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Freitag, 31. August 2012

„Vita sexualis“ von Ogai Mori

Professor Kanai, Ogai Moris Alter Ego, zeichnet in „Vita sexualis“ mit nüchterner Sprache seine sexuelle Entwicklung auf. Diese startet im Alter von sechs Jahren: Als der kleine Kanai unversehens ins Haus der Tante Ohara stürmt, überrascht er die Tante, wie sie mit einem jugendlichen Mädchen ein geheimnisvolles Buch betrachtet. Die dargestellten Körperteile kann der Junge nicht recht zuordnen.

Mit sieben muss sich Kanai sexuell anzügliche Sprüche über seine Eltern anhören. Mit zehn findet er im Speicher seines Elternhauses ein Buch derselben Art, wie es damals die Tante Ohara durchgeblättert hatte. Dadurch inspiriert zu anatomischen Studien versucht er, der Tochter von Dienstboten unter den Kimono zu spannen.

Als er auf eine Privatschule kommt, wird er als „Knabe“ zum Objekt der Begierde für einen älteren Schüler. Er entgeht nur knapp einer homosexuellen Vergewaltigung. Mit 13 Jahren zieht Kanai ins Schülerwohnheim. Die Jungen dort teilen sich auf in Fans der illustrierten Bücher und den „Rauhbeinen“, die handschriftliche Heftchen, die die Knabenliebe thematisieren, konsumieren. Kanai wird zum beliebten Opfer der Rauhbeine.

Mit 15 ist Kanais Sexualität noch nicht erwacht, dennoch stromert er mit Freunden durchs Rotlichtviertel Yoshiwara. Mit 17 vernarrt er sich in ein Mädchen und mit 20 soll der heiratsfähige Kanai vermittelt werden. Schließlich besucht er das erste Mal eine Prostituierte.

„Vita sexualis“ erschien 1909 – und wurde kurz darauf wegen moralischer Verwerflichkeit verboten. Als hätte Mori Ogai dies vorhergesehen, schreibt er über seinen Protagonisten Kanai, der seine eigene Niederschrift rekapituliert:

„Und da er nun zu Ende gelesen hatte, fragte er sich, ob er dies der Öffentlichkeit vorlegen könne. Das war ein heikles Problem. Es handelte sich um Dinge, die jeder tat, über die aber niemand sprach. In der von Prüderie beherrschten Welt der Gebildeten, und weil er selber ihr angehörte, wäre das schwierig geworden.“ (S. 131)

Mori Ogai prangert mit „Vita sexualis“ jedoch nicht nur Prüderie an. Er wendet sich auch explizit gegen den Naturalismus, der die Sexualität als primären menschlichen Antrieb definiert. Kanai hinterfragt die These und begibt sich auf eine protokollarische, möglichst objektive Zeitreise seiner eigenen sexuellen Entwicklung.

Bibliographische Angaben:
Mori, Ogai: „Vita sexualis“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-01813-2

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