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Donnerstag, 14. März 2013

„Die Sieben Rosen von Tokyo“ von Hisashi Inoue

Auf über 650 Seiten verfolgt der Leser in Hisashi Inoues „Die Sieben Rosen von Tokyo“ die fiktiven Tagebucheinträge des Fächermachers Shinsuke. Am 25. April 1945 beginnt das Tagebuch, als Shinsukes Familie noch vollzählig in Nezu versammelt ist. Die Entbehrungen während des Kriegs sind groß, was sich auch auf die bevorstehende Hochzeit seiner ältesten Tochter Kinuko auswirkt. Sie kann sich einen Hochzeitskimono ausleihen, auf eine Hochzeitsperücke muss sie allerdings verzichten – die Leihperücken wurden allesamt für Truppentheater requiriert. Doch immerhin sorgt die Familie des Bräutigams dank diverser Schwarzmarktaktivitäten für ein Festmahl, das für die schwierigen Kriegszeiten außerordentlich reichhaltig ausfällt. Ohnehin kann Kinuko froh sein, überhaupt einen Ehemann zu finden, wenn alle jungen Männer als Soldaten an die Front geschickt werden.

Doch der nächste ernste Luftangriff auf Tokio lässt leider nicht lange auf sich warten und fordert viele Opfer in Shinsukes Familie. Der etwas trottelige Shinsuke ist auch weiterhin nicht gerade von Glück gesegnet. Sein frecher Sohn brockt Shinsuke den Abtransport der Fäkalien der Gemeinde ein. Und schließlich wird er gar als Volksverräter denunziert, da es jemand auf sein rares Motordreirad abgesehen hat. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Japan bereits bedingungslos kapituliert und die einstmals verhassten Amerikaner werden nun von seinen Mitbürgern fasst schon vergöttert. Insbesondere Shinsukes Töchter scheinen auf sehr vertrautem Fuße mit einigen einflussreichen US-amerikanischen Militärs zu stehen und versorgen die Familie mit wertvollen Nahrungsmitteln aus den Beständen der ehemaligen Feinde, während in Tokio täglich viele andere Menschen verhungern.

Dass die Töchter sich mit den Amis abgeben, ist Shinsuke ein riesiger Dorn im Auge. Eine treibt sich dann ausgerechnet noch mit dem Sprachwissenschaftler Hall herum, der die japanische Schrift durch das Alphabet ersetzen will. Wenn das nicht einmal die größte Unverfrorenheit der Besatzer ist! Dem muss Shinsuke unbedingt entgegen wirken.

Zwar sorgt die Vereitelung von Halls Alphabetisierungsplänen gegen Ende von „Die Sieben Rosen von Tokyo“ für Spannung, doch über weite Passagen des Romans wird der Alltag während der letzten Kriegsmonate und der ersten Nachkriegsmonate mit den flankierenden Umwälzungen dargestellt: Was tun, wenn die Toilette nicht mehr regelmäßig entleert wird? Wie erfolgt die tägliche Hygiene? Welche Art von Genussmittel steht überhaupt noch zur Verfügung? Wie kommt man an Schwarzmarktware?

Und wie schnell ändern die Menschen ihre politischen Überzeugungen? Wie begehrt die Jugend auf? Und wieso wollen sich die Frauen nach der Kapitulation nicht weiterhin bevormunden lassen?

„Die Sieben Rosen von Tokyo“ gilt als Hisashi Inoues Hauptwerk. 17 Jahre schrieb er an dem Roman, der ursprünglich auf nur einige wenige Folgen, die in der Bungei Shunju erscheinen sollten, ausgelegt war. „Die Sieben Rosen von Tokyo“ schildert auf charmante Weise den kargen (Nach-)Kriegsalltag, während der gebeutelte Shinsuke auf Slapstick-Art durch Tokio stolpert. Dieser Erzählstil, so erfährt man aus einem Hisashi Inoue-Zitat im Nachwort, ist typisch für den Autor:

„Ich möchte Kompliziertes einfach, Einfaches tief, Tiefes lustig und Lustiges ernsthaft beschreiben.“ (S. 653)

Bibliographische Angaben:
Inoue, Hisashi: „Die Sieben Rosen von Tokyo“, Bebra, Berlin 2013, ISBN 978-3-86124-917-7

Kommentare:

  1. Ich freue mich, daß etwas Neues von Inoue auf Deutsch erschienen ist! Vielen Dank für den Hinweis und die Beschreibung. Übrigens bin ich mir nicht so sicher, ob der Roman als "Hauptwerk" angesehen wird - da gibt es z.B. "Kirikirijin", das sich m.W. in Japan größerer Bekanntheit und Beliebtheit erfreut.

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  2. Liebe Frau Bartels,
    danke für die Zusatzinfos! Die Sache mit dem "Hauptwerk" ist dem Nachwort von Matthias Pfeifer entnommen. Vielleicht daher auch eher eines der Hauptwerke und nicht DAS Hauptwerk?!

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  3. Das ist es bestimmt.
    Apropos: Wie wäre es, wenn Sie den Übersetzer/die Übersetzerin bei Ihren Rezensionen bzw. bibliographischen Angaben hinzuschreiben? Immerhin sind es vor allem die Übersetzer, die es ermöglichen, diese Literatur in Deutschland zu lesen und jedes Werk ist auch zu einem nicht geringen Teil zwangsläufig ihre Schöpfung.
    Ich finde Ihre Seite sehr interessant und werde ich miche einmal etwas länger auf ihr umsehen. Vielen Dank für all die Arbeit.

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  4. Vielen lieben Dank für das Lob! Ich freue mich über jeden Besucher der Seite.
    Mit den Übersetzern haben Sie völlig recht. Ich werde zwar nicht so schnell dazu kommen, dies nachzutragen, aber für die kommenden Rezensionen ist dies ein sehr guter Hinweis.

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