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Freitag, 30. November 2012

„Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata

Willkommen in dem recht wilden Beziehungsgeflecht in Kikujis Familie. Kikujis Vater hat zu seinen Lebzeiten nichts anbrennen lassen. Zeitweise hatte er eine außereheliche Affäre mit der eher burschikosen Zeremonienmeisterin Chikako, bei der er die Teezeremonie erlernte. Doch als Frau Oota verwitwete, war er mehr von deren fraulicher Sanftheit angetan und tauschte die Geliebte Chikako gegen Frau Oota aus. Nichtsdestotrotz ging Chikako im Haushalt des Vaters ein und aus und der Mutter zur Hand. Die Affären des Vaters waren ein offenes Geheimnis.

Jahre nach dem Tod der Eltern nimmt Kikuji eine Einladung Chikakos zur Teezeremonie an. Sie will ihn mit der hübschen Yukiko verkuppeln. Doch wie’s der Teufel will, ist genau an diesem Tag auch Frau Oota mit ihrer Tochter Fumiko ebenfalls zugegen. Zwar hat sich Kikuji schon in Yukiko verguckt, doch zieht ihn die sanfte Frau Oota wie magisch an. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen: Sieht Frau Ooota in Kikuji seinen Vater; fühlt sich Kikuji wie sein Vater, wenn er intim mit Frau Oota wird?

Die Liaison bleibt von der intriganten Chikako nicht unentdeckt. Frau Oota fühlt sich schuldig und setzt ihrem Leben ein Ende. Für Kikuji nimmt nun deren Tochter Fumiko, ein Abbild der Mutter, deren Platz ein. Doch während Frau Oota einem traditionellen Frauenbild entspricht, sieht Fumiko die Ehe nicht als Versorgungsgemeinschaft; sie beginnt auf eigenen Füßen zu stehen. Und so wird Yasunari Kawabatas „Tausend Kraniche“ auch ein Zeugnis der Modernisierung der Frauenrolle.

Die Handlung in „Tausend Kraniche“ ist von einer trägen Dynamik. Viel wird nur angedeutet, metaphorisiert, ästhetisiert und in einen Gesamtzusammenhang eingebaut, der dem Europäer befremdlich anmutet. Wer sich auf den Roman einlässt, wird aber sicherlich auf seine Kosten kommen.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tausend Kraniche“, dtv, München 1989, ISBN 3-423-11080-5

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