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Mittwoch, 7. August 2013

„Im Umbau“ von Ogai Mori

Dank des besonders informativen Nachworts von Wolfgang Schamoni wird „Im Umbau“ zum Ogai Mori-Leckerbissen. Denn der Band enthält nicht nur die biographisch angelehnten Erzählungen „Die Tänzerin“ (aka „Das Ballettmädchen“), „Wellenschaum“ und „Der Bote“, die jeweils in Deutschland spielen, sondern auch weitere Werke, die einen Einblick in die Vergangenheit und die Ansichten des Ogai Mori zulassen.

Elise Weigert war in der Realität Ogai Moris Freundin in Berlin, die er aufgrund von äußerem Druck in Deutschland zurücklassen musste – eine Ehe des japanischen Militärarztes mit der Deutschen war schlichtweg undenkbar. Dieser unglücklichen Liebe ist „Die Tänzerin“ gewidmet: Ein japanischer Student lernt die Halbwaise und Tänzerin Elise kennen. Verunglimpft durch seine Landsleute verliert der Student sein Stipendium und zieht aus Geldnot bei Elise und deren Mutter ein. Doch als er die Möglichkeit erhält, sich bei den Japanern zu rehabilitieren, wird er vor die Wahl gestellt: Japan oder Elise…

Besonders fasziniert hat mich aber die Erzählung „Wellenschaum“, die in München und am Starnberger See spielt. Wiederum ein japanischer Student wird von dem Maler Exter in die Studentengemeinschaft der Münchner Kunstakademie eingeführt. Treffpunkt der angehenden Künstler ist das Café Minerva in der Akademiestraße 9. Hier macht der Japaner Kose mit einer adretten, aber rätselhaften jungen Frau Bekanntschaft. Es stellt sich nicht nur heraus, dass Kose sie bei einem vorhergehenden München-Aufenthalt aus einer prekären Lage gerettet hat, sondern dass sie ohnehin eine sehr ungewöhnliche Vergangenheit hat, die sich auch auf das Schicksal Ludwigs II. auswirken wird. Zwar ist die Geschichte um den bayerischen Kini freilich in der Phantasie angesiedelt, die Beschreibung von München und der Studentenszene fußt jedoch auf eigenen Erfahrungen von Ogai Mori und dessen Freund Naojiro Harada, der als erster Japaner an der Münchner Kunstakademie studierte und auch tatsächlich mit dem Maler Exter bekannt war.

Darüber hinaus enthält „Im Umbau“ aber auch Erzählungen, die im Japan zu Ogai Moris Lebenszeit spielen und solche, die Ereignisse aus der japanischen Geschichte aufnehmen. Insbesondere letztere zeigen leicht versteckte Kritik an der japanischen Gesellschaft und deren Moralvorstellungen. Alles in allem zeigt der Band viele verschiedene Facetten des Literaten Ogai Mori. Dank der zahlreichen Fußnoten lassen sich viele Andeutungen gut einordnen; insbesondere wenn es um Ogai Moris Geliebte Elise und seine Erlebnisse in Deutschland geht.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Im Umbau“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Schamoni, Wolfgang), Insel Verlag, Frankfurt/Main 1989, ISBN 3-458-16015-9

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