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Donnerstag, 11. Dezember 2014

„Schwere Blumen“ von Natsuki Ikezawa

Mit „Schwere Blumen“ liegt der zweite ins Deutsche übersetzte Roman des magischen Realisten Natsuki Ikezawa vor. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Geschwister in ihren 20er Jahren: Der große Bruder Tetsuro ist in Bali beim Drogenkonsum von der Polizei erwischt worden – ihm droht nun die Todesstrafe. Seine jüngere Schwester Kaoru eilt ihm zu Hilfe, da sich die Auslands-unerfahrenen Eltern zu hilflos anstellen würden.

Abwechselnd wird die Perspektive des Bruders und der Schwester dargestellt. Tetsuro erlebt im Gefängnis den kalten Entzug, der sehr eindrücklich dargestellt wird. In Rückblenden erfährt der Leser, wie sich der junge Mann als Künstler zu etablieren versucht: Er rebelliert gegen den Vater und dessen Wunsch, einen handfesteren Beruf zu erlernen, er macht sich auf in die Welt, um seinen Stil zu schärfen. Schließlich trifft er in Thailand auf Ingeborg, einer deutschen Finanzbuchhalterin, die ihn zum Heroinkonsum verführt. Während Ingeborg der Droge nicht verfällt, sondern sehr rational damit umgeht, wird Tetsuro zum Junkie, der schließlich in Bali verhaftet wird. Zu großen Teilen ist der Part, in dem Tetsuro eigentlich in der Ich-Perspektive sprechen sollte, in der zweiten Person Singular gehalten. Dies wirkt so, als hätte der Gefangene eine gewisse Abneigung gegen sich – und tatsächlich hat er noch mehr Schuld auf sich geladen, als nur seinen eigenen Körper mit Drogen zu vergiften.

Auch die jüngere Schwester Kaoru ist in die weite Welt hinausgezogen, hat in Paris studiert und jettet als Koordinatorin für Filmteams von Kontinent zu Kontinent. Als Tetsuro verhaftet wird, ist es an Kaoru, nach Bali zu fliegen, und den vom Drogenentzug völlig lethargischen Tetsuro aus voller Kraft zu unterstützen. Denn wie es in der urtümlichen japanischen Mythologie heißt: Die Schwestern sind die Schutzgöttinnen der Brüder. Sie haben die Kraft, Unheil von ihnen abzuwenden. Ein weiteres Motiv der Schadensabwehr wird mehrfach in „Schwere Blumen“ gespielt: Gegen den Strom zu schwimmen, vergeudet nur unnötige Kräfte und wird nicht zielführend sein. Stattdessen gilt es, quer zum Strom zu schwimmen und sich so aus einer misslichen Lage zu befreien.

Natsuki Ikezawa schildert zwar eine an sich realistische Situation, lässt aber an vielen Stellen  religiöse und metaphysische Elemente einfließen: Da ist eine nächtliche Taufe in einem Fluss nahe Paris. Da sind Gedanken um Schutzgötter. Da wird über das Zu-Stein-Werden und das Beten philosophiert. Hin und wieder wird die Handlung auch etwas überspitzt dargestellt. Natsuki Ikezawa kontrastiert zudem auch den europäischen Lebensstil mit dem asiatischen, indem er den Charakter der effizient handelnden, kompromisslosen Ingeborg einführt.

Ein, zwei zentrale Stellen in Natsuki Ikezawas „Schwere Blumen“ hätte ich mir gern noch ein bisschen prägnanter ausformuliert gewünscht. Vergleicht man „Schwere Blumen“ mit dem ersten ins Deutsche übersetzten Natsuki Ikezawa-Roman, so hat mich der „Aufstieg und Fall des Macias Guili“ gerade deswegen so in den Bann gezogen, da die metaphysischen Erfahrungen sehr ausführlich waren und man komplett in die dargestellte Parallelwelt abtauchen konnte. Gerade am zentralen Wendepunkt von „Schwere Blumen“ habe ich dies etwas vermisst.

Nichtsdestotrotz ist „Schwere Blumen“ ein sehr vielschichtiger Roman, den man auf sich wirken lassen sollte. Er lebt von Antagonismen wie Ost/West, Glaube/Nicht-Glaube, gut/schlecht, männlich/weiblich, alt/jung und noch vielen mehr. Sie alle gilt es zu entdecken – und schließlich erwischt man sich dabei, dass man recht sehnsüchtig auf einem Reiseportal nachsieht, wie viel denn ein Trip nach Bali gerade kosten würde.

Bibliographische Angaben:
Ikezawa, Natsuki: „Schwere Blumen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Abera, Hamburg 2014, ISBN 978-3-939876-16-8

Dienstag, 28. Mai 2013

„Aufstieg und Fall des Macias Guili“ von Natsuki Ikezawa

Navidad ist eine fiktive Inselgruppe im Pazifik, bestehend aus den drei Hauptinseln Gaspar, Melchor und Baltasar. „Entdeckt“ wurde Navidad am 25. Dezember 1645 vom Spanier Baltasar Halan de Valencia – was läge da näher, die Inselgruppe Navidad und die einzelnen Inseln nach den heiligen drei Königen zu nennen. Dass Navidad schon vorher einen Namen hatte, nämlich Galagilagula (= Lärm erfüllte Insel), stört den Weltentdecker wenig, geht es doch darum, Kolonien zu erobern.

