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Sonntag, 15. September 2024

"Die einsame Buchhändlerin von Tokio" von Nanako Hanada

Nanako Hanada zeichnet mit "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" ihre eigene Geschichte auf. Die Autorin ist mitten in einer massiven Umbruchphase: Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und weiß nicht, ob sie sich nun von ihrem Mann scheiden lassen soll. Der Job als Buchhändlerin bei einer Kette hat sich in eine Richtung entwickelt, die sie nicht gut heißen kann. 

Durch Zufall stolpert Nanako über einen Bericht über das Internetportal Thirty Minutes, über das sich Fremde zu themenbezogenen Kurztreffen verabreden können. Nanako sieht hier die Chance, aus dem Alltag auszubrechen und den anderen Usern nach einer halbstündigen Kennenlernphase das ideale Buch zu empfehlen. 

Zunächst kommt aber erst einmal die Ernüchterung: Wollen die Männer auf Thirty Minutes doch nur das eine? Je mehr sich Nanako jedoch mit dem Portal beschäftigt, desto interessantere Personen beiderlei Geschlechts lernt sie kennen. Sie findet neue Freunde und bekommt damit immer mehr Selbstbewusstsein. Schließlich ist irgendwann der Tag gekommen, an dem sie ihr Leben in andere, wohlgewählte Bahnen lenken kann.

Ein bißchen schade an "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" ist, dass die allerwenigsten der empfohlenen Bücher in deutscher Übersetzung verfügbar sind. Nanako empfiehlt viel (noch) nicht übersetzte japanische Literatur, weswegen die Tipps für den deutschen Leser unzugänglich bleiben.

Anfangs erscheint das Buch eher wie eine lose Aneinanderreihung illustrer Episoden. Mehr erzählerische Dichte kommt erst später auf. Vielleicht lehne ich mich mit diesem Vergleich ein bisschen zu weit aus dem Fenster, aber für mich hätten die letzten Kapitel tatsächlich auch gut in einen Banana Yoshimoto-Roman gepasst. Jedoch verpasst man auch nicht allzu viel, wenn man dieses Buch nicht gelesen hat.

Bibliographische Angaben:
Hanada, Nanako: "Die einsame Buchhändlerin von Tokio" (Übersetzung aus dem Japanischen: Wägerle, Sabrina), Knaur, München 2024, ISBN 978-3-426-29368-3

Sonntag, 18. September 2022

„Gute Nacht, Tokio“ von Atsuhiro Yoshida

Über neun Millionen Menschen leben derzeit in Tokio und dennoch kreuzen sich die Wege von Atsuhiro Yoshidas Protagonisten in „Gute Nacht, Tokio“ öfter als in so mancher Kleinstadt. Noch nicht mal zweihundert Seiten zählt das Büchlein, das von vielen wunderlichen, kauzigen und liebenswerten Personen handelt. 

Da ist zum Beispiel eine Requisiteurin, die Nacht für Nacht losgeschickt wird, um ausgefallene Accessoires für einen Filmdreh zu beschaffen. Eine Telefonseelsorgerin, die in Erinnerung an ihren verschollenen Bruder des Nächtens Biwas klaut, um daraus Schnaps zu brennen. Oder aber ein Eigentümer eines Werkzeugladens, der lieber neue Namen für defekte Dinge erfindet, als tatsächlich Waren zu verkaufen.

Trotz der Größe der Stadt ist jeder doch irgendwie mit jedem verbunden. Jeder hat mit seinen eigenen Sehnsüchten und Wünschen zu kämpfen. Auch wenn das Aufgeben angeblich typisch für Tokioter sein soll, so wursteln sich Atsuhiro Yoshidas Protagonisten doch recht resolut durch ihr Leben und finden ihr kleines, manchmal sehr bescheidenes Glück.

Sehr gerne hätte ich noch ein paar mehr nächtliche Episoden aus Tokio gelesen, doch leider soll man ja aufhören, wenn’s am schönsten ist. Dank der äußerst plastischen Darstellung der Charaktere will man diese am liebsten noch ein bisschen länger begleiten.

Bibliographische Angaben:
Yoshida, Atsuhiro: „Gute Nacht, Tokio“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass, Bad Berka 2022, ISBN 978-3-944751-28-3