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Sonntag, 18. September 2022

„Gute Nacht, Tokio“ von Atsuhiro Yoshida

Über neun Millionen Menschen leben derzeit in Tokio und dennoch kreuzen sich die Wege von Atsuhiro Yoshidas Protagonisten in „Gute Nacht, Tokio“ öfter als in so mancher Kleinstadt. Noch nicht mal zweihundert Seiten zählt das Büchlein, das von vielen wunderlichen, kauzigen und liebenswerten Personen handelt. 

Da ist zum Beispiel eine Requisiteurin, die Nacht für Nacht losgeschickt wird, um ausgefallene Accessoires für einen Filmdreh zu beschaffen. Eine Telefonseelsorgerin, die in Erinnerung an ihren verschollenen Bruder des Nächtens Biwas klaut, um daraus Schnaps zu brennen. Oder aber ein Eigentümer eines Werkzeugladens, der lieber neue Namen für defekte Dinge erfindet, als tatsächlich Waren zu verkaufen.

Trotz der Größe der Stadt ist jeder doch irgendwie mit jedem verbunden. Jeder hat mit seinen eigenen Sehnsüchten und Wünschen zu kämpfen. Auch wenn das Aufgeben angeblich typisch für Tokioter sein soll, so wursteln sich Atsuhiro Yoshidas Protagonisten doch recht resolut durch ihr Leben und finden ihr kleines, manchmal sehr bescheidenes Glück.

Sehr gerne hätte ich noch ein paar mehr nächtliche Episoden aus Tokio gelesen, doch leider soll man ja aufhören, wenn’s am schönsten ist. Dank der äußerst plastischen Darstellung der Charaktere will man diese am liebsten noch ein bisschen länger begleiten.

Bibliographische Angaben:
Yoshida, Atsuhiro: „Gute Nacht, Tokio“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass, Bad Berka 2022, ISBN 978-3-944751-28-3

Sonntag, 15. Mai 2022

Atsuhiro Yoshida

Leider ist Atsuhiro Yoshida einer der Autoren, über den man im Netz fast nichts findet. Selbst Wikipedia Japan verfügt nur einen rudimentären Eintrag über ihn. Soviel in Kürze:

Atsuhiro Yoshida wurde 1962 geboren und war ein Einzelkind. Seine weitere Verwandtschaft war jedoch groß und zählte 20 Tanten und Onkel nebst vieler Cousins und Cousinen. Als Kind war Atsuhiro Yoshida begeistert von Bibliotheken. Zunächst verdingte er sich als Graphikdesigner und begann erst später mit dem Schreiben. Atsuhiro Yoshida lebt in Tokio.

2001 erhielt er den 32. Kodansha Publishing Culture Award Book Design Award. Seine Bücher wurden teilweise verfilmt.

Tsundoku Reader weiß zu berichten, dass in Atsuhuro Yoshidas Werken typischerweise Zauberer, Kinos, unbekannte Filme, die Suche nach etwas oder jemandem, und die Zufriedenheit mit den kleinen Dingen des Lebens vorkommen.

Interessante Links:


Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Freitag, 29. April 2022

"Das Leben eines Anderen" von Keiichiro Hirano

Als Rie den introvertierten Daisuke heiratet, ahnt sie noch nicht, dass ihr Ehemann nicht der ist, für den er sich ausgibt. Denn als Daisuke bei einem Arbeitsunfall stirbt, erkennt dessen Bruder ihn auf den Fotos nicht wieder. Der angebliche Daisuke hatte den Kontakt mit seiner Familie schon lange abgebrochen gehabt, weswegen der Schwindel nicht schon vorher aufgefallen war. Rie beauftragt nun den Anwalt Kido, den Identitätsbetrug aufzuklären.

Kido fasziniert das Thema auch privat. Denn er ist ein Zainichi, ein japanischer Bürger koreanischer Abstammung und damit ständig mit der Identitätsfrage konfrontiert. Eines Tages gibt er sich aus einer Laune heraus gar selbst als Daisuke aus; serviert einem Barkeeper Daisukes Lebensgeschichte als die eigene. Er erlebt das Täuschungsmanöver als Thrill.

Wenig spannend ist jedoch gerade Kidos Privatleben: Seit der Geburt des Sohnes haben sich Kido und seine Ehefrau auseinandergelebt. Das gemeinsame Kind scheint die Ehepartner noch zusammenzuhalten.

Als Kidos Ermittlungen ins Stocken geraten, spielt ihm der Zufall in die Hände und er kommt organisiertem Identitätsbetrug auf die Schliche.

Keiichiro Hiranos "Das Leben eines Anderen" ist zwischendurch nur mäßig spannend, was die Aufklärung des Falls betrifft. Der Roman pendelt zwischen Ries und Kidos Perspektiven hin und her und beleuchtet die jeweiligen familiären Probleme. Auch Kidos koreanischer Abstammung und seinen Ängsten vor Nationalismus wird viel Raum eingeräumt. Kido wird als Intellektueller beschrieben und daher werden auch Rechtspositionen (der Autor ist studierter Jurist) erläutert, wird aus Anna Karenina zitiert und werden Gedanken zu Ovids "Metamorphosen" eingeflochten.

Kido wird von seiner Ehefrau vorgeworfen, er sei zu ernst. Genauso ernsthaft ist auch Keiichiro Hiranos Erzählton. Wer locker-flockige Unterhaltung sucht, ist mit "Das Leben eines Anderen" sicherlich nicht gut bedient. Ich empfand diesen ruhigeren Erzählton aber angenehm und manche Gedankengänge durchdacht-inspirierend. Insbesondere zu dem schrillen Roman "Bullet Train", den ich direkt davor gelesen habe, war der Kontrast glatt schon wohltuend.

Bibliographische Angaben:
Hirano, Keiichiro: "Das Leben eines Anderen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Bierich, Nora), Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43055-2