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Montag, 31. Dezember 2012

„Die Hand des Riesen“ von Otohiko Kaga

In „Die Hand des Riesen“ verflechtet Otohiko Kaga Japans Kapitulation, den Kyujo-Vorfall und den Putschversuch vom 26. Februar 1936 (2-26-Vorfall) mit der Beschreibung des Alltags in einer Militärakademie während der letzten Kriegsjahre und des Bombenhagels auf Tokio.

1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.

Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.

Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.

Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.

Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?

„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar. 

Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.

Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8

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