Nun ist Kazuaki Takanos über 550 Seiten starker Roman „Extinction“ doch noch Ende Dezember 2014 statt wie angekündigt Anfang Januar 2015 erschienen. Der Wälzer hat es nicht nur in Bezug auf das hohe Seitenvolumen in sich: Kazuaki Takano schildert ein Szenario, das im Jahr 2005 angesiedelt ist. Der US-amerikanische Präsident Burns genehmigt eine schmutzige Mission in den Kongo, für die eine private Sicherheitsfirma beauftragt wird. Das Ziel der vier ausgewählten Söldner soll die Ausrottung eines Pygmäenstamms sein, der angeblich ein zu 100% tödliches Virus in sich trägt. Doch bald wird den Elitekämpfern klar, dass der angebliche Schutz der Weltbevölkerung vor dem Virus nur ein vorgeschobener Grund für ihre Mission ist. Das eigentliche Ziel ist ein Lebewesen, das unter den Pygmäen weilt. Mitten in den kongolesischen Kriegswirren gilt es bald, nicht nur die eigene Haut zu retten.
Fernab von Afrika hat der Promotionsstudent Kento ganz andere Probleme: Sein Vater ist überraschend gestorben. Kurz nach dessen Tod erhält der junge Mann eine mysteriöse Mail – Absender: der verstorbene Vater. So erhält Kento Anweisungen, was zu tun sein, wenn der Vater plötzlich verschwunden sei. Kento hat ein weißes und ein schwarzes Laptop in seinen Besitz zu bringen und sich in ein verlassenes Wohnhaus zu begeben. Sein Ziel soll die Entwicklung eines Medikaments gegen eine unheilbare Krankheit innerhalb von nur einem Monat sein – ein schier unmögliches Unterfangen. Darüber hinaus bedrängt ihn eine unbekannte Frau, ihr den schwarzen Laptop zu übergeben. Und bald hat Kento auch noch die Polizei auf dem Hals. Auch wenn es zunächst so wirkt, als würde Kento unabhängig von den Kämpfen im Kongo vor sich hinarbeiten, tritt bald eine Vernetzung der Geschehnisse zu Tage.
Die Handlung von Kazuaki Takanos „Extinction“ schwenkt hin und her zwischen Kento in Japan, Afrika mit der zentralen Figur des Söldners Yeager und den USA, wo sich der Analyst Rubens mit dem CIA, dem Präsidenten und eigenen Skrupeln herumschläg. Obwohl der Autor in einem Interview mit Publishers Weekly angibt, die Figur des Präsidenten Burns sei nicht an George Bush jr. angelehnt, so mag man dies kaum glauben. Zu nah wirkt die Namenswahl; auch die Persönlichkeit mit starkem Vaterkomplex, Alkoholproblemen und der Wandel zum geläuterten Christen weisen starke Parallelen zum realen US-Präsidenten der Zeit auf. Auch wenn der Roman zeitlich vor zehn Jahren angesiedelt ist, so sind die Themen immer noch aktuell: Komplettüberwachung durch die NSA, Folterlager der USA, Kriege um Rohstoffe, tödliche Viren in Afrika, Kindersoldaten, Angst vor dem Fremden…
An manchen Stellen erscheint einem die Handlung zwar recht unplausibel (wenn sich Kento bspw. mit einfachen Polizisten herumschlagen muss, während er doch von einer omnipotenten Macht protegiert wird, die mal so eben ein erfolgreiches Attentat auf den US-amerikanischen Vize-Präsident realisieren kann und die Schuld der chinesischen Regierung in die Schuhe schiebt), aber davon abgesehen entfaltet sich in Kazuaki Takanos „Extinction“ ein Szenario, das einen vor Spannung eine Lesenachtschicht einlegen lässt. Während der Handlungsstrang in Afrika aufrüttelt, indem die Grausamkeit des Menschen gegenüber seinen eigenen Artgenossen dargestellt wird, präsentiert die japanische Perspektive jedoch Einblicke in die medizinisch-pharmakologische Forschung, die sicherlich nicht für jedermann interessant sein dürften.
Falls der C. Bertelsmann-Verlag eine zweite Auflage andenkt, dann wäre bestimmt auch noch eine kleine Überarbeitung durchs Lektorat anzuraten. Nicht nur orthographische, sondern leider auch inhaltliche Fehler haben sich in Kazuaki Takanos „Extinction“ eingeschlichen, die man bei der Gelegenheit glatt zurren sollte.