So beginnt Navidads Schicksal als Spielball zwischen den Großmächten: Nach den Spaniern kommen die Deutschen, nach den Deutschen die Japaner, nach den Japanern die US-Amerikaner. Nach Jahren der Fremdherrschaft erhält Navidad endlich seine Unabhängigkeit – doch Präsident Macias Guili muss dennoch mit einer Großmacht paktieren, um das Land vorwärts zu bringen. Er wählt die Japaner, die ihm den lukrativen Vorschlag unterbreiten, ein Erdöllager in Form von Öltankern an einem malerischen Riff vor Baltasar einrichten zu wollen. Doch auch eine weitere Affäre, die mit Japan zusammenhängt, beschäftigt den Präsidenten: Just als ein japanisches Komitee zur Befriedung der soldatischen Totenseelen zu Besuch kommen will, wird die Hauptstadt mit seltsamen Plakaten tapeziert, ein japanisches Tempeltor wird mutwillig zerstört und als die japanische Fahne zur Begrüßung der Gruppe gehisst werden soll, geht die Flagge in Flammen auf.

Um das Desaster noch zu toppen, verschwindet der Touristenbus, der die japanischen Herren kutschieren soll, samt den Insassen spurlos. Nur verrückte Gerüchte machen sich breit, wo der Bus wohl überall gesichtet sein soll: Hat er sich mit auf die Fotos eines Bikinimoden-Shootings geschmuggelt? Ging er auf Tauchgang? Ist ein Sternbild aus ihm geworden? Alles scheint möglich, denn Navidad und insbesondere die Insel Melchor stehen für phantastisch-spirituelle Erlebnisse, die ganz natürlich einen Platz im Alltag der Menschen haben. Daher ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass der Präsident den Geist Lee Boo beschwört und sich eine Wahrsagerin ins Haus holt, der lila Schmetterlinge auf Schritt und Tritt zu folgen scheinen.

Nichtsdestotrotz ist Natsuki Ikezawas Roman „Aufstieg und Fall des Macias Guili“ auch eine bissige Persiflage auf Kolonialisierung, Kapitalismus und Globalisierung. Angereichert mit phantastischen Elementen spannt der Autor einen farbenfrohen Südseetraum auf, der trotz der über 500 Seiten nie langweilig wird. Die außergewöhnlichen Charaktere tun ein Übriges, um völlig in den Roman eintauchen zu können.

Wer hätte gedacht, dass es so etwas wie einen poetischen Politroman gibt? „Aufstieg und Fall des Macias Guili“ ist jedenfalls ganz großes Kino. Chapeau!

Bibliographische Angaben:
Ikezawa, Natsuki: „Aufstieg und Fall des Macias Guili“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), bebra, Berlin 2002, ISBN 3-86124-540-X

Sonntag, 26. Mai 2013

Natsuki Ikezawa

Der Autor Natsuki Ikezawa ist der 1945 in Hokkaido geborene Sohn des Schriftstellers Takehiko Fukunaga und der Dichterin Akiko Harajo. An der Saitama-Universität studierte er Physik, schrieb jedoch bereits Gedichte und literarische Kritiken. Zudem übersetzte er unter anderem Werke von Jack Kerouac und John Updyke. Aus Interesse an der griechischen Zivilisation und aus Freude am Reisen ging er 1975 für drei Jahre nach Griechenland, was sich in seinen Übersetzungen der Untertitel aller Filme von Theo Angelopoulos niederschlug.

1984 erschien mit „Die Stratosphäre der Sommermorgen“ Natsuki Ikezawas erster Roman, der die Geschichte von Robinson Crusoe adaptiert. Im Folgenden erhielt der Autor unter anderem den Akutagawa-, den Yomiuri-, den Tanizaki und den Manichi-Literaturpreis für seine Werke.

In den 90er Jahren lebte Natsuki Ikezawa für eine Weile in Frankreich, hat sich jedoch zwischenzeitlich in Okinawa niedergelassen, um einen dezentrierten Blick auf die Gesellschaft zu erhalten. Dies spiegelt sich in seinen Romanen wider, die oftmals auf pazifischen Inseln angesiedelt sind. Sie sind zudem meist geprägt von metaphysischen Elementen.

Seit 2011 ist Natsuki Ikezawa Chefredakteur der Literaturzeitschrift Bungei. Er ist sozial engagiert, macht sich für den Ausstieg aus der Atomkraft stark und zeigt die Probleme der Ainu-Minderheit auf. 2002 ging er mit dem Fotograf Seiichi Motohashi in den Irak. Seine Reportage über diesen Aufenthalt „Auf einer kleinen Brücke im Irak“ steht in deutscher Übersetzung auf seiner Homepage zum kostenlosen Download bereit.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert: