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Mittwoch, 7. September 2011

„Hotel Iris“ von Yoko Ogawa

Yoko Ogawa gilt als Meistererzählerin von schaudrigen Geschichten. Auch mit „Hotel Iris“ gelingt es ihr, beim Leser eine unwohlige Stimmung entstehen zu lassen: Die junge Mari muss seit dem Tod einiger Angehörigen ihre Mutter beim Betrieb des familieneigenen Hotels am Meer unterstützen. Die Mutter kommandiert sie herum, quält sie jeden morgen damit, ihr die Haare streng zurück zu frisieren. Als ein alter Herr eines Tages im Hotel übernachtet, kommt es zu einem Skandal: Eine Prostituierte, die er zu sich bestellt hat, wird von ihm vor die Zimmertür geworfen, da sie sich weigert, ihm in der gewünschten Weise zur Verfügung zu stehen. Lauthals beschimpft sie den Mann, bis das ganze Hotel in Aufruhr ist. Während Maris Mutter wieder für Ruhe sorgt, ist Mari wie gebannt von der Reaktion des Freiers: In autoritärem Befehlston sagt er nur „Schweig, Hure“ zu der Prostituierten.

Wenige Tage später begegnet Mari dem alten Mann zufällig beim Einkaufen und verfolgt ihn scheinbar unbeobachtet. Doch dem Mann ist dies nicht entgangen und er stellt Mari zur Rede. Ganz langsam kommen sich die beiden etwas näher, schreiben sich Briefe und treffen sich, wenn es Mari gelingt, sich heimlich aus dem straff organiserten Hotelbetrieb davon zu stehlen. Mari erfährt, dass er Übersetzer ist und auf einer Insel lebt, die man mittels einer Fähre von Maris Heimatort aus erreichen kann. Auf dem Festland ist der alte Herr ein unsicherer, unbeholfener Mann. Doch als sie ihn auf der Insel besucht, zeigt er seine autoritäre Seite, die Mari so im Hotel fasziniert hat. Mari liefert sich ihm mit Wonne aus, wird gefesselt, geschlagen und bestraft, muss gehorchen und dem alten Mann zu Diensten sein. So gehorcht Mari in ihren beiden Welten: Im Hotel und auf der Insel. Begibt sie sich von der einen in die andere Abhängigkeit? Oder versucht sie ihrer Mutter gegenüber zu rebellieren?

„Hotel Iris“ ist trotz des Themas aufgrund der nüchternen Sprache von Yoko Ogawa meiner Meinung eher nicht als erotische Literatur einzustufen. Vielmehr löst die völlige Hingabe der jungen Frau ein unangenehmes Befremden beim Leser aus. Zudem wird der Übersetzer alles andere als anziehend beschrieben: In alltäglichen Situationen wirkt er sogar bemitleidenswert. Sein alter Körper ist schlaff und so überhaupt nicht erotisch. Damit sorgt Yoko Ogawa wieder einmal für ganz unbehagliche Gänsehaut.

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