Bibliographische Angaben:
Kazuaki Takano: „Extinction“ (Übersetzung aus dem Englischen: Schmidt, Rainer), C. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10185-8
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Montag, 29. Dezember 2014
Sonntag, 6. November 2011
„Der wunderbare Träumer“ von Shusaku Endo
Takamori und Tomoe sind ganz aufgeregt: Gaston Bonaparte, ein Nachfahre Napoleons und Takamoris französischer Brieffreund aus Kindheitstagen, hat seinen Besuch in Japan angekündigt. Doch die beiden Erwachsenen, die unverheiratet noch bei der verwitweten Mutter leben, werden schwer enttäuscht. Gaston wirkt alles andere als ein reicher, gebildeter Adeliger. Sein Gesicht ähnelt dem eines Pferdes, er ist völlig überproportioniert, mittellos und einfältig mit einer Tendenz zur Dummheit. Gastons Arglosigkeit bringt Takamori und Tomoe sogar in eine Bredouille, die in einer Schlägerei endet.
Als Gaston weiterzieht, schlittert er von der einen in die andere unangenehme Situation, bis ihn der Profikiller Endo entführt und in seine Rachepläne an den Verrätern an seinem Bruder einbindet. Währenddessen wandeln sich Takamoris und Tomoes Gefühle für Gaston: Was sie für Dummheit hielten, ist vielmehr Gastons unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen.
„Der wunderbare Träumer“ von Shusaku Endo beginnt komödiantisch, wird spannend und tragisch und endet märchenhaft. Auch wenn der wunderbare Träumer Gaston einfältig wirkt und das Leben der Menschen, die seinen Weg kreuzen, erst einmal etwas durcheinander bringt, so gehen diese doch positiv verändert aus der Begegnung wieder hervor.
Selbstverständlich finden sich auch in „Der wunderbare Träumer“ typische Shusaku Endo-Elemente wider: Der Profikiller, der denselben Namen wie der Autor trägt, ist genauso wie dieser lungenkrank. Kriegsverbrechen werden aufgezeigt. Und das Konzept der christlichen Nächstenliebe, das selbst Feinde einschließt.
Als Gaston weiterzieht, schlittert er von der einen in die andere unangenehme Situation, bis ihn der Profikiller Endo entführt und in seine Rachepläne an den Verrätern an seinem Bruder einbindet. Währenddessen wandeln sich Takamoris und Tomoes Gefühle für Gaston: Was sie für Dummheit hielten, ist vielmehr Gastons unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen.
„Der wunderbare Träumer“ von Shusaku Endo beginnt komödiantisch, wird spannend und tragisch und endet märchenhaft. Auch wenn der wunderbare Träumer Gaston einfältig wirkt und das Leben der Menschen, die seinen Weg kreuzen, erst einmal etwas durcheinander bringt, so gehen diese doch positiv verändert aus der Begegnung wieder hervor.
Selbstverständlich finden sich auch in „Der wunderbare Träumer“ typische Shusaku Endo-Elemente wider: Der Profikiller, der denselben Namen wie der Autor trägt, ist genauso wie dieser lungenkrank. Kriegsverbrechen werden aufgezeigt. Und das Konzept der christlichen Nächstenliebe, das selbst Feinde einschließt.
Sonntag, 18. September 2011
„Meer und Gift“ von Shusaku Endo
In „Meer und Gift“ rollt Shusaku Endo Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs auf: Die Vivisektionen - also die tödlichen Operationen zu Versuchszwecken - an amerikanischen Kriegsgefangenen.
Der lungenkranke Ich-Erzähler zieht während der Nachkriegszeit in das neu entstehende Wohnviertel Matsubara-West vor die Tore von Tokio. Krankheitsbedingt ist er auf einen baldigen Arztbesuch angewiesen und es bleibt ihm nichts anderes übrig, die Praxis des kalten, unangenehmen Dr. Suguro regelmäßig aufzusuchen. Der Zufall spielt dem Ich-Erzähler einen ehemaligen Kommilitonen Suguros als Tischnachbar auf einer Hochzeit zu und so erfährt er, dass sein Hausarzt wegen Menschenexperimenten während des Zweiten Weltkriegs angeklagt und verurteilt wurde.
In Rückblenden schildert Shusaku Endo nun die Geschehnisse, wie der angehende Arzt Suguro, sein Kollege Toda und Schwester Ueda in die Machenschaften ihrer Vorgesetzten hineingezogen und so zu Mittätern an den menschenverachtenden Experimenten wurden. Im Gegensatz zum gealterten Suguro, der sich in Matsubara-West niedergelassen hat, ist der junge Suguro ein herzensguter Arzt, der insbesondere Wohlfahrtspatienten besonders gut behandelt. Aus eigener Schwäche kann Suguro seine Beteiligung an der Vivisektion nicht verhindern. Toda dagegen ist abgebrüht und handelt gewissenlos. Schwester Ueda wiederum rächt sich mit ihrer Beteiligung an der Ehefrau des operierenden Professors – so wird Schwester Ueda ein Geheimnis mit dem Professor teilen, das seiner sich als Heilige gebärdenden Ehefrau verschwiegen wird.
