Dienstag, 5. Februar 2013

„Mond auf dem Wasser“ herausgegeben von Marianne Bretschneider

„Mond auf dem Wasser“ versammelt 14 Erzählungen von bekannten und weniger bekannten japanischen Autoren. Für Junichiro Tanizaki-Fans hält der Band aus den 70er Jahren die erste Erzählung des Enfant Terribles bereit: „Das Opfer“ (auch bekannt als „Tätowierung“ oder verfilmt als „Irezumi – Spider Tattoo“) das ist nicht nur eines, sondern nur das erste. Der Tätowiermeister Seikichi ergötzt sich an den Schmerzen seiner Kunden. Doch ihn drängt es, eine bestimmte junge Frau ausfindig zu machen, der er ein wahres Meisterwerk tätowieren mag. Durch Zufall wird genau diese Frau, eine angehende Geisha, als Botin zu ihm geschickt. Er betäubt sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken – ein Symbol für ihre Fähigkeit, Männer einzufangen und ausbluten zu lassen. Das erste Opfer findet die Schönheit im Tätowiermeister.

Shotaro Yasuokas Protagonist in „Die Glasschuhe“ verbringt einen ungewöhnlichen Sommer: Nachts arbeitet er als Wachdienst in einem Waffengeschäft, tagsüber verbringt er seine Zeit bei Etsuko, die das Haus eines Amerikaners hütet. Die Stimmung zwischen den beiden ist losgelöst, etwas verrückt und sicherlich naiv – doch die Sommerferien des Amerikaners neigen sich zu Ende und damit die unschuldige Zeit des Paares.

Seiichi Funabashis „Die Distelwolke“ ist mehr als tragisch: Der Witwer Ichimatsu verliebt sich in eine weitläufige Verwandte seiner verstorbenen Ehefrau. Das junge Mädchen Chika hat sich jedoch bereits mit einem Soldaten verlobt, der in den Pazifikkrieg zieht. Auch sie fühlt sich zu dem Witwer hingezogen, obwohl die Familie von Ichimatsu eine Beziehung der beiden verurteilt. Doch Ichimatsu ist mehr als vorbildlich: Obwohl sich mehrere Möglichkeiten bieten, rührt er Chika nicht an. Er will warten, ob Chikas Verlobter lebend aus dem Krieg zurückkehrt und dann Chika vor eine Entscheidung stellen. Doch leider kommt schließlich alles anders.

Kyoshi Takehama erzählt in „Ikaruga-monogatari“ von Omichi, die sich unglücklich in einen Mönch verliebt.

Ryunosuke Akutagawas Erzählung „Kesa und Morito“ handelt von einem Verbrechen, das in zwei Selbstgesprächen geführt wird. Morito ist ein alter Verehrer von Kesa. Doch sie hat einen anderen geheiratet und hat ihre Schönheit über die Jahre eingebüßt. Morito vergeht sich bei einem Wiedersehen an Kesa, will sie sogar dazu überreden, gemeinsam Kesas Ehemann umzubringen. Doch Kesa hat andere Pläne.

Shusei Tokuda zeichnet mit „Der Orden“ das Bild einer unglücklichen Ehe. Kanoko geht erst eine Ehe ein, als sie vom Berufsleben enttäuscht wurde. Doch auch ihr Ehemann ist eine Enttäuschung: Er kann nicht mit Geld umgehen, macht Spielschulden, schert sich kaum um seine Ehefrau und ist obendrein noch unfruchtbar. Mehrfach versucht Kanoko sich von ihm zu lösen, doch scheitert sie jedes Mal erneut.

Kafu Nagais Erzählung „Geliebtes Gesicht“ spielt – wo auch sonst – in den Freuden- und Vergnügungsvierteln Tokios. Zwei Taxi-Chauffeure verbringen die Nacht vor den Toren Yoshiwaras. Toyo beginnt in einer rührseligen Stimmung seinem Kollegen Tame von seiner verstorbenen Ehefrau und deren Ebenbild, einer Tänzerin aus Asakusa, zu erzählen.

Auch Fumiko Hayashis „Tokio“ ist eine tragische Liebesgeschichte: Ryo verkauft im ausgebombten Tokio der Nachkriegsjahre Tee. Die verheiratete Frau wartet auf die Rückkehr ihres Ehemanns, der in Sibirien in Kriegsgefangenschaft ist. Doch während ihrer Verkaufstour von Baracke zu Baracke lernt sie Tsuruishi kennen und lieben. Leider ist den beiden kein Happy End vergönnt.

Mit „Mond auf dem Wasser“ lässt Yasunari Kawabata Kyoko an ihren verstorbenen Ehemann denken. Von seiner Krankheit schwer geschwächt, war dem Mann Kyokos Handspiegel ein Fenster zur Welt. Doch auch seinen eigenen Verfall konnte er damit beobachten.

„Im Wiederaufbau“ befindet sich ein Hotel, in dem sich Ogai Moris Protagonist Watanabe mit einer Europäerin trifft, mit der er einst intim war. Die Sängerin tourt mit ihrem Pianisten Kosinski durch die Welt und vielleicht auch durch die Betten. Ob der Wiederaufbau der Beziehung der Europäerin mit Watanabe gelingen wird?

Shimei Futabateis Ich-Erzähler wird sich während seines Studiums des eigenen „Mittelmaß“ bewusst. Er quartiert sich bei entfernten Verwandten ein, die ihn primär als Diener behandeln. Er schluckt die Demütigung herunter, hat er sich doch in die Tochter des Hauses Yukie verliebt.

Masuji Ibuses Protagonisten wird der „Besuch einer Frau“ angekündigt – sehr zum Missfallen seiner frischgebackenen Ehefrau. Denn es handelt sich bei der Frau um Aiko, die vor Jahren den Heiratsantrag des Ich-Erzählers abgelehnt hatte.

„Eine Glocke aus Fukagawa“ klingelt in Matsutaro Kawaguchis Erzählung, wenn der Ich-Erzähler seine Nächte mit der Witwe O-ito verbringt. Der Protagonist hat sich über dem Sushi-Lokal von O-ito eingemietet, um Literatur zu schaffen und ein bedeutender Autor zu werden. Um nicht von seiner brotlosen Kunst abhängig zu sein, trägt er sich mit dem Gedanken, O-ito zu ehelichen. Doch als der Ich-Erzähler die ersten Früchte seines literarischen Engagements erntet, entschließt sich O-ito anders.

In „Manazuru“ von Naoya Shiga macht ein Junge seine erste Erfahrung mit dem Gefühl der Liebe und geht einen ersten Schritt Richtung Erwachsenwerden.

Zwar sollen die Erzählungen in „Mond auf dem Wasser“ „Moderne japanische Liebesgeschichten“ sein, doch trifft dies nicht unbedingt auf alle der versammelten Werke zu. So sind die Protagonisten in Ryunosuke Akutagawas „Kesa und Morito“ eher von Abscheu getrieben; Junichiro Tanizaki spielt in seiner ersten Erzählung bereits mit den sadomasochistischen Fantasien, die sich auch durch sein späteres Werk ziehen.

Bibliographische Angaben:
Bretschneider, Marianne (Hrsg.): „Mond auf dem Wasser“, Volk & Welt, Berlin 1978

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