ startet „Das Gemeine und andere Erzählungen“ und thematisiert Anekdoten und Schrulligkeiten des jungen Osamu Dazais. Weiter geht es mit „Das Gemeine", in dem der junge Ich-Erzähler seinen Lebensabend erlebt - hat er es sich doch nach einem missglückten Selbstmordversuch erneut zum Ziel gesetzt, sich das Leben zu nehmen.
Während des Krieges widmete sich der Autor klassischen japanischen Märchen: „Taro Urashima“ und „Der Knisterberg“ stehen exemplarisch für diese Schaffensphase. Osamu Dazai gibt hier nicht nur seine Version der Märchen wider, sondern kommentiert diese und versucht, die Moral zu deuten.
Und natürlich thematisiert er in mehreren Erzählungen, seinen eigenen, exzessiven Lebensstil, was auch gerne einmal clownesk wirkt:
Darüber hinaus räumt Osamu Dazai aber auch mit Erzählungen wie „Grillen“ und „Osan“ der (betrogenen) Ehefrau Redezeit ein.
Mit „Goodbye“ endet der Erzählband „Das Gemeine und andere Erzählungen“ als auch das Werk Osamu Dazais. Der Fortsetzungsroman wirkt wie Slapstick und lässt nichts von einer selbstmörderischen Verfassung des Autors erahnen.
Im mehr als 25-seitigen Nachwort wird der Leser mit wertvollen Hintergrundinformationen zu den einzelnen Erzählungen und zum Leben von Osamu Dazai versorgt. Insofern erscheint mir „Das Gemeine und andere Erzählungen“ ein Muss für alle, die sich näher mit dem Autor beschäftigen wollen, der in Japan als Star gilt.
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Das Gemeine und andere Erzählungen“, Iudicium, München 1992, ISBN 3-89129-306-2
Mit „Erinnerungen“ startet „Das Gemeine und andere Erzählungen“ und thematisiert Anekdoten und Schrulligkeiten des jungen Osamu Dazais. Weiter geht es mit „Das Gemeine", in dem der junge Ich-Erzähler seinen Lebensabend erlebt - hat er es sich doch nach einem missglückten Selbstmordversuch erneut zum Ziel gesetzt, sich das Leben zu nehmen.
Während des Krieges widmete sich der Autor klassischen japanischen Märchen: „Taro Urashima“ und „Der Knisterberg“ stehen exemplarisch für diese Schaffensphase. Osamu Dazai gibt hier nicht nur seine Version der Märchen wider, sondern kommentiert diese und versucht, die Moral zu deuten.
Und natürlich thematisiert er in mehreren Erzählungen, seinen eigenen, exzessiven Lebensstil, was auch gerne einmal clownesk wirkt:
„es ist auf alle Fälle nicht übertrieben, dass ich die ganzen Einnahmen durch meine Schriftstellerei für meine eigenen Vergnügungen verschwendet habe. Aber solche Vergnügungen sind für mich aus Verzweiflung Saufen, was mir Höllenpein bereitet, und Seitensprünge, die eher so etwas wie eine Rauferei mit furchtbaren und hässlichen Hexen sind.“ (S. 218)
Darüber hinaus räumt Osamu Dazai aber auch mit Erzählungen wie „Grillen“ und „Osan“ der (betrogenen) Ehefrau Redezeit ein.
Mit „Goodbye“ endet der Erzählband „Das Gemeine und andere Erzählungen“ als auch das Werk Osamu Dazais. Der Fortsetzungsroman wirkt wie Slapstick und lässt nichts von einer selbstmörderischen Verfassung des Autors erahnen.
Im mehr als 25-seitigen Nachwort wird der Leser mit wertvollen Hintergrundinformationen zu den einzelnen Erzählungen und zum Leben von Osamu Dazai versorgt. Insofern erscheint mir „Das Gemeine und andere Erzählungen“ ein Muss für alle, die sich näher mit dem Autor beschäftigen wollen, der in Japan als Star gilt.