Wie in „Eine Klinik in Tokyo“ kommt der Krankenhausbetrieb ohnehin nicht gut weg: Den Ärzten geht es nicht um das Wohl der Kranken, sondern nur um die eigene Karriere. Und für die wird schon einmal das Leben der Patienten riskiert. Als nun das Militär auf die Professoren der Klinik mit dem Vorschlag der Vivisektion an amerikanischen Kriegsgefangenen zukommt, sind sie sich der Unrechtmäßigkeit dieser Operationen bewusst, rechtfertigen sie aber mit dem erzielten medizinischen Fortschritt.
„Meer und Gift“ ist nichts für schwache Nerven: Hier wird beschrieben, wie auf dem OP-Tisch verstorbene Patienten aussehen wie Granatäpfel. Wie einem amerikanischen Kriegsgefangenen die Lunge Stück für Stück entfernt wird, bis der Tod eintritt. Wie dessen Lunge den degenerierten Militärs zum Essen vorgesetzt wird.
Trotz der grausigen Taten sieht der Leser nach der Lektüre den verhärteten Arzt Suguro mit anderen Augen. Hätte er die Operationen verhindern können oder wäre er ohnehin dazu verdammt gewesen, den Menschenexperimenten hilflos zusehen zu müssen? So hat wohl der Tod des Kriegsgefangenen auch Suguros Seele sterben lassen.
Der lungenkranke Ich-Erzähler zieht während der Nachkriegszeit in das neu entstehende Wohnviertel Matsubara-West vor die Tore von Tokio. Krankheitsbedingt ist er auf einen baldigen Arztbesuch angewiesen und es bleibt ihm nichts anderes übrig, die Praxis des kalten, unangenehmen Dr. Suguro regelmäßig aufzusuchen. Der Zufall spielt dem Ich-Erzähler einen ehemaligen Kommilitonen Suguros als Tischnachbar auf einer Hochzeit zu und so erfährt er, dass sein Hausarzt wegen Menschenexperimenten während des Zweiten Weltkriegs angeklagt und verurteilt wurde.
In Rückblenden schildert Shusaku Endo nun die Geschehnisse, wie der angehende Arzt Suguro, sein Kollege Toda und Schwester Ueda in die Machenschaften ihrer Vorgesetzten hineingezogen und so zu Mittätern an den menschenverachtenden Experimenten wurden. Im Gegensatz zum gealterten Suguro, der sich in Matsubara-West niedergelassen hat, ist der junge Suguro ein herzensguter Arzt, der insbesondere Wohlfahrtspatienten besonders gut behandelt. Aus eigener Schwäche kann Suguro seine Beteiligung an der Vivisektion nicht verhindern. Toda dagegen ist abgebrüht und handelt gewissenlos. Schwester Ueda wiederum rächt sich mit ihrer Beteiligung an der Ehefrau des operierenden Professors – so wird Schwester Ueda ein Geheimnis mit dem Professor teilen, das seiner sich als Heilige gebärdenden Ehefrau verschwiegen wird.
Wie in „Eine Klinik in Tokyo“ kommt der Krankenhausbetrieb ohnehin nicht gut weg: Den Ärzten geht es nicht um das Wohl der Kranken, sondern nur um die eigene Karriere. Und für die wird schon einmal das Leben der Patienten riskiert. Als nun das Militär auf die Professoren der Klinik mit dem Vorschlag der Vivisektion an amerikanischen Kriegsgefangenen zukommt, sind sie sich der Unrechtmäßigkeit dieser Operationen bewusst, rechtfertigen sie aber mit dem erzielten medizinischen Fortschritt.
„Meer und Gift“ ist nichts für schwache Nerven: Hier wird beschrieben, wie auf dem OP-Tisch verstorbene Patienten aussehen wie Granatäpfel. Wie einem amerikanischen Kriegsgefangenen die Lunge Stück für Stück entfernt wird, bis der Tod eintritt. Wie dessen Lunge den degenerierten Militärs zum Essen vorgesetzt wird.
Trotz der grausigen Taten sieht der Leser nach der Lektüre den verhärteten Arzt Suguro mit anderen Augen. Hätte er die Operationen verhindern können oder wäre er ohnehin dazu verdammt gewesen, den Menschenexperimenten hilflos zusehen zu müssen? So hat wohl der Tod des Kriegsgefangenen auch Suguros Seele sterben lassen.
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