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Montag, 6. Februar 2012

„Die Reise nach Amanon“ von Yumiko Kurahashi

Mit dem satirischen Roman „Die Reise nach Amanon“ nimmt Yumiko Kurahashi nicht nur ihr Heimatland, sondern auch den Westen deftig aufs Korn: Die Geschichte beginnt als Science Fiction. Da wird ein Missionar namens Padre P ins sagenumwobene Land Amanon geschickt, das sich durch Abschottung bisherigen Missionsversuchen verschlossen hat. Bereits hier werden die Parallelen zur Christianisierung Japans offensichtlich.

Padre P glaubt selbst nicht allzu sehr an seine monotheistische Religion, die den Gott Monokami verehrt, freut sich jedoch auf das Abenteuer, dieses geheimnisvolle Amanon auf dem missionarischen Wege besuchen zu können. Das Glück ist ihm Hold und er überlebt als einziger die Überfahrt. Doch bei seiner Ankunft an einem abgelegenen Strand ist so einiges anders als erwartet: Das Amanonisch, das Padre P auf dem Theokolleg gelernt hat, ist höchst veraltet, die Amanonierinnen gehen mit ihrer Nacktheit völlig unbedarft um und Kinder werden mit einem Altar namens Fernseher ruhig gestellt. In der amanonischen Hauptstadt Tokiyo wimmelt es nur so vor Bizmen, Wolkenkratzer ragen in die Höhe und Menschen werden mit Cybermobilen transportiert. Als einziger Ausländer in Amanon und im Besitz einer großen Menge Gold, die den Missionaren mit auf den Weg gegeben worden war, steigt Padre P auf in die Elite der „Proms“. Diese illustre Riege aus primär Politikern zeichnet sich durch ihre enorm flapsige Ausdrucksweise und der permanenten Begleitung durch eine minderjährige, bildhübsche „Sec“ (= Sekretärin) aus. Irgendwie irritieren die Politiker Padre P mit ihrer Art: Sie wirken eher wie Frauen, obwohl sie sich wie Männer kleiden. Als er sich mit Dr. Tauron trifft, fällt ihm dies wie Schuppen von den Augen: Die Bevölkerung von Amanon ist fast ausschließlich weiblich, einige wenige zeugungsfähige, internierte Männer dienen als Samenspender, nur als Kastraten können Männer an der Gesellschaft teilhaben. Sex gilt als verpönt – die Fortpflanzung erfolgt daher außerhalb der Körper der Eltern in Brutmaschinen.

Yumiko Kurahashi karikiert mit dem amanonischen Matriarchat die radikale Emanzipationsbewegung in den USA der 60er Jahre. Doch auch die Religionen kommen in „Reise nach Amanon“ nicht gut weg: Nicht nur sind Religionen und Glaubensauffassungen völliger Beliebigkeit unterworfen. Religionen werden wie andere Dienstleistungsbetriebe steuerpflichtig, denn im Grunde sind auch sie ein Markt: Während der Buddhismus Geld mit Beerdigungen scheffelt, hat der Shintoismus seine Haupteinnahmequelle durch die Veranstaltung freudiger Feste. Weitere sozialkritische Themen, die Yumiko Kurahashi unter anderem anschneidet, sind die Überalterung der Gesellschaft, westliche Überlegenheitsgefühle, Technisierung und ein extremes Standesdenken. Mit der Darstellung der Proms inklusive deren Lolita-Freundinnen hält die Autorin ihrer Heimat einen überzeichneten Spiegel vor: Ein völliges Abhandenkommen klassischer Werte wie Liebe, Glaube und Familie lässt nur noch Platz für eine dekadente und intrigante Spaßgesellschaft.

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