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Montag, 22. April 2013

„Wellen“ von Yuzo Yamamoto

Das Faible für japanische Literatur stellt einen manchmal vor ungewohnte Herausforderungen. Im Fall von Yuzo Yamamotos „Wellen“ wären dies die Drucklettern aus dem Jahr 1939. Das kleine S und F gleichen sich doch sehr und die geschnörkelten Versalien sind mehr als gewöhnungsbedürftig. Nach einigen Seiten wird der Lesefluss flüssiger, aber einige Worte bringen ihn immer wieder zum Stocken.

Darüber hinaus ist Yuzo Yamamotos „Wellen“ aber auch thematisch ein außergewöhnliches Werk. Für die 20er Jahre wirkt der Roman außerordentlich modern: Die Protagonisten werfen viele traditionelle Normen über Bord, Frauen handeln selbstbestimmt und gestalten ihren Lebensweg individualistisch. Manchmal wirken die Männer gar als das „schwache Geschlecht“.

Protagonist von Yuzo Yamamotos „Wellen“ ist der Lehrer Kosuke, der mit seiner ehemaligen Schülerin Kinuko verheiratet ist. In diese Ehe ist er eher unfreiwillig hineingerutscht. Als Kinuko von ihrem Vater als Geisha verkauft wurde, war sie bald darauf aus dem Geishahaus geflohen und hatte bei Kosuke um Hilfe gebeten. Kosuke hatte den Vorwand angegeben, mit Kinuko verlobt zu sein, um sie nicht in das Geishahaus zurückschicken zu müssen. So wurde die Ehe schließlich auch eingegangen. Doch die junge Kinuko ist nicht die Richtige für eine Ehe mit dem Lehrer. Sie brennt bald mit einem Verehrer durch. Zwar kehrt sie zu Kosuke zurück, doch stirbt sie bei der Geburt des ersten Kindes. Kosuke kann sich nicht sicher sein, ob Susumu tatsächlich sein eigenes Fleisch und Blut oder ein Kuckuckskind ist. Er benutzt den Wasserkäfer als Metapher, um seine Situation als allein erziehender Vater zu beschreiben:

„Es stand da, dass das Männchen die Eier, welche das Weibchen gelegt hat, auf dem Rücken tragen muss. Und da ihm die Schalen, auch nachdem die Jungen ausgekrochen sind, auf dem Rücken haften bleiben, so könne das Männchen durch diese Belastung nun nie wieder fliegen, obgleich es sich früher, als es noch allein war, frei in der Luft bewegt habe.“ (S. 92)

„Wellen“ umfasst mehrere Lebensjahre von Kosuke, in denen er seinen Sohn aufzieht und einigen unterschiedlichen Frauen begegnet, die ihren Lebensweg eigenständig gestalten und allein bestreiten. Der deutsche Untertitel „Ein Liebes- und Eheroman aus dem Japan von heute“ geht daher recht fehl: Zwar verliebt sich Kosuke durchaus und auch führt er zeitweise eine Ehe, doch sind dies allenfalls Randhandlungen. „Wellen“ ist vielleicht einer der frühesten Romane über einen modernen, allein erziehenden Vater, der versuchen muss, Beruf und Kindeserziehung gleichzeitig gerecht zu werden. Daher verblüfft nicht nur das Jahr der Entstehung des japanischen Originals anno 1928, sondern auch die deutsche Veröffentlichung 1939, als den Nationalsozialisten ein Frauenbild vorschwebte, das den weiblichen Figuren in Yuzo Yamamotos „Wellen“ diametral entgegen stand.

Bibliographische Angaben:
Yamamoto, Yuzo: „Wellen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sakurai, Waitsi), Deutsche Verlags-Expedition, Stuttgart 1939

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