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Dienstag, 12. Februar 2013

„Der Stachel des Todes“ von Toshio Schimao

Wenn ich Toshio Shimaos Werk „Der Stachel des Todes“ kategorisieren sollte, dann würde ich es als Selbstzerfleischungsliteratur bezeichnen. Spaß macht die Lektüre definitiv nicht; umso weniger, da die Handlung sehr autobiographisch ist. Der Autor verhehlt auch nicht, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um ihn selbst, um Toshio, handelt. Seine Ehefrau Miho ist die reale Miho, die Ehefrau des Autors.

Einzelne Erzählungen schildern die Szenen der Ehe. Die ersten handeln vom Leben des Ehepaars in der Psychiatrie. Miho hat sich einweisen lassen, Toshio begleitet sie, um sie zu pflegen. Die gemeinsamen Kinder sind in dieser Zeit bei Verwandten untergebracht. Miho tyrannisiert Toshio regelrecht. Sie ist sprunghaft, hat Anfälle, will aus der Anstalt fliehen, steht unter Medikamenten, will sich selbst verletzen. Doch es scheint, dass es Toshio in der Geschlossenen gar nicht so schlecht gefällt, ist sie doch eine Welt für sich.

Der Leser fragt sich, was die psychische Krankheit von Miho ausgelöst haben mag. Dies wird in der Rückschau beleuchtet: Jahrelang hat Miho es ertragen, demütige Hausfrau und Mutter zu sein, während sich Toshio die Nächte in Tokio um die Ohren geschlagen hat. Die Familie erachtet er wie ein unliebsames Anhängsel. Doch als Miho in Toshios Tagebuch Eintragungen über Toshios Geliebte entdeckt, wandelt sich ihr Charakter um 180 Grad. Aus der Duldsamen wird eine Sadistin: Immer wieder aufs Neue unterstellt sie Toshio einem intensiven Verhör, droht mit Selbstmord, wenn er nicht hundertprozentig ehrlich ist. Auch wenn sich Toshio den Anschein gibt, völlig „normal“ zu sein, fragt man sich als Leser, welcher der beiden Ehepartner gestörter ist. Denn auch Toshio gebärdet sich wie ein Irrer, versucht sich – halb im Scherz – das Leben zu nehmen, rammt seinen Kopf gegen Einrichtungsgegenstände. Umso schlimmer werden die Zustände, als Toshios Ex-Geliebte Kompensation verlangt…

„Der Stachel des Todes“ ist pure Selbstentblößung. Die Qual der Ehepartner macht auch die Lektüre quälend. Sicherlich haben die einzelnen Erzählungen ihre Qualität, doch irgendwie mag man den Protagonisten ständig zurufen „Jetzt trennt euch doch endlich und geht eurer Wege!“. Stattdessen geht der Terror immer weiter.

Bibliographische Angaben:
Shimao, Toshio: „Der Stachel des Todes“, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1999, ISBN 978-3-458-16991-8

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