Bibliographische Angaben:
Dazai, Osamu: „Das Gemeine und andere Erzählungen“, Iudicium, München 1992, ISBN 3-89129-306-2
Sonntag, 1. Juli 2012
„Nächte mit Spoon“ von Amy Yamada
Die Nachtclub-Sängerin Kim lernt den in Japan stationierten GI Spoon kennen und vernarrt sich hemmungslos in den Afroamerikaner aus Harlem. Es dauert nicht lange, dass er seinen Militärdienst hinschmeißt, und zu Kim zieht. Es beginnt eine gemeinsame Zeit von Drogenkonsum, Gewalt und Sex. Dass Spoon wegen seiner Fahnenflucht eine saftige Strafe droht, schwebt wie ein Damoklesschwert über der eigenartigen Beziehung der beiden. Und dann gibt es auch noch Probleme mit Kims Vertrauten Maria, die sich an Spoon ranmacht.
Die Handlung von Amy Yamadas „Nächte mit Spoon“ ist nicht sehr ergiebig. Aber mit 110 Seiten in übergroßer Schrift kann das Büchlein auch nicht viel hergeben. Kim schwadroniert fast unaufhörlich über ihre Beziehung zu Spoon, aber so richtig klar wird dem Leser die Konstellation nicht. Kim kann nicht ohne Spoon leben, doch scheint sie ihn noch nicht einmal ernst zu nehmen, hat Mitleid mit ihm. Sie liebt ihn und liebt ihn dann doch wieder nicht. Oder war am Ende doch alles nur ganz platt und ausschließlich sexuelle Anziehung?
Amy Yamada wurde nach der Veröffentlichung von „Nächte mit Spoon“ vorgeworfen, rassistische Stereotypen zu bedienen und den Afroamerikaner Spoon zu marginalisieren. Freilich lobt sie seine Potenz und seinen unrein wirkenden Körpergeruch, der sie animalisch anzieht. Doch andererseits findet sie in ihm auch einen zerbrechlich wirkenden Kern.
Die Charaktere und deren Motivationen wirken recht schwammig und lassen es kaum zu, dass man sich mit den Protagonisten identifiziert oder ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehen kann. Fast wirkt „Nächte mit Spoon“ als wollte die Autorin primär nur schockieren. Wenn man neben Amy Yamadas Büchlein Ryu Murakamis Drogenexzess „Blaue Linien auf transparenter Haut“ legt, dann verblasst aber selbst das Schockelement. Und zwar ganz, ganz schnell.
Bibliographische Angaben:
Yamada, Amy: „Nächte mit Spoon“, Ammann, Zürich 2008, ISBN 978-3-250-60116-6
Die Handlung von Amy Yamadas „Nächte mit Spoon“ ist nicht sehr ergiebig. Aber mit 110 Seiten in übergroßer Schrift kann das Büchlein auch nicht viel hergeben. Kim schwadroniert fast unaufhörlich über ihre Beziehung zu Spoon, aber so richtig klar wird dem Leser die Konstellation nicht. Kim kann nicht ohne Spoon leben, doch scheint sie ihn noch nicht einmal ernst zu nehmen, hat Mitleid mit ihm. Sie liebt ihn und liebt ihn dann doch wieder nicht. Oder war am Ende doch alles nur ganz platt und ausschließlich sexuelle Anziehung?
Amy Yamada wurde nach der Veröffentlichung von „Nächte mit Spoon“ vorgeworfen, rassistische Stereotypen zu bedienen und den Afroamerikaner Spoon zu marginalisieren. Freilich lobt sie seine Potenz und seinen unrein wirkenden Körpergeruch, der sie animalisch anzieht. Doch andererseits findet sie in ihm auch einen zerbrechlich wirkenden Kern.
Die Charaktere und deren Motivationen wirken recht schwammig und lassen es kaum zu, dass man sich mit den Protagonisten identifiziert oder ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehen kann. Fast wirkt „Nächte mit Spoon“ als wollte die Autorin primär nur schockieren. Wenn man neben Amy Yamadas Büchlein Ryu Murakamis Drogenexzess „Blaue Linien auf transparenter Haut“ legt, dann verblasst aber selbst das Schockelement. Und zwar ganz, ganz schnell.
Bibliographische Angaben:
Yamada, Amy: „Nächte mit Spoon“, Ammann, Zürich 2008, ISBN 978-3-250-60116-6
Sonntag, 17. Juni 2012
„Ich, Tochter eines Yakuza“ von Shoko Tendo
Shoko Tendo erzählt mit „Ich, Tochter eines Yakuza“ ihre traurige und doch faszinierende Lebensgeschichte. Shoko Tendos Vater ist zunächst Yakuza-Boss und pflegt einen auffälligen, prahlerischen Lebensstil. Doch als der Vater ins Gefängnis geht, beginnt der Abstieg der Familie: Die Schulden werden immer erdrückender und die Kinder werden in der Schule von den Mitschülern gehänselt. Shoko und ihre ältere Schwester stürzen in ein Jugendbanden-Milieu ab: Klebstoff wird geschnüffelt, die Schule geschwänzt, geprügelt… Shoko landet schließlich in einer Besserungsanstalt. Währenddessen sind dem Vater die Schulden endgültig über den Kopf gewachsen, Geldeintreiber belagern das Familienanwesen. Die verzweifelte Lage ausnutzend macht sich ein Yakuza-Kollege an Shoko ran: Er macht sie abhängig von Speed, schläft mit ihr und prügelt sie. Doch auch, als der eklige Kerl stirbt, hat sie kaum Glück mit ihren Männern: Sie wird Geliebte oder gerät erneut an gewalttätige Yakuza.
Shoko unternimmt zwei Befreiungsschläge: Der erste liegt darin, sich zu ihrer Abstammung von einem Yakuza zu bekennen, indem sie sich nach Yakuza-Manier tätowieren lässt. Den Rücken ziert eine Kurtisane, die ein Messer zwischen den Lippen hält. Nach und nach wird die Tätowierung erweitert, bis Shokos Körper vom Nacken bis zu den Hand- und Fußgelenken komplett bedeckt ist (das Buchcover zeigt übrigens niemand anderen als Shoko Tendo). In einem Interview auf Arte gibt die Autorin an, dass zwischenzeitlich kein Yakuza mehr mit ihr daten will, zeigt doch die Größe von Shokos Tätowierung, dass sie sehr viel mutiger ist, als der Yakuza selbst.
Der zweite Befreiungsschlag besteht in der Entscheidung, ihre Lebensgeschichte als Buch zu veröffentlichen. Shoko beendet ihren Job als Hostess und bringt ihr Leben mit „Ich, Tochter eines Yakuza“ zu Papier.
Freilich zeichnet sich die Autobiographie nicht gerade über einen geschliffenen Sprachstil oder ausgefeilten Aufbau aus. Dennoch übt sie eine dunkle Faszination aus, dass man trotz einiger übler Gewaltszenen unbedingt wissen muss, wie diese Lebensgeschichte bloß enden mag.
Shoko unternimmt zwei Befreiungsschläge: Der erste liegt darin, sich zu ihrer Abstammung von einem Yakuza zu bekennen, indem sie sich nach Yakuza-Manier tätowieren lässt. Den Rücken ziert eine Kurtisane, die ein Messer zwischen den Lippen hält. Nach und nach wird die Tätowierung erweitert, bis Shokos Körper vom Nacken bis zu den Hand- und Fußgelenken komplett bedeckt ist (das Buchcover zeigt übrigens niemand anderen als Shoko Tendo). In einem Interview auf Arte gibt die Autorin an, dass zwischenzeitlich kein Yakuza mehr mit ihr daten will, zeigt doch die Größe von Shokos Tätowierung, dass sie sehr viel mutiger ist, als der Yakuza selbst.
Der zweite Befreiungsschlag besteht in der Entscheidung, ihre Lebensgeschichte als Buch zu veröffentlichen. Shoko beendet ihren Job als Hostess und bringt ihr Leben mit „Ich, Tochter eines Yakuza“ zu Papier.
Freilich zeichnet sich die Autobiographie nicht gerade über einen geschliffenen Sprachstil oder ausgefeilten Aufbau aus. Dennoch übt sie eine dunkle Faszination aus, dass man trotz einiger übler Gewaltszenen unbedingt wissen muss, wie diese Lebensgeschichte bloß enden mag.
Montag, 6. Juni 2011
„Blaue Linien auf transparenter Haut“ von Ryu Murakami
Gegen Ryu Murakamis „Blaue Linien auf transparenter Haut“ wirkt „Fear and Loathing in Las Vegas“ wie der Schulausflug von Fünftklässlern. Drogenexzesse, übelste Trips, Gruppensex, Crossdressing, Schlägereien und Selbstmordversuche sind die Zutaten für das literarische Debüt von Ryu Murakami, das in den 70er Jahren spielt. Teilweise wird der 141-seitige Roman so eklig, dass man am liebsten nicht weiter lesen würde. Kein Wunder, dass Ryu Murakami als das Enfant Terrible der japanischen Literaturszene gilt.
Die Jugendlichen rund um den 19-jährigen Protagonisten Ryu sind desillusioniert: Okinawa ist Junkie, hängt so an der Nadel, dass er sich mit einem baldigen Drogentod abfindet. Die Mädchen der Clique würden sich für Geld an jeden GI der nahe gelegenen US-Militärbasis verkaufen. Kei lässt sich als Bondage-Modell ablichten. Yoshiyama schlägt seine Freundin krankenhausreif. Und Ryu lässt sich als Sexspielzeug missbrauchen. Ohnehin schläft jeder mit jedem. Hauptsache, man muss sich keine Spießigkeit vorwerfen lassen.
Wirkliche Freundschaft gibt es nicht zwischen den Teens. Jeder bleibt sich selbst der nächste. Dennoch klingen auch konservative Töne an: Eine feste Beziehung haben, eine Ausbildung machen, einen Lebenssinn außerhalb der permanenten Drogenparty finden sind Wünsche, die gegen Ende des Romans geäußert werden. Doch irgendwie mag man als Leser nicht daran glauben, dass die Jugendlichen noch die Kurve kriegen.
Wie „69“ hat „Blaue Linien auf transparenter Haut“ biographische Züge. Wie groß die Deckungsgleichheit des Protagonisten Ryu mit dem Autor Ryu Murakami lässt sich nur erahnen.
„Blaue Linien auf transparenter Haut“ verbreitet die drückende Stimmung eines schwülen Sommertags. Man erträgt die Handlung kaum, kann aber doch nicht aufhören, zu lesen. Für einen Ryu Murakami-Fan ist „Blaue Linien auf transparenter Haut“ ein Muss. Unter 18 Euro ist das vergriffene Büchlein derzeit jedoch nirgends zu bekommen.
Die Jugendlichen rund um den 19-jährigen Protagonisten Ryu sind desillusioniert: Okinawa ist Junkie, hängt so an der Nadel, dass er sich mit einem baldigen Drogentod abfindet. Die Mädchen der Clique würden sich für Geld an jeden GI der nahe gelegenen US-Militärbasis verkaufen. Kei lässt sich als Bondage-Modell ablichten. Yoshiyama schlägt seine Freundin krankenhausreif. Und Ryu lässt sich als Sexspielzeug missbrauchen. Ohnehin schläft jeder mit jedem. Hauptsache, man muss sich keine Spießigkeit vorwerfen lassen.
Wirkliche Freundschaft gibt es nicht zwischen den Teens. Jeder bleibt sich selbst der nächste. Dennoch klingen auch konservative Töne an: Eine feste Beziehung haben, eine Ausbildung machen, einen Lebenssinn außerhalb der permanenten Drogenparty finden sind Wünsche, die gegen Ende des Romans geäußert werden. Doch irgendwie mag man als Leser nicht daran glauben, dass die Jugendlichen noch die Kurve kriegen.
Wie „69“ hat „Blaue Linien auf transparenter Haut“ biographische Züge. Wie groß die Deckungsgleichheit des Protagonisten Ryu mit dem Autor Ryu Murakami lässt sich nur erahnen.
„Blaue Linien auf transparenter Haut“ verbreitet die drückende Stimmung eines schwülen Sommertags. Man erträgt die Handlung kaum, kann aber doch nicht aufhören, zu lesen. Für einen Ryu Murakami-Fan ist „Blaue Linien auf transparenter Haut“ ein Muss. Unter 18 Euro ist das vergriffene Büchlein derzeit jedoch nirgends zu bekommen.